Fast 20 Jahre sind vergangen; ein neuer Frühling zieht ins Land. Es war vor langer Zeit, als er gegangen, und mich die einsame Erinnerung band.
Ich hatte Hass, war wütend und in Qual, noch Jahre später, als die Arbeit band; doch jetzt verstehe ich mit einem Mal, dass ich mein Schicksal im Alleinsein fand.
In Stille zog ich in mein Schneckenhaus, in die Spirale meines Seeleninnern ein, löschte die Lichter der Erwartung aus – ein sehnsuchtsloser Platz für mich allein.
Bald werden viele Frühlingsregen fallen und starke Winde durch die Straßen wehen; ich werd‘ die Hand des Eremiten halten, mit ihm durch Nebel in die Zukunft gehen.
Es war im September 2008, als ich von einem Eremiten ohne Gesicht träumte, der meine Hand fasste. Er trug eine dunkelbraune Mönchskutte aus grobem Sackleinen. Das machte mir Angst. Ich stand in der Küche und sah in den Flur, als der Mann, den ich liebte, in ein von Nebeln verhülltes Treppenhaus verschwand und nicht mehr wiederkehrte. Genauso kam es dann auch. Heute hat dieses Verhalten einen Namen: Ghosting.
In Tönen, die nur Seraphinen singen, durchströmt ein glockenheller Klang die Welt, mit überirdischem Vibrato ferner Stimmen, wird unsre Dunkelheit zum lichten Tag erhellt.
Zum altgegangenen Weg der Religionen, dringt dieses Licht der Wahrheit mehr und mehr. Die Finsternis, in der noch viele wohnen, wird es mit Weisheit fluten, wie ein Meer.
Versiegelt scheint die heil’ge Wirklichkeit, die Flamme der Vernunft, sie wird es lösen; das Licht geht auf, der Bettler steht in feinem Kleid, denn ein Geringer zeigt des Geistes Größen.
Wo Gottes milde Segensströme fließen, ergossen durch den reinen Sphärenklang, endlos wird Liebe sich in uns ergießen, wo wunde Herzen leiden, zukunftsbang.
Es färbt ein dunkler Hauch die Frühlingswende, verstört, verirrt im neuen Weltgeschehen; sucht, dass er seine Buntheit wiederfände, wo helle Friedensfahnen fröhlich wehen.
Wo Farbenspiele spannend unter Bläue, sich zeigen in des Regenbogens Pracht, des Schöpfers Segen alle Saat erneuere, die Welt verschone vor der Bombenmacht.
Den Menschen schlägt ein neuer Takt entgegen, wie damals auch, im Dreißigjährigen Krieg. Die Grenzen scheinen fremd und fern gelegen, von denen allen Ländern böses blüht.
Ein scharfer Besen fegt die Ahnungslosen mit Perversion – Welt ohne Mitgefühl. Ein Pulverhauch schwebt schwer im Bodenlosen: „Stock, der du gewesen, steh doch wieder still!“*
*Zitat aus „Der Zauberlehrling“ von J. W. von Goethe
Der Wind reißt Löcher in die Wolkendecke und lässt das Blau des Himmels erahnen; friedlich und still ruht die Welt, zärtlich streichelt sie die Nacht, umschließt sie sanft mit einer Aura kosmischer Liebe.
Erde und Himmel im göttlichen Licht; kühl ist der Morgen.
Schwingungen des Geistes schenken wärmende Gedanken, damit unsere Seelen nicht frieren.
Singen möcht’ ich, helle, reine Töne, in die missklangreiche Welt hinein. Möcht‘ ihr bringen, was den Geist verschöne, Dur und Moll im Lied vereinen.
Wie die Vogelstimmen, die am Morgen Tag und Sonne freundlich singend grüßen, möcht‘ mein Lied, die allergrößten Sorgen wandeln, dass sie schnell vergehen müssen.
Auf dem Blütenteppich bunter Träume, unter Bäumen, deren Kronen rauschen, soll die grenzenvolle Welt der Zäune meinen hellen Liedern lauschen.
