Lebensfaden

Quelle: Pinterest
An einem goldnen Faden hängt das Leben,
der Mensch webt schicksalhafte Bilder auf den Grund.
Um die Stationen klar hervorzuheben,
sind sie oft dunkel, farblos, manchmal bunt.

Aus vielen Fäden, die verknotet, wirren,
entstand ein finsteres Gespinst aus Schuld;
durch Leid und Tragik, fehlerhaftem Irren,
riss manchem Lebensfaden die Geduld.

Beim Auseinanderwirren, müßig Trennen,
der vielen Fäden, die das Lebenstuch bedecken,
ist jener goldene Faden zu erkennen,
der sich in all dem Wust der Zeit versteckte.

Führt Mensch ans Ziel der göttlichen Bestimmung,
hineingewoben, wie im goldenen Vlies,
bringt er auf dunklem Grund Erkenntnis und Besinnung,
gesponnen für des Geistes Paradies.

Millionenfach

Quelle: Pinterest
Durchtränkt vom Blut millionenfacher Leben,
tief in den Gründen anfänglichen Werdens;
im Daseinskampf des triebbedingten Strebens
der Ungetüme, die erlegt im Massensterben.

Ur-Wälder, undurchdringlich, wild und mächtig,
mit alten Bäumen, unermesslich groß;
die Riesenpflanzen, Schachtelhalme, prächtig,
ein Dschungel, der die ganze Welt umschloss.

Es folgten nach dem Einschlag von Kometen,
nachdem Vulkangestein begrub das Land,
die Asche, die wie Schnee vom Himmel regnet,
die Luft vergiftet, Sonnenschein verbannt.

Millionen Jahre, bis der Mensch ‚erwachte‘,
als neues Ungetüm der neuen Welt;
der sich das Erdenrund zu eigen machte,
der es bebaute, herrschte und erfand das Geld.

Ein neuer Daseinskampf hat längst begonnen,
Mensch gegen Tier, Mann gegen Mann;
das triebbedingte Streben hat gewonnen,
weil Mensch das alte Tun nicht lassen kann.

Schon wieder tränkt das Blut die durst’ge Erde -
ein Herrscher kann nicht herrschen ohne Krieg.
Die Welt der Waffen lässt die Menschheit sterben.
Die neue Eiszeit kommt – ganz ohne Sieg!

Der Juni

von Erich Kästner
Quelle: Pinterest
Die Zeit geht mit der Zeit: Sie fliegt.
Kaum schrieb man sechs Gedichte,
ist schon ein halbes Jahr herum
und fühlt sich als Geschichte.

Die Kirschen werden reif und rot,
die süßen wie die sauern.
Auf zartes Laub fällt Staub, fällt Staub,
so sehr wir es bedauern.

Aus Gras wird Heu. Aus Obst Kompott.
Aus Herrlichkeit wird Nahrung.
Aus manchem, was das Herz erfuhr,
wird, bestenfalls, Erfahrung.

Es wird und war. Es war und wird.
Aus Kälbern werden Rinder
Und weil's zur Jahreszeit gehört,
aus Küssen kleine Kinder.

Die Vögel füttern ihre Brut
und singen nur noch selten.
So ist's bestellt in unsrer Welt,
der besten aller Welten.

Spät tritt der Abend in den Park,
mit Sternen auf der Weste.
Glühwürmchen ziehn mit Lampions
zu einem Gartenfeste.

Dort wird getrunken und gelacht.
In vorgerückter Stunde
tanzt dann der Abend mit der Nacht
die kurze Ehrenrunde.

Am letzten Tische streiten sich
ein Heide und ein Frommer,
ob's Wunder oder keine gibt.
Und nächstens wird es Sommer.
Erich Kästner (1899-1974)

Heer der Taggedanken

Quelle: Pinterest – Christian Schloe, Austria

Im Heer der vielen Taggedanken,
steht deine Seele tief inmitten Krieg und Frieden.
Manchmal, wenn es dich trifft, wirst du am Boden liegen;
von Kampf und Schwere in die Knie gezwungen,
hast du im Leid erstritten, was dich ließ gesunden;
heldenhaft aufgerichtet nach Verlust und Überwinden,
nach Nächten voller Tränen, wirst du neue Wege finden.
Die Zeit hat alte Seelenwunden dir verbunden,
denn was du suchtest, hast du längst gefunden.
Wirst neue, hoffnungsvolle Ziele sehen:
Am Ende aller Kämpfe wird der Friede stehen!

Daumen hoch, Daumen runter

Pollice Verso „Daumen runter“ von Jean-Léon Gérôme 1872
Sport und Spiele sind eröffnet.
Sieger freun sich, lachen, jubeln,
wenn vom eignen Tun enttäuscht,
der Verlierer weint im Trubel.

Kleiner Krieg in Fangemeinden,
Pyrotechnik und Randale;
Böse werfen Böller, Becher,
fiebern hin bis zum Finale.

