Zerbrochen

Frank William Warwick Topham (1838-1924)  – Der zerbrochene Krug

So viele Tränen hab ich geweint,
zu Hause in dunkelster Stunde.
So viele Verse hab ich gereimt,
sie tragen des Leids bittre Kunde.
 
Vergeblichkeit spür’ ich, in all meinem Tun,
bei Tag und bei Nacht in den Gliedern.
Meine zerbrochene Seele muss ruhn.
Gabst meinem Gefühl kein Erwidern.
 
Mit vollen Händen stand ich vor dir,
gab dir mein Herz, unverwunden.
Du hast’s genommen, doch was gabst du mir:
Nur ein paar gestohlene Stunden!?
 
Brachte der Wahn nach vermeintlichem Glück,
nur Illusionen und Träume zum Blühen,
lass’ ich mit bittrer Enttäuschung zurück,
all’ meine Hoffnung, mein Mühen.
 
Alles im Wandel! Die Gegenwart rinnt
wie feiner Sand durch die Hände,
auch, wenn das Sehnen tief in mir brennt,
so fühl ich doch: Es ist zu Ende.
 
Wieder hat meines Schicksals Geschick
ein bittres Kapitel geschrieben.
Die Zeit begräbt mein scheinbares Glück,
ich werd’ von ihr weiter getrieben.
 
Lange noch sucht die Sonne vergebens,
einen Weg, durch die Wolken zu scheinen.
Solang’ der gänzliche Sinn meines Lebens,
ist, deinen Verlust zu beweinen.

Strudel

Edler Schein,
silbriges Fließen.

Licht formt verhärteten Geist,
löst seine Gestalt,
elementar.

Stetig und kreisend
dreht sich der Lauf aller Dinge.
Niemals im Stillstand;
wechselt Formen und Farben.

Strudelt in haltlose Tiefen,
wird aufs Neue geboren,
veredelt zum Aufstieg.

Erlöste Glückseligkeit!

Kleiner Rückblick – Chaos

Fortsetzung Teil 18

Patrick

Mein jüngster Sohn wohnte mit seinen damals 23 Jahren noch bei mir. Er hatte mehr schlecht als recht sein Fachabitur absolviert und versuchte nun ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, wobei er nie zu den Vorlesungen ging und auch sonst nichts tat, was ihn weiterbrachte. Er behauptete zwar, er hätte früher mal ein Buch gelesen, doch ich weiß vom Gegenteil. Es gab kein Thema, das ihn interessierte, und ich glaubte, dass er den Inhalt einer Buchseite überhaupt nicht verstanden hätte, wenn er sie las. Doch er liebte Rap-Musik, schrieb Texte und hatte Auftritte im kleinen Kreis und bei der Schulentlassung.

Wie seinen Vater, unterstützte ich auch ihn finanziell. Sein Vater hatte in all den Jahren keinen Unterhalt gezahlt.

Jeder normal denkende Mensch wird nun zu Recht meinen, dass mein Sohn ja wohl alt genug gewesen sei, um mir zu helfen. Weit gefehlt! Von ihm durfte ich keine Hilfe erwarten. Mein Sohn hasste Gartenarbeit, Arbeit im Allgemeinen und im Besonderen, und ich hasste seine Einstellung. Wenn er den Rasen mähte, tat er das mit Todesverachtung und dermaßen schlecht, dass ich es beim nächsten Mal lieber selbst machte. Außerdem war ich die Bittgesuche bei ihm leid, die ich tagelang vorher stellen musste. Ich konnte die Uhr danach stellen: Er hatte Zeit, wenn es draußen regnete.

Unser Verhältnis war angespannt. Sein Tagesablauf bestand darin, nachmittags nicht vor 15 Uhr aufzustehen, sich sein Essen, wie selbstverständlich, aus der Küche zu holen und sich dann vor den PC zu setzen, um bis spät in die Nacht irgendwelche schrecklichen Ballerspiele zu spielen. Er hatte seine besten Jahre verkifft, zusätzlich seinen Ordnungssinn und jeden inneren Antrieb, aus dieser Misere heraus zu wollen. Irgendwie schien ihm das Chaos im Zimmer eine Art von Geborgenheit zu geben. Und das musste ich mir tagtäglich ansehen.

Das war wie eine Folter, und ich gab mir insgeheim die Schuld, weil ich ihn zur Welt gebracht und allein erzogen hatte. Seinen Vater aus Curacao kannte mein Sohn nur vom Foto. Das trug er stets bei sich wie ein Heiligtum.

Er suchte nach seinen Wurzeln, fand sie aber nicht. Irgendwie hing er zwischen zwei Welten. Hatte er nun eine schwarze, rote oder weiße Seele oder war sie gemischt wie seine Hautfarbe? Im Grunde war Patrick ein ergebener Junge, der sehr an mir hing und ich an ihm, und das Fatale war, wir hatten nur uns alleine. Doch sein Sternzeichen „Skorpion mit Aszendent Skorpion“ verhinderte die Harmonie zwischen uns. Was er nicht wollte, tat er auch nicht! Dagegen kam der „Widder mit Aszendent Stier“ nicht an.

