Gedanken an Ostpreußen

Familie Buskies in Jagstellen / Ostpreußen

Im Namen der vielen Menschen, die nach Vertreibung aus Österreich dort Heimat fanden und im letzten Jahrhundert wieder das Land verlassen mussten, habe ich dies Gedicht auch im Andenken an Immanuel Kant im Jahre 2004 verfasst. Obwohl ich nie dort gewesen bin, habe ich mich aufgrund der Erzählungen meiner Oma immer verbunden gefühlt. Geschichten mysteriöser Vorkommnisse einer kinderreichen Bauernfamilie, mit einem Hauch Melancholie behaftet, der immer noch durch meine Tage schwebt.

Ostpreußen

Östlicher Geist lässt mich nicht ruhn,
verwurzelt tief in mir, erfüllt mein Herz,
und als entfernte sich von dort mein Tun,
trieb all’ mein Denken dennoch heimatwärts.

Konnte nicht lassen von den alten Plätzen,
rief doch die Heimat tief in meiner Brust.
Melancholie spricht hier aus diesen Sätzen,
und weckt in mir die alte Sinneslust.

Du fernes Land, vertraut war mir dein Duft,
in großer Weite bis zum Horizont der Blick,
herb war dein Klima, rau die Küstenluft,
gern denke ich an Königsberg zurück.

Wo dunkle Wälder sich in lichten Breiten
erstrecken bis zum Memel Strand,
wo Störche stolz durch weite Sümpfe schreiten,
dort treibt der kalte Wind durchs flache Land.

Du, meines Wirkens Stätte, ach, so fern,
längst wächst das Gras über die alten Mauern,
wird die vergang’ne Zeit in meiner Seele Kern
doch alle Ewigkeiten überdauern.

Die Zeit steht still

von Mascha Kaléko (1907 – 1975)
Die Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen.
Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,
Scheint Haus und Feld und Herden, die da grasen,
Wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.
Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum,
Mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum.

So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens
An uns vorbei zu einem andern Stern
Und ist im Nahekommen uns schon fern.
Sie anzuhalten suchen wir vergebens
Und wissen wohl, dies alles ist nur Trug.

Die Landschaft bleibt, indessen unser Zug
Zurücklegt die ihm zugemeßnen Meilen.

Die Zeit steht still, wir sind es, die enteilen.

Mascha Kaléko (1907-1975)

Paradiesäpfel

Afrika Karte 1914 – Europäische Kolonien
Die Strauchelnden, die sterben,
im Lebenskampf verderben,
die in Verzweiflungstaten
den Wohlstandsstaat verraten.

Die vielen Heimatlosen,
die aus den Ländern flossen,
die einst im Krieg verdarben,
die durch Europa starben.

Die Reichen und die Braven,
stets selbst vor vollen Tafeln,
die immer aufrecht gehen,
Gesetze kleinlich sehen.

All jene Tugendhaften,
die über andere lachen,
nie falsche Wege gehen,
die nur sich selbst verstehen;

wohltätig sind die Satten,
die immer alles hatten,
die ‚Glorienkronen‘ tragen
und nie am Boden lagen,

die überlegen reden,
nur eigene Werte pflegen,
selbst unentbehrlich klingen,
verdienstvoll ihr Gelingen,

womit sie glanzvoll prahlen,
ihr Gut-sein untermalen.
Die Kleinlichen und Harten -
wurmiges Obst in Gottes Garten.
Vladimir Kush

Der Mai

von Erich Kästner
Im Garten – Peder Monk Monsted (1859-1941)
Im Galarock des heiteren Verschwenders,
ein Blumenzepter in der schmalen Hand,
fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders,
aus seiner Kutsche grüßend, über Land.

Es überblüht sich, er braucht nur zu winken.
Er winkt! Und rollt durch einen Farbenhain.
Blaumeisen flattern ihm voraus und Finken.
Und Pfauenaugen flügeln hinterdrein.

Die Apfelbäume hinterm Zaun erröten.
Die Birken machen einen grünen Knicks.
Die Drosseln spielen, auf ganz kleinen Flöten,
das Scherzo aus der Symphonie des Glücks.

Die Kutsche rollt durch atmende Pastelle.
Wir ziehn den Hut. Die Kutsche rollt vorbei.
Die Zeit versinkt in einer Fliederwelle.
O, gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!

Melancholie und Freude sind wohl Schwestern.
Und aus den Zweigen fällt verblühter Schnee.
Mit jedem Pulsschlag wird aus Heute Gestern.
Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh.

Er nickt uns zu und ruft: „Ich komm ja wieder!“
Aus Himmelblau wird langsam Abendgold.
Er grüßt die Hügel, und er winkt dem Flieder.
Er lächelt. Lächelt. Und die Kutsche rollt.
Erich Kästner (1899-1974)

Wetter

Gewitter am Niederrhein – Ulla Genzel *1960
Die Silberwölkchen, die vorüberschwebten,
die längst in eine ferne Himmelheimat zogen,
die munter treibend unseren Tag belebten,
sind unergründlich in die Dunkelheit geflogen.

Der Himmel hat sich umgefärbt in dunkel,
mit Wolken, die dranhängen, regenschwer;
durch erst erwärmte Lüfte trieb ein Funkeln
von fernen Blitzen, tief im Wolkenmeer.

