Abenteuer Leben

Gustave Doré (1832-1883)

Wenn des Lebens Abenteuer
noch an jeder Ecke warten,
fühlt man langer Wagnis Feuer,
durch das viele Pläne starten.

Wo der Weg bereitet liegt,
frei von Steinen oder Stufen.
Wo Barrieren frei er biegt,
hin zu unbekanntem Rufen.

Wie ein Blinder vorwärts geht,
ohne Licht, doch zielbewusst.
Geht ein jeder, und er strebt
froh ergeben und mit Lust.

Fühlt und tastet sich voran,
sieht sich schicksalhaft geführt.
Stolpert er auch dann und wann,
bleibt sein Streben unberührt.

Ohne Ende scheint der Weg.
Vor ihm liegt ein fernes Ziel?!
„Gib nur alles, und du bleibst!“,
wird für ihn ein Pflichtgefühl.

Wund gelaufen ist der Fuß,
muss bald kleine Schritte gehn.
Ihm entzieht sich manches Muss
und die Zeit um ihn bleibt stehn.

An der Schwelle angelangt
zögernd noch der letzte Schritt.
Lauscht des Liedes Abgesang,
nimmt den Glanz des Himmels mit.

Bis zum Abschied von der Welt
blüht ein jeder in der Zeit.
Erst wenn Blatt und Blühte fällt,
vereint uns Gott und Ewigkeit.

Gottes Bilderbuch

Des Gottes Bilderbuch ist aufgeblättert,
es schlägt die Zeit für uns die Seiten um.
Wer sagt, Gott bleibt auf unser Fragen stumm?
Wer, der sein volles Lebensglas zerschmettert,
eh er zu Ende trank, gibt Gott die Schuld?
Wir strafen uns mit eigner Ungeduld.
Wir lernen nichts als zählen und benennen,
wir wollen wissen, aber nicht erkennen.
Die Kraft der Deutung fehlt uns, weil wir blind
und lieblos gegen uns und andre sind.
Und Gottes Bilderbuch liegt aufgeschlagen
vor aller Augen! Doch wir fragen – fragen!

<Ephides>

Die Rhön

Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen

Ich erinnere mich: Als ich 13 Jahre alt war, gab es in der Tageszeitung meiner Eltern samstags eine Rubrik, die nannte sich „Pfiffikus“. Ob es sie heute noch gibt, weiß ich nicht. Damals konnte man eine Schriftanalyse anfertigen lassen, durch die festgestellt wurde, welcher Beruf in Frage käme. Die Antwort auf meine Anfrage lautete: Bauer.

Mit dieser Aussage konnte ich mich identifizieren. Nichts war mir lieber, als die Erinnerungen an die Kindheitstage in der Rhön. Dorthin fuhr ich relativ häufig, erst mit meiner Mutter, später dann mit beiden Elternteilen.

Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen

Das Bauerndorf heißt „Habel“. Es war klein, hatte nur wenige Einwohner. Habel wurde damals Grenzort und lag nur 2 km von der Grenze entfernt. Meine Mutter musste aus dem Arbeitsdienst dorthin flüchten, als vor Kriegsende ‚der Feind‘ immer näher kam. In Habel wurde meine Mutter aufgenommen und bei einem Bauern untergebracht.

Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen

Als ich klein war, lebten dort Kinder im gleichen Alter. Ich durfte später bei dieser Familie wohnen.
Mit den Mädchen bin ich an die Zonengrenze gegangen und verstand damals das warnende Stoppschild nicht. Es war uns verboten, dorthin zu gehen.

Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen

Am liebsten verbrachte ich den Tag in den Ställen. Jeder Bauer hatte Schweine, Kühe und Hühner. Es machte mir nichts aus, früh aufzustehen, um die Kühe auf die Weide zu treiben. Das war um fünf Uhr. Auch heute bin ich Frühaufsteher. Danach halfen wir auf dem Feld oder in der Küche. Einmal im Monat wurde im Dorf-Backhaus Brot gebacken, das herrlich schmeckte: große runde Laibe mit Sauerteig und Gewürzen. Darauf leckere Marmelade aus Himbeeren. Das ist ein Geschmack aus der Kindheit, den ich in meinen Gedanken eingefangen habe. Hier in NRW gibt es solch ein Brot nicht. Aber hin und wieder bestelle ich es mir online.

Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen

In den letzten Tagen fand ich im Internet einen Persönlichkeitstest, der angeblich anzeigte, welchem Beruf man in einem längst vergangenen Leben nachgegangen sein soll. Wieder war das Resultat: Bauer im 30jährigen Krieg.

Schon seltsam, wie mich das verfolgt. Vielleicht im nächsten Leben?

Vater und Familie

Foto: Almuth Köhler, Mein Vater backte die leckersten Torten

Familie, in die hineingeboren,
ich mich wie ausgeliefert sah.
Als Baby, neu und unverdorben,
nahm ich den Vater ‚böse‘ wahr.

Sein Schreien, aggressiv im Tone,
sein Schlagen, wenn ein Wort nicht passte,
bis ich dem Männerbild zum Hohne
ein Vater-Abziehbild verpasste.

Ich musste ‚Bitte, Bitte‘ machen,
wenn Vater was gewähren sollte.
Ins Wohnzimmer geschlichen bin ich,
damit der Vater mir nicht grollte.

Foto: Almuth Köhler – Aus Familienbeständen

Und meine Mutter stand ganz stumm,
wenn voller Furcht die Tränen rannen.
Was Vater tat, schien ihr nicht dumm,
ich sollte Folgsamkeit erlangen.

Und jede Träne war sein Ziel,
er hasste meine jungen Schwächen.
Für ihn war es ein ‚schwarzes‘ Spiel,
mich bei Missfallen zu verdreschen.

Foto: Almuth Köhler – Aus Familienbeständen

Ich liebte ihn, trotz alledem.
Er war mein ‚böser Friederich‘*.
Erst spät im Alter konnt‘ ich sehn,
weshalb am Leben man zerbricht.

So lieblos, wie man ihn erzog,
gab er‘s cholerisch mir zurück.
Dass man mit falschen Werten wog,
ist der Gewissheit schweres Stück.

*aus dem „Struwwelpeter“

Anmerkung: Mein Vater wurde mit 15 Jahren zum Militär einberufen. Sämtliche Kameraden sind damals in Stalingrad gefallen. Er war zwei Jahre in französischer Kriegsgefangenschaft. Solch eine Erfahrung bleibt nicht ohne Folgen.

Bild im Spiegel

Velazquez, 1599–1660

Der Himmel hat die Schleusen aufgerissen,
in Regenschauern versinkt Sicht und Weg.
Wir alle wandern, ohne Ziel und Wissen
und suchen nach der Heimat sichren Steg.

Die Wetter tragen Saatgut unsrer Taten
bis die Welt an ihnen darbt und blüht.
Sind sie gar verdorben und missraten,
ernten wir die Schuld, bis es genügt;

bis das Bild im Spiegel klar geworden,
bis das Echo aus der Umwelt lacht.
Wir kreieren weise unsren Morgen,
Zustände des Gestern sind vollbracht.

Umwelt ist geformt nach unsrem Bilde.
Im Erkennen sehn wir „Das bin ich!“
Hoffnungsfroh sucht man des Bildes Milde,
und versteht: Ein Neubeginn ist Pflicht!

Wir sind auf dem Weg, uns selbst zu finden
und bemühn uns, Gutes auszusäen,
Zustände von Gestern überwinden,
keine Macht dem Zeitgeschehen.

Wahrheit im Glauben

Bild von Albrecht Fietz auf Pixabay

Es ist der Glaube keine Blüte,
die dir ein andrer reichen kann.

Und wär sie lauter wie des Spenders Güte
und rein und unberührt, auch dann
wird sie bei dir das kurze Dasein fristen,
das eine Blume lebt im Wasserglas.

Der Glaube ist ein Baum, in dem die Vögel nisten,
und mächtig liegt sein Schatten auf dem schwanken Gras.

Greif‘ nicht nach fremder Bäume Blüten,
den eignen zarten Glaubenskeim nimm wahr
und zieh ihn auf und such zu hüten
ihn vor des Zweifels Frostgefahr.

Dass einst der Baum hoch in die Lüfte trage
sein Haupt und dir’s mit Blüten lohne,
und seine Arme schirmend breite in der Krone.

<Ephides>

Frühlingsspur

Edward Emerson Simmons ((1852-1931) – Frühling

Über die Schultern der Natur
schmiegen sich seidige Lüfte.
Blüten entlang der Frühlingsspur
beherrschen die lockenden Düfte.