Ich bildete mir ein, versagt zu haben und begann aus meinem Unvermögen heraus, meinen Frust darüber an meinem Sohn auszulassen. Das äußerte sich in recht heftigen und lauten verbalen Äußerungen, wenn ich beispielsweise sein Zimmer nicht mehr betreten konnte, weil dort der Müll, mein gutes Geschirr mit verschimmelten Essensresten und seine schmutzige Wäsche den Raum füllten. Immer dann kamen mir die warnenden Worte seines Erzeugers in den Sinn: „Ein Farbiger in Deutschland – das geht nicht gut!“ oder „Deutsche Frauen haben schmutzige Wohnungen!“
Es war schlimm für mich, mit ansehen zu müssen, dass Erick möglicherweise Recht behalten sollte.

Seit dem Wechsel ins zweite Millennium hatte mein Sohn die Entwicklung mit D. natürlich mitbekommen und geriet immer häufiger zwischen die Fronten. Er mochte D. nicht, hielt sich aber weitgehend aus allem heraus. Als D. mich verließ, freute sich mein Sohn.

Mit meiner Panik über Alleinsein und Geldmangel, kam der psychische Absturz. Noch heute habe ich die Abschiedsworte von D. in Erinnerung: „Du wirst nie mehr einen Mann finden! Wer Dich anspricht, muss sich vorher Mut antrinken.“
Heute klingen sie wie ein Fluch. War ich wirklich solch eine Anti-Frau? Wieder einmal mehr im Leben hatte ich anscheinend alles falsch gemacht.

„Männer mögen keine starken Frauen!“, hatte meine Freundin gesagt. „Sie wollen das unschuldige, hilflose Weibchen, das abends den Mund hält, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen.“

Ich war eine starke, resolute Frau…stark auch dann, wenn ich schwach war. Das Leben hatte mich zu dem gemacht, was ich bin. War ich denn schlechter als andere? Ich wünschte mir einen liebevollen, intelligenten Mann, mit dem ich über alles reden konnte, …eine starke Schulter zum Anlehnen und vor allen Dingen Liebe, Ehrlichkeit und Harmonie. Das hatte ich doch noch nie bekommen. Stattdessen Gleichgültigkeit, Lügen, Brutalität, Oberflächlichkeit und Langeweile.

Meine Nerven lagen blank. Wo ich ging und stand, weinte ich hemmungslos. Mein Arzt injizierte „Imap“ zum Ruhigstellen.
Meine Psyche reagierte mit panischer Höhenangst, die ich vorher nicht gekannt hatte. Sie hinderte mich daran, Rolltreppen zu benutzen oder eine Leiter zu besteigen. Sobald es draußen dunkel wurde, bekam ich Angst, nicht mehr nach Hause zu finden und Gefühle des Verlassenseins und der Einsamkeit machten sich breit, die mich tief depressiv werden ließen. Das äußerte sich wieder in Herzrasen und erhöhtem Puls. Da wusste ich, dass ich professionelle Hilfe brauchte und ließ mich von meinem Hausarzt in die psychosomatische Klinik einweisen.

Burghof-Klinik, Rinteln

Anfang Dezember 2002 wurde ich dort entlassen. Rückblickend muss ich sagen, dass mir der Aufenthalt dort gutgetan hat. Ich gewann Abstand, bekam eine andere Sicht der Dinge und lernte neue Menschen kennen. Dann folgte ein Rückfall.

D. war nach zwei Wochen in der Klinik aufgetaucht, um sich in Erinnerung zu bringen und seinen Marktwert zu testen. Ich stieß die Warnungen der Ärzte in den Wind und glaubte seinen Versprechungen, dass er noch vor Weihnachten wieder bei mir wäre. Es war ein Trugbild von Zuneigung, die gar keine war. Jetzt hatte D. Macht über mich: Er kam nicht! Seine Schwester erklärte mir am Telefon, er sei in Begleitung einer blonden Frau bei ihr im Laden gewesen.

Weihnachten fiel in diesem Jahr ins Wasser, Silvester ebenfalls. Ich kannte das ja schon. Trotzdem war ich wie immer todunglücklich.

Ende Januar 2003 traf ich D. wieder, ganz zufällig, auf dem Weg zum Trödelmarkt. Er grinste mich an, als sei niemals etwas geschehen, und zwei Wochen später war er wieder in meiner Wohnung, mit all seinen Siebensachen. In einem Anfall von Wahnsinn wurde ein neuer Versuch gestartet. Ich war froh, nicht mehr allein zu sein. Mein Sohn verstand die Welt nicht mehr, hielt sich aber raus.

Heute bin ich davon überzeugt, dass D. zurückkommen musste, nicht nur um etwas an mir gut zu machen, sondern, damit ich abschließen konnte. Ich sollte ihn mir noch einmal genau anschauen. Und das tat ich auch.