Die Akkorde möchten aufwärts schwingen, wie die Wolken, die um Berge kreisen. Augenschließend werden sie erklingen, wie ein Schiff durch Wolkenmeere reisen.
Um ein notenreiches Werk zu singen, hebt die Menschheit sich vereint zum Chor. Bleibt es nur ein Traum? – Ein hehres Ringen bringt das allerschönste Lied hervor.
Es gab eine Zeit, es ist noch nicht lange her, da hatten die Leute 15 Kinder und mehr. Ganz ohne Kindergeld – das gab’s noch nicht, 12 Stunden Arbeit waren Tagespflicht, und Schulgeld zahlten sie für jedes Kind, Lehrgeld für die, die in Ausbildung sind.
Die Straße gehörte den Kindern zum Spiel, und wenn eines von ihnen in den Schotter fiel, dann sorgten sich Eltern wenig um sie, sondern nur ums Loch in der Hose am Knie. Da piepte kein Handy, man maß Liebe, nicht Likes. Es gab simple Fahrräder, keine Mountainbikes; auch mal Langeweile und Stille daheim, wenn es draußen dunkelte, musste man rein.
Man folgte den Eltern mit Respekt. Die Alten wurden nicht ins Heim gesteckt, und sollte man alleine sein, vom Leben müde gemacht, dann hat die Caritas Hilfe, nur für Gotteslohn gebracht. Den Dienst an Kranken leisteten die Frauen, ein Arzt kam ins Haus, um nach Kranken zu schauen. Niemand musste mit Fieber im Warteraum sitzen, um stundenlang Blut und Wasser zu schwitzen.
Arbeiter konnten sich Autos nicht leisten, ein Telefon bekamen längst nicht die meisten; auch wenn die Arbeit fern war, fuhr man Rad. Ein Moped war ein Traum, wie jede Fahrt. Oft lief man Kilometer, stundenlang; es fuhr nicht überall die elektrische Straßenbahn. Die Welt war riesengroß und jeder Schritt und jeder Gang ein Stück vom Lebensglück.
Man nutzte jeden Tag schon früh, daheim. Arbeit war immer, Freizeit „schrieb man klein“. Man nähte, kochte, strickte noch per Hand; bevor man Waschmaschinenkraft erfand, mühte man sich den lieben, langen Tag mit Waschen, Trocknen und Bügeln ab. Staubsauger waren noch unbekannt, Teppiche wurden geklopft, bis man sie staubfrei fand. Die Frauen verbrachten ihr Leben daheim, mussten dem Ehemann untertan sein. Geld und Auskommen hat er gebracht; das Sagen behielt er und häusliche Macht.
Handwerker war jeder Mann im Haus; man teerte Dächer, baute die Zimmer aus, man legte angstfrei die Elektrik unter Putz, geerdet war nichts, vor dem Schlag fehlte Schutz; mit Kitt setzte man Fensterscheiben ein, und kaufte Kohleöfen für ein warmes Heim. In Aschetonnen, wöchentlich abgefahren, gab es weder Papier noch Plastikwaren. Man düngte den Garten mit Biomüll, aus stinkenden Kuhlen, inmitten des Garten-Idylls. Auch das Plumpsklo wurde jährlich geleert, auf die Beete gekippt, als Dünger verwertet.
Kaninchen hockten in kargen Ställen, ließen sich mästen, bis zum Schlachten quälen. Nicht ein einziges Mal fühlten sie Boden und Licht, nur den Schlag in den Nacken, der am Ende sie bricht.
Es gab Brote mit Butter, darauf Zucker gestreut, nur selten Fleisch; sonntags war Bratenzeit. Schmalhans war Küchenmeister im Revier, nur sonntags kaufte man manchmal ein Bier. Abends gab es das Fernsehen nicht, nur eine Stimme, die aus dem Radio spricht.
Heut‘ ist alles anders, der Wandel Magie, ein Zeitgeist, der flüstert: Nimm’s leicht, c’est la vie.
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