Der schöne Sommer

Otto Pippel (1868-1960)

Der schöne Sommer ging von hinnen,
der Herbst, der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
so manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
mit kunstgeübtem Hinterbein
ganz allerliebste Elfenschleier
als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
dem Winde sie zum leichten Spiel,
die ziehen sanft dahin und schweben
ans unbewusst bestimmte Ziel.

Wilhelm Busch (1832-1908)

Der Weg

Ferdinand Hodler 1953-1918 – Der Aufstieg

Es ist der Weg jedes Wesens ein anderer und dennoch der gleiche, denn jedes Wesen ist auf dem Weg und muss die Verwandlungen durchschreiten und aus ihnen lernen und an ihnen reifen.

Ihr wisst nicht, welcher Mensch im Aufstieg begriffen ist, denn Ihr seht ihn auf dem Standpunkt nur, den er jetzt innehat, und wisst nicht, woher er kommt. Ihr nennt den einen hoch, den anderen niedrig, und dennoch kann der, den Ihr auf der Höhe stehen seht, im Abstieg und der, den Ihr niedrig nennt, im Aufstieg begriffen sein.

Seinen Weg muss jeder von dem Standort, auf dem er sich findet, fortsetzen. So ist der, den Ihr auf flachem Felde stehen seht und wegen seines Tiefstandes verachtet, vielleicht eben erst einem Abgrund entstiegen; so gönnt ihm die Rast und das Atemholen auf dem flachen Felde der Alltäglichkeit.

Und wer im Tal sich fand, als das neue Erdenleben ihn zu neuer Bewusstheit und zu neuem Handeln rief, er kann in diesem Leben den nächsten, sacht bergan steigenden Hügel nur erklimmen, nicht mehr. Aber hat er nicht vielleicht mehr damit getan als einer, der am Bergeskamm sich ergeht, den freien, weiten Blick genießend, der Niederungen, in denen andere sich abmühen, nicht achtend und den Weg, der ihm bereitet ist, nicht erkennend, weil sein Blick der Freiheit gewohnt und der Weite schon teilhaftig wurde und die Sehnsucht nach dem nächsten hohen Berg nicht so qualvoll in ihm drängt wie die Sehnsucht, die die Menschen in der Niederung viele vergebliche und falsche Befreiungsversuche machen lässt?

Jede neue errungene Stufe, mag sie dem Höherstehenden auch tief erscheinen, sehen wir mit Freude, und wir stützen jenen, der tief steht, denn alle werden einmal am Ziel stehen.

<Ephides>

Biografien

Alexandre Cabanel  1823 – 1889

Blasses Erinnern
an verfälschte Farben.
Vergangene Zeiten starben,
mit ihnen die Spuren
historischer Figuren;
farblos, verblasst durch die Zeit,
nur noch schwarz-weiß,
dünn und zaghaft die Striche;
 
so leis’ ist müde sie geschlichen,
hat alles mitgenommen
und ganz verschwommen
sind manche Biografien
einem Schattenriss gewichen;
 
die einst so großen Weltfiguren,
abgebildet mit zerflossenen Konturen,
wässrig und durchscheinend,
in trüber Transparenz,
erscheinen wie ein falsches Gold,
das niemals hat geglänzt.
 

Goethe und Schiller

Denkmal in Weimar – Foto: Gisela Seidel

Noch stehen wir vereint am alten Orte,
getragen nur vom grün bemoosten Stein,
 
uns zum Gedächtnis, letzte Dankesworte;
Grünspan der Zeit dringt in die Hülle ein.
 
Erinnerung weckt Seelenschmerz in mir,
denn Fremde gehn durch unsre alten Gassen,
 
Dein trautes Bildnis ist des alten Stadtkerns Zier,
ich wandle einsam hier durch unsre Straßen.
 
Wir waren Zeitgenossen vor zweihundert Jahren,
dichtend und denkend war das Gut, das uns geziert,
 
nicht immer haben Zuspruch wir erfahren,
doch blieben wir im Schaffen unsrer Werke unbeirrt.
 
Wir kämpften unsren Lebenskampf mit Worten,
die Schlacht verloren wir, doch nicht den ganzen Krieg,
 
stehn wir gemeinsam an den Himmelspforten,
dann haben wir die Ewigkeit besiegt.
 

Ich will du sein

von Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Interpret: Ben Becker

Text:

Ich will leise Träume träumen
Und mit ihrem Glanz wie mit Ranken meine Stube schmücken zum Empfang
Ich will den Segen Deiner Hände auf meinen Händen und meinem Haar in meine Nacht mitnehmen
Ich will nicht zu den Menschen reden
Damit ich den Nachklang Deiner Worte
(der wie ein Schmelz über den meinen zittert und ihren Klang reich macht)
Nicht verschwende und ich will nach der Abendsonne in kein Licht mehr sehen
Um am Feuer Deiner Augen tausend leise Opfer zu entzünden…
Ich will aufgehen in Dir
Wie das Kindergebet im lauten jauchzenden Morgen
Wie die Rakete bei den einsamsten Sternen
Ich will Du sein

Traurige Seele

Bildausschnitt „Das große Erwachen“ – Herbert Gustave Schmalz , bekannt als Herbert Carmichael nach 1918 (1856-1935)

Traurige Seele, wie bist du erwacht?
Scheint doch der Tag noch so trübe.
Gedanken haben zum Schlafen gebracht,
was doch des Lebens längst müde.