D. baute die gesamte Wohnung nach meinen Wünschen um. Mein Sohn bezog unsere ehemaligen Schlafräume in der oberen Etage und hatte fortan eine noch größere Ablagefläche für seinen Unrat, der mir nun aber aus den Augen war; die untere Wohnung wurde auf einer Ebene von 100 qm zusammengefasst, wodurch sich mein Wohnzimmer in einen sonnendurchfluteten, positiven Raum verwandelte. Das machte mich froh. Allein hätte ich das niemals geschafft.

Im April 2003 war D. fertig, auch mit dem Garten. Dann, im Mai, folgten die ersten Wochenenden, an denen er mit recht fragwürdigen Ausflüchten wegblieb. Da wusste ich, dass es endgültig aus war. Ich hatte genug von seinen Eskapaden und ließ mir die Kündigung für die gemeinsame Wohnung unterschreiben, um jederzeit ausziehen zu können.

Ich packte ihm seine Siebensachen in große Umzugskartons und stellte sie in die Garage, wo er sie nach und nach abholte. Vorher wechselte ich den Zylinder des Schlosses zur Wohnung. Hier sollte er nicht mehr reinkommen. Das Thema D. war durch – ich konnte es abschließen und begraben.

Lied des Friedens

Jean-Léon Gérôme  1824 -1904

So, wie der Muezzin von seinem Minarett
zur Stunde des Gebetes ruft,
 
möcht’ ich der Menschheit singen,
 
von einem ein’zgen Gott, der Christ und Moslem eint,
weil er sie beide schuf –
 
dies Lied soll allen Völkern in den Herzen klingen.
 
Will Frieden in die wunden Seelen tragen
und tauschen Freude gegen Leid.
 
Die Zeichen werden stehn und Menschen
die Veränd’rung wagen –
 
Freundschaften wachsen mit der Zeit.
 
Die Welt braucht Händedruck und keine Kriege,
die weder Sieg noch Frieden bringen.
 
Vereint die Völker dieser Erde,
doch nur mit Liebe wird euch das gelingen!

Dämon

Bild: Karin M.


Versteckst dein magisches Auge.
Versuchst zu beherrschen, verführen.
 
Dein Auftrag Zerstörung,
Dein Urgrund Verzweiflung.
 
Ich sah dich im Spiegel,
ließ dich ins Bewusstsein.
 
Begeisterst die Menschen.
 
Gut oder Böse?
Sekunde der Wahl.
 
Durch Liebe erlösen,
positiv wandeln
in Christus Namen,

zum inneren Frieden.

Kleiner Rückblick – Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst

Fortsetzung Teil 17

1999
2000

Eine relativ kurze Beziehung von zwei Jahren, in der mein Lebensabschnittsgefährte D. im Jahre 2002 von heut auf morgen ohne ein Wort verschwunden war, hatte mich im ersten Schockzustand für einen Monat in eine psychosomatische Klinik nach Rinteln befördert. Im alten Domizil des Barons von Münchhausen zog ich mich, nach dessen Vorbild, selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Zu therapeutischen Zwecken hatte dort fast jeder Klinikinsasse das Buch „Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst!“ lesen müssen. Distanz und Nähe in Beziehungen – dessen Logik von Ursache und Wirkung verstand ich zwar, konnte es aber nicht umsetzen. Denn für mich ist Liebe nichts, was man künstlich dosieren kann, indem man das Gefühl auf „klein“ dreht und den Verstand auf „groß“ wie an einem Gasherd. Wenn mein Herz entflammt ist, lässt es sich nicht mehr regulieren. Die emotionale Flamme ist bei mir stets größer, als irgendwelche logisch erscheinenden Überlegungen. Entweder brenne ich lichterloh, oder die Flamme erlischt nach einiger Zeit ganz von selbst wieder.

Für D. hatte es nie eine wirkliche Flamme gegeben, nur eine Glut, die sich an Äußerlichkeiten entzündete. 2002 war es also nicht die verlorene Liebe gewesen, die mich nervlich und emotional runtergezogen hatte. Eher war das Kindheitstraumata des Verlassenseins der Auslöser gewesen, denn Liebe hatte es in der Beziehung mit D. überhaupt nicht gegeben. Aus einem sexuellen Abenteuer, das für mich ziemlich emotionsfrei begonnen hatte, war plötzlich ein Zusammenleben geworden, weil D. keine eigene Wohnung hatte. Bis dahin hatte er bei seiner Ex gelebt, die manisch-depressiv fast ständig im Krankenhaus untergebracht war.
Beim Tanzen hatte ich D. kennen gelernt. Nachdem sich mein Bauchgefühl mit einem lauten „Nein“ geäußert hatte, hatte meine weibliche Begleitung dies mit einem sehr eindringlichen „Ja“ übertönt.
„Er ist der bestaussehende Mann im Lokal!“, hatte sie mir immer wieder einzureden versucht. Für mich war er ein Prolet wie aus der Coca-Cola-Werbung. Eine Kollegin, die ihn zum ersten Mal bei mir zu Hause gesehen hatte, hatte ganz verzückt gemeint: „