Dunkle Jahre

Edmund Blair Leighton 1853-1922 – The Unknown Land

Der Tränen hab’ ich viel vergossen,
in stetem Leid ertrank mein Herz
und war’n die Augen fest geschlossen,
empfand ich tiefen Seelenschmerz.
 
Ich irrte lange durch die Zeiten,
fand keinen Menschen, der mich trug,
ließ mich von Traurigkeit begleiten,
nur Ablehnung fand ich genug.
 
So gingen hin die alten Tage,
mir folgte nur die Einsamkeit,
nichts änderte die Lebenslage,
die Liebe blieb so fern, so weit.
 
Mein Herz, das suchte stets den Wandel,
doch Menschen brachten nicht das Glück
und durch das oftmals falsche Handeln,
blieb nur die Bitterkeit zurück.
 
Nach langen dunkeltrüben Jahren
sind’s neue Wege die ich gehe,
ich darf mit Dankbarkeit erfahren,
die liebevolle Gottesnähe.

Hölle auf Erden

Gustave Doré 1832-1883 – Dante, Hölle

Mit großen Lebensfehlern,
die wir einst gemacht,
pflastern wir uns die eigne Erdenhölle,
 
die uns umgibt,
wie rabenschwarze Nacht,
wo dunkle Mächte fordern ihre hohen Zölle.
 
So, wie ein Strudel,
der uns aus der Mitte reißt,
und dann erbarmungslos in seine Tiefen zieht,
 
wie uns ein Sturz den Aufprall wohl verheißt,
wenn man mit großen Augen in den Abgrund sieht,
 
so quält allgegenwärtig unser Missgeschick,
versperrt den Blick zu neuen, guten Dingen,
 
und standen wir schon auf dem ob’ren Leiterstück,
muss dann ein neuer Aufstieg erst gelingen.
 
So werden wir die Meister unsres Lebens,
gelernt sein muss ein jeder unsrer Schritte,
 
und mühen wir uns manchmal auch vergebens,
die Umkehr führt uns heim in unsre Mitte.

Freundschaft

William Adolphe Bouguereau 1825-1905

Freundschaften wachsen tief ins Herz,
so ganz und gar verbunden,
fühlt man gemeinsam Freud’ und Schmerz,
gute und schlechte Stunden.

So edel manches Freundschaftsband
schien tief und fest verwoben,
ist es auf einmal kurzer Hand,
uns plötzlich fort geflogen.

Mond

Bild: Karin M.

Streifst ab die Sonnen-Tageshülle,
 behältst nur ihren Schein.
 
Dein Licht ist kalt, bizarr.
 
Beseelst mit kühlem Glanz
die dunkle Schattenstille.
 
Traumhüter,
Wandler der Gezeiten.
 
Kreist ruhelos,
 vertraut,
bis dass die Welt vergeht.
 
Allabendlich
ist jeder Blick zu dir
wie ein Gebet.

Schutzengel

Sulamith Wülfing 1901-1989

So fremd sind uns historische Epochen,
so grausam das Geschehen mancher Zeit.
Ein Lidschlag war’s und 100 Jahre krochen,
so wie ein Windhauch durch die Ewigkeit.
 
So manche Seele hat die Zeit verschlungen,
doch auch so viele neu der Welt geboren,
und immer hat der Mensch danach gerungen,
den Gott zu finden, den er glaubt verloren.
 
So viele Hilfeschreie in der Not durchdrangen
den Schleier dieser andren Dimension,
wo Gottes Helfer menschlich wehes Bangen
in Freude wandeln, nur für Glaubenslohn.
 
So geht der Engel, der dich freundlich leitet,
von Ewigkeit zu Ewigkeit mit dir;
schützt deine alte Seele Flügel breitend,
und bist du einsam, steht er vor der Tür.
 
So trägt er für dich manche Daseins-Bürde,
und oft trägt er auch dich auf seinem Rücken;
als wenn die Liebe niemals enden würde,
baut er dir ständig neue Himmelsbrücken.

Kleiner Rückblick – Kindheit

Teil 6

Weihnachten 1958

Ich war sechs Jahre alt, als meine Großeltern mitsamt ihren Habseligkeiten in das Obergeschoss des Hauses zogen, was zur Folge hatte, dass das Untergeschoss einer deutlichen Verjüngungskur unterworfen wurde. Alte Eingänge und Fenster wurden zugemauert, neue eingebaut und ein Elternschlafzimmer in Rattas ehemaligem Wohnraum eingerichtet. Aber das war erst der Anfang einer nicht enden wollenden Sanierung.

Mein Bruder schlief in der ersten Zeit bei den Eltern. Ich bekam mein eigenes Zimmer im Anbau. Dafür musste nicht nur das Plumpsklo, sondern auch die alte Waschküche weichen.

Dort, wo sich meine Mutter und Oma bisher einmal wöchentlich die Finger am Waschbrett wundgerieben hatten, stand die Welle im großen Waschbottich still. Fortan schwebten keine Wasserdampfschwaden mehr über dem Hof, keine Seifenlaugengerüche drangen mehr bis auf die Straße. Die schwerste Arbeit der Nachkriegsjahre nahm ein Ende. Eine neumodische Waschmaschine von Miele wurde stattdessen angeschafft. Sie bekam einen Stellplatz in der neu eingebauten Toilette der oberen Etage und tat dort die folgenden zwanzig Jahre ihren Dienst.

Trotzdem wurden an den Waschtagen die im Garten gespannten Wäscheleinen nicht leer. Windelberge mussten gewaschen, zum Trocknen gespannt und gebügelt werden. Tagelang war Mutter damit beschäftigt, die stocksteife Wäsche glatt zu bügeln und zusammenzulegen.

An Regentagen wurde das Trocknen in die Wohnräume verlegt und eine Wäscheleine quer durchs Wohnzimmer gespannt.

Freitags war Waschtag und am Samstag Badetag, wo die ganze Familie nacheinander in die Wanne stieg. Anfangs wurde das Badewasser in großen Zubern auf dem Herd erhitzt; später gab es den ersten Gasboiler und eine Heizsonne, die über der Türe hing.

Nachmittags wurde meist Kuchen für den Sonntag gebacken. In der dunklen Jahreszeit backte Oma oft gedeckten Apfelkuchen mit Cox-Orange-Äpfeln aus dem Garten, die den ganzen Winter über, im kühlen Keller, in großen Holzkisten eingelagert wurden. Opa hatte alle Obstbäume selbst veredelt. Die wurmstichigen Stellen wurden entfernt und Apfelmus daraus gekocht.

