In der Nacht

von Emanuel von Bodman

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Wenn alle schlafen, sitz ich oft allein,
und willig leihe ich mein Ohr der Nacht.
Weisheiten rinnen da in mich hinein,
die ich nicht hören kann, wenn alles wacht.

Es ist, als zeigten mir die Dinge so
am grauen Tag nur ihre Oberfläche.
Nachts, wenn nicht mehr die vielen Blicke roh
auf ihnen ruhn, ihr Wesen zu mir spräche.

Wenn seltsam Lust und Schmerz in eins verklingt,
dunkel das große Lied des Weltalls rauscht,
mein Herz mit seiner wilden Gier versinkt,
nur meine unbewegte Seele lauscht.

Ich höre die geheimen Räder gehen:
Wie sie sich drehen, muss sich alles drehen.
Emanuel von Bodman (1874-1946)



Heimweh

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Heimwehträume, deren viele,
die mich durch die Straßen führen,
nur das Ankommen am Ziele
lässt des Wunsches Dringen spüren.

Immer bin ich fremd, alleine,
gehe Wege ohne Sinn.
Suche, finde nur das Eine,
dass ich hier verloren bin.

Fühle harte Pflastersteine
unter meinen Sohlen liegen,
von den Wegen kenn’ ich keinen,
trotzdem muss ich weiterziehen.

Sehe Menschen ohne Stimmen;
die an mir vorübergleiten.
Andersartig ist ihr Sinnen,
weiter wandre ich beizeiten.

Spüre, dass die weite Strecke
kürzer wird, mit jedem Tag,
und das Ziel, wenn ich’s entdecke,
Heimat sein wird, die ich mag.

Nestwärme

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Eingekuschelt in Gedanken,
schläft meist sanft das Menschenkind,
wenn des Schlafes zarte Ranken
winden sich im Traumgespinst.

Friedlich liegt es, lichtumfangen,
weich, wie schwebend ist sein Ruhen.
Keine Härte, kein Verlangen,
niemand mahnt es für sein Tun.

Und die Zeit geht auf die Reise,
friedlich klingt der Schlussakkord,
nur die Weltenuhr tickt leise,
tief noch in der Traumwelt fort.

Buchstabenperlen

Louis Janmot (1814-1892) – Das Gedicht der Seele

Des reinen Geistes Sinn wird offenbar,
webt aus Gedanken edler Verse Reim,

Vokabular, wie gold’nes Engelshaar,
verflochten mit der tiefen Liebe Keim;

Buchstabenperlen, leerer Seiten Zier,
sie reihen sich Wort an Wort mit Poesie,

dringen tief in dein Sein, verweilen hier,
wie eine Seelensinfonie.

Wintermärchen

So unberührt und weit, das flache Land,
getaucht in winterkühle Morgendünste.
Die Bäume tragen feierlich ein Festgewand
aus weißem Glitzerflocken-Schneegespinste.
 
Sehe die fernen, letzten Nebel steigen,
die jede Härte mit Verklärung glätten,
und die Natur hüllt sich in kaltes Schweigen,
das wie ein Segen weilt auf Totenbetten.
 
Die Landschaft trägt geduldig ihre Bürde,
ihr eisig Funkeln unter schwachem Glanze.
Die Schöpfung liegt mit königlicher Würde
und ruht sich aus vom warmen Sommertanze.
 
Ruhig schläft das watteweiß verschneite Land,
bis sich mit neuer Lebenskraft der Boden hebt,
bis sich in Menschenherz und Menschenhand
ein zauberhafter Segen Gottes legt.
 
Noch ist es Fantasie, doch kommt die Zeit,
dass jede Seele danach strebt und handelt.
Dann würden nach des Winters Frostigkeit,
die Schatten in ein Frühlingslicht verwandelt.
 

Im Abendrot

von Ephides

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Dass wie im Abendrot das Dunkel dieser Erde,
dem Himmelslicht vermählt,
zu einem Leuchten werde,
ist reiner Geister Streben und Bemühn.

Doch streu’n wir Samen nur.
Es ist an euch,
zu blühn und Frucht zu tragen an allen Tagen,
damit im Abendrot die goldnen Äpfel fallen vom Lebensbaum,
Erkenntnis schenkend allen.

Gute Gedanken

Franz von Assisi -Frank Cadogan Cowper (1877-1958)

Impulse aus guten Gedanken –
weich fließende, göttliche Kraft.
Gesegnet mit Liebe; sie sanken
hernieder, so friedvoll gedacht.

Dringt tief, wie ein sonniges Weben,
erwärmend und mild in dein Herz.
Bringt Freude und Glanz in dein Leben,
streckt Seele und Blick himmelwärts.

Lässt menschliche Fehler vergessen,
bringt Frieden und Licht in die Zeit.
Tilgt manches Leid, das gewesen,
verwandelt’s in Glückseligkeit.

Höre, wie Engel dir singen
im himmlischen Notenkleid.
Wie liebevoll ist das Klingen
im Jetzt und in Ewigkeit.

Vampire der Neuzeit

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Vampire erwachen Nacht für Nacht.
Nur Schatten zu sehn an der Mauer!
Sie schleichen vorüber, dass niemand erwacht,
sind ständig voll Gier auf der Lauer.

Ist es Vergnügungsraserei?
Sie werden vom Bösen getrieben!
In ihnen, ein nagender Hungerschrei;
da ist nur ihr Selbst, das sie lieben.

Ausbluten muss jeder, den sie erwählt;
sie saugen sein köstliches Blut.
Die letzte Phase des Niedergangs zählt,
denn die Blutleere formt neue Brut.

So viele Völker sind bleich und leer,
ausgesaugt und in Ketten wie Knechte.
Die schnitten ins Fleisch; ohne Gegenwehr,
ohnmächtig das Land, ihre Rechte.

Blutsauger gieren mit Reichtum nach Macht,
sind hungrig nach Geld und Vergnügen;
Vampire von heute, am Tage hellwach,
nichts will ihrer Habgier genügen.

Die friedlichsten Völker können nicht ruhen;
es gibt kein Besinnen auf Werte,
kein Zügeln, keine Rückkehr zum ehrbaren Tun,
nur Schritte auf dunkelster Fährte.

Ein Fieberzucken geht durch die Welt,
sie wälzt sich in höllischen Qualen.
Entgottete Zeit. Wenn dein Vorhang fällt,
werden die Mächte des Abgrunds bezahlen.

Dichteraugen

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Sehen goldener die Sonne strahlen,
dass heller sie durch Scheiben bricht,
sehn nicht nur Strahlen, wie sie fallen,
fühlen die Liebe, dort im Licht.

Wenn erste Knospen neu entspringen
sehn leuchtender sie Blumen stehen;
fühlen des Schöpfers Tat gelingen,
die Göttlichkeit in dem Geschehen.

Doch auch die Hässlichkeit des Lebens
entgeht nicht der sensiblen Sicht.
Abscheulichkeit steht an den Wegen,
die tief ins Seeleninnere bricht.

Das Grau ist grauer, trostlos schneidend
die Abgestumpftheit, die verletzt;
wer hochsensibel ist, der meidet
was Harmonie in Schrille setzt.

Sie leiden schwerer an dem Leben
und an sich selbst, stets forschend klar;
fühlen die innere Seele beben
und sind mit Weitsicht allem nah.

Von guten Mächten

von Dietrich Bonhoeffer

Winter in den Niederlanden – Frederik Marinus Kruseman (1816-1882)
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet, wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Am 9. April 1945 wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg bei Regensburg hingerichtet.