Unsterblichkeit

Vor dem Tod erschrickst du? Du wünschest, unsterblich zu leben?
Leb’ im Ganzen! Wenn du lange dahin bist, es bleibt.

Friedrich von Schiller

Friedrich von Schiller (1759-1805)-Portrait von Larissa Krause, Duisburg (2008), im Besitz der Auftraggeberin Gisela Seidel.

Schiller Biografie von Gisela Seidel

Zeitzeugin über Friedrich von Schiller:

Karoline von Wolzogen:
„Schiller war von großer, wohlgebauter Gestalt, „der größte Mann“ in Weimar,
6 Fuß und 2 Zoll hoch. Seine Haltung war militärisch von der Karlsschule her.
Schon dort deutete sein sicherer Schritt ein starkes Gefühl des eigenen Wertes an.
Eine alte schwäbische Bäuerin, die ihn in einem Gange der Karlsschule gehen sah, meinte: „Der denkt auch, er sei der Herzog!“

Dazu drückte sich die Freiheit des Geistes, das lebendige Gefühl für das Edle, erhaben über alles Kleinliche und Gemeine, auch in seinem Äußeren aus.

Sein Kopf war wohlgeformt, der Hals schlank und etwas stark, die Stirn
hoch und breit, die Brust zwischen den Schultern gewölbt, der Leib
schmal, Arm und Fuß in rechtem Ebenmaß zur ganzen Erscheinung.
Die Farbe der Augen war unentschieden zwischen blau und lichtbraun.
Der Blick unter den hervortretenden Stirnknochen und den dichten,
blonden Augenbrauen warf im Gespräche helle Lichtfunken oder drang
tief ins Herz, wenn er sich auf jemanden richtete; gewöhnlich war er
sinnend und beschaulich nach innen gekehrt. Seine Nase war gebogen
und ziemlich groß. Er scherzte, dass er ihr auf der Schule durch stetes
Ziehen eine Spitze gebildet habe.

Sein Haar war lang, fein und spielte ins Rötliche, die Haut weiß, das Rot der Wangen zart, das Kinn von angenehmer Bildung, sein Lächeln anmutig, seine Stimme meist belegt und nur ergreifend, wenn er gerührt war.

Sein Gang war nach seiner schweren Erkrankung etwas nachlässig, spannte sich aber straff bei innerer Bewegung. Seine Kleidung war einfach, aber gewählt, seine Wäsche stets sauber, sein Schreibtisch wohlgeordnet. Er liebte Blumen um sich, besonders Lilien. Sanfte Musik steigerte seine Arbeitslust,
ebenso die rote Farbe der kurzen Fenstervorhänge. Lila war seine Lieblingsfarbe. Spinnen waren ihm widerwärtig.“

An Friedrich von Schiller

– zum Gedenken an seinem Todestag am 09. Mai 1805
von Gisela Seidel


Fort bist du lange schon,
doch hier noch so präsent,
dass deine Gegenwart zu spüren
augenschließend ich vermag;
lässt mir das große Schweigen,
das niemals meinen Namen nennt.
So plötzlich kam der Schmerz,
verfinsterte den Tag;
suchtest den Weg in ferne Dimensionen,
gabst von der Ewigkeit, die du versprachst,
mir nur ein kleines Stück;
wo Seraphinen in Traumwelten wohnen,
dorthin brachte dein Todesengel dich zurück.
Gewährte Zerberus dir Einlass in sein Reich,
so zahle ich heut’ noch dafür Gebühr;
erscheint dein Antlitz vor mir engelsgleich,
streck’ ich in manchem Traum die Hand nach dir.
Werde ich niemals deiner Stimme lauschen
und niemals deinen warmen Atem spür’n?
Wie könnt’ ich mich an deiner Gegenwart berauschen,
wie sehr möcht’ ich mit dir den Himmel sanft berühr’n!
Vergangen und vorbei – vergessen nie so ganz;
am Ende meines Weges sei bereit,
reich’ mir die Hand zum eig’nen Totentanz
auf dem Parkett durch die Unendlichkeit.

Die Hure Babylon

Die Hure Babylon – Albrecht Dürer (1471-1528)

Meine Religion kann nur die Liebe sein,
vorbei an allen, die das Kreuz auf Fahnen trugen,
die Macht ergreifend herrschen und allein
sich schonungslos um Land und Glauben schlugen.