Mein Vater backte die besten Torten. Sein „Frankfurter Kranz“ mit selbstgemachtem Krokant und Buttercreme war der absolute Glanzpunkt, der allerdings nur selten auf dem Tisch stand. Beim Kochen machte ihm keiner etwas vor. Selbst meine Mutter konnte ihn darin nicht übertrumpfen. Am Wochenende war er allein Küchenchef. Mutter musste putzen, Staub wischen und saugen, was er hinterher genauestens inspizierte, indem er mit dem Finger über die Schränke strich. Die Fransen des neuen Perserteppichs bürstete er selbst. Wehe dem, der sie danach wieder durcheinanderbrachte! Das Spielen im Wohnzimmer war uns untersagt.

In meinem Zimmer standen später weiß lackierte Möbel. Der Raum war ungeheizt. Zwei Kohleöfen gab es in der Wohnung, einen in der Küche und einen im Wohnzimmer. Im Winter konnte gegen die Kälte der Nacht nur ein dickes Daunenoberbett Wärme bringen.

Jeden Abend hatte ich Angst davor, einzuschlafen! Auch das Gebet, das ich immer vor dem Einschlafen sprach, schützte mich nicht. Vor meiner Einschulung hatte das Bettnässen begonnen. Damals, als mein Bruder zur Welt kam, war mir das Leben plötzlich zur Qual geworden. Meine Eltern behandelten mich lieblos und ohne jede Zärtlichkeit. Es gab nichts mehr, worüber ich mich mit ihnen hätte freuen können.

Ich fürchtete den neuen Morgen. Noch heute erinnere ich mich, wie schwer das riesige Daunenbett beim Erwachen auf meinem Körper lag. Jeder Atemzug war mir beinahe unangenehm gewesen, und ich lag wie erstarrt. Schon wieder war es mir passiert. Keinen einzigen Millimeter bewegte ich mich in meinem Bett. Der Rücken schmerzte bereits, und insgeheim wusste ich, dass ich keine andere Wahl hatte: Ich musste aufstehen, um mich aus dieser misslichen Lage zu befreien. Minutenlang versuchte ich, es hinauszuzögern.

Ich erinnere mich an die Winterzeit, wenn das Dunkel der Nacht noch nicht gewichen war. Kein Geräusch drang von Haus und Hof zu mir ins Zimmer. Draußen hatte der Winter mit seinem harten Griffel Eisblumen an die Scheiben gemalt. Das war eine Zeit, in der der Winter noch klirrend kalt war. Unmengen von Schnee fielen vom Himmel, worauf man herrlich Schlitten fahren konnte. Wir Kinder bauten auf der noch fast autofreien Straße riesige Schneemänner und lange Schlitterbahnen.

Die Räume waren des Nachts derart ausgekühlt, dass ich meinen Atem sehen konnte. Die Luft floss kalt und schwer in meine Lungen, wenn ich im Bett lag.

Immer noch abwartend, so, als würde ich auf ein Wunder hoffen, lag ich bewegungslos in den Federn. Völlig durchnässt klebte das Kopfkissen an meinem Rücken, und bei der kleinsten Bewegung wurde es unangenehm kalt. Das über einer Gummidecke, dem Laken und der Matratze gespannte Moltontuch war ebenfalls nass. Meine Mutter hatte es, neben sechs anderen, eigens für mich genäht. Die Matratze sollte geschützt sein.

Ich hatte keinen Schutz, wenn morgens das eingenässte Bett entdeckt wurde. Dann fielen barsche Worte, die schlimmer waren als Prügel. Manchmal schlug Mutter mich mit dem hölzernen Kochlöffel. Einmal hatte ich versucht, vor ihr davonzulaufen, immer um den Tisch herum, und sie hatte gelacht. Ich dachte, sie würde nicht schlagen, doch dann packte sie mich und schlug mich so sehr, dass der Löffel zerbrach.

Wenn es im Bett so nass war, überlegte ich angestrengt, wie ich das Aufstehen am schnellsten hinter mich bringen konnte. Dann fasste ich mir irgendwann ein Herz, warf das schwere Daunenbett zurück und hastete mit einem großen Satz hinaus. Das nasse Hemd klebte mir dann eiskalt am Rücken. Schnell zog ich es mitsamt dem Schlüpfer aus, machte Licht und öffnete so leise wie möglich den Kleiderschrank. Nachdem ich mich mit einem frischen Nachthemd und sauberen Höschen bekleidet hatte, konnte ich durchatmen. Doch ich fror entsetzlich.

Ich zog die Einschläge des Tuches unter der Matratze hervor, legte das eingenässte Nachthemd, das Höschen und den Kopfkissenbezug darauf, wickelte alles ein und schleuderte die inhaltschwere, feuchte Rolle bis in den hintersten Winkel unter das Bett. Vor den Blicken der Mutter sollte es unsichtbar sein, und obwohl ich genau wusste, dass Mutter mit zornigen Augen zuerst unter das Bett sehen würde, wie sie es jeden Morgen tat, geschah das Verbergen der nassen Beweise dennoch aus panischer Angst und aus Scham, was die Mutter nur noch zorniger machte.

Das Inlett des Federbettes hatte abgefärbt, denn der weiße Bettbezug zeigte stellenweise rote Flecken. Ich platzierte das Kopfkissen zum Trocknen auf den Stuhl, der unter dem Fenster stand; das dicke Federbett drehte ich um, sodass die nasse Seite nach oben zu liegen kam.

Ich war in Panik, doch mehr konnte ich nicht tun. Am liebsten hätte ich alles fortgezaubert und mich selbst natürlich auch. Barfüßig stand ich mit klappernden Zähnen auf dem kalten Linoleumboden und zitterte wie Espenlaub. Ich fühlte mich ohnmächtig und ohne Schuld, denn ich hatte keinen Einfluss auf das, was während des Schlafes geschah, und es geschah immer wieder und wieder.

In meinem Nachthemd aus Flanell schlüpfte ich frierend zurück ins Bett, zog das schwere Inlett über den Kopf und bangte – wie so oft – dem Morgen entgegen.