Der Morgen ist kühl, der Kaffee schmeckt lau.
Der Blick auf die Uhr bringt ein Schaudern.
Draußen ist Kälte, so nebelgrau.
Höre im Traum noch mein Plaudern.

Kein Mensch ist hier; bin immer allein.
Im Albtraum sind viele Gestalten.
Für das, was mir alltags fehlt, daheim,
muss ich wohl dunkle Träume erhalten.

Wurde erschossen, mit zwei Kugeln gar;
lag auf dem Bett…Hirngespinste.
Ein Mann mit Pistole war noch da.
Ich starrte ihn an, er grinste.

Dann lief ich auf unserer Straße umher,
still, die Vergangenheit suchend.
Da war nichts, nur Fremdheit und Verkehr.
Ich wachte auf, leise fluchend.

Wie gerne wäre ich dort geblieben,
mit Fetzen aus Taggedanken!
Meine Zeit hier ist doch nur geliehen,
meine Seele im längst Vergang’nen.

Die Katzen haben mir Püppchen gebracht,
sie möchten Frühstück bekommen.
Ich fülle die Schalen – es ist noch Nacht.
Wandle still in den Tag, wie benommen.

Corona Leugner

Dämonen Heer des Todes – Maler unbekannt (unsigniert)

Ich hatte mich schon mal hier ausgelassen,
über die Kleingeister aller Altersklassen,
ganz gleich welcher Couleur und Herkunft
scheinen sie allesamt teuflisch verdummt.

Sie schreien den Einfältigen hinterher;
Verstand scheint fort… da ist keiner mehr.
Wo man bisher Intelligenz vermutete,
schoss Vakuum ins Hirn und flutete
die letzte menschliche Regung hinaus.
Jetzt schreien sie laut ihren Blödsinn heraus.
Infizieren die von Dämonen verzerrte
Wahrheit und geben den Massen verkehrte.

Sie wissen nicht, wie es ist, an Schläuchen zu liegen,
dass Vorsorge hilft, gegen den Virus zu siegen.
Die Leugner, die Lügner und irre Geführten,
die Krankheitsgefahren ignorieren,

die Dummen, die sich wichtigmachen,
über das Maske tragen anderer lachen.
Die ihren Kleingeist dazu benutzen,
um medizinischen Ratschlag zu stutzen.
Die selbst mit Kindern auf Demos gehen
und helfen, den Karren der AfD zu ziehen.

Besessen sein von fremden Gedanken,
bringt jede Demokratie ins Schwanken.
Corona leugnen ist der Beginn,
treibt unsere Wirtschaft in den Ruin.

Wissen die eigentlich was sie da hetzen,
bewusst and‘re dem frühen Tod aussetzen?!
Die Wirtschaft fahren sie an die Wand,
durch Urlaubsreisen in fernes Land.
Haben den Virus im Reisegepäck.
Ist alles nur Spaß, die Gesellschaft ein Dreck!

Und sie wissen nicht was sie tun…oder doch?!
Der Schlund zur Hölle ist ein Erdenloch!

Unnahbarer

Ludwig II. – Schloss Neuschwanstein

Unnahbarer,
wie du dich sträubst und windest,
und dennoch wieder findest
deiner Seele Sehnen,
im flüchtigen Moment, sekundenlang,
in unerkannten Blicksekunden,
hast du dein scheues Ich verbunden
mit längst vergess’nen Tönen.

Du hörst die Harmonie
und schreckst vor diesem Klang,
der in dein Ohr dringt
und dir ‚Nähe’ haucht,
du willst nicht,
dass sich die Distanz verbraucht,
und deine Seele taucht,
so ängstlich, zukunftsbang.

Flüchtiges

Foto: Gisela Seidel

Ich schau zum Himmel…
wie das Wolkenband entschwebt,
so, wie die Zeit entgleitet,
und die Gedanken suchen
ihren Weg zu dir,
fern bist du mir, so, wie die Schäfchen
dort am Firmament.

Ich trage dich
in meinem müden Herzen,
wie ein Beben,
das mich erweckt und fühlend macht,
im Schmerz.
Der Tag vergeht,
so, wie das Wolkenband entschwebte,
doch du bliebst fern mir.

Oh, so dunkel wird die Nacht!
Die langen Stunden waren voller Schweigen,
gefüllt mit Sehnsucht bin ich,
wie ein Schwamm, mit Bitterkeit.
Ich resigniere an der Welt, am Leben,
wo ich die Liebe suchte,
fand ich Leid.