Weltliche Herrscher, die die Menschen narrten,
die Völker marterten und schändlich quälten.
Die empathielos sich um Papst und Kaiser scharten
und deren Größenwahn scheinheilig stählten.

Die Priester logen unverhohlen, auch heute noch,
weil sie dem Volk Wahrheiten verwehren;
Ablass kassierten, Menschen brannten, unterjocht,
nur, weil sie deren Hab und Gut begehrten.

Sie lobten Gott und kannten kein Erbarmen.
Wer anders glaubte, nahm den Tod gleich mit.
Wer tötete – heut‘ „mordete“ – die Armen?:
Der Hände faltend durch die Mengen schritt!

Der Klerus und die vielen tausend Schergen,
die Weltlichkeit, die diente, wie er wollte,
sie führten sektenhaft in das Verderben.
Ein böser Spuk, der stets dem Übel zollte!

Das Böse lauert zwischen frommen Zeilen,
facettenhaft gefälscht vom Vatikan
und hinter langen Priesterkleidern,
da lauern Unkeuschheit und Größenwahn.

Es lebt sich gut, als frommer Schänder,
der unentdeckt die Kinderseelen tötet,
und Gott geweiht sind die Gewänder,
in denen er missbraucht und Unschuld nötigt.

Und die Justiz, sie schweigt. – Wie immer!
Kirchenbeschützt – heißt strafbefreit.
Die Hölle, hier auf Erden, ist doch schlimmer:
Des Klerus Türen öffneten sich weit.

„An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“,
so warnte Jesus vor den falschen Lehren.
Von Gott und Nächstenliebe trennen,
das tut die Kirche. Liebe nur heißt Aufbegehren!

So nah und doch so weit

Totes Lamm im Schnee – Briton Rivière (1840 -1920)

Ach, würd‘ die Welt doch singen,
bis in den lichten Tag,
in Harmonien klingen,
wie’s Herz und Seele mag.

Ach, würd‘ die Welt genesen,
mit vogelreichem Sang
und Wahrheit uns erlösen,
ein ganzes Leben lang.

Ach, wär doch endlich Stille
und Ruh auf dieser Welt.
Nur Gutes tun, der Wille,
ein Dasein ohne Geld.

Ach, wäre doch schon Frieden,
Gesundheit ohne Leid.
Die Lager voller Blumen
und Kinder voller Freud.

Ach, schmerzte nicht das Sehnen
nach der Vergangenheit…
mit allen Lebensplänen –
so nah und doch so weit.

Kaninchen

Paul Hoecker (1854-1910)

Hinter dem Haus – ein Kaninchenstall,
bot ihnen ein liebloses Heim.
Das war halt so, ich warf lieber Ball,
zum Nachdenken war ich zu klein.

Urin durchtränkt und von Kot übersät,
war der Stall – kein schöner Ort.
Vater war der, der säubert und mäht,
denn sie fraßen in einem fort.

Doch hinter dem Haus war zu wenig Grün,
und wir zogen mit Leiterkarren
in „den Bruch“, um Kettensalat zu ziehen,
für alle, die hungrig waren.

*Bruch = Rheinaue Homberg

Felix Schlesinger (1833-1910)

Nach einem halben Jahr etwa,
ging Vater allein in den Garten.
und sonntags gab es dann sogar
Kaninchen als Sonntagsbraten.

Dann eines Tages lernte ich schnell,
was mich schier mit Leid berührte,
als mein geliebter „Hansi“ ohne Fell,
hing an der alten Türe.

Ich war schockiert, war lange betrübt
und habe seitdem beschlossen,
nie wieder zu essen, was ich geliebt,
schon gar keine Hausgenossen.

Mainacht

Ostseestrand – Eugen Dücker 1841-1916

O meine selige Jugend!
Blaue Tage am Ostseestrand,
wenn in den grauen Schluchten
jeder Baum in Blüte stand.

O glühende Sommernächte!
Am offenen Fenster durchwacht.
Ferne Gewitter rollten
im Westen die ganze Nacht.

Und über den Lindenwipfeln
führten im Blitzesschein
die alten Preußengötter
ihren ersten Frühlingsrein.

Herden und Saaten segnend,
schwanden sie über das Meer.
Ihre hohen Bernsteinkronen
blitzen noch lange her.

