Entsagung

Ich, 4 Jahre alt
Als ich klein war und durch Wiesen ging,
waren sie lebendig, blütenbunt,
wie ein großer Schatz, an dem das Auge hing;
nur die schönsten Blumen pflückte ich zum Bund.

Schenkte sie der Mutter, strahlend froh,
und mein Herz war wie die Wiese voll und rein.
Mein Vertrauen stand in Flammen, lichterloh,
wie ein brennend‘ Haus stürzte es ein.   

Wiesenblumen waren nichts fürs Haus!
Machten ihr nicht Freude, nur Verdruss.
Alles, was ich schenkte, blieb ihr Graus,
malte Spitzwegs Bild als letzten Gruß.

Von der Mutter blieben harte Worte,
keine Liebe, statt Geborgenheit nur Hass.
Sie vertrieb mich von den liebsten Orten,
jeder and‘re war mir Hütte, kein Palast. 

Fort gejagt aus meinem Elternhaus,
musste ich allein das Leben lernen.
Mich zu lieben, das war mir ein Graus.
Meine Eltern war’n wie ferne Sterne.

Gingen lang schon, so wie alle gingen.
Ihre Ruhestätten sind längst blütenleer.
Geh im Traum vorbei und hör mich singen:
"Wachse, Wiesenblumen-Meer!"

Treibholz

Treibholz im Meer der Ewigkeit,
gestrandet an den Bergen letzter Sicht,
im Tal der Sonne steht die Zeit,
bevor sie taucht ins rote Licht.

Wolken, sie treiben mit dem Wind,
zeichnen am Himmel Flüchtigkeit,
so wie sein Hauch durch Dünen rinnt,
wenn er über die Wüsten streift. 

Die Einsamkeit hat zarte Stimmen,
ihr Klang ist hell und ewiglich,
wie die Choräle will er singen,
bis er am Schall der Welt zerbricht. 

Die Sonnenhand zeigt letzte Spuren
des Menschseins kurzer Erdenpflicht,
gekrönte Vielfalt der Kulturen,
die wie Atlantis schnell zerbricht. 

Gewitterstimmung

William Adolphe Bouguereau (1825-1905)
Voll Sorge saß ich lang,
als Regentropfen unaufhaltsam
gegen meine Scheiben klopften.
Mein Herz wurd’ bang.
 
Ich schloss das Fenster, weil es stürmte.
Die Straßen waren leer, das Leben fort;
am Horizont sich schwarze Wolkenmassen türmten,
bedrohlich war die Stille hier am Ort.
 
Ich schaute, wie der Sturm die Bäume knickte,
wich einen Schritt zurück in Sicherheit,
und als ich wieder auf die Straße blickte,
war keine Seele dort zu sehen, weit und breit.
 
Der Regen kam in sintflutart’gen Bächen,
die sich vom Dach ergossen, wie ein Wasserfall.
Es war, als müssten alle Dämme brechen
und die Natur ertrinken, überall.
 
Der Sturmwind heulte um die Dächer,
nahm Ziegel sich als Opfergabe
und in der Ferne zwischen Wolkenfächern,
durchzuckten Blitze, grell, mit Imponiergehabe.
 
Weltuntergang – die Luft ist stickig schwer,
nachtschwarzer Tag, gefärbt in gelbes Licht.
Nur Donnergrollen ist zu hören ringsumher,
die Erde zeigt ihr zorniges Gesicht.
 
Es ist, als würden alle Englein Trauer halten,
beweinen heut’ der Menschheit missliches Geschick,
ermahnen sie durch die Naturgewalten,
zur Umkehr und zur Demut – einen Augenblick.

Schönheit und Weisheit

„Clematis“ – Sir Hubert von Herkomer (1849-1914)
Wie vergänglich doch die Schönheit,
geht mit jedem Tag ein Stück,
und die Weisheit folgt der Jugend,
fort sind Liebreiz, Frühlingsglück. 

Wenn der Herbst des Lebens kommt,
scheinen Uhren schnell zu gehen;
Leben treibt zum Horizont,
und das Alter bleibt nicht stehen. 

Einmal mich in Schönheit denken,
unbekümmert und vertrauend,
ahnungslos den Schritt zu lenken,
tausend Leben überdauernd. 

Kommt kein Frühlingstag mir wieder,
lenkt Erkenntnis meinen Schritt.
Auch, wenn alt und müd die Glieder -
Weisheit ist des Alters Glück.

Ferne Zeiten

Albert Samuel Anker (1831 -1910)
Berauscht von der Vergangenheit
und Träumerei so mancher Stunde,
wo die Romantik ferner Zeit
erfüllte jede traute Runde.

Von Fern geseh‘n scheint alles gut,
so sauber und gediehen,
mit unschuldsreinem leichtem Blut
scheint dieses Bild zu fliehen. 

Die Erdenbürger überwanden,
vom Muss getrieben, Leid und Pein.
Gebunden in des Tagwerks Banden,
schlich sich so mancher Notstand ein.

Die Männer fielen in den Kriegen,
wo keiner Sieger war, nur tot. 
Die Frauen kämpften um die Kinder,
bettelnd um jedes Stückchen Brot.

