Phönix aus der Asche

Hört ihr des Donnervogels Schwingen,
wie er sich abends machtvoll hebt?
Hört ihr des Luftstroms weiches Singen,
wenn er in luft‘gen Höhen schwebt?

Mit Myrrhe ist sein Horst bedeckt,
er trug die Bitterkeit der Welt,
im Gold-Gefieder wohl versteckt,
hoch in sein Nest am Himmelszelt.

Wie prächtig war das Federkleid
der menschengroßen Kreatur!
Er trug das Bild „Vergänglichkeit“,
als Zeichen seiner dunklen Spur.

Den Menschen muss er Buße bringen,
als Totengott im Abendlicht,
und in der Göttersage Stimmen,
mahnt er zur Vorsicht und Verzicht.

Wenn erstes Sonnenglüh‘n mit Macht
am Morgen aus dem Meere steigt,
verbrennt er in der Flammen Kraft,
im Strahlenglanz der Ewigkeit.

Doch irgendwann nach hundert Jahren
wird er aus Asche auferstehen,
verjüngt, Unsterblichkeit erfahren,
nach langem Tod den Himmel sehn.

Phönix entsteigt der Asche – Bestiarium von Aberdeen

Das sind die Nächte

Das sind die Nächte, die mir Furcht erregen,
wo sich der Mond an meine Seite schmiegt
und kranke Schatten führt an meinen Wegen,
entschleiernd, was am Grund des Grauens liegt.

Oh, hassenswert sind diese hellen Nächte.
Ich will im Dunkeln meine Straße gehn.
Ich dulde nicht, dass unbekannte Mächte
mit scheelem Blick in meine Seele sehn.

Verhasster Mond, der feil und unverschwiegen
mir in mein innerstes Geheimnis bricht!
Ich wollt, ich dürft erst tot im Grabe liegen,
gefeit vor Furcht und unerbetnem Licht.

Erich Mühsam 1878-1934,
ermordet im KZ Oranienburg

Urkraft

Vladimir Kush (1965…)

Alle menschlichen Ideen,
wie Tau entströmt, aus fernen Himmeln,
Talente, wie gepflastert auf Alleen,
die Stolpersteine nahmen, die wir gingen.

Die Urkraft, die ihr Werk der Erde schickt,
Wunschbilder, die ins Seelenlicht getaucht,
ein Denken bilden, das uns hilft und glückt,
Gedanken, die der Mensch zum Leben braucht.

Es sind die hohen Kräfte, die uns dienen,
sie streuen Gottvertrauen auf die Erde,
und was zuerst im Seelenlicht erschienen,
das baut der Mensch, es ist dann sein
„Es werde!“

Ameisen

Bild von Tiểu Bảo Trương auf Pixabay

Es wimmelt und es krabbelt,
geordnet und in Reihen.
Der Hügel ist schon aufgehäuft,
es gilt, sich zu befreien,
von einer allzu schweren Last,
die gar nicht auf den Rücken passt.

Ein flinkes Schaffen, stetig Regen,
ein in sich ständiges Bewegen,
weil man der Königin mit Macht,
ein angenehmes Leben schafft,
die ihre Art erhält,
und kommen neue Krabbler auf die Welt,
werden die unterwürf’gen Kreaturen,
beliebig eingesetzt, wie Schachfiguren.

So ist das Lebensdrama festgeschrieben:
Die Großen thronen oben,
und die Kleinen liegen
ihnen zu Füßen,
zum Dienen müssen.

Spektralfarben

So, wie ein Regenbogen prangt an Regentagen,
so kann ein Lächeln Leuchten bringen,
wie Sonnenstrahlen durch die Wolken fallen,
nachdem die Wasser müde sind vom Rinnen.

So, wie die Heiterkeit besonnt die Herzen,
bricht gute Energie durchs Himmelszelt,
gibt Hoffnung, nimmt so manche Schmerzen,
bringt Kraft und Heilung dieser Welt.

Umhüllt von Licht und milden Strahlen,
erscheint in hehrem, goldnen Glanz,
ein halbes Rund in sieben Farben,
im weißen Licht erstrahlter Kranz.

