Logik

Der Alchemist – Carl Spitzweg 1808-1885

Es galt mit Logik alle Dinge zu ergründen,
wonach die Seele suchend aufbegehrt,
 
mit menschlichem Verstand zu finden,
was unsren Blicken schleierhaft verwehrt.
 
Es streiten wieder sich die Fakultäten
und werden niemals Frieden geben,
 
wenn Wissenschaft und Universitäten
erforschen unser menschlich’ Leben.
 
So unbegreiflich wie die Ewigkeit des Seins,
die keinen Anfang und kein Ende kennt,
 
verbirgt die trügerische Welt des Scheins,
die wahre Sicht der Dinge vehement.
 
Des Lebens Kern verdecken Macht und Gier,
ethisch vollkommen, göttlich war der Sinn;
 
wenn nicht Moral und Tugend sind der Menschen Zier,
schwindet Respekt vor aller Schöpfung ganz dahin.
 

Beschattete Ruinen

Jean-Léon Gérôme  1824 – 1904

Die alten Steine, sie sind längst zerfallen,
Ruinen bleiben – Zeugen ferner Zeit,
und in den teils versunk’nen Säulenhallen
durchbraust der Wind die graue Brüchigkeit.
 
So viele Menschen sind des Weg’s gegangen,
erfühlten nicht die Geister der Epochen,
als Zaubersprüche diesen Ort verbannten
und dunkle Ängste durch die Räume krochen.
 
Des Erdendaseins abgelöste Schatten
verweilen immer noch in den Palästen,
sie tanzen nächtelang auf den Rabatten,
die Totenvögel rufen laut zu ihren Festen.
 
Die Ewiglichen der vergang’nen Zeiten,
der mediale Mensch erfühlt die Kraft;
das Wissen schafft den alten Eingeweihten
manch’ unsichtbare dunkle Macht.

Orakel

Emil Dörstling 1859-1940 – Kant und seine Tischgenossen


Ein Teil des ew’gen Geistes Licht zu sein
und hier im Kreise der gelehrten, alten Runde,
mit Worten dringen durch des Schleiers Schein,
zu stärken euch in tiefstem Seelengrunde,
 
dies sei zu eurer Freude unser tägliches Bestreben,
fragt nicht die Wissenschaft, wenn ihr nach Wahrheit sucht,
wir sind es, die euch hier die Antwort geben,
liegt doch im Jenseits des Orakels Lösungsspruch.
 
Es gilt ein Zauberwort, das Nächstenliebe heißt,
für alle Zeit im Herzen dieser Welt zu integrieren,
nur wer die Existenz des Nächsten preist,
wird Gottes Sinn in den Alltäglichkeiten spüren.
 
Wer alles Leben ehrt, ehrt auch die Göttlichkeit,
drum seid bestrebt den rechten Weg zu gehen,
entfernt euch von der Oberflächlichkeit,
mildert mit Liebe euer Zeitgeschehen.
 
Schützt die Natur, die Schatzkammern der Erde,
begegnet voll Respekt der Schöpfung allen Lebens,
verteilt gerecht, dass endlich Frieden werde;
des Nächsten Last zu mildern, das sei euer Streben.

Traumbilder

Quelle: Wikipedia – Hexengang in Osnabrück

Ein Engel streifte nachts mein Haar,
streute mir Traumgesichte in den Sinn.
Betört und friedvoll lag ich anfangs da
und folgte meines Traumes Anbeginn:

Ich sah entlang des Stadttors dunkle Mauern
und an dem schwarzen Turme Fackelfeuer.
Mich trieb die tiefe Welle des Bedauerns,
als ich vernahm, das klagende Gemäuer.

Es schien, als drängten Tränen durch die Ritzen,
sie liefen auf den dunklen Grund hernieder
und bildeten in salzig, kleinen Pfützen
die Münder, weinend, mir als Bilder wieder.

War all der vielen Unsichtbaren Trauer,
die man gequält, entmenschlicht, umgebracht.
Die hinter heren, alten Kirchenmauern
erlagen Folterungen dunkler Macht.

Ich hörte Schreie von den längst Verbrannten,
sah Höllenfeuer unter ihren Füßen.
Be-Geisterung bei ihren Art-Verwandten,
die Gaffer, die noch Lebenszeit verbüßten.

Vernahm das dumme Volk in dichten Schleiern,
ein schwarzer Vorhang deckte ihr Gesicht.
Sah sie im Hier und Jetzt und damals feiern –
Vergangenheit entband im neuen Licht.