Heben Sieger auf den Sockel,
von dort stürzen ihn die Massen,
wenn er nicht ‚geliefert‘ runter.
Grölend treibt’s den Mob durch Straßen.

Der Kommerz reibt sich die Hände,
denn es blühen volle Kassen.
Die Athleten dieser Erde,
sie be-geistern Menschenmassen.

„Ich bin besser, größer, schneller!“,
stehts im Mienenspiel geschrieben;
Alkohol fließt durch die Reihen,
Mengen sind vom Wahn getrieben.

Ordnungshüter staatsbedienstet,
sind bezahlt vom Geld der Schwachen,
die sich wehrlos ausgeliefert
nichts aus Sport und Spielen machen.

Sex und Spiel und Alkohol
messen sich an falschen Göttern,
was im Rausch man finden wird,
sind des guten Geistes Spötter.

Gottes Lächeln

von Ephides
Quelle: Pinterest

Zwei Menschen suchten ihren Weg ins Leben,
und einer wollte nehmen, einer geben.
Das Lächeln Gottes schwebte über ihnen.

Und jedem ward das Seine.
Denn es spiegelt das Leben unser Bild,
das sonst verriegelt im namenlosen Grund und traumlos bleibt,
bis uns Sein Ruf in die Bewährung treibt.

So trug des einen Gier, des andern Güte der Spiegel,
ehe splitternd er versprühte,
und wie ein See im Wind in Wellen brach.

Da sann der eine seinem Bilde nach und sprach:
„Mein Bruder, sag, wie ging das zu?
Ich hatte Glück – doch glücklich warst nur du!“

Das Lächeln Gottes schwebte über ihnen.

Rosenduft

Rosen Wannseegarten – Philipp Franck (1860 – 1944)

Die alte Rosenlaube dort am Buchenhain,
ihr gilt mein täglich Sinnen, ach, so oft.

Sie ließ mich sinken in die tiefsten Träumereien,
mit meinem Oden sog ich auf den Duft.

Vergangen ist die Zeit, als ich noch Worte fand,
so wie der Sand rinnt
durch das schmale Glas der Uhren,

und als entzweite sich des Lebens lichte Band,
verwischten auch die letzten meiner Spuren.

So grau blickt eine Welt der Lichtgestalt entgegen,
die ich geworden, alt und ewiglich.

Die Uhren bitt’ ich, mögen rückwärts sich bewegen.
So dufte Rose einmal noch für mich!

1338 von Ambrogio Lorenzetti erschaffenen Fresko „Allegorie der Guten Regierung“ im Palazzo Pubblico (Siena)

Fülle

Time Stops (2005). Zelkats. Digitale Kunst. 2008-2012

Wie eine leere Zeit,
die nicht gefüllt mit Dingen,
in der kein Tun und Ringen –
nicht Liebe und nicht Leid;
wo nur Gedanken wachen,
kein Weinen und kein Lachen,
von Gegenwart befreit;
wie eine laute Stille,
in der die Geistesfülle
sich schweigend Raum verleiht.

Sport und Spiele

Fußballspiel – Tisa von der Schulenburg (1903-2001)
Be-geistert werden Menschen jubeln,
auf dieser unvollkommenen Erde,
bald geben sie im Freudetrubel
dem Sport und Spiel der Welt die Ehre.

Gejubelt wird von den Tribünen -
die Sorgen sind ganz klein geworden,
wenn in sonst alltagstrüben Mienen
die Siege für Triumphe sorgen.

Der Mensch, er kämpft, verliert, gewinnt,
mühselig, wie sein Lebensplan,
und wenn der Traum vom Sieg zerrinnt,
erwacht er aus dem Rausch alsdann.

Die ausgestreckten Hände vieler -,
im Chaos dieser Welt versponnen,
gehören zu den wahren Spielern,
für die das Lebensspiel gewonnen.

Geisteslicht

Bild von Leopictures auf Pixabay
Ein Wunschkonzert ist dieses Leben nicht,
oft scheint der Schatten uns, als die Substanz,
und wenn die harte Schale einer Nuss zerbricht,
beißen wir sie, den Kern verschmähn wir ganz.

Wir scheuen manche Wirklichkeit im Licht,
sehn die Materie als krankheitsbringend an.
Die Wahrheit steht vor uns – wir sehn sie nicht,
ein Zufall ist für uns des Lebens Plan.

Glücklich ist der, der weitergeht und glaubt,
das alles besser wird im Geisteslicht,
das unterstützt, wenn uns das Leben raubt,
was stark macht, wenn der Mut zerbricht.

Niemals verlassen sein, trotz Schwäche oder Not,
an Hilfe glauben, selbst im tödlichen Moment,
sie ist die Wahrheit – ein gerechtes Lot,
im Dasein uns ein festes Fundament.