Werkstattmänner

Mein Vater und ich
Die Traumwelt schloss sich und die Nachtgespenster 
verteilten sich im Dunst des Morgengrauens;
sie klebten als Erinnerungsschwaden vor dem Fenster,
verloren sich am Fuß des Träumebaumes.

Durch trübe Scheiben ließ man mich erkennen,
was heute farblos und verwaschen scheint,
gegeißelt hab‘ ich meines Körpers Brennen,
mich ausgeschaltet, wenn die Seele weint.

Heut‘ denk‘ ich an des Vaters starke Arme,
wie sie mich manchmal schlugen, ohne Grund,
herzlos schien er, voll Wut, ohne Erbarmen,
als er mich fast erschlug zu jener Stund‘.

Erinnere mich an Mutters kalte Blicke,
ihr Schweigen, um dem Vater beizupflichten.
Zum Ausgleich all der blutigen Geschicke
vergab ich ihnen, duldend und nicht richtend.

Dann kam die Zeit, die nur dem Körper diente,
niemals der Seele, mitnichten dem Verstand.
Auswege, die ich mir selbst verminte;
der Schrei nach Liebe, die mich niemals fand.

Die vielen ‚Werkstattmänner‘, wie Maschinen,
die an mir schraubten, werkelten und gingen,
wie ich das Los zog, all die zu bedienen,
die mich benutzten, um mich zu verdingen.

Als Einverständnis haben’s alle aufgefasst,
weil ich geschwiegen habe, wie das Mädchen,
das sich gehorsam fügte, denn die alte Last
hing elternhörig am verbundenen Fädchen.

Längst sind sie fort, der Tod hat sie genommen.
Gedanken kreisen. War’s das, was ich wählte?
Bin ich auf diesem Lernpfad angekommen,
zu unterscheiden, was mich ständig quälte?

Zusammenfassung: Dieses Gedicht ist ein Zeugnis davon, wie Gewalt und Vernachlässigung eine Seele brechen und wie das antrainierte Schweigen ein Leben lang nachhallt. Es ist ein tief dunkler Text, aber das Niederschreiben dieser Dunkelheit ist an sich schon ein Akt der Selbstermächtigung und des Lichts.

Fest der Liebe

Bild von Sulamith Wülfing (1901-1989)
Als die Vögel weggezogen,
ist die Welt so still geworden.
Alles Laub liegt längst zu Boden,
der vom Regen vollgesogen.

So bizarr stehn jetzt die Bäume,
recken ihre nackten Zweige;
fühlen sich vom Wind gewogen,
bald stehn sie in weißem Kleide.

Nur der Sonne warmes Strahlen,
weckt das Leben in den Gliedern,
doch nur kurze Winterwärme
schönt die Kälte hin und wieder.

Und der Geist der Menschenkinder
grübelt oft in stillem Denken,
träumt und hofft, erinnert sich,
wie es war, das Freudeschenken

unter wurzelfreien Bäumen,
die man schonungslos geschlagen,
schmückte und sie lichtbehangen,
präsentiert an Weihnachtstagen.

Wenn die Kinderaugen funkeln,
die Erwachsenen Lieder singen,
feine Plätzchen backen, naschen,
und sich freuen an all den Dingen,

dann ist Wärme in den Stuben,
jede Sorge winzig klein;
denn das Christkind in den Herzen
lässt im Hause Liebe sein.

Gott verleiht Flügel

KI Bild erstellt von Google gemini
Mit Mühen bin ich emporgestiegen,
hab oft in stachlige Disteln gegriffen,
musste die inneren Dränge besiegen,
Kummer hat meine Seele geschliffen.

Auf spitzen Steinen bin ich gegangen,
über Wege, wo nur Ängste begleiten;
als ich Auswege suchte, blieb ich gefangen,
im Moloch gewohnter Gebundenheiten.

