Gottesgabe

Krankes junges Mädchen – Michael Peter Ancher

Es sind so viele Wünsche, die ich für dich habe,
nur Glück und Liebe soll’n dein Herz erfreu’n;
dass du gelebt, sollst du als Gottesgabe,
im tiefsten Seeleninnern nie bereu’n.
 
Und wird sich manches Glück auch wandeln,
aus deinen Augen Trauertränen rinnen,
so wird ein gottesnahes Handeln,
dich stets zum stillen Frieden bringen.
 
Vertraue und sei guten Mutes,
was auch dein Schicksal bringen mag
und ist es manchmal wenig Gutes,
dann freu dich auf den neuen Tag.

Erinnern ist die Kunst der Götter

Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski 1817-1900 – Leuchtturm von Neapel

Das Schicksal gibt und nimmt,
in unbestimmter Weise.
Wer gestern sich empor geklimmt,
verlässt die sich’ren Gleise.

Wer heut’ auf Ruhmessockeln glänzt,
in Himmel hochgehoben,
der wird von dem, der ihn gekränzt,
morgen gestürzt zu Boden.

Was gestern noch der Liebe Macht
dir tief ins Herz gesandt,
das hat sich plötzlich über Nacht
ganz wortlos abgewandt.

Das Sichere versinkt im Grund,
was immer währte, geht.
Leben ist Wandel, Mooresschlund.
Nichts bleibt! Was blüht, verweht.

Erinnerung im Weitergehen.
Sei der Narr, der mit leichtem Fuß
Vergangenes wie ein Tausendschön
in der Seele mitnehmen muss.

Wandel

Michael Ancher 1849-1927 – Am Krankenbett

Das, was noch vor dir liegt, sind schwere Schritte,
wohin sie führen, das ist dir bewusst;
sind’s doch oft mühevolle Lebenstritte,
die man zum Wandel erst durchlaufen muss.
 
Ich wünsche dir ein weises Handeln,
mutig und stark wirst du dein Ziel erreichen;
die Dunkelheit wird sich zum Lichte wandeln
und neue Wege, hell, vor dir erleuchten.

Schicksalstage

Porträt Hermann Hesse 1905Ernst Würtenberger 1868-1934

Wenn die trüben Tage grauen,
kalt und feindlich blickt die Welt,
findet scheu sich dein Vertrauen
ganz auf dich allein gestellt.

Aber in dich selbst verwiesen
aus der alten Freuden Land,
siehst du neuen Paradiesen
deinen Glauben zugewandt.

Als dein Eigenstes erkennst du,
was dir fremd und feind erschien,
und mit neuem Namen nennst du
dein Geschick und nimmst es hin.

Was dich zu erdrücken drohte,
zeigt sich freundlich, atmet Geist,
ist ein Führer, ist ein Bote,
der dich hoch und höher weist.

Der Raum

Der Raum riecht noch nach dir
und wenn ich meine Augen schließe, bist du hier.
Ich fühle deinen Atem noch an meiner Wange,
und deine starke Hand hält mich noch lange,
auch wenn es nicht in Wirklichkeit geschieht.
du bist noch hier, doch deine Schwingung flieht,
und schon nach kurzer Zeit geht sie dahin,
doch bleibst du tief in Seele mir und Sinn.
Das Schicksal hat uns für die Ewigkeit verwoben,
es scheint, als hätten Engel uns ins Licht gehoben.
Ein Teil von mir bist du, das ich nicht missen will,
an deinem Herzen werd ich ruhig und still.
So gern würd‘ ich die Zukunft für dich sein,
denn nur ein Tag mit dir fängt mir die Sonne ein.
 

Meinem Sohn

Zu Gott-Engel mit Kind – W. von Kaulbach 1805-1874

Wie gerne würd’ ich dich beschützen,
dich weiter tragen durch dein Leben,
doch würde es dir wirklich nützen,
könnt’ ich dir ständig Hilfe geben?

Du drehtest aufstieglos im Kreise,
weil du nicht wächst und nicht veränderst,
und deine wohl bequemen Gleise
nicht in die richt’ge Richtung wendest.

Kein Ehrgeiz drängt dich, keine Kraft,
die dir die Stärke gibt zum Handeln;
doch nur dein eigner Wille schafft
den Aufstieg, wird dein Schicksal wandeln.

Ich wünsch’ dir Glück und Gottes Segen,
für alle Schritte, die du gehst.
Fang’ endlich an zu überlegen,
wie du dein eig’nes Leben lebst!