Ameisen

Bild von Tiểu Bảo Trương auf Pixabay

Es wimmelt und es krabbelt,
geordnet und in Reihen.
Der Hügel ist schon aufgehäuft,
es gilt, sich zu befreien,
von einer allzu schweren Last,
die gar nicht auf den Rücken passt.

Ein flinkes Schaffen, stetig Regen,
ein in sich ständiges Bewegen,
weil man der Königin mit Macht,
ein angenehmes Leben schafft,
die ihre Art erhält,
und kommen neue Krabbler auf die Welt,
werden die unterwürf’gen Kreaturen,
beliebig eingesetzt, wie Schachfiguren.

So ist das Lebensdrama festgeschrieben:
Die Großen thronen oben,
und die Kleinen liegen
ihnen zu Füßen,
zum Dienen müssen.

Spektralfarben

So, wie ein Regenbogen prangt an Regentagen,
so kann ein Lächeln Leuchten bringen,
wie Sonnenstrahlen durch die Wolken fallen,
nachdem die Wasser müde sind vom Rinnen.

So, wie die Heiterkeit besonnt die Herzen,
bricht gute Energie durchs Himmelszelt,
gibt Hoffnung, nimmt so manche Schmerzen,
bringt Kraft und Heilung dieser Welt.

Umhüllt von Licht und milden Strahlen,
erscheint in hehrem, goldnen Glanz,
ein halbes Rund in sieben Farben,
im weißen Licht erstrahlter Kranz.

Am Abend

Hans Andersen Brendekilde (1857-1942)

Wenn einst verrauscht des Lebens wirr Getön,
lass mich nicht einsam in den Abend gehn!

Ein Plätzchen vor der Tür! Die Luft so lind,
und neben mir ein treues Menschenkind,
das freundlich mit mir geht die alten Wege,
ein wenig mit mir weint, ein wenig lacht,
wie alte Leute tun, – ganz kurz, ganz sacht! –

Im Nachbarhof, nicht ferne, geht die Säge
mit scharfem Schnitt durch einen Baum;
wir schau’n uns an und nicken wie im Traum:
„Ja, ja, – so geht’s!“
Stumm tastet Hand nach Hand,
mit leisen Schritten kommt die Nacht ins Land,
wir merken’s kaum. –

Wenn einst verrauscht des Lebens wirr Getön,
lass mich nicht einsam in den Abend gehen!

Frieda Jung (1865-1929)
Ostpreußische Heimatdichterin
geboren im Landkreis Gumbinnen

Gütige Hände

Historische Künstlergrafik
nach dem Ölgemälde von Bertalan Székely (1835-1910)

Du bist so hilfsbereit und voller Güte,
weil du die Andren nicht vergisst,
obwohl du einst in deiner Blüte,
die Liebe selber hast vermisst.

Dort stehst du, öffnest beide Hände,
nimmst voller Mitgefühl den Schmerz;
wer immer sich auch zu dir wende,
es leuchtet ihm dein edles Herz.

Du wirst das Christuslicht verspüren,
das tiefen Frieden um dich hüllt,
es soll dich in die Zukunft führen,
mit Freude, die dein Herz erfüllt.

Wirst immer dein Zuhause finden,
wo einst dein Heimatstern auch steht,
kannst du dich ohne Angst verbinden,
mit Gott, der ewig mit dir geht.

Böse Zeitgeister

Ivan Yakovlevich Bilibin (1876-1942)

Die schwarzen Reiter am Horizont,
sie wurden vom Zeitgeist empfangen,
blickten voll Gier auf das Erdenrund
und stillten dort ihr Verlangen.

Sie hetzten das Volk durch Stadt und Land;
damit war Geschichte geschrieben.
Dem Bösen dienend, der satanischen Hand,
kaum jemand konnte entfliehen.

Länder verbrannt, die Stimmen verstummt,
die zuvor den Herzlosen zollten,
Millionen Tote im Erdengrund,
weil Zeitgeister es so wollten.

Die Taten grausam! Soldatenpflicht?
Wie wird denn Gott dies bemessen?
Gut oder böse? Menschliche Sicht?
Hat der Mensch den Maßstab vergessen?

Frühlingshafte Freudigkeit

Albert Samuel Anker (1831-1910)

Ein Hahnenschrei begrüßte meinen Tag,
als ich noch klein im Bettchen lag.

Ich war noch wie ein leeres Feld,
hineingeboren in die Erden-Welt.

Voll Neugier war ich einst als Kind,
für’s harte Leben unschuldig und blind,

vertrauensvoll, eifrig und klug,
sah nicht der Menschen Fehl und Trug.

Frühling war in mir und das Freuen
auf viele Stunden, die bunten, neuen.

Morgens zog’s mich in den Garten,
wo große Wunder auf mich warten.