Wegen des Bettnässens wurde ich zu einem Urologen gebracht, der mir mit einem Katheter Urin abnahm. Für ein fünfjähriges Mädchen eine Tortur! Der Arzt wollte in seiner Praxis eine Blasenspiegelung durchführen, doch ich wehrte mich so sehr, dass er die Spritze nicht setzen konnte. Ein Krankenhausaufenthalt, der anfangs geplant war, blieb mir zum Glück erspart, weil ich nur noch tagelang weinte. Meine Eltern hörten irgendwann auf, nach dem Grund meiner Unart zu suchen, mussten sich aber letztendlich damit abfinden, dass meine unkontrollierbaren nächtlichen Entleerungen bis ins fünfzehnte Lebensjahr anhalten sollten.

Meine Mutter versorgte mich mit Nahrung und Kleidung, doch nie mit Güte und Liebe. Wenn sie mir morgens zum Frühstück den Kakao hinstellte und mir Brote machte, war das wie eine besondere Zuwendung für mich. Nie stellte sie sich schützend vor mich, wenn mein Vater mich schlug. Auf ihren mütterlichen Beistand hatte ich ein ganzes Leben lang vergeblich gehofft. Sie war keine Freundin, der ich mich hätte anvertrauen können.

Meine Kindheit war, bis auf den Jähzorn meines Vaters, dem ich stets schutzlos ausgeliefert war, erträglich. Eine seiner bevorzugten Strafen war es, mich in den dunklen Keller zu sperren. Dort ließ er mich dann hinter abgeschlossener Türe weinen und schluchzen.

Während meiner Schulzeit spielte ich meist mit den Kindern auf der noch nicht asphaltierten Straße vor unserem Haus. In der Nachbarschaft gab es viele Kinder. Ich durfte immer nur eins davon mit nach Hause bringen, weil es sonst meine Eltern gestört hätte.

Wir spielten mit Tonknickern, Murmeln und Pitchdobbeln – das waren kleine, bunte Holzkreisel, die mit einer Peitsche geschlagen wurden. Später, als die Straße asphaltiert worden war, fuhren wir mit Rollschuhen oder sprangen Seil. Oft saß ich mit Mädchen aus der Nachbarschaft auf den Treppenstufen vor unserem Haus und trank Leitungswasser mit echtem Lakritz, das mir Mutter in eine Flasche abgefüllt hatte. Dort tauschten wir untereinander Zigarettenbildchen, Glanzbilder und später Autogrammkarten aus.

Manchmal ermahnte mich Mutter: „Sitz’ nicht auf dem Dörpel, sonst holst du dir ’nen Pips!“, weil meine Blase oft entzündet war. Dann musste ich bittere Wacholderbeeren kauen und ekelhaften Tee trinken.

Mitte der 50er Jahre fuhren noch Händler mit Pferd und Wagen durch die Straßen. Sie brachten die Eierkohlen, die vor das Haus gekippt wurden, welche Vater und Opa dann gemeinsam in den Keller schippten. Auch Kartoffeln, Eier und Milch wurden gebracht. Ich weiß noch, wie der Händler rief: „Kartoffeln, Kartoffeln … fünf Pfund eine Mark!“

Für Eltern und Oma lief ich manchmal zum Bäcker, vorbei an der kleinen Trinkhalle, wo ich mir zur Belohnung einen Mohrenkopf kaufen durfte, oder eine Kugel Kaugummi für einen Groschen.

Meine Schulzeit verlief weitestgehend normal. Ich brachte gute Noten nach Hause, womit meine Eltern jedoch keinesfalls zufrieden waren. Ständig bekam ich vorgehalten, dass meine Mutter immer die Schulbeste gewesen sei, mit einem einzigen „Befriedigend“ in Musik auf dem Zeugnis. Ihre anderen Fächer glänzten mit „sehr gut“.

Meine Mutter in den 30er Jahren

Bereits mit neun Jahren ging ich regelmäßig allein in den Kindergottesdienst. Als ich zehn Jahre alt war, durfte ich sonntags für eine Mark ins Kino gehen. Dort wurden neben „Dick und Doof“ auch Märchenfilme gezeigt, was der Auslöser dafür war, dass ich begann, unzählige Bücher aus der Leihbücherei zu lesen. Ich las in jeder freien Minute, wobei mir Märchen besonders gefielen.

Bis auf die Kinderstunde blieb mir das Fernsehen verboten. Jeden Tag um 17 Uhr durfte ich mir das Programm anschauen. Da ich die Kirchturmuhr vom Garten aus sehen konnte, verpasste ich keine dieser Sendungen. Abends um 20 Uhr, wenn die Nachrichten begannen, hatte ich in meinem Zimmer zu sein, wo spätestens um 21 Uhr geschlafen wurde.

Mit elf Jahren bekam ich eine Blinddarmentzündung und kam ins Krankenhaus, was mich in helle Panik versetzte. Ich weinte und weinte und gab erst wieder Ruhe, als der Narkosearzt mir das Häubchen mit Äther aufsetzte. Die Operation verlief ohne Komplikationen, und ich durfte nach zwei Wochen nach Hause zurückkehren. Ich kann mich daran erinnern, dass wir Kinder unser Obst aus dem Fenster auf die parkenden Autos geworfen haben. Nur gut, dass meine Eltern davon nichts wussten.

Meine Großeltern gingen regelmäßig mit mir spazieren. Sie waren es gewohnt, weite Strecken zu Fuß zurückzulegen. Ich hingegen hasste es, so weit zu laufen, was sich bis heute nicht geändert hat. Meist liefen wir in die Innenstadt. Dort gab es in einem Zoogeschäft lebendige Tiere zu bestaunen. Das war ein kleiner Trost für die ungeliebte Anstrengung für mich.

Einmal im Jahr gab es eine Kirmes auf dem Marktplatz. Ich mochte den Lärm zwar nicht, fuhr aber gerne auf dem Kettenkarussell. Oma kaufte mir dort ein Äffchen aus Kaninchenfell, das wie eine Marionette an einem Hölzchen und an Fäden hing. Dieses „Tierchen“ war mein Liebstes. Es wurde überall mit hingeschleppt, gestreichelt und gekuschelt, bis es bald auseinanderfiel.

Irgendwann wurde es meiner Mutter zu bunt. Der Affe war schmutzig, das Fell arg lädiert. Sie sprach mit mir und bot mir an, ein anderes Tier zu kaufen, wenn ich den Affen hergeben würde. Schweren Herzens willigte ich ein und bekam stattdessen einen kleinen, auf dem Bauch liegenden Bären von Steiff.

