Sie ging vorüber, die geweihte Nacht, die Licht beglückt in Kerzen glänzte, die aller Welt ein tiefes Fühlen macht und karge Stuben festlich kränzte.
Und, als sie hinterm Horizont verschwand, kam nach Silvester kurz durchlebter Pracht, die Stille hinter ihr, wie ein Verband, der sich um alte Wunden legt in Neujahrsnacht.
Seh mich noch stehn, mit Mutter, Oma, am weiß-getünchten Fenster, als Raketen knallten, und es wie spukende Gespenster zur Geisterstunde durch die Scheiben schallte.
Die bunten Blitze blühten auf, wie Wunderkerzen; ein kurzes Schauen nur, ein kleiner Lichtblick für die Herzen. Mit großen Kinderaugen dort des nachts zu stehen, am Arm der Mutter, dem Treiben auf der Straße zuzusehen, wo Männer zündelnd, prostend tranken, Vater Lachen zeigte, was sich versteckte, bis erneut das Jahr sich neigte.
Es folgten viele Jahreswechsel – vertrieben die Gespenster; die Oma fehlt, der Mutter Gegenwart… ach ja, schon lang gehört es anderen an, das kleine Fenster.
Ich wünsche allen einen Guten Rutsch, Gesundheit und Wohlergehen!
Ich verabschiede mich hiermit in eine Pause bis ins neue Jahr. Nach neuen Veröffentlichungen werde ich trotzdem gelegentlich schauen. Allen Lesern wünsche ich ein friedvolles, besinnliches Weihnachtsfest!
Ein Tannenbaum liegt schonungslos und abgeschlagen auf dem Moos.
Er duftet noch nach nahem Wald; am Boden liegt er, tot und kalt.
Zu fernen Höhen ging sein Streben, in jeder Nadel pulste Leben.
Man arbeitet mit scharfem Beil ganz gnadenlos am Unterteil.
Entfernt die Zweige, welch‘ an Tagen, mit Sehnsucht in den Spitzen lagen.
Kein Gelbfink, der auf starken Ästen im Frühling singt, mit neuen Nestern.
Und auf dem Marktplatz, wie im Traum, ward aufgestellt der Weihnachtsbaum.
Ein kurzes Glitzern, lichterschwer, erhellt das Dunkel, seelenleer.
Die Herzen warm, die Glocken klingen, die kleinen Kinder stehn und singen.
Und schweigend glänzt ein Sternentraum dem abgeschlag‘nen Tannenbaum.
Durch jedes Lieben geht ein Lichtlein an, vermehrt entzündet an geweihten Tagen. Die Nächstenliebe schreitet dem voran, verstreut voll Güte ihre Liebesgaben.
Gemeinsamkeit im Mühn des Schenkens, der Zeiten Dunkel tröstlich aufzuhellen. Sei denen dankbar, die sich selbst verschenken, die ihre Lichtlein denen zugesellen,
die sterbend um ihr kleines Leben bangen, die einsam und voll Leid in Hospitälern, nach Atem ringend, Trost und Zeit verlangen. Lasst Licht entzünden in den Jammertälern!
Die Menschheit friert so lange schon, weil jeder nehmen will und keiner geben. Den Andern wärmen, nur für Gottes-Lohn, sein eigen Licht entzünden und zum Zeichen heben.
Schaut auf des Wunders lichten Schein, seht dort die Rose tief im Schnee! Sie fügt sich strahlend in den Winter ein, erleidet nicht des Wetters Frost und Weh.
Sturmerprobt im morgenkühlen Meer – das Geschrei des Abends ist verklungen, in den Städten stand ein Männerheer, freudenschussbereit und siegestrunken.
Ausgedient – das Alte scheint vergangen, das mit kaltem Herzen folternd trieb; Unschuld war im Spinnennetz gefangen, deren Herrschaft man auf Fahnen schrieb.
Unter toten Steinen liegt das Erbe, noch bedeckt von Trümmern und Verrat; gebt, dass nach dem Aufbau nicht verderbe, was der Tod versäumt und Leben gab.
Lass das Land auf leichten Wellen wiegen, wie ein Schiff, das bald vor Anker geht; lass es Unmoral und Hass besiegen, unter neuer Flagge auf der LIEBE steht.
Es treibt der Wind im Winterwalde die Flockenherde wie ein Hirt und manche Tanne ahnt, wie balde sie fromm und lichterheilig wird, und lauscht hinaus. Den weißen Wegen streckt sie die Zweige hin – bereit, und wehrt dem Wind und wächst entgegen der einen Nacht der Herrlichkeit.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)
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