Lief hin zu dem hölzernen Gatter,
entzückt vom Entengeschnatter.

Klangfroh war’n die Küken im Glück,
nichts wissend um ihr Geschick.

So, wie im Abendrot verborgen,
sah ich den neuen lichten Morgen,

der still im Sonnenglanz sich kündet,
mit dem so manche Angst verschwindet,

und was mich abends noch bedrückt,
im Tageslicht war’s längst entrückt.

Die Kindheitslieben sind verborgen
unter den tristen Alltagssorgen.

Dinge besser machen, statt bereuen,
unschuldig, dem Licht entgegenfreuen,

so, in diesem Hell geborgen,
eil ich hin zum nächsten Morgen

und genieß in dieser Zeit
frühlingshafte Freudigkeit.

Pfingsten

Allen Besuchern meiner Seiten mit herzlichem Dank!

John William Waterhouse (1849-1917)

Nun schmückt sich zu dem Fest der Pfingsten
mit frischen Blumen jedes Haus,
selbst in den Hütten der Geringsten
sieht’s heute feiertäglich aus.

Die allerärmsten Siebensachen
verklärt ein Hauch von Poesie,
auf frischen Lippen liegt ein Lachen
und eine heitre Melodie.

Da draußen blumenreiche Auen
und Lust und Leben weit und breit
und rings, wohin die Blicke schauen,
nur Glück und Daseinsfreudigkeit.

Und unter all dem Jauchzen, Klingen,
inmitten froher Festtagslust,
da will’s auch mich zum Liede zwingen,
als Dankgebet aus voller Brust.

Marie Paschke-Diergarten
(1870-Sterbedatum nicht bekannt)

Die Kindsmörderin

Die Kindsmörderin – Gabriel Cornelius Ritter von Max (1840–1915)

Von Friedrich Schiller
Die Schreibweise folgt nicht der Schreibweise des Originals

In diesem Gedicht nimmt Schiller Partei gegen den Erzeuger des Kindes,
der die geächtete Mutter nach dem Beischlaf alleine ließ.

Horch – die Glocken weinen dumpf zusammen,
Und der Zeiger hat vollbracht den Lauf,
Nun, so sei’s denn! – Nun, in Gottes Namen!
Grabgefährten brecht zum Richtplatz auf.

Nimm o Welt die letzten Abschiedsküsse,
Diese Tränen nimm o Welt noch hin.
Deine Gifte – o sie schmeckten süße! –
Wir sind quitt du Herzvergifterin.

Fahret wohl ihr Freuden dieser Sonne
Gegen schwarzen Moder umgetauscht!
Fahre wohl du Rosenzeit voll Wonne,
Die so oft das Mädchen lustberauscht;

Fahret wohl ihr goldgewebten Träume,
Paradieseskinder Fantasie’n! –
Weh! sie starben schon im Morgenkeime,
Ewig nimmer an das Licht zu blühn.

Schön geschmückt mit rosenroten Schleifen
Deckte mich der Unschuld Schwanenkleid,
In der blonden Locken loses Schweifen
Waren junge Rosen eingestreut: –

Wehe! – Die Geopferte der Hölle
Schmückt noch jetzt das weiß-lichte Gewand,
Aber ach! – der Rosenschleifen Stelle
Nahm ein schwarzes Totenband.

Weinet um mich, die ihr nie gefallen,
Denen noch der Unschuld Lilien blühn,
Denen zu dem weichen Busenwallen
Heldenstärke die Natur verliehn!

Wehe! menschlich hat dies Herz empfunden! –
Und Empfindung soll mein Richtschwert sein! –
Weh! vom Arm des falschen Manns umwunden
Schlief Louisens Tugend ein.

Ach, vielleicht umflattert eine andre
Mein vergessend dieses Schlangenherz,
Überfließt, wenn ich zum Grabe wandre,
An dem Putztisch in verliebten Scherz?

Spielt vielleicht mit seines Mädchens Locke?
Schlingt den Kuss, den sie entgegenbringt?
Wenn verspritzt auf diesem Todesblocke
Hoch mein Blut vom Rumpfe springt.

Joseph! Joseph! auf entfernten Meilen
Folge dir Louisens Totenchor,
Und des Glockenturmes dumpfes Heulen
Schlage schrecklich mahnend an dein Ohr –

Wenn von eines Mädchens weichem Munde
Dir der Liebe sanft Gelispel quillt,
Bohr es plötzlich eine Höllenwunde
In der Wollust Rosenbild!

Ha, Verräter! Nicht Louisens Schmerzen?
Nicht des Weibes Schande harter Mann?
Nicht das Knäblein unter meinem Herzen?
Nicht was Löw’ und Tiger milden kann?