Als ich meinen geliebten Affen in den Flammen des Herdes verschwinden sah, ist mir fast das Herz gebrochen. Ich habe geschrien und geweint und war in heller Panik, doch mein Liebling war unwiederbringlich fort.

Mit dem Bären habe ich mich nie anfreunden können und noch heute empfinde ich Teddys als schrecklich, fast genauso, wie die Puppen, die man mir schenkte. Eine davon hieß Lilli. Eine Schildkrötpuppe mit Augen, die sich öffnen und schließen konnten. Obwohl meine Mutter viele Kleidchen dafür strickte und nähte, konnte ich keinen Gefallen daran finden.

Weihnachten 1958

Wird fortgesetzt

Kleiner Rückblick – Kindheit

Teil 5

Zwei Jahre vergingen, und ich besuchte für kurze Zeit den Kindergarten, in dem Ellen, Mutters Freundin, Kindergärtnerin war. Täglich ging ich in der Frühe dorthin, mit einem roten Ledertäschchen für das Frühstücksbrot um den Hals. Anfangs zeigte mir meine Mutter den Weg. Danach musste ich allein gehen. Das war ein richtiges Abenteuer, denn auf der Straße liefen die riesigen Schäferhunde noch frei herum, vor denen ich mich sehr fürchtete. Überall lagen ihre Kothaufen, und ich hatte Mühe, nicht hinein zu treten. Ich lief vorbei an der Post, der kleinen Leihbücherei von Frau Lambach, dem Lädchen der Familie Engels, in dem es Milch, Käse und Eier zu kaufen gab, und bestaunte die alten Häuser, die immer noch riesige Einschusslöcher aus der Kriegszeit aufwiesen.

Dort, wo sich heute Haus an Haus reiht, luden damals große, freie Flächen mit Wildwuchs und altem Baumbestand zum Spielen ein. Leider vertrödelte ich oft die Zeit, und einmal bin ich gar nicht nach Hause gegangen, um dort zu spielen. Das löste bei Ellen und meiner Mutter eine richtige Panik aus. Doch ich ging nicht verloren.

In diesem Kindergarten blieb ich einen Sommer und einen Winter lang. Noch heute habe ich alles dort in Erinnerung: die langen, roten Holzbänke, die bei schönem Wetter nach draußen getragen wurden, die Schaukeln und Spiele. Alles war unbetoniert, keine bezwungene Natur.

„Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?“, war eines der Spiele, oder „Fischer, Fischer, wie tief ist das Wasser?“

Drinnen spielten wir mit Plastikblümchen, die sich zu Armbändern aneinanderreihen ließen, oder wir malten und bastelten den ganzen Vormittag. Es war eine schöne Zeit. Doch nichts Schönes hält ewig.

Als meine Mutter feststellte, dass sie wieder schwanger ist, fehlte das Geld an allen Ecken und Enden – auch für den Kindergarten. Fortan musste ich zu Hause bleiben, und im darauffolgenden Sommer kam mein Bruder zur Welt.

So vieles hatte sich seit seiner Geburt in meiner kleinen Welt verändert. Ich dachte daran zurück, wie der Vater oft mit mir zur „Ting-Ting“-Oma gefahren war. Das tat er nun nicht mehr. Ich sei zu groß fürs Rad, hatte er gemeint. Die Essenberger Oma hatte diesen Spitznamen von mir bekommen, weil ich jedes Mal die Klingel am Fahrrad des Vaters betätigen durfte, wenn er damit zu seiner Mutter gefahren ist. Dann hatte ich stets mitgedurft.

Als Dreijährige wurde ich vorn am Lenker, in den schwarz lackierten Kindersitz des väterlichen Fahrrades gesetzt, wo ich die schönste Aussicht hatte. Dann war Vater mit mir zur Oma Nummer zwei gefahren. Es ging die steile Abfahrt die Bruchstraße hinunter. Von dort fuhr er direkt in das Essenberger Bruch hinein, um Kettensalat für die Kaninchen zu holen, die hinter dem Anbau des Hauses in ihren selbstgebauten Holzställen saßen, oder weiter zur Oma.

Meine Eltern und Oma in Essenberg

Überall hatte mir der Bruder das alte Platzrecht streitig gemacht. Deshalb blieb ich bei den Großeltern zu Hause. Ich hörte lieber Omas Geschichten von Ostpreußen und bestaunte die vielen Dinge in ihren Schubladen und Schränken. Auch ihre Ermahnungen hielten mich nicht davon ab, dort alles gründlich zu untersuchen. Doch selbst die geduldige Oma musste bisweilen ein deutliches „Geh da nicht dran!“ aussprechen, was sich im ostpreußischen Dialekt allerdings eher lustig anhörte und wie „je da nich drran“ klang.

mit meiner Lieblingsoma bei uns Zuhause

Von besonderem Interesse waren Perlenkette und Goldschmuck, aber auch Lippenstift und Parfüm im Schlafzimmer. All diese Schätze wurden in Schalen und Behältnissen aus Kristallglas aufbewahrt, und manchmal kehrte ich, von einer Lavendelwolke umgeben, zur Oma ins Wohnzimmer zurück. Diese rümpfte die Nase und schaute sich den Flakon „Uralt Lavendel“ genauer an, der sichtlich an wertvollem Inhalt verloren hatte. Was folgte, war ein striktes Schlafzimmerverbot. Nur noch in Begleitung war mir das Betreten erlaubt, doch manchmal bekam ich einen winzigen Tropfen Parfüm, als Trosttröpfchen von Oma, hinter die Ohren geschmiert.

Fasziniert war ich von der großen, schwarzen Wanduhr, die ihr gleichmäßiges Tick-Tack, tagein, tagaus, von der Wohnzimmerwand in die Wohnung streute. Halbstündlich und stündlich wurde das Geläut in Gang gesetzt. Die Uhr, die eine Anschaffung aus den 20er-Jahren war, wurde von Oma wie ein wertvolles Heiligtum bewacht. Nur sie hatte das Privileg, die Uhr mit einem großen Schlüssel aufzuziehen.

