Der Menschheit Reigen

Hans Thoma (1839-1924) – Kinderreigen

Manchmal muss man schweigen,
wenn der Menschheit Reigen
sich im Trubel dreht.

Man muss manchmal lachen,
über dumme Sachen,
die man nicht versteht.

Mit den Wölfen heulen,
muss man nicht und meiden,
den Dämonensieg.

Unsagbares sagen,
wenn die ‚Großen‘ tragen,
uns zum nächsten Krieg.

Manchmal soll man singen,
und die Geigen klingen,
tränenreich im Lied.

Klangvoll wird die Stille,
manchmal scheint die Fülle,
Harmonie besiegt.

Immer aufs Neue

Franz Skarbina (1849-1910)

Müde geschlafen,
der Tag ist noch lang.
Augen auf!
Schleppend mein Gang.

Tagesablauf:
kein Drang, keine Eile.
Essen –
wohl noch eine lange Weile.

Katzen verwöhnen,
dann Wolken schauen
und die Bäume…,
dann essen, verdauen.

Dösen und sinnen –
Gedankenfluss.
Katzen streicheln,
ein willkommenes Muss.

Blätter, sie schaukeln
an den Zweigen,
die mir fremde
Lebendigkeit zeigen.

Zusammengefallen,
innerlich leer.
Noch wenige Stunden,
dann mag ich nicht mehr.

Die Fernsehgestalten
sind fern und zeigen
fremde Gewalten…
ein Hören und Schweigen.

Ich lösche das Licht,
ruf nach Einschlafgefährten.
Meine ‚Schlaf‘-Katze streckt
ihren Bauch, den genährten.

In den Schlaf gestreichelt, –
so weich und schnell.
Die Nacht verging,
es wird schon wieder hell.

Immer aufs Neue…
Müd bin ich und bang.
„Augen auf!“, ruft die Stimme.
Wohin führt mein Gang?

Einsicht

Die Sehnsucht ging und das Vertrauen - 
schon viele Jahre ist es her, seitdem du gingst…
glich ich doch einer, die vom Luftschloss bauen
müd geworden, noch an Seifenblasen hing.

Ich hab gehofft – bist einfach nur verschwunden,
so, wie ein kleiner Punkt am Horizont,
und hinter vielen Tränen hab ich überwunden,
was in mir brannte: Liebe, die nicht lohnt.

Dein Blick war leer beim Beieinanderstehen,
war wehrlos, du das Salz in meiner Wunde;
ich war bemüht an dir vorbeizusehen,
obwohl es mich zerriss in der Sekunde.

Wortlos der Abschied – grausam war dein Gehen,
ich fühl‘ es noch, wie die Verbindung reißt.
Einsam der Weg – ein Nimmerwiedersehen.
Jetzt weiß ich, was auf Erden „Liebe“ heißt!

Tagesanbruch

Bild von tarek darwish auf Pixabay
Dicht umhüllt von Nebelschwaden
hängt am Berg ein Hauch der Nacht,
auf des Waldes Ruhepfaden
ist der Klang des Tags erwacht.

Blumen öffnen Blütenaugen,
blinzeln in das Sonnenlicht,
und der hehre Glanz lässt glauben,
dass nur Gutes ist in Sicht.

Alle Wege still beschienen
von des Himmels rosig Kleid,
Kleinstes will dem Größten dienen,
Frieden überwindet Leid.

Tau bedeckt die alten Schollen,
liegen in Versunkenheit;
alles klingt im Andachtsvollen,
wie ein Lied aus Kinderzeit.

Ballspiel

Bildauszug „Ballspielende Kinder“ -Albert Burkart (1898-1982)
Die Hauswand bebte,
als ich mit Kinderhänden,
ballwerfend,
das Spiel erlebte.

Aufprall und Takt,
mit kindlichen Gemüt erdacht,
bis Ballspiel schallend an den Wänden
Geräusche macht.

Ein altes Spiel -
geworfen, aufgefangen,
die Bälle, die die Hauswand trafen.
Niemals den Grund berühren,
bloß nicht daneben langen!

Zehnmal das Werfen zu Beginn,
zehnmal das Fangen;
neunmal in nächster Runde,
erhöhten Grad erlangen.

Mit einmal Händeklatschen oder zwei,
mal hinten und mal vorne,
im Stehen und im Bücken,
unter den Beinen durch,
zuletzt noch hinterm Rücken.