Glauben hab ich aus dem Blick verloren
und die Demut, die sich gern unterjocht;
hab verdrängt, irdische Götter erkoren,
fühlte, wie mein Herz ‚schreiend‘ pocht.

Erlöst von den Übeln, die mich beschwerten,
hat mich das Schicksal zur rechten Zeit.
Nicht Wissenschaft war es, die mich belehrte,
nur Gott in mir, der mir Flügel verleiht.

Geweihtes Licht

Sankt Nikolaus aus Myra – KI modifiziert
Geweihtes Licht, das nur dem Einen gilt,
entzündet an der Liebe vieler Herzen,
die einst vor langer Zeit das Christusbild
mit Glauben füllten unter Schmerzen.

Die heimgegangenen Ahnen sah’n das Licht,
den güldenen Schweif, kometenhaft und groß,
wie’s durch des Himmels Schwärze bricht
und aus den Blicken in die Seelen floss.

Dort gärte es, wie Sauerteig für Brot,
nährte die Gläubigen mit Hoffnungsgaben;
Legenden von den Wohltätern der Not,
die einst gefoltert und gefangen starben.

Aus Myra stammt der heilige Nikolaus,
um den sich die Geschichten ranken,
als ihm, verfolgt, als Christ, der Kerker graust,
verteilte er sein Geld an Arme, Kranke.

Zu Brauchtum wurde der Geschenkebringer,
der alle kleinen Kinder glücklich macht.
Der Wirtschaft dient der alte Künder,
der plötzlich gottlos wurde über Nacht.

Als Santa Claus, Amerika entsprungen,
kam er als Werbung, Cola preisend, einst zu uns;
dem Weihnachtsmann wird heut gesungen,
der kaufmännisch die Welt festhält in seiner Gunst.

Dich wundert nicht des Sturmes Wucht…

von Rainer Maria Rilke

Quelle: Pinterest
Dich wundert nicht des Sturmes Wucht, –
du hast ihn wachsen sehn; –
die Bäume flüchten. Ihre Flucht
schafft schreitende Alleen.
Da weißt du, der vor dem sie fliehn
ist der, zu dem du gehst,
und deine Sinne singen ihn,
wenn du am Fenster stehst.

Des Sommers Wochen standen still,
es stieg der Bäume Blut;
jetzt fühlst du, dass es fallen will
in Den, der Alles tut.
Du glaubtest schon erkannt die Kraft,
als du die Frucht erfasst,
jetzt wird sie wieder rätselhaft,
und du bist wieder Gast.

Der Sommer war so wie dein Haus,
drin weißt du alles stehn –
jetzt musst du in dein Herz hinaus
wie in die Ebene gehn.
Die große Einsamkeit beginnt,
die Tage werden taub,
aus deinen Sinnen nimmt der Wind
die Welt wie welkes Laub.

Durch ihre leeren Zweige sieht
der Himmel, den du hast;
sei Erde jetzt und Abendlied
und Land, darauf er passt.
Demütig sei jetzt wie ein Ding,
zu Wirklichkeit gereift, –
dass Der, von dem die Kunde ging,
dich fühlt, wenn Er dich greift.
Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Vom Christkind

von Anna Ritter

KI generiert durch Gemini
Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen!
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
mit rotgefrorenem Näschen.
Die kleinen Hände taten ihm weh,
denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her –
was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihr Naseweise, ihr Schelmenpack –
meint ihr, er wäre offen, der Sack?
Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss etwas Schönes drin:
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen!
Anna Ritter (1865-1921)

Wintergedanken

Ernst Ferdinand Oehme (1797-1855)
Quellen müssen die Gedanken
gerad‘ in langen Winternächten,
wo sie Wort um Wort begannen
einsam Reim an Reim zu flechten.

Für die Vielen nicht, für manche;
nur für diesen oder jenen,
der abseits der großen Menge
lauscht den bald vergessenen Tönen.

Wie mit Schritten zur Kapelle,
auf verschneitem Weg zu kommen,
ganz abseits des Pilgerzuges,
doch im Feuerschein der Frommen.

