Regenlieder

Gedanken fallen nieder,
als wären sie die Tropfen,
die, wie in Regenliedern,
trommelnd an Scheiben klopfen.

Rinnen vom Licht beschienen,
ins spröde Weltgeschehen,
wo sie dem Schicksal dienen,
es tragend zu verstehen.

Das Grüne floh ins Kühle,
wo wintern die Äonen
und sinkt im Nachtgefühle
ins Reich, wo Träume wohnen,

bis es nach kurzer Dauer
erwacht in Wald und Flur,
so tilgt ein kurzer Schauer
des Menschen letzte Spur,

der im Vorübergehen
des Weges Blumen pflückt,
die bald ins Nichts verwehen,
wie er, - vom Traum beglückt.

Winterschlaf

Erster Schneefall – Künstler: Kaoru Yamada
Saumselig spielten am Fluss die Libellen,
schwirrten gar lustig und glänzten so bunt,
Frühling trat aus den Sonnenquellen
und die Natur schien voll Atem, gesund.

Vögel flogen als singende Gäste
zurück in die noch kühle Heimat im Norden,
hin zu den brutbereiten Geästen,
und sie zwitscherten Lieder am Morgen.

Insekten, Bienen und Krabbeltiere
bauten sich neue Häuser geschwind,
in wachsenden Gärten und unter Spalieren
tollte der Mensch mit innerem Kind.

Wärme vorbei, der Herbstwind bringt Kühle -
Vögel reisten in wärmere Fernen;
längst verstaut sind die Liegestühle
und auch der Frohsinn, der Griff nach den Sternen.

Gelb und welk liegt das Laub zerstoben,
der Norden lässt die Stürme herein;
erste Schneeflocken fallen von droben.
Würde die Welt doch im Winterschlaf sein!

Gesichtslos

Irrlicht am Fuße des Monte Civetta in den Dolomiten – Teodoro Wolf-Ferrari (1878-1945)
Nur der Wind fuhr durch die Bäume,
deren Höhe Wolken streiften
und des Rasens Dach durchnässten,
Nebel, die darüber schweiften.

Tanzend, wie das Laub sich drehte,
kreiste in der Strömung Lüfte;
tiefe Äste alter Tannen
strichen schwankend über Klüfte.

Zwischen Farn und toten Zweigen
bäumte Geist sich und Gestalt,
trieb gesichtslos in den Räumen
zwischen Feldern und Asphalt.

Marmorbleich war sie erschienen,
wie aus einer Friedhofsgruft.
War sie aus dem Grab gestiegen,
losgelöst in grauer Luft?

Auf ihr Kleid von weißem Linnen
fielen kalt die Regentropfen;
regungslos, ihr starrer Blick,
hört nicht mal den Rhythmus klopfen.

Legt sich, vor der Welt versunken,
selig, mit gekreuzten Händen,
in den See - der wunderhelle,
wo ihr Schlaf wird niemals enden.

Manchmal nur, wenn letzte Rosen
an des Herbstes Brust verblühn,
schwebt sie selig durch die Auen,
bis sich kehrt in weiß das Grün.

Totengräber

Schlosstor – Ferdinand Knab (1837-1902)
Als würd zur Ruh getragen,
verblichene, tote Last,
liegt Welt in Tageskühle,
von Dunkelheit umfasst.

Vorüber ziehn die Träger
im Wind und Staub dahin,
fast unsichtbar die Schritte
und langsam zu Beginn.

Herbst wirbelt durch die Reihen
am Ort gekreuzter Hände,
Laub raschelt welk und leise -
einsam das Grabgelände.

Die greisen Blätter sinken,
es wehen kalte Tropfen,
die, so wie Tränen weinen,
mit monotonem Klopfen.

Gesichtslos die Gestalten,
die weißen, marmorbleichen,
die fern am Horizont,
wie wartend, Geistern gleichen.

Die Schnee und Kälte bringen
und Winters Sterben breiten;
sie warten auf den Herbst -
des Totengräbers Zeiten.

Tauwetter

Maler unbekannt (Signatur nicht lesbar)
Der Winter schmilzt in warmen Händen,
vom Tau berührt liegt er im kalten Bett.
Der Februar steht vor der Tür und wenden
wird sich im März der Eisige und geht. 

In kalten Nächten glitzern Eiskristalle,
beleuchtet von der kühlen Sternenpracht;
sie funkeln, wie ein Diamant für alle,
die ihre Botschaft lesen in der Nacht. 

Der Frühlingsahnung schicksalhaftes Keimen, 
das leise, wie ein stilles Mahnen weht,
tanzt mit der Hoffnung unter Weltenbäumen,
von weisen Schicksalsgöttinnen ins Land gesät. 

Schlittenfahrt

Früher kannten wir noch Winter,
und die Schneelast, die sich türmte;
waren wild verspielte Kinder,
die selbst draußen, wenn es stürmte,

rannten durch die dichten Flocken -
fuhren Schlitten, viele Stunden,
um in weißer Pracht zu hocken
und die Schneewelt zu erkunden.

Hügel rauf und wieder runter,
hei, die Luft war voll mit Lachen;
rot die Wangen und darunter,
unter unseren dicken Sachen,

die von Mutter fein gestrickten
Fäustlinge – sorgsam verbunden.
Wenn sie uns nach draußen schickte,
wär‘ sonst einer bald verschwunden.

Frierend gingen wir nach Hause,
weinend wärmten wir die Hände
nach durchnässter Schlitten-Sause,
doch der Schmerz schien nicht zu enden. 

Doch bereits nach Tagerwachen,
hinter Eis beblümten Scheiben, 
ließ das schneebeglückte Lachen
uns erneut ins Freie treiben. 

Schneeluft

Hell strahlt die Welt! Vom Weiß bedeckt,
glänzt freundlich kalter Himmelssegen.
Der Schnee, der hinterm Haus sich streckt,
liegt unberührt auf allen Wegen.

So zierlich wirkt des Vogels Tritt,
wenn er durchläuft die kalte Stätte;
bald knirschen Füße, Schritt für Schritt,
und reißen auf die weiße Decke.

Bizarr und blattlos stehn die Bäume -
die stets geduldig Schneelast tragen;
die kühle Luft weckt Frühlingsträume,
noch sind sie fern, die warmen Tage. 

Der Januar bringt Neujahresfrische,
die Welt hält still den Atem an,
bis alle winterleeren Tische
die Frühlingszeit bedecken kann. 

Winter-Idyll

von Christian Morgenstern (1871-1914)
Quelle: Pinterest
Schlitten klingeln durch die Gassen,
fußhoch liegt der Schnee geschichtet;
deutschem Winter muss man lassen,
dass er gar entzückend dichtet.

Und wir gehn, ein schneeweiß Pärchen,
Arm in Arm, mit heissen Wangen.
Welch ein süßes Wintermärchen
hält zwei Herzen heut gefangen!
Christian Morgenstern 1910

Sonnenaufgang

Bild von Wolfgang Dietz auf Pixabay
So kalt ist es heute Morgen,
so unbarmherzig der Wind!
Mit mir hinaus gehn die Sorgen,
die an meiner Seite sind.

Im Schnee verwehen die Pfade,
von anderen Menschen gegangen;
ich stapfe hinaus – alle Gnade
darf ich in der Schneeluft empfangen.

Die Welt ist erwacht und klirrend
sind die öden Straßen im Frost;
den Lärm des Verkehrs hör ich schwirren
und eisig weht es von Nordost. 

Nur ein kleiner Stern ist zu sehen,
der glitzernd am Himmel steht;
die kalten Stunden vergehen,
wenn die Sonne im Osten aufgeht.