Das helle Lied der Vögel ist verklungen,
es liegt Gewitterluft auf ihren Kehlen;
mit schwerem Atem hat die Stadt gerungen,
denn unberechenbar wird er sie quälen.

Die Menschenaugen, die verblendet schauen,
sehn nur die dunklen Wolken vor dem Licht,
sehn, wie sich Unwetter zusammenbrauen,
doch die Erkenntnis daraus sehn sie nicht.

So nutzlos scheinend, wie dem Meer der Regen,
das doch längst alles Wasser in sich hat,
erscheinen der Naturgesetze Fluch und Segen,
die richten werden blinde Menschentat.

Seelentanz

In mir ist Stille,
Ruhe geht in Resonanz,
als Echo aller leisen Töne,
die in mir sind –
die Seele tanzt,
folgt sanft dem Takt,
dem schwingend schönen,
der in der stillen Nacht verklingt
und wiederkehrt im Morgenlicht,
das mir die Taggedanken bringt,
trotz noch verschlossener, dunkler Sicht.

Weckt mich hinein in Raum und Zeit,
lässt meinen Tag ein Lächeln sein,
gibt mir zurück ein Frühlingskleid,
das bunt und schön im Sonnenschein.

Was ist der Sinn?

Bildausschnitt „Birth of love“ – Vladimir Kush *1965
Die Jahre voll vom ruhelosen Wandern,
vom Tun, das meinen Tag wohl füllte,
doch leer die Welt mir ließ, wie all den Andern,
denen sich Sicht und inneres Bild verhüllte.

Nichts konnte meine tiefe Sehnsucht stillen,
die Tag für Tag nach Sinn und Liebe strebte,
nichts, nur mein starker Daseinswille,
der tot für jede Lebenswahrheit lebte.

Inmitten all der scheinbar nutzlosen Erfahrung,
die Leid und Schmerz in meinen Alltag brachte,
war es mir plötzlich wie ein Hauch von Wahrheit,
die mich berührte, wach und fühlend machte.

Es konnte sich die Glut in mir entfachen,
lebendig alles Falsche niederbrennen,
die Flamme, die mir Halt und Wahrheit brachte,
allmählich Lebenssinn und Ziel benennen.

Schlafende Seelen - wandert nicht durchs Leben
mit toten Augen, die nicht sehen;
lasst uns gemeinsam vorwärtsstreben,
zur Göttlichkeit, um zu verstehen.

Gottes Trost

Göttlicher Schutz – Sulamith Wülfing (1901-1989)
Es tröstet den die ewige Liebe,
der glaubt und hofft trotz schwerem Los.
Wenn Tröstung aller Welt zerstiebe,
‚hört‘ er in sich den Gottestrost.

Wenn Menschentröstungen versinken
und untergehn in Euphorie,
wenn sie im eignen Tun ertrinken,
durch nicht verstandene Empathie.

Dann übertönt der Schwall der Stimme
den eigenen inneren Rückzugsort
und überhört durch laute Dinge,
das „Weine nicht!“ und Heilands Wort.

Feinhörig sein, trotz Drang des Lebens.
Wortreicher Menschentrost vergeht!
In Leidenschaft sucht man vergebens
den inneren Gott, der uns versteht.

Vergänglichkeit des Augenblicks

William Adolphe Bouguereau 1825-1905

Zukunft wird gegenwärtig und vergeht.
Flüchtiger Augenblick des Jetzt,
ein Lidschlag macht aus dir Vergangenheit.
Nichts kann dich halten,
nichts zurückholen.
Du wirst durchlebt und bist sogleich verloren,
und die Erinnerungen, die du trägst, sind folgenschwer.

Die Dimension der Zeit – ein trügerisches Bild.
Verbirgt sie doch die Polarität des Lebens vor unseren Herzen.
Aus Glück wird Unglück,
aus Liebe – Hass,
aus Leben – Tod.
Oft trennt uns nur ein Augenblick von diesem Wandel.
Wie ein winziges Atom ein Teil des Ganzen,
so ist der Moment des Seins der Schlüssel zur Ewigkeit.

Himmlische Heerscharen

Dem dunklen Haus des Menschen Licht zu geben,
die gute Tat zu sein, auch wenn sich der Erfolg verhüllt,
ist wie ein Strahlen auf den Erdenwegen,
das uns umgibt - ein unsichtbarer Schild.

So ist kein einziger Versuch vergeblich,
denjenigen zu helfen, die in Nöten stehen
und keine Anstrengung zu klein und kläglich,
dem Guten Pionier zu sein im Vorwärtsgehen.

Die Kraft des Geistes trägt die magischen Momente,
gilt uns als Ausdruckskraft, die unsere Welt beseelt,
sie drückt sich aus in menschlichen Talenten,
verschleiert ist die Sicherheit, die niemals fehlt.

Ist so, wie eine Bürgschaft hier auf Erden,
die unveränderlich, unwandelbar erstellt,
die ihre Form behält im Sein und Werden,
auch wenn Materie in Staub und Asche fällt.

Von einer Heerschar Leuchtenden umgeben,
die unser Los begleitend, helfend stehen;
als unerschütterliche Basis stets zugegen,
unmessbar durch Geräte dieser Welt zu sehen.