Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.
"Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?" "Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? Den Erlkönig mit Kron und Schweif?" "Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif."
"Du liebes Kind, komm, geh mit mir! Gar schöne Spiele spiel ich mit dir; Manch bunte Blumen sind an dem Strand; Meine Mutter hat manch gülden Gewand."
"Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, Was Erlenkönig mir leise verspricht?" "Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; In dürren Blättern säuselt der Wind."
"Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn? Meine Töchter sollen dich warten schön; Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn Und wiegen und tanzen und singen dich ein."
"Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort Erlkönigs Töchter am düstern Ort?" "Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau: Es scheinen die alten Weiden so grau."
"Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt." "Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an! Erlkönig hat mir ein Leids getan!"
Dem Vater grauset's er reitet geschwind, Er hält in Armen das ächzende Kind, Erreicht den Hof mit Mühe und Not; In seinen Armen das Kind war tot.
Luftschlösser bauen mit bezaubernden Räumen und mit Engeln aus allen Wolken fallen; von Freundschaft mit sprechenden Tieren träumen, verborgene Schönheit sehen in allem.
Im Märchenbuch des Lebens das Gute finden, mit Schatten, die du nicht werfen willst, und Flüsse, die sich kreisend verbinden, vergangenes tragen als ewiges Bild.
Durch Ideen kunstvoll das Sein gestalten, Wunder hervortun, in glanzvoller Pracht. Den Strahl der Sonne als Zauberstab halten, der in der Natur grüne Wahrheiten schafft.
Verbunden sein, mit denen, die fehlen und spüren die enge Umarmung zugleich, dieses Prickeln elektrisierend erleben, das ist Liebe, die aus dem Jenseits gereicht.
Das Leben war genügsam im Gefilde, so wintermüde lag das alte Land. Sehnsucht nach Wärme, Frühlingsmilde - Väterchen Frost vertrieb’s mit kalter Hand.
Hilfeschreiend blieb fortan das Leben, Leiber starr und frosterfüllt im Leid. Es sollte keinen neuen Frühling geben, nur Stürme wiederkehren vor der Zeit!
Im Land schreit tausendfaches Sterben, da liegen Frau und Kind und Mann an Mann. Statt Frühling kommen schwarze Schergen und setzen alles gnadenlos in Brand.
Über den Städten wogen dunkle Dämpfe aus Häusern, tausendfältig preisgegeben; gar tausendarmig scheinen Tod, und Kämpfe verachten jedes Dasein, jedes Leben.
Wie Donnerschläge grollen die Kanonen, die Bäume schwarz, verbrannt im Rauch. Wo sonst die Vögel in den Zweigen wohnen, bizarre, kahle Äste, ohne Laub.
Des Frostes Fesseln mögen Mächte sprengen, Werkzeuge sind sie, freiheitlich der Sinn. Da hilft kein Zögern, kein Verdrängen - dann tauen Tränen, folgt ein Neubeginn.
Und unsre Erde trinkt die vielen Tränen, die vielen Leiber nimmt sie tröstend auf, verwandelt Welten, Frühlingssehnen, und neue Hoffnung schaut zum Himmel auf.
Legt die Sorgen ab, die schweren, lasst das Dunkel hinter euch. Es soll Hoffnung wiederkehren, Herzen öffnen, offen, weich, Blicke heben, Schritte wagen, jeder darf willkommen sein, denn im Licht, an hellen Tagen, wird aus Furcht ein warmer Schein.
Scheint in dunkeltrübe Seelen, macht Enttäuschung faltenfrei. Zieht aus dunkelsten Kanälen Schmutz, dass Sternenstaub er sei. Funkelt golden hier auf Erden, glänzt wie edler Stein im Licht, facettiert in Soll und Werden lupenreine Zuversicht.
Er kommt mit großen Schritten; auf seinen Schultern, drückt die Schwere, denn was er trägt, kann nur sein kaltes Wesen tragen, denn es zerrinnt in wärmevoller Atmosphäre. Im Rausch des Windes hört man seine Klagen, die Spuren, die er hinterlässt, sind Tränen, die zu Schnee geworden. In Sehnsucht nach Umarmung darf er nur Kälte geben – zwiespältig wie das Leben.
Verdrängung bin ich wie ein Schweigen, das Erinnerungen wie ein Denkzettel beschwert; längst vergangene Stunden, deren Treiben das Bewusstsein wie ein Vakuum entleert.
Bin nichts mehr, nur eine, die gewesen durch das Tal vergangener Zeiten lief, die manchmal mit allzu hartem Besen letzten Schmutz aus ihren Räumen trieb.
Ordnung brachte Licht gerechte Tage, löste sich von vielen Freundschaftsbändern. ‚Brauner‘ Sinn als infektiöse Plage ist wie Pest, gefahrlos nicht zu ändern.
Alle sind wir Menschen gleicher Klasse. Nichts und niemand hat sie zu bewerten! Die Idee der Schöpfung strahlt aus jeder Rasse; Herrenmenschen gibt es nicht auf Erden.
Lieber bleibe ich alleine in Gedanken - besser als verdorbenes Wort zu reden. Will dem Schöpfer jede Stunde danken, die ich hier sein darf, im Garten Eden.
Lichter spiegeln sich in schmutzig-nassen Pfützen, gelb und fettig, schmutzig auch und schwer. Helle Häuserfenster können gar nichts nützen. Tore, Hallen hehr und leer.
Liegt der Nebel müde auf den Straßen und der Regen rinnt und rinnt. Menschen sind zu traurig, um sich noch zu hassen, und es hüstelt irgendwo ein Kind.
In den Gärten liegen halbverfaulte Blätter, stehen Bänke, traurig, nass und grau, kommt die Sonne immer seltener und später, nimmt’s der Mond mit Scheinen nicht genau.
Dringt das halbe Tageslicht noch durch den Nebel, trüb und grau und klebrig schwer. Klirrt die Wache schläfrig mit dem Säbel und ein nasser Vogel zittert sehr.
Stehen dürre, hungrige Pferde dampfend da, mit müden Augen. Ganz durchweicht, verstreut auf nasser Erde, kann der Hafer nicht mehr taugen.
An der moderigen Mauer eine nasse Katze schleicht. Mit hervorgekehrtem Pelz ein Bauer schaut, ob ihm das Geld noch reicht.
Dez.1940
Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942)
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