Schwierigkeitsgrad erhöht,
bei immer kürzeren Runden,
so scheint die Lebenszeit –
verkürzt mit Jahr und Stunden.

Mir war es verboten, im Haus zu spielen. Um drin zu bleiben, musste es draußen regnen und stürmen. Also ging ich auf den Hof, meist alleine, und spielte stundenlang mit zwei Bällen gegen die Hauswand. Meine Mutter muss wohl starke Nerven gehabt haben.

Das Ballspiel ist alt und den Kindern heutzutage unbekannt. Ich hatte viel Spaß daran und kenne heute noch die Regeln. Das Spiel besteht aus zehn Schwierigkeitsgraden. Die Runden reduzieren sich, nachdem man das Ziel erreicht hat.

Ein Ball oder mehrere werden zehnmal hintereinander an die Wand geworfen und wieder aufgefangen. Dabei dürfen sie nicht zu Boden fallen. Hat das geklappt, geht es in die nächste Runde.

Vor dem Fangen muss einmal in die Hände geklatscht werden. Weiter geht es achtmal hintereinander mit einem doppelten Klatschen. Siebenmal muss man einmal vor und einmal hinter dem Körper klatschen und sechsmal muss der Ball unterm rechten Bein hindurch an die Wand geworfen und wieder aufgefangen werden und danach fünfmal unterm linken Bein hindurch. Viermal wird der Ball wieder mit den Fäusten, den Knien oder auch dem Kopf zurück an die Wand geprellt, bevor er gefangen wird. Dreimal wird der Ball von hinten gefasst und über die Seite an die Wand geworfen und in der vorletzten Runde muss man sich drehen, bevor man den Ball auffängt. Zu guter Letzt wird der Ball vom Rücken aus über den Kopf an die Wand geworfen und wieder aufgefangen.

Bei diesem Spiel werden Kindheitserinnerungen wach.

Teil von Gott

Zaubergarten – Fraktal: Karin M.

Unsterbliches Leben
in der Umlaufbahn des großen Dienstes,
mit den Mitteln,
der Fähigkeit,
den Talenten und der Macht,
die Liebe des Großen Geistes auszudrücken,
durch sterbliche Körper;
erweckt,
mit wahrem Fokus auf das Wesentliche,
zweckerfüllend dem höchsten Ziel entgegengehend.

Die Kraft des Geistes,
die frei durch uns fließt,
die so schwach erscheint im Reich der Materie,
wirken zu lassen,
denn der Geist ist Herr und die Materie ist Diener.
Der Geist ist König, die Materie Untertan.
Der Geist ist Gott und du bist ein Teil von Gott.

Bittersüßer Trank

The Love Potion – Evelyn de Morgan (1855–1919)
Vorübergehn an altbekannten Orten,
ist wie ein Öffnen von Erinnerungspforten,

denn jeder Schritt auf einst gegangenen Wegen
wird Nostalgie verklärt darüberlegen;

oft lenken Wege uns durch Friedhofstüren,
die ausgetreten in vergessene Winkel führen,

und andere führen uns zu lang verdrängten Dingen,
um dort Vergebung für Vergangenes zu erringen;

darunter sind, auf brachem Feld des Lebens,
längst abgeblüht, die uns im Geiste schweben.

Das Schicksal mag ein Weichensteller sein,
lenkt unseren Zug in richtige Gleise ein,

doch in der Seele fährt Erinnerung mit,
ob gut, ob schlecht – sie zeichnet jeden Schritt.

In lächelndem Gedenken tief versunken,
hab ich den bittersüßen Trank der Zeit getrunken.

Magie des Augenblicks

Frühling – Cornelis Kuijpers (1864-1932)
Von jedem zauberhaften Tag
wird nur Erinnerung bleiben
und sich als goldener Augenblick
in unsere Seelen schreiben.

Wie durch Magie, die ihn umfing
und ihn bezaubernd machte,
ein Sonnenlächeln auf ihm hing,
das uns den Segen brachte.

Auch Regen bringt des Segens Glück,
für durstig, heiße Stunden;
kein Augenblick bringt das zurück,
was wir dem Schicksal stunden.

Die Kinder von Izieu

Erinnern heißt: HANDELN GEGEN RECHTS!!!!!!!!!!!!
Dokumentation

Sie war'n voller Neugier, sie war'n voller Leben,
die Kinder, und sie waren vierundvierzig an der Zahl.
Sie war'n genau wie ihr, sie war'n wie alle Kinder eben
im Haus in Izieu hoch überm Rhonetal.