Tulpenspitzen, verborgen im Grün,
wachsen und warten auf Sonne.
Öffnen die Krokusse in der Früh,
hinwendungsvoll, voller Wonne.

Rotkehlchen hinter Heckengesträuch
zwitschern die ersten Weisen.
In jedem Baum ein reges Geräusch,
es singen die Lauten und Leisen.

Die Meisen fliegen in Scharen umher,
erfreun sich am Nestbau im Grünen.
Manch‘ Zweiglein und vieles mehr
muss bald den Brütenden dienen.

Neue Brut schlüpft und wächst heran;
die Raben wollen sie holen.
Bei deren Suche wird sicher dann,
mancher Nestling gestohlen.

Wie bei Bäumen die Blüten verwehen,
zu tausenden fruchtlos verderben,
wird manches frühe Leben vergehn
und zum Nutzen anderer sterben.

Erwachtes Leben hilft uns verstehen,
das ständige Aufwärtsstreben.
Ein Werden, Blühen und Vergehen,
wie des Frühlings ewiges Geben.

Bittere Neige

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski 1817-1900


Ich liebe dich so sehr, dass ich vergaß,
dass wir nicht Eins sind, sondern zweigeteilt.
Ich liebe dich so über jedes Maß,
dass mich die Trennung wie ein Todeskampf ereilt.
 
Ich habe nächtelang gelegen und gewacht!
Wer einst zusammenführend uns gelenkt,
der kann nicht Absicht haben und bedacht,
die Liebe hindern, weil er uns nun trennt.
 
So wie ein Leuchtturm steh’ ich, felsenfest;
du kennst den Weg zurück, er steht dir frei.
Noch schüttelt mich der Neige bittrer Rest,
des Daseins Kelch dir abgenommen sei.
 
Was fürchtest du? Du bleibst in deiner Welt.
Doch ihrer Ordnung dienst du nicht allein!
Der Seit an Seit uns zueinander stellte,
wird Planer unsrer Lebenswege sein.
 
Bringt dich die Liebe einst zurück zu mir,
gelenkt von ihm, der einzig weiß warum,
dann öffnet er uns Herz und Seelentür
und wandelt Tod in neues Leben um.
 

Wochenende

Herzweh statt Freude,
verhaltenes Warten,
Blick auf die Uhr.
 
Gedanken,
bedrückend, verharrend im Leide,
wartend und hoffend,
von Glück keine Spur.
 
Lösung?
Nicht dürfen,
nicht können,
nicht wollen!
 
Fragen ins Leere!
Steht Pflicht vor Gefühl?
 
Abwenden,
leugnen,
Achtung zollen,
Gefühle der Anderen –
ein bitteres Spiel.
 
Ausweg?
Bringt Trennung!
Auf steinigen Wegen,
Wandel,
der schmerzhaft
das Neue gebiert.
 
Zeit und Geduld?
Ein klagendes Streben,
das meine Tage
mit Trauer verziert.
 

Lieben heißt sehnen

Sulamith Wülfing  – 1901-1989

Das Sehnen ist ein Band, das liebend bindet,
die Zauberschnur, die niemals reißt und bricht.
Wo sich die alte Liebe wieder findet,
da wird das tiefste Dunkel hell und licht.
 
Du strahlst in mir, wie Diamanten strahlen,
du reflektierst das Licht, so, wie ein Edelstein.
Lass‘ deiner Augen Glanz auf meine fallen,
du wirst der Glanz auf meiner Seele sein.
 
Du bist mir fern, doch öffnen sich die Schleier,
so wie die Sonne durch die Wolken bricht.
Und jedes Wort, das du mir schreibst erneuert,
was du mit deiner Gegenwart versprichst.
 
Die Liebe hält uns fest und ganz umschlungen,
nichts wird sie lösen – nicht in Ewigkeit!
Und ist dein liebes Wort schon lang verklungen,
dann schwebt es selig weiter durch die Zeit.
 
Das Band der Liebe ist um uns geflochten,
es bindet sanft, doch hart fordert die Pflicht.
Was unsre Träume, Wünsche, nicht vermochten,
nun eine andre Macht für uns erficht.
 
Gott gab uns Liebe, er wird uns geleiten,
damit wir rechte, lichte Wege gehn.
Er wird vor uns die Möglichkeiten breiten,
damit wir wagen, glauben und verstehn.