Wenn alle schlafen, sitz ich oft allein, und willig leihe ich mein Ohr der Nacht. Weisheiten rinnen da in mich hinein, die ich nicht hören kann, wenn alles wacht.
Es ist, als zeigten mir die Dinge so am grauen Tag nur ihre Oberfläche. Nachts, wenn nicht mehr die vielen Blicke roh auf ihnen ruhn, ihr Wesen zu mir spräche.
Wenn seltsam Lust und Schmerz in eins verklingt, dunkel das große Lied des Weltalls rauscht, mein Herz mit seiner wilden Gier versinkt, nur meine unbewegte Seele lauscht.
Ich höre die geheimen Räder gehen: Wie sie sich drehen, muss sich alles drehen.
So unberührt und weit, das flache Land, getaucht in winterkühle Morgendünste. Die Bäume tragen feierlich ein Festgewand aus weißem Glitzerflocken-Schneegespinste.
Sehe die fernen, letzten Nebel steigen, die jede Härte mit Verklärung glätten, und die Natur hüllt sich in kaltes Schweigen, das wie ein Segen weilt auf Totenbetten.
Die Landschaft trägt geduldig ihre Bürde, ihr eisig Funkeln unter schwachem Glanze. Die Schöpfung liegt mit königlicher Würde und ruht sich aus vom warmen Sommertanze.
Ruhig schläft das watteweiß verschneite Land, bis sich mit neuer Lebenskraft der Boden hebt, bis sich in Menschenherz und Menschenhand ein zauberhafter Segen Gottes legt.
Noch ist es Fantasie, doch kommt die Zeit, dass jede Seele danach strebt und handelt. Dann würden nach des Winters Frostigkeit, die Schatten in ein Frühlingslicht verwandelt.
Dass wie im Abendrot das Dunkel dieser Erde, dem Himmelslicht vermählt, zu einem Leuchten werde, ist reiner Geister Streben und Bemühn.
Doch streu’n wir Samen nur. Es ist an euch, zu blühn und Frucht zu tragen an allen Tagen, damit im Abendrot die goldnen Äpfel fallen vom Lebensbaum, Erkenntnis schenkend allen.
Vampire erwachen Nacht für Nacht. Nur Schatten zu sehn an der Mauer! Sie schleichen vorüber, dass niemand erwacht, sind ständig voll Gier auf der Lauer.
Ist es Vergnügungsraserei? Sie werden vom Bösen getrieben! In ihnen, ein nagender Hungerschrei; da ist nur ihr Selbst, das sie lieben.
Ausbluten muss jeder, den sie erwählt; sie saugen sein köstliches Blut. Die letzte Phase des Niedergangs zählt, denn die Blutleere formt neue Brut.
So viele Völker sind bleich und leer, ausgesaugt und in Ketten wie Knechte. Die schnitten ins Fleisch; ohne Gegenwehr, ohnmächtig das Land, ihre Rechte.
Blutsauger gieren mit Reichtum nach Macht, sind hungrig nach Geld und Vergnügen; Vampire von heute, am Tage hellwach, nichts will ihrer Habgier genügen.
Die friedlichsten Völker können nicht ruhen; es gibt kein Besinnen auf Werte, kein Zügeln, keine Rückkehr zum ehrbaren Tun, nur Schritte auf dunkelster Fährte.
Ein Fieberzucken geht durch die Welt, sie wälzt sich in höllischen Qualen. Entgottete Zeit. Wenn dein Vorhang fällt, werden die Mächte des Abgrunds bezahlen.
Winter in den Niederlanden – Frederik Marinus Kruseman (1816-1882)
Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet, wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last. Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann wolln wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört dir unser Leben ganz.
Lass warm und hell die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Am 9. April 1945 wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg bei Regensburg hingerichtet.
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