Immer wieder erschien das tickende Etwas in meinen Träumen, vermittelte aber jedes Mal den Eindruck, etwas Dunkles, Unheilvolles zu sein. Einmal sah ich, wie Rabenvögel aus ihr herausflogen und sich im Wohnraum verteilten. Die Uhr war für mich in späteren Jahren das Zeichen für die ablaufende Lebenszeit. Jeder Stillstand wirkte beunruhigend auf mich, denn er erinnerte an den Tod. Die Uhr ist das einzige Erbstück von Oma. Heute hängt sie an meiner Wohnzimmerwand und bringt mit jedem Tick-Tack Erinnerungen zurück.

Ich hatte als Kleinkind niemals damit aufgehört, am Daumen zu lutschen. Nach der Geburt des Bruders steigerte es sich bis ins Extreme und war so schlimm, dass das rohe Fleisch bis auf den Knochen zerbissen war. Der Kinderarzt verordnete übel schmeckende Salben und das nächtliche Handschuhtragen, was jedoch nichts bewirkte. Bis zum zwölften Lebensjahr sollte diese Unart anhalten und konnte auch nicht durch die Geschichte des Daumenlutschers im „Struwwelpeter“ vereitelt werden. Diese, von meiner Oma oft vorgelesene Geschichte des „Conrad“, dem aufgrund des Daumenlutschens beide Daumen abgeschnitten wurden, faszinierte und ängstigte mich in gleicher Weise wie die Geschichte „des bitterbösen Friederich“, bei dem die Vergleiche mit meinem Vater nicht ausblieben.

An fast jedem Tag wurde dieses Buch hervorgeholt, und bereits mit vier Jahren war es mir möglich, selbst darin zu lesen. Genauso anziehend wirkten Omas uralte Schulbücher aus Ostpreußen auf mich, und obwohl ich noch nicht alles Geschriebene verstand, ließ ich mir täglich neue Geschichten von Oma vorlesen. Zusätzlich verschlang ich Mickey-Mouse-Hefte, die wie ein kostbarer Schatz in einem kleinen Koffer unter dem Sofa verwahrt wurden. Bei meiner Einschulung in die Volksschule konnte ich schon gute Lesekenntnisse vorweisen, was meinen Klassenlehrer veranlasste, mich zum Vorlesen mit in die oberen Klassen zu nehmen.

Einschulung mit 5 Jahren 1958

Wird fortgesetzt

Kleiner Rückblick – Kindheit

Teil 4

Zur gleichen Zeit stellte der Hausarzt bei meiner Mutter eine neue Schwangerschaft fest, was meine Großeltern dazu bewog, nach der Geburt des neuen Erdenbürgers, nach oben, in die erste Etage, zu ziehen, um den jungen Eltern mit den Kindern die größere Wohnung zu überlassen. Doch bis Oma dazu bereit war, bedurfte es wieder einiger Überzeugungskraft.

Als mein Bruder Gerald im Juli 1958 geboren wurde, war mein Vater natürlich glücklich und erleichtert gewesen. Endlich war der ersehnte Stammhalter da! Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen – jetzt musste und durfte es genug sein. Kein weiteres Kind sollte hinzukommen. Die Familiengröße entsprach genau den gesellschaftlichen Vorstellungen einer modernen Nachkriegsfamilie.

In der ersten Zeit wurden wir beide im elterlichen Schlafzimmer untergebracht. Mein Klappbett stand links an der Wand; das weiß lackierte Gitterbettchen meines Bruders wurde auf die gegenüberliegende Seite gestellt. So durchlebte man das erste Halbjahr auf engstem Raum, was meinen Vater aggressiv und übel gelaunt machte.

Ich fühlte mich immer mehr vernachlässigt und tat meine Eifersucht in eigenartigsten Verhaltensauffälligkeiten kund. Um meinen Bruder in Misskredit zu bringen, legte ich ihm eines Mittags mein auf der Toilette fabriziertes „Geschäft“ ins Bett, was meine Mutter fassungslos ihrem Mann berichtete. Der prügelte mit seiner aufgestauten Wut auf mich ein, bis ich mich wimmernd in die hinterste Zimmerecke verkroch, aus Angst, noch weitere Schläge aushalten zu müssen. Doch die waren mir immer noch lieber, als gar keine Aufmerksamkeit zu bekommen.

Von Stund an fürchtete ich mich noch mehr vor dem Vater. In meinen Augen war er der Alleskaputtmacher, der Wegwerfer, der gefühllose Grobian, der „bitterböse Friederich“ – ganz im Gegensatz zum Opa, der alles reparierte, neu pflanzte und jede noch so kleine Schraube sammelte und liebevoll in seiner Werkstatt aufhob. Alle Fragen, die man als kleines Mädchen auf den Lippen hatte, stellte ich den Großeltern, niemals meinem Vater. Wenn ich etwas haben oder länger aufbleiben wollte und meine Mutter darum bat, schickte sie mich meistens zu ihm.

„Frag deinen Vater!“, sagte sie dann immer, um mich loszuwerden, aber die Angst, ihn zu fragen, war zu groß. Dann verzichtete ich lieber.

Ich bekam mit, wie die Oma über den Vater schimpfte: „Der macht doch alles kaputt!“, murrte sie immer wieder und nahm auch kein Blatt vor den Mund, wenn ich im Raum war.

Seit der Geburt des Bruders schien ich für die Eltern nicht mehr vorhanden zu sein. Nur wenn es etwas zu tadeln gab, erinnerte sich der Vater an mich. Nach dem Aufstehen musste ich mein Klappbett richten. Als mein Vater über mein langsames Verhalten wütend war, schob er selbst mit aller Wucht das Bett hoch und klemmte mir dadurch meine Hand ein. Es tat höllisch weh, aber ich sagte keinen Ton.

„Du unnützes Ding!“, schimpfte er dann mit mir. Nach der Schelte oder gar Ohrfeige „verschwand“ ich wieder vor seinen Augen, bis zum nächsten Mal. Und dieses nächste Mal kam bestimmt, da konnte ich mich anstrengen, wie ich wollte. Mein „Papi“ wurde alsdann zum dunklen Schatten, der immer dann auftauchte und strafte, wenn ich es nicht erwartete.

Plötzlich gab es keine Kosenamen von den Eltern mehr für mich. Fortan bekam ich ganz andere Dinge zu hören. Für meinen Vater war ich „das Blag“, das nichts taugte.