Demütig, gebückten Hauptes,
durchs verschneite Pförtlein treten,
um vor weihnachtlicher Krippe
und dem Kindlein selbst zu beten.

Denn die Zeit ist schwer geworden,
macht den Heiligen Geist zur Fabel,
und aus neuen Wohlstandstrümmern
baut der Wahn ein neues Babel.

Oftmals möcht‘ ich schier verzagen:
Geld und Macht sind höchste Götter.
Unbedeutend werden sterben,
all die Heuchler und die Spötter.

Helf’ uns Gott den Weg nach Hause
aus dem Erdenelend finden,
lass aus Glaube, Liebe, Hoffnung
uns den Kranz „Erlösung“ binden!

Geöffnete Blüten

KI generiert mit Gemini
Das Jubeln der Menschen vom Frieden auf Erden,
bedarf der Gemüter sanftem Erblühen,
deren höherer Sinn nur ihr eigenes Werden,
wie geschlossene Blüten ziehen sie dahin.

Sie kommen und gehen den Gang ihres Lebens,
unachtsam für das, was um sie geschieht;
erkennen erst spät, wie sinnlos ihr Streben,
leichtfertig, was vor dem Ernsthaften flieht.

Und reiten sie mit auf finsteren Wellen,
die vorbildlich scheinen in ihrer Macht,
werden sie untergehn mit den Gesellen,
die so glanzvoll erscheinen in ihrer Pracht.

Sie werden niemals den Duft erfahren,
dessen Süße und Sanftheit die Seele erweckt,
wenn die Blüte, geöffnet nach all den Jahren,
ihre leuchtende Seele zum Himmel streckt.

Warten aufs Christkind

Das erste Lichtlein wird entzündet,
in dieser doch so dunklen Welt,

die gute Botschaft, die verkündet,
mit der ein Frieden hergestellt,

braucht auf der Erde viele Lichter,
Gebete, die aus voller Brust

mit Hoffnung zeichnen die Gesichter,
die nicht auf Illusionen fußt.

Den Docht des heiligen Friedens brennen,
des Krieges Ende heiß erflehen,

den Friedefürst und Heiland nennen,
im Untergang und Auferstehen.

Traumgestalten

Bild KI generiert mit Gemini
Der Mond wird voll sein in den nächsten Tagen,
die Träume ziehen durch mich, wie gesiebt;
die Seele löchrig, grau, voll Unbehagen,
sieht Menschen, Häuser, Wege, ungeliebt.

Bin der Pierrot im Traum, der niemals lachte,
der weißgeschminkt die Augen niederschlägt,
naiv und melancholisch Mitleid brachte,
der wortlos diente, bis das Licht ausgeht.

Gedankengänge, die sich nicht vollenden,
wie Fetzen, ausgerissen und verweht;
unheilbar hier, wie Risse in den Wänden,
im Haus, das bald schon nicht mehr steht.

Versunken in der Traumwelt dieses Lebens,
von Mond zu Mond mit vollem Angesicht.
Zeig mir dein Rund. War all mein Tun vergebens?
Bin ich ein Harlekin* bei Tageslicht?
Bild KI generiert mit Gemini

*Der Harlekin als eine Figur von doppelter Natur: Gauner und Heiler, Priester und Teufel, Schamane und Spaßvogel.

Zusammenfassung

Das vorliegende Gedicht reflektiert in eindringlichen Bildern die Unvollkommenheit und Vergänglichkeit menschlicher Existenz. Es thematisiert unerfüllte Gedanken, brüchige Lebensräume und den Zwiespalt der eigenen Rolle, dargestellt durch die Figur des Harlekins, der zwischen Gegensätzen wie Heilung und Täuschung, Ernst und Spiel pendelt. Die Atmosphäre ist von Melancholie, Selbstzweifel und der Suche nach Sinn geprägt.