Noch immer gibt es üble ‚Weltenlenker‘,
die Staatsgewalt als gottgegeben präsentieren.
Die sich durch Religion bigotter Denker
zu teuflischen Armeen formieren.

Der Engel ist längst fortgegangen.
Mit ihm verging mein Traum; ich bin erwacht.
Die Welt ist alt und neu das menschliche Verlangen,
doch hat es Unbewusstes klar gemacht?

Ist Böses nicht schon immer bös gewesen?
„Du sollst nicht töten“, unsere größte Pflicht?
Die Welt wird nicht am Leid genesen,
egal ob Priester oder Führer spricht!

Unschuld

William-Adolphe Bouguereau  1825-1905

Unschuldige Augen, leerer Blick,
Spiel mit dem Tod wirft Seelenschatten.
Zerstörung ist ihrer Väter Geschick,
kennen nur die Geborgenheit durch Waffen.
 
Wunde Seelen und zerbrochene Herzen,
schrei’n nach Vergeltung und Sühne;
Zeit heilt Wunden, doch nie die Seelenschmerzen
bei den Kindern der irdischen Bühne.
 
Seh’n eine Welt voll Zerstörung und Hass,
fühlen Verzweiflung und Angst.
Befolgen gehorsam der Alten Erlass,
ihre Kindheit vergessen sie ganz.
 
Eine Seele, die niemals die Leichtigkeit sah,
nur den Krieg und das Spiel mit Patronen,
die nimmt ihr Sein nur als Werkzeug wahr,
wird Kanonenfutter für die Nationen.

Weltkinder

William Adolphe Bouguereau 1825-1905

Sind so verletzlich, tief in ihren Seelen,
schauen vertrauensvoll in diese Welt hinein,
geh’n auf die Erde in ein neues Leben,
wollen geschenkte Gottesliebe sein.
 
Wachsen mit den Alltäglichkeiten
und seh’n uns oft mit feuchten Augen, fragend an:
Wie kann es sein, dass noch in unsren Zeiten,
ein weißes Lächeln mehr zählt, als das schwarze nebenan?
 
Der Himmel segnet alle Menschenkinder,
gleich welcher Farbe, welcher Tradition.
Die Kinder sind die neuen Weltengründer,
Gott lebt in jeder alten Religion.

Arm und reich

Jean-Léon Gérôme 1824-1904
CONDE, LOUIS III. DE BOURBON + LUDWIG XIV. VON FRANKREICH 1674

Den Glanz von einst, voll Sinneslust und prächtig,
trägt die Erinnerung mit Weh und tiefem Groll.
Wie gestern, sind auch heut’ die Reichen mächtig,
und blutend zahlt das Volk den bitt’ren Zoll.
 
Die Armut klafft aus offnen Weltenwunden,
die Qual des Hungers gräbt sich ein, voll Schmerz.
Auch heute liegt in trauertiefen Stunden,
manch’ sterbend Kind am stillen Mutterherz.
 
Man tanzt mit viel Glamour in Taft und Seide,
Champagner fließt und Kaviar wird serviert.
Da draußen, gar nicht weit im tristen Kleide,
wird eine trockne Scheibe Brot zum Mund geführt.
 
Verschwendung hier und anderswo das Darben;
wo Fülle doch für alle birgt die Welt.
Die Zeit legt auf die Wunden Wohlstandsnarben,
der Teufel dient alleine Macht und Geld.
 
Und was satanisch grinst aus den Gazetten,
ist, was Profitgier und die Politik serviert.
Die Armut wälzt sich angstvoll in den Betten
und Reichtum glänzt daneben, ungeniert.

Jean-Léon Gérôme 1824-1904

Vertraute Töne

Fischer im Mondschein – Sophus Jacobsen 1833-1912

Es tönt in uns wie ein vergessnes Lied:
die Stimme Gottes klingt vertraut
und unser Herz erblüht.
Es ist, als schreiten wir durchs milde Abendlicht,
vorbei an fremden Gärten, fremden Türen,
und plötzlich lauschen wir gespannt und spüren
die Stimme eines Engels, her geweht,
aus fernen Himmeln, wie der Mutter Singen,
so süß und weich wie einst.
Wir stehen still und lauschen.
Will sie uns bringen
Erinnerung aus unsrem Kinderreich?
Ist es ein wohl vertrauter Klang aus Vaters Haus?
Das Lied der Freude löscht die Fremdheit aus,
und wie durch Zauberhand
blüh’n Heimatblumen uns in fremden Gärten,
und fremde Sterne leuchten traulich, Licht an Licht,
wenn Deine Stimme, Gott, aus einem Menschen spricht.