Einmal wollte ich mit den Eltern sonntags zum Onkel fahren. Ich war in meinem besten Kleidchen, mit weißen Kniestrümpfen und schwarzen Lackschuhen, noch einmal in den geliebten Garten geeilt, weil die Eltern bislang nicht fertig waren. Als ich vor der Ligusterhecke stand, flog eine große Amsel erschreckt aus ihrem Nest und stieß sich mit den schmutzigen Füßen an meinem Kleidchen ab. Oh je! Wie sollte ich das Vater erklären? Ängstlich ging ich zurück ins Haus und erwartete, dass man mir meine Geschichte glaubte. Doch das taten die Eltern nicht. Sie schimpften über das beschmutzte Kleid, und Vater holte mit der Hand aus und schlug mir mitten ins Gesicht.

„Für die Lüge!“, sagte er. Ich stand fassungslos da und weinte über die Ungerechtigkeit. Ich hatte doch nur die Wahrheit gesagt! Fortan schwieg ich lieber. Vater hasste meine Tränen. So sehr ich mich auch bemühte, sie zurückzuhalten, ich konnte nicht aufhören zu weinen. Dann schlug er mich jedes Mal noch mehr.

Schon im Kinderwagen hatte er das getan. Zwei Jahre lang hatte meine Mutter nach ihrer Heirat darauf gewartet, in guter Hoffnung zu sein. Erst eine Luftveränderung brachte den ersehnten Erfolg. Im April 1953 kam ich zur Welt, an einem Montag. Die Hoffnung meines Vaters, einen Stammhalter in den Armen halten zu können, hatte sich nicht erfüllt. Stattdessen hatte ihm die Hebamme ein kleines, schreiendes Mädchen entgegengehalten. Mit Mädchen wusste mein Vater nur wenig anzufangen.

Wie meine Mutter erzählte, entwickelte ich mich mit lautem Geschrei und forderte unmissverständlich die Aufmerksamkeit aller Mitbewohner des Hauses und der Nachbarschaft dazu. Wenn ich bei schönem Wetter in einem Kinderwagen aus cremefarbig lackiertem Korbgeflecht, der im Hof unter dem Birnbaum stand, unruhig wurde, wurden Fenster und Türen der Nachbarhäuser der Reihe nach geschlossen. Jedes Mal, wenn sich meine Mutter auf Zehenspitzen von dem hochmodernen Gefährt entfernt hatte und zurück ins Haus geschlichen war, begann wie auf Knopfdruck kurz darauf die Heulerei. Sie nahm erst dann wieder ein Ende, wenn ich zur nächsten Fütterung zurück ins Haus gebracht wurde.

Auf jeden Fall hatte ich mich der Nachbarschaft sehr eindringlich präsentiert, was anfangs dazu führte, dass die weiblichen Anwohner der Straße ins Haus kamen, um den Eltern zu gratulieren und den Schreihals mit „Och, ist die süß“ oder anderen beifälligen Bemerkungen gutzuheißen. Von Mutters Freundin Ellen, die nur zwei Häuser weiter rechts wohnte, bekam ich einen kleinen hölzernen Hund mit Messing-Plakette um den Hals geschenkt, der fortan auf dem Regal in der Küche einen Platz bekam und später in meinem Zimmer stehen durfte. Den Hund gibt es heute noch. Er steht auf der Fensterbank in meiner Küche. Die Messing-Plakette ist leider verloren gegangen.

Mit der Zeit wussten alle im näheren Umkreis meines Elternhauses, wer da schrie. „Vom Schreien bekommt sie kräftige Lungen“, hatte der Kinderarzt Dr. Dorsch meinen Eltern zur Beruhigung erklärt.

Wie schrecklich ich die Welt empfunden haben musste, konnte man nur ahnen, weil das Geschrei tage-, nächte-, und monatelang anhielt, ohne jemals leiser zu werden. Man konnte nur eins tun: dem Schreihals „den Mund stopfen“, was zur Folge hatte, dass ich zusehends rundlicher wurde und als Dreijährige kaum noch in die gängige Strumpfhosen-Größe hineinpasste.

Dem Vater muss ich von der ersten Minute an ‚ein Dorn im Auge‘ gewesen sein. Oft drosch er entnervt auf mich ein, um das Schreien abzustellen, doch alle Schläge schafften keine Abhilfe.

Er musste sich beherrschen, und meine Mutter ließ alles, was er tat, gehorsam, widerstandslos und schweigend geschehen, weil sich ihrer Ansicht nach, eine Frau dem Manne unterzuordnen hatte, auch wenn ihr die bibeltreue Mutter tagtäglich das Gegenteil vorlebte.

Das klägliche, fordernde, hilflose Geschrei des Säuglings konnte nicht abgestellt werden! Es gab kein Rezept, keinen Knopf, keinen Schalter. Das Geplärr brachte meine Eltern nicht nur um ihre wohlverdiente Nachtruhe und um die letzten Nerven, sondern störte auch in erheblichem Maße die Konzentrationsfähigkeit meines Vaters, die er für die Arbeiten an seiner Meisterprüfung dringend brauchte. Schlecht gelaunt und müde verbrachte er seine normalen Arbeitsstunden im Labor, und noch schlechter gelaunt kehrte er jeden Tag nach Hause zurück.

Umbringen konnte mich mein Vater jedenfalls nicht, wie seine Vorfahren es einst im Hunsrück mit unerwünschten Kindern getan hatten. Wie „Hänsel und Gretel“ hatte eine seiner Urgroßtanten zwei ihrer Kinder einfach in den Wald gebracht und getötet. Damals gab es keine Ankläger und keine Richter. Die Menschen waren bitterarm und konnten nicht alle Kinder ernähren, die sie zeugten. Aber das war lange her!

Als ich ein Jahr alt war, reiste meine Mutter mit mir nach Habel in die Rhön. Dorthin war sie gegen Kriegsende aus dem Arbeitsdienst vor den Russen geflohen und im Hause des Bürgermeisters aufgenommen worden. Ihm gehörte der größte Bauernhof des Dorfes. Seitdem war der Kontakt nicht abgebrochen. Damals nahm sie die beschwerliche Bahnreise auf sich, weil sie ihren Mann entlasten wollte und vielleicht auch zu meinem Schutz. Wie sie mir in späteren Jahren erzählte, hatte sie mit dem Gedanken gespielt, meinen Vater zu verlassen. Damals war das nicht so einfach gewesen wie heute. Deshalb rauften sie sich wieder zusammen, und meine Mutter verlor mit den Jahren nicht nur ihren eigenen Willen, sondern im Alter schließlich auch ihr Gedächtnis.

