Herbstzeit

Die müden Blätter fallen von den Zweigen
und auf den Straßen liegt das nasse Laub;
schwer, wie die Äste sich im Wind verneigen,
und Regen mischt sich mit dem Straßenstaub.
Von Ferne naht die Nacht mit dunklen Schatten,
und um die Häuserecke pfeift der Wind.
Ein braunes Blatt tanzt auf den Gehwegplatten;
die feuchte Luft macht Fensterscheiben blind.
Spinnweben schmücken sich, wenn Tropfen fallen –
der Regen zieht schon über Stadt und Land.
Mit vollen Zweigen die Kastanien prahlen,
stehn majestätisch dort am Straßenrand.
Hör’ fern vom Kirchturm her der Abendglocke Ton.
Ihr Klang ist anders, als an Sommertagen.
Die graue Stille ist des Herbstes Handwerkslohn –
bald kommt die Kälte, will das Läuten sagen.
Und oft in dieser finstren Totensonntags-Zeit,
lässt sich ein Lichtstrahl durch die kahlen Äste gleiten.
So wirst du Mensch – traf dich auch wehes Leid –
zu neuer Hoffnung über Gräber schreiten!
Amsterdam
von Wolf von Kalckreuth

Gleich stillen Farben auf erschlossnem Fächer
Eint sich der schmalen Häuser Grau und Rot,
Und über grünem Kahn und weißem Boot
Der Schmuck der Giebel und der tausend Dächer.
Das Brausen der bewegten Kais wird schwächer
In diesen Straßen, wo der Lärm verloht.
Und in der Ferne bleichen Mast und Schlot,
Die Fischerewer und die Wellenbrecher.
Unzähl’ge helle Fensterreihen schaun
Auf die Kanäle, wo die Nachen stocken,
Wo vor den Brücken sich die Schuten staun.
Die Sonne taut durchs Laub in großen Flocken
Und in der Luft perlmutterfarbnes Blaun
Entfließt und singt das lichte Spiel der Glocken.

Eintauchen
Eintauchen in die unfassbare Stille,
die Tiefe ahnen und den dunklen Grund,
er lebt, und das in einer Fülle,
die uns den Atem raubt, so schön und bunt.
Da schweben tausend glitzernde Gestalten,
die Wasser atmend ihre Kreise ziehn;
in lebensfroher Einheit sich verwalten
und nie, dem nebenan, im Wege stehn.
Sie treiben, wie mit Leuchtreklame,
Kleine und Große, die sich Nahrung geben.
Ein Fressen und Gefressenwerden -
geben und nehmen, um zu überleben.
Unzählig leuchtend bunte Farben,
graziös und unbeschreiblich schön;
berauschend, wie sie sich umwarben,
um arterhaltend niemals zu vergehen.
Uraltes Meer, trägst Wurzeln dieser Erde,
dein Leben trug die Sonne an das Land,
aus deinem ewigen „Es werde!“,
das alles Leben weckend in sich fand.
Strand Einsamkeit

Es dünnt sich merklich der Kalender,
der letzte warme Monat flieht mit Kühle,
bringt Frische in die luftigen Gewänder,
der Regen zaubert leere Liegestühle.
Das Meer liegt grau; der Strand, leer, wie gefegt,
wo Korb an Korb in Richtung Wasser stand.
Die Promenade, einzeln, nur mit Schirm belebt –
im Regen holt sich niemand Sonnenbrand.
Die Wolken ziehen schnell, wie die Gezeiten.
Die Möwen kreisen über leeren Tischen,
wo kreischend sie um karge Nahrung streiten
und mit viel Glück ein wenig noch erwischen.
Fischbuden schließen – leer sind die Gestade,
der Strand noch voll von Hinterlassenschaften,
der Vielen, die die liebenswerte Lage
des Orts bereichert und vermüllt zurückgelassen.
Die Schönheit in der Einsamkeit des Strandes
zu sehen – Bilder in sich festzuhalten,
die Elemente strömenden Verbandes,
vertraut, weit fort von menschlichen Gestalten.
Wo Wellen gleiten schon seit Ewigkeiten,
kommen und gehen, ohne stillzustehen;
so ziehn auch wir durch dunkle, kalte Zeiten,
um Licht und Wärme besser zu verstehen.
Atlantis
von Ephides

Dich, Atlantis, Land der Sage,
kennt mein Herz und sucht mein Sinn.
War ich Zeuge deiner Tage,
der ich heut ein andrer bin?
Hallten meine Schritte wider
von den Wänden aus Basalt
weit gewölbter Felsentempel,
alten Weistums Hort und Halt?
War ich kundig jener Künste,
deren Macht so leicht verführt,
hab' ich, Unheilzeichen deutend,
schon das Nah'n der Flut verspürt?
Über mir und meinen Fragen
rollt und rauscht das große Meer;
Flut und Ebbe sind sein Atem
bis zu deiner Wiederkehr.
Trägt nicht jeder Mensch Atlantis,
das versunk'ne Land in sich?
Rollen nicht die wilden Wasser
rauschend über jedem Ich? -
Doch die Tiefe wird sich heben,
bis die Flut an ihr zerbricht,
das versunk'ne Land der Sage
taucht dann auf - und hör: Es spricht!
Der Anfang