Ihr Erdenkleid, zu Staub verweht,
die Qualen sind verwunden,
und doch erlebt so mancher Geist
astrale Weltenstunden. 

In jedem Haus, in jedem Schmuck,
schlägt Puls der alten Zeiten,
ihr Dasein fühl ich und der Druck
will Demut mir bereiten. 

Welk geworden

William Adolphe Bouguereau (1825-1905)
Wie zwei welk geword’ne Rosen,
schließen sich die müden Lider,
sind des Blickes trübe Sehnsuchtslose,
fühl‘n des Wirkens Abschluss in den Gliedern.

Sind verbraucht, ein winzig Licht in ihnen,
bis ihr letzter Lebenshauch verlischt;
schlafen hinter blassen Traumgardinen
wo ihr eigner Himmel Richtung ist.   

Letzter Kampf streckt hin die Glieder,
gegenwärtig Abschied und Verzicht.
Ihrem Antlitz spielt ein Lächeln wider,
doch gelöst und geistlos ist der Blick.

Nebelgeister schweben durch die Räume,
ziehn wie graue Schleier durch die Schwere,
trennen sanft die Silberschnur der Träume,
füll‘n mit goldnem Licht die Grabesleere. 

Gnadengabe

Pierre Auguste Cot (1837-1883)
Dein Gesicht, wie es strahlt!
Einzig das Anschauen malt bunte Bilder
in mein graues Denken.
Wie deine Sonne von innen dich malt!
Sie weiß dir göttlichen Schimmer
zu schenken.
 
Wie dein Herz mich erhellt!
Deine Blicke halten mich fest, sie zügeln
den unruhigen Geist.
Es scheint nicht von dieser Welt,
wenn das Gefühl des Schwebens
mich dem Hier und Jetzt entreißt.
 
Wie sehr du mich erfüllst!
Worte, sie führen zusammen, verbinden
Geist und Körper im Fluss.
Charismatisch ist das Empfinden!
Die Anziehung, wie ein
nicht endendes Muss.

Sommerahnung

Sweet Summer – John William Waterhouse (1849-1917)
Der Himmel malt ein lichtes Funkeln,
leuchtend und glänzend, wie ein Stern,
was vormals farblos und im Dunkeln,
strahlt nun mit buntem Seelenkern.
 
In Seidenglanz gehüllter Morgen,
ersetzt die schlafengeh’nde Nacht,
mit Sonnenschein, der große Sorgen
jetzt kleiner und erträglich macht.

Was lange Zeit im Erdeninnern,
zeigt nun die volle Blütenpracht;
Flora und Fauna, sie erinnern,
was uns erschuf die Schöpferkraft.
 
Genießen wir die warmen Stunden,
gestreute Vielfalt, buntes Land,
legen mit hellen Glückssekunden
das Leben uns in leichte Hand.
 
Vorbei das Frieren und das Warten
auf eine lang ersehnte Zeit,
das Leben ist ein großer Garten,
die Welt erscheint im Sonntagskleid.

Nachtglocken

Carl Spitzweg (1808-1885)- Das Ständchen
Die Glocken klingen in der Ferne,
sie läuten schon den Sonntag aus;
am Himmel stehen erste Sterne,
die Stille zieht in Stadt und Haus.

Der Lampen Licht fällt durch die Scheiben,
wirft Schatten auf die leeren Straßen,
und es beginnt das bunte Treiben
im fahlen Mondlicht zu verblassen.

Wo Tag war, herrscht nun Dunkelheit;
der Wind, er schaukelt sanft die Welt,
Gott hat für unsre Schlafenszeit
die Uhren langsamer gestellt.

Die Englein singen Wiegenlieder,
du hörst sie, wenn’s ganz stille ist;
sie schwingen sanft zu uns hernieder,
damit das Dunkel heller ist.

Löwenzahn

Samenkörner segeln fort, 
wie die Schiffe mit dem Wind,
hin bis in die fernsten Orte, 
die versteckt im Dunkeln sind.

Irgendwann mit Licht beschienen, 
fällt auch dort ein winz’ger Strahl,
stellt das Leben her in ihnen, 
und sie wachsen ohne Zahl. 

Dort entsteht die kleine Blume, 
blütenschwer in gelber Pracht,
zarte Blüte wohlgefällig, 
dehnt zum Sonnenschein ihr Blatt.

Schwer, das Köpfchen, gelb und offen, 
um die Stängel Blätter satt,
Stiele sind, wenn sie gebrochen, 
wohl gefüllt mit weißem Saft. 

Nur des Abends, müd vom Blühen,
wenn die Sonne schlafen geht,
schließen sie die Blütenkelche, 
wenn die Nacht um Wandel fleht. 
Pludrig werden sie erwachen, 
aus dem Blütenblatt ein Flaum,
rüsten ihre vielen Samen, 
für den Flug im Lebenstraum. 

Bis zum nächsten Jahr vollendet 
sich der Kreislauf der Natur,
sie sind fort - wir seh’n sie wieder - 
nur der Wind kennt ihre Spur.