Als ich vier Jahre alt war, fuhren wir ein zweites Mal dorthin und auch in späteren Jahren immer wieder. Solange, bis mein Vater nicht mehr bereit war, in seinem Urlaub zu arbeiten, denn jeder musste dort mithelfen. Der paradiesisch gelegene Ort war ein Stückchen Himmel für mich. Ich habe die Zeit dort nie vergessen!

Das Dorf lag idyllisch, von Bergen und Feldern eingerahmt, am „Ende der Welt“. Es bestand aus ca. zwanzig Bauernhöfen, einer Kirche, einer Kneipe, einem Krämerladen und einer Dorfschule, in der alle gleichzeitig unterrichtet wurden. Ringsum unberührte Natur, Felder und Weiden, soweit das Auge reichte, grunzende, quiekende Schweine in den Ställen und glückliche Kühe auf den Weiden. Gänse watschelten durchs Dorf, dessen einzige Straße ganz und gar mit Kuhfladen bedeckt war.

Die Dorfgemeinschaft war sehr gastfreundlich. Ich durfte bei einem Bauern schlafen, der zwei Töchter im gleichen Alter hatte, und hielt mich den lieben, langen Tag bei den Tieren im Stall auf. Täglich durfte ich zusehen, wie die Kühe gemolken und in aller Herrgottsfrühe auf die Weide getrieben wurden. Wenn die Bäuerin die Schweine fütterte, roch der ganze Hof nach Kleie und Kartoffeln. Ich schaute ihr zu, wie sie zusammen mit anderen Dorffrauen den Teig für das runde Brot mit dem feinen Kümmelgeschmack zubereitete. Zum Backen stand ein großer, steinerner Ofen mitten im Dorf. In späteren Jahren fiel mir der Abschied jedes Mal sehr schwer. Ich mochte das Landleben viel lieber als die Stadt.

Nach einem Monat Aufenthalt mussten meine Mutter und ich damals nach Hause zurückkehren, wenn auch schweren Herzens.
 

Kleiner Rückblick – Kindheit

Teil 3

Beim Kartoffel setzen im Garten

Ja, Opa hatte es nicht leicht! Trotzdem sah man ihn niemals schlecht gelaunt. Er war immer freundlich, geduldig und hatte ein sonniges Gemüt. Als ich heranwuchs, genoss ich in seiner Obhut einen besonderen Schutz. Ich hielt mich gerne in seiner Nähe auf, weil er ganz das Gegenteil des autoritären Vaters war.

Mit dem Opa konnte ich spielen und lachen, ohne Ermahnungen und Schläge fürchten zu müssen. Von ihm ließ ich mich beschützen und tragen und die Natur erklären. Sobald er von der Arbeit nach Hause kam, lief ich zu ihm, um nach dem Essen mit ihm in den Garten zu gehen. Er zeigte mir, wie man Kartoffeln setzt und Bäume veredelt, Strauch- und Heckenschnitt, Saat und Ernte. Mit ihm zusammen ging ich auf Entdeckungsreise. Opa offenbarte mir, dass das „Männlein im Walde“ durchaus auch in der Hecke stehen konnte. Von den Hagebutten wurde Tee gekocht, man sammelte gemeinsam Kamille und Minze, Salbei und Bohnenkraut.

Ich schaute zu, wenn er die großen Stangen für die Bohnen richtete, und später, wie sich die Ranken ihren Weg bis an die Spitze bahnten. Es wurden Erbsen „gedöppt“, Sauerkirschen, „Wimmelchen“ (Johannisbeeren), Stachel- und Erdbeeren gepflückt, Rhabarberblatthüte getragen und die Stangen in Zucker getaucht gegessen. Bereits als Vierjährige stand ich mit einem Körbchen auf dem Acker, um die von Opa gegrabenen Erdlöcher mit Pflanzkartoffeln zu belegen, oder schaute in der alten Laube, inmitten herrlich duftender, roter Rosen, auf dem Boden oder unter Steinen nach Kellerasseln und Silberfischen.

Wenn ich die rot lackierte Holztüre des Hinterausgangs durchschritt, kam ich in „meine Welt“. Bei gutem Wetter tollte ich beim Ballspielen auf dem Hof herum oder schaukelte stundenlang dem Himmel entgegen. Dabei sah ich meinem Schatten zu, wie er sich bei jeder Auf- und Abbewegung an der Wand des Nachbarhauses hob und senkte.

Hinter dem Haus stand eine alte Bank, wo wir abends, nach getaner Arbeit, oft beisammensaßen. An lauen Sommerabenden konnte ich dort die Mückenschwärme tanzen sehen, oder ich lauschte dem Zirpen der Grillen.

Im Garten gab es viel Schönes zu entdecken. Wenn das Gepflanzte heranwuchs und mit ersten zartgrünen Blättchen die dunklen Erdschollen durchbrach, wurde das von mir mit dem größten Interesse beobachtet. Ebenso erregte jedes Getier meine Aufmerksamkeit. Ob es nun Spinnen, Käfer, Heuschrecken, Raupen oder Schmetterlinge waren: Jedes Krabbeltier wurde genauestens beschaut und bestaunt, in Behälter gesammelt und hinterher wieder freigelassen. Besonders Katzen machten mir damals schon große Freude. Sie wurden angelockt und gestreichelt, sobald sie unseren Garten oder den Hof durchquerten.

Jeden Herbst verbrannte Opa Strauchwerk und Kartoffelkraut auf den abgeernteten Äckern, und wir aßen in der Glut gegarte Kartoffeln, die herrlich schmeckten.

Die geernteten Kartoffeln wurden im Hof ausgebreitet, damit sie trocknen konnten, bevor sie eingekellert wurden. Von den winzig kleinen machte Oma die leckersten Bratkartoffeln, und da mir ihr Essen viel besser schmeckte als das meiner Mutter, schlug ich mir fast täglich den Bauch damit voll.

Bei Oma kamen köstliche Dinge auf den Tisch. Ihr eingepökeltes Fleisch war so zart, wie ich es nie wieder gegessen habe, und ihre Pfannkuchen, die sie oft für uns Kinder zubereitete, waren, neben ihren selbst gemachten grünen Klößen mit Mehlschwitze und „Spirkel“ (dicke Rippchen), ein Gedicht.