So der Anfang, wie das Ende!? –
„Wehret ihn!“, so war die Mahnung,
doch man sehnt ihn sich herbei,
überhört die laute Warnung.
Grause Nazi Fantasien
ewig gestriger Geschöpfe,
greifen bald schon nach Berlin,
herrschend über alle Köpfe.
Nicht die Leuchte hoher Bildung
ließ das Herz der Vielen brennen,
die sich schreiend zu ihm wandten
und sich nun zu ihm bekennen.
Braungetönte Reden streute
man im Osten dieses Landes,
die, die ‚echte‘ Führung wollten,
wählten ihn, bar des Verstandes.
Wo einst Menschenleiber zuckten,
in den alten Folterstätten,
treiben sie, die Altverfechter,
Kampfbereite aus den Betten.
Mag es Gott verzeihn, doch schuldig
sprechen ihn die Mordgerichte,
schuldig treibt die Unfreiheit
ihn durch alle Weltgeschichte.
Wollen die, die ihn erhoffen,
neue Mauern um sich bauen,
weil sie, längst im Kopf errichtet,
gegen jede Einsicht mauern?
Untat klebt auf Wählerstimmen -
30 Jahre sind vergebens;
ihn, den sie den Anfang nennen,
wird der Rückschritt unseres Lebens.
Aus „Wallensteins Tod“ von Friedrich von Schiller:
Nicht was lebendig, kraftvoll sich verkündigt, ist das gefährlich Furchtbare.
Das ganz Gemeine ist’s, das ewig Gestrige, was immer war und immer wiederkehrt, und morgen gilt, weil’s heute hat gegolten!
Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht, und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
Nur zwischen Glauben und Vertrauen ist Friede!
Rückblick

Singend übers Land gezogen ist man einst in frühen Zeiten,
doch die Liederwelt von damals scheint längst aus dem Kopf zu gleiten.
Wenn im „Frühtau man zu Berge“ durch die stillen Wege zog
und mit Liedern auf den Lippen in sich frische Waldluft sog,
hörte man die Vögel singen, wie der Amsel Sehnsuchtsklang,
lehnt man heute dieses Klingen störend ab, im Alltagsdrang,
und das Lärmen der Motoren und die regen Menschenströme
werden nicht mehr wahrgenommen, sind heut‘ akzeptierte Töne.
Störend, sei der Schrei des Hahnes, der den neuen Tag begrüßte,
und man grollt, dass man dem Vogel bald den Hals umdrehen müsste.
Ich wünsch mir die Zeiten wieder, wo die Tage heil und labend,
und ein stiller Zauber ging durch den milden Sommerabend.
Doch die Stadt im Alltagsgrau, liegt im Regen der Moderne –
sehn die Einfachheit zurück, mit dem Blick weit in die Ferne,
und mit klarem Blick zum Himmel, möchte ich die Sterne sehen,
um in Dunkelheit der Nacht, lichte Tage zu verstehen.
Geschenkte Worte

Kommt der Schöpfer allem Sein entgegen,
schenkt er diesem Sonnentag den Segen,
öffnen sich die Blühten nach dem Licht,
das sich an des Lebens Schatten bricht.
Mit dem Dichten schwebender Gedanken,
tasten Worte sich, wie grüne Ranken,
sind Verdichtung hier, wie ein Gebet,
das in Dankbarkeit zum Himmel schwebt,
Möchte mit viel Tiefe weitergeben,
Worte, die geschenkt sind meinem Leben.
Dichterseele
Johann Wolfgang von Goethe zum Geburtstag am 28. August 1749

Geh’ durch die Stadt, die ich so liebte,
suchend mein Blick nach all’ den Plätzen
der fernen Zeit, die gnadenlos einst siebte,
die guten von den wenig guten Sätzen,
die ich einmal zu schreiben wagte.
So viele Bücher, die ich füllte –
und oft, erst als der Morgen tagte,
sich meine Dichtersehnsucht stillte.
Die Zeilen rannen aufs Papier,
mal zäh, mal flossen sie in Strömen.
Oft landete mein Denken schier
auch neben den erlaubten Tönen.
War ich gesellschaftlich gebunden,
so war doch frei mein Dichterband,
das sich so manches Mal verschlungen
um wohl verbot’ne Wege wand.
Ich blieb geachtet, viel zitiert,
war Mittelpunkt des Zeitgeschehens,
ich kritisierte unbeirrt,
hab’ Fehler spät erst eingesehen.
War ich doch Zünglein an der Waage
für manche Zukunft federführend,
verhielt mich oft nach Stimmungslage,
zu dominant und ungebührend.
Der Liebe Bänder, die ich knüpfte,
hab’ ich genauso schnell zerschnitten,
wenn rasch mein Herz vor Freuden hüpfte,
ist’s schon ins Einerlei entglitten.
Ich war autark, zu Neuem offen,
mit ungestillter Gier aufs Leben.
So wie mein Wirken, groß mein Hoffen,
ich könnt’ ein wenig Hilfe geben,
an alle, die sie brauchend nehmen.
Ich bleibe unsichtbar den Blicken,
zu lindern euer irdisch’ Grämen
bin ich gewillt in großen Stücken.
Wenn meine Worte euch erreichen,
und eure Seelen mich erkennen,
wird Kummer schnell der Freude weichen
und Hoffnung in den Herzen brennen.
Denn dieses Leben ist nur eines
von vielen, die uns Gott beschert;
im Hintergrund hat ein geheimes
so manches Stück euch schon gelehrt.
D’rum öffnet euch dem Unsichtbaren,
erkennt die kosmischen Gesetze,
denn alte Leben, die einst waren,
erhalten ihre neuen Plätze.