Seine Segel fliegen stolz vom Lande,
Meine Augen zittern dunkel nach,
Um die Mädchen an der Seine Strande
Winselt er sein falsches Ach! – –

Und das Kindlein – in der Mutter Schoße
Lag es da in süßer, goldner Ruh,
In dem Reiz der jungen Morgenrose
Lachte mir der holde Kleine zu,

Tödlich lieblich sprang aus allen Zügen
Des geliebten Schelmen Konterfei;
Den beklommnen Mutterbusen wiegen
Liebe und – Verräterei.

Weib, wo ist mein Vater?, lallte
Seiner Unschuld stumme Donnersprach,
Weib, wo ist dein Gatte?, hallte
Jeder Winkel meines Herzens nach –

Weh, umsonst wirst Waise du ihn suchen,
Der vielleicht schon andre Kinder herzt,
Wirst der Stunde unsrer Wollust fluchen,
Wenn dich einst der Name Bastard schwärzt.

Deine Mutter – o im Busen Hölle! –
Einsam sitzt sie in dem All der Welt,
Durstet ewig an der Freudenquelle,
Die dein Anblick fürchterlich vergällt,

Ach, in jedem Laut von dir erwachet,
Toter Wonne Qualerinnerung,
Jeder deiner holden Blicke fachet
Die unsterbliche Verzweifelung.

Hölle, Hölle wo ich dich vermisse,
Hölle wo mein Auge dich erblickt,
Eumeniden-Ruten deine Küsse,
Die von seinen Lippen mich entzückt,

Seine Eide donnern aus dem Grabe wieder,
Ewig, ewig würgt sein Meineid fort,
Ewig – hier umstrickte mich die Hyder; –
Und vollendet war der Mord –

Joseph! Joseph! auf entfernte Meilen
Jage dir der grimme Schatten nach,
Mög mit kalten Armen dich ereilen,
Donnre dich aus Wonneträumen wach,

Im Geflimmer sanfter Sterne zucke
Dir des Kindes krasser Sterbeblick,
Es begegne dir im blutgen Schmucke,
Geißle dich vom Paradies zurück.

Seht! da lag es – lag im warmen Blute,
Das noch kurz im Mutterherzen sprang,
Hingemetzelt mit Erinnys Mute,
Wie ein Veilchen unter Sensenklang; – –

Schrecklich pocht schon des Gerichtes Bote,
Schrecklicher mein Herz!
Freudig eilt’ ich in dem kalten Tode
Auszulöschen meinen Flammenschmerz.

Joseph! Gott im Himmel kann verzeihen,
Dir verzeiht die Sünderin.
Meinen Groll will ich der Erde weihen,
Schlage Flamme durch den Holzstoß hin –

Glücklich! Glücklich! Seine Briefe lodern,
Seine Eide frisst ein siegend Feu’r,
Seine Küsse! – wie sie hochan lodern! –
Was auf Erden war mir einst so teu’r?

Trauet nicht den Rosen eurer Jugend,
Trauet, Schwestern, Männerschwüren nie!
Schönheit war die Falle meiner Tugend,
Auf der Richtstatt hier verfluch ich sie! –

Zähren? Zähren in des Würgers Blicken?
Schnell die Binde um mein Angesicht!
Henker kannst du keine Lilie knicken?
Bleicher Henker zittre nicht! – – –

Wikipedia deutet folgendermaßen: „Louise ist sich ihrer Schuld sicher, aber der wahre Mörder ist die Liebe, ein Paradox.“

Das sehe ich anders: Zeitgeist, Begehrlichkeiten und Leidenschaften dieser Welt sind die wahren Mörder. Liebe kann niemals Mörder sein!

Goethe war der Vorfall, den Schiller beschreibt, bekannt. Er arbeitete 1772 als Rechtsanwalt in Frankfurt a. M., seiner Heimatstadt. Susanna Margaretha Brandt wurde wegen Kindesmord 1772 mit dem Schwert hingerichtet. https://www.youtube.com/watch?v=mm5ElyuPkHc

Goethe selbst nahm in „Dichtung und Wahrheit“ zu dem Vorgang nicht Stellung, sondern berichtete lediglich in knapper, distanzierter Form: „Bald setzte ein entdecktes großes Verbrechen, dessen Untersuchung und Bestrafung die Stadt auf viele Wochen in Unruhe.“ Er selbst nahm ihre Geschichte als Vorbild für den „Urfaust“.

Im Falle der im Jahre 1783 hingerichteten Dienstmagd Johanna Catharina Höhn, die ebenfalls ihr Kind getötet hatte, geht die Forschung mittlerweile davon aus, dass Goethe – gegen die Intention des Herzogs Karl August – die Todesstrafe befürwortet hat, die in Weimar vollstreckt wurde.