Zu Beginn des Frühjahrs musste Opa die Grube unter dem hölzernen Klo und die Mistkuhle im Garten entleeren, die mit Küchenabfällen gefüllt war. Dann wurde der Inhalt mit einem Eimer, der an einer langen, hölzernen Stange befestigt war, als Dünger in die Kartoffelacker im Garten eingebracht. In dieser Zeit lag über Hof und Garten ein bestialischer Gestank. Wege und Beete waren mit gelblich-braunen Flecken überzogen, vereinzelt konnte man sogar noch einige Zeitungsfetzen ausmachen, und man mied nach Möglichkeit für eine Weile diesen Ort.

Wo es während des Krieges und danach nur diese Toilette gegeben hatte, die ihre Funktion noch lange Jahre beibehielt, baute mein Vater Anfang der 50er Jahre ein Badezimmer in die Küche der Schwiegereltern ein. Dazu wurden neue Leitungen gelegt und Wände gesetzt, jedoch ohne Genehmigung der Baubehörden. Da eine Toilette mitten in der Küche weder den Hygiene- noch den Bauvorschriften entsprach, musste das Machwerk, nach behördlicher Anordnung, ein Jahrzehnt später wieder abgerissen werden.

Oma beobachtete missmutig die Aktivitäten ihres Schwiegersohnes, der seit seinem Einzug damit begonnen hatte, gewisse Dinge in Haus und Hof zu modernisieren und Überflüssiges zu entfernen.

Der riesige Birnbaum mitten im Hof hatte den letzten Krieg überstanden und war auch durch einen direkten Bombeneinschlag im Anbau des Hauses nicht zerstört worden. Aber er musste weg, denn er versperrte nicht nur die Sicht, sondern saß im Sommer voller Insekten. Im Herbst lag das Fallobst faul im Hof herum, wo es Schwärme von Wespen anzog. Zu gefährlich für mich, weil sich unter dem Baum meine Schaukel und ein Sandkasten befanden.

Einzige Gegnerin dieser Pläne war natürlich Oma, denn sie musste sich für immer von ihren in Essig-Zuckerwasser mit Gewürznelken eingemachten Birnen verabschieden, die neben selbstgemachtem Apfelmus, im Sommer geernteten Sauerkirschen und anderen eingekochten Köstlichkeiten das ganze Jahr über in den Kellerregalen standen.

Nachdem die Pläne jahrelang aufgrund des schwiegermütterlichen Widerstandes zurückgestellt worden waren, hatte ich bereits das fünfte Lebensjahr erreicht, als mein Vater sich endlich durchsetzte. Oma murrte, ließ ihn jedoch diesmal gewähren. Ganz allein fällte er zu Beginn des Frühjahrs den alten, riesigen Baum und verarbeitete ihn nach und nach zu Brennholz.

Oma hatte schon auf vieles verzichten müssen, das ihr wert und teuer gewesen war, wie zum Beispiel auf ihre Hühner und Enten. Anstelle eines Hundes hatte viele Jahre lang ein Ganter darauf aufgepasst, dass kein Fremder den Hof betrat. Ein „stinkender Köter“, wie sie sagte, kam ihr nicht ins Haus, denn sie mochte Hunde überhaupt nicht.

Einen besonderen Widerwillen hatte sie gegen Ferdinands Schäferhund, der während der Besuche immer unter dem Tisch lag und nur darauf wartete, dass sich jemand bewegte. Dann begann er sofort das Knurren und Zähnefletschen und konnte nur mit Mühe von Ferdi beruhigt werden. Ich fürchtete mich sehr vor dem langhaarigen, bissigen Gesellen, was zur Folge hatte, dass ich Hunden aus dem Weg ging, wo immer ich es konnte.

Als der Gänserich das Zeitliche gesegnet hatte, musste Anfang der 50er Jahre durch die Initiative meines Vaters auch der Hühnerstall und der Ententeich weichen. Das war das Aus für die täglich frischen Eier, und es nahm meiner Oma schließlich auch ein kleines Stück Heimat, die in ihr durch die Erinnerungen an den elterlichen Bauernhof in Ostpreußen lebendig blieb.

Was zunehmend wie eine gesteigerte Zerstörungswut aussah und von Oma auch so gedeutet wurde, sollte am Hausprojekt in eine lebenslange, ehrgeizige Sanierungs- und Erhaltungsarbeit übergehen. Dafür investierte mein Vater nicht nur alles Geld, sondern auch alle seine Kräfte.

Auch Opa hatte zuvor schon Pionierarbeit am Bau geleistet und neue Stromkabel und Wasserrohre verlegt. Wenn man nun im Wohnraum den Lichtschalter betätigte, gingen die Lampen im Schlafzimmer an, was natürlich so nicht gewollt war.

Durch die Detonation einer Bombe im Nachbarhaus gegen Ende des Zweiten Weltkrieges war ein Teil der Zimmerdecke des Wohnraumes eingestürzt. Opa hatte sie nur notdürftig flicken können, weil ihm zum damaligen Zeitpunkt die dafür erforderlichen Baustoffe fehlten. Das hatte zur Folge gehabt, dass sich Anfang der 50er Jahre über dem Sofa erneut ein riesiger Deckenriss gebildet hatte, was kurze Zeit später einen weiteren Einsturz nach sich zog. Da es mittlerweile wieder alle Materialien zu kaufen gab, wurde 1957 die gesamte Decke neu eingezogen.

Wird fortgesetzt

Neues Leben

Aquarell von Sulamith Wülfing 1901-1989

Auf einmal bist du da,
so fremd auf dieser Welt.
Gefangen – körpernah,
vom Daseinsschmerz gequält.

Dein Blick ins Weltenreich
trifft unbekanntes Land.
Die Heimat, unerreicht,
dein Geist in Gotteshand.

Ein Ruf erging an dich,
mit Schmerz bist du erwacht.
So unabänderlich
folgst du, bis es vollbracht.

Die Jahre gehn dahin,
du lernst und übst Verzicht.
Fühlst manchen leeren Blick,
den Schlag in dein Gesicht.

Das Böse in dir selbst,
lehrt andere verstehen.
So kannst du unbetrübt
in die Vergebung gehen.

Und jeder Augenblick
bringt dich an eine Wende,
verwandelt dein Geschick;
stets ist dein Weg zu Ende.

Erkenne und erwähle
der Gottheit reiches Geben.
Bild‘, wanderfrohe Seele,
das Kunstwerk deines Lebens.