Am Abend

Hans Andersen Brendekilde (1857-1942)

Wenn einst verrauscht des Lebens wirr Getön,
lass mich nicht einsam in den Abend gehn!

Ein Plätzchen vor der Tür! Die Luft so lind,
und neben mir ein treues Menschenkind,
das freundlich mit mir geht die alten Wege,
ein wenig mit mir weint, ein wenig lacht,
wie alte Leute tun, – ganz kurz, ganz sacht! –

Im Nachbarhof, nicht ferne, geht die Säge
mit scharfem Schnitt durch einen Baum;
wir schau’n uns an und nicken wie im Traum:
„Ja, ja, – so geht’s!“
Stumm tastet Hand nach Hand,
mit leisen Schritten kommt die Nacht ins Land,
wir merken’s kaum. –

Wenn einst verrauscht des Lebens wirr Getön,
lass mich nicht einsam in den Abend gehen!

Frieda Jung (1865-1929)
Ostpreußische Heimatdichterin
geboren im Landkreis Gumbinnen

Gütige Hände

Historische Künstlergrafik
nach dem Ölgemälde von Bertalan Székely (1835-1910)

Du bist so hilfsbereit und voller Güte,
weil du die Andren nicht vergisst,
obwohl du einst in deiner Blüte,
die Liebe selber hast vermisst.

Dort stehst du, öffnest beide Hände,
nimmst voller Mitgefühl den Schmerz;
wer immer sich auch zu dir wende,
es leuchtet ihm dein edles Herz.

Du wirst das Christuslicht verspüren,
das tiefen Frieden um dich hüllt,
es soll dich in die Zukunft führen,
mit Freude, die dein Herz erfüllt.

Wirst immer dein Zuhause finden,
wo einst dein Heimatstern auch steht,
kannst du dich ohne Angst verbinden,
mit Gott, der ewig mit dir geht.

Böse Zeitgeister

Ivan Yakovlevich Bilibin (1876-1942)

Die schwarzen Reiter am Horizont,
sie wurden vom Zeitgeist empfangen,
blickten voll Gier auf das Erdenrund
und stillten dort ihr Verlangen.

Sie hetzten das Volk durch Stadt und Land;
damit war Geschichte geschrieben.
Dem Bösen dienend, der satanischen Hand,
kaum jemand konnte entfliehen.

Länder verbrannt, die Stimmen verstummt,
die zuvor den Herzlosen zollten,
Millionen Tote im Erdengrund,
weil Zeitgeister es so wollten.

Die Taten grausam! Soldatenpflicht?
Wie wird denn Gott dies bemessen?
Gut oder böse? Menschliche Sicht?
Hat der Mensch den Maßstab vergessen?

Frühlingshafte Freudigkeit

Albert Samuel Anker (1831-1910)

Ein Hahnenschrei begrüßte meinen Tag,
als ich noch klein im Bettchen lag.

Ich war noch wie ein leeres Feld,
hineingeboren in die Erden-Welt.

Voll Neugier war ich einst als Kind,
für’s harte Leben unschuldig und blind,

vertrauensvoll, eifrig und klug,
sah nicht der Menschen Fehl und Trug.

Frühling war in mir und das Freuen
auf viele Stunden, die bunten, neuen.

Morgens zog’s mich in den Garten,
wo große Wunder auf mich warten.

Lief hin zu dem hölzernen Gatter,
entzückt vom Entengeschnatter.

Klangfroh war’n die Küken im Glück,
nichts wissend um ihr Geschick.

So, wie im Abendrot verborgen,
sah ich den neuen lichten Morgen,

der still im Sonnenglanz sich kündet,
mit dem so manche Angst verschwindet,

und was mich abends noch bedrückt,
im Tageslicht war’s längst entrückt.

Die Kindheitslieben sind verborgen
unter den tristen Alltagssorgen.

Dinge besser machen, statt bereuen,
unschuldig, dem Licht entgegenfreuen,

so, in diesem Hell geborgen,
eil ich hin zum nächsten Morgen

und genieß in dieser Zeit
frühlingshafte Freudigkeit.