Auf der Flucht vor den Deutschen zusammengetrieben,
und hinter jedem Namen steht ein bitteres Leid,
alle sind ganz allein auf der Welt geblieben,
aneinandergelehnt in dieser Mörderzeit.

Im Jahr vierundvierzig, der Zeit der fleiß'gen Schergen,
der Spitzel und Häscher zur Menschenjagd bestellt.
Hier wird sie keiner suchen, hier oben in den Bergen,
die Kinder von Izieu, hier am Ende der Welt.

Joseph, der kann malen: Landschaften mit Pferden,
Theodore, der den Hühnern und Küh'n das Futter bringt,
Liliane, die so schön schreibt, sie soll einmal Dichterin werden,
der kleine Raoul, der den lieben langen Tag über singt.

Und Elie, Sami, Max und Sarah, wie sie alle heißen:
jedes hat sein Talent, seine Gabe, seinen Part.
Jedes ist ein Geschenk, und keines wird man denen entreißen,
die sie hüten und lieben, ein jedes auf seine Art.

Doch es schwebt über jedem Spiel längst eine böse Ahnung,
die Angst vor Entdeckung über jedem neuen Tag,
und hinter jedem Lachen klingt schon die dunkle Mahnung,
dass jedes Auto, das kommt, das Verhängnis bringen mag.

Am Morgen des Gründonnerstag sind sie gekommen.
Soldaten in langen Mänteln mit Männern in Zivil.
Ein Sonnentag - sie haben alle, alle mitgenommen,
auf Lastwagen gestoßen und sie nannten kein Ziel.

Manche fingen in ihrer Verzweiflung an zu singen,
manche haben gebetet, wieder andre blieben stumm.
Manche haben geweint und alle, alle gingen
den gleichen Weg in ihr Martyrium.

Die Chronik zeigt genau die Listen der Namen,
die Nummer des Waggons und an welchem Zug er hing,
die Nummer des Transports mit dem sie ins Lager kamen;
die Chronik zeigt, dass keines den Mördern entging.

Heute hör' ich, wir soll'n das in die Geschichte einreihen,
und es muss doch auch mal Schluss sein, endlich, nach all den Jahr'n.
Ich rede und ich singe, und wenn es sein muss, werd' ich schreien,
damit unsre Kinder erfahren, wer sie war'n.

Der Älteste war siebzehn, der Jüngste grad vier Jahre.
Von der Rampe in Birkenau in die Gaskammern geführt.
Ich werd' sie mein Leben lang sehn und bewahre
ihre Namen in meiner Seele eingraviert.

Sie war'n voller Neugier, sie war'n voller Leben,
die Kinder, und sie waren vierundvierzig an der Zahl.
Sie war'n genau wie ihr, sie war'n wie alle Kinder eben
im Haus in Izieu hoch überm Rhonetal.

‚Mein‘ Garten

Foto: privat – Ich, beim Kartoffelsetzen ca. 1957
Zwischen grünen Hecken lag mein Garten -
längst ist er in fremder Hand und fern;
war Bewusstseinsträger und mein Warten
auf das Helle in „des Pudels Kern“.

Angelegt war er in Fleiß und Arbeit,
zwischen Stahlwerk und 12 Stunden Last.
In der Laube: kurzes Glück zu zweit,
seltenes Lachen, Aufbruch nach der Rast.
Foto: privat – Meine Großeltern Helene und Robert Nicolay, 5oer Jahre
Plumpsklo Inhalt auf die Beete tragen -
gelbe Kleckse säumten Weg und Ziel;
übel roch ‚der Dünger‘ vorm Vergraben,
bis er erdbedeckt vom Spaten fiel.

Opa richtete, veredelte und pflanzte
Stangenbohnen und ein Erdbeerfeld;
bis ich unter vielen Bäumen tanzte -
wohl behütet war die Gartenwelt.

Flüchtete hinaus so manche Stunde,
lauschte dort den Vögeln, dem Gesang;
staunte über die Insektenfunde,
die ich hüpfend in der Wiese fand.

Wachsend, das Bewusstsein jedes Lebens -
auf dem Fundament des ewigen Gartens;
Leid gedüngt, in Liebe um das Streben,
groß der Preis, den erntend wir erwarten.