Agnes Miegel (1879-1964)

Frühlingssturm

Der Sturm – Pierre Auguste Cot (1837 -1883

Jubelnd treibt ein Frühlingssturm
durch irdisch weiten Raum,
singt hoch sein Lied vom Wolkenturm,
hält Luftikus im Zaum.

Er treibt durch Länder, grenzenlos,
mit tausend Flügelpaaren,
sein aufgeblähtes Sein ist groß,
mit ihm himmlische Scharen.

Der Aufgeblühtes sprengt und trägt
mit sich das neue Leben,
der über Berg und Täler fegt,
dem Sonnenlicht entgegen.

In Windes Eile

Bild von Comfreak auf Pixabay

Hörst du den Klang der Welt vorüberziehen?

Der Wind trägt ihn auf kühlen Schwingen,
hebt hoch den Frohsinn und das Singen,

im Auf und Ab des Flügelschlags.
Trägt auch den Hilfeschrei des Tags,

und nachts des tausendfachen Sterbens!
Im Wind singt uns die Stimme des Verderbens,

die Angst vor Krankheit, Hunger, Armut auf den Flügeln.
Unbändig, rastlos lehrt er uns zu zügeln,

Begehrlichkeiten dieses Weltgeschehens.
Zeigt auf die bittren Quellen des Entstehens,

die auch die Quelle allen Leidens ist.
Frevel zu lindern, das ist Lebenspflicht!

Seelenleuchten

The Kiss – Silvio Allason (1845-1912)

Es war im Blicke seiner Augen,
ein Funken von Verbundenheit;
an wahre Liebe wollt‘ ich glauben,
an Feuer in der Dunkelheit.

Da war ein Leuchten unsrer Seelen,
etwas ergriff mein ganzes Herz,
es schien vom Boden mich zu heben
und gleichsam zog es voller Schmerz.

Es waren kurze Glücksmomente,
ein Losgelöst sein von der Zeit.
Des Glücks Sekunden sind zu Ende,
Erinnerung beschwert mein Herz.

Wieder ist Frühling! Aufgewühlt,
geht weit zurück ein altes Hoffen.
Nie wieder hab ich so gefühlt!
Kein Herz schien mir so nah und offen.

Sehnsucht und Einsicht

Élisabeth-Louise Vigée-Lebrun (1755-1842)

Lang lag ich wach in abendlicher Stunde,
mein Körper müd, jedoch gedankenhell.
Wird es bald Nacht? Ersehnte Traumsekunde!
Wie ging mein Tagesablauf gar so schnell?

Der frühe Morgen, dem ich einst entstiegen,
ist schon durchlebt. Bin nicht bereit zu scheiden!
Seh‘ die Vergangenheit Revue passieren
auf bunten Wiesen, meiner Kindheit Weiden.

Da lockte neue Sehnsucht mit Erfüllung,
der Geist ließ meine Seele tanzend heben;
des Lebens Suche nach stets neuer Stillung
ließ manches Abenteuer mich erleben.

Ich sah mich selbst, die Hände streckend
nach manchem Glanz, der keiner war.
Zerstörend, seh‘ ich müd mich recken,
das greifend, was sich mir versagte.

Bedenkenlos war’n viele meiner Stunden,
die ich an manchem Tag durchlebte.
So ist Vergangenes mit ihm verschwunden,
was bleibt: das von mir selbst Gesäte.

Recht

Jean-Léon Gérôme 1824-1904 – The last judgement
Daniel 5,27 »Tekel« bedeutet: Du bist mit einer Waage gewogen und zu leicht empfunden worden!

Es sühnen die Gerichte schlechte Taten,
doch ist gerecht noch lang kein Richterspruch,
ihr seid mit Sinn nach Rache schlecht beraten,
wenn ihr für Schuld gerechte Strafen sucht.
 
Wer andre in den Tod schickt ist nicht besser,
als jener, der zuvor den Mord verübt,
wäscht man Justitias Hand mit klaren Wässern,
ist nach dem Reinigen das Wasser unschulds-trüb.
 
Wir fordern Ethik und Moral mit Geistesgröße,
doch nur zu leicht zerfließen hier die Grenzen,
wir machen aus „nicht gut“, „ein bisschen böse“,
verdrehtes Recht schafft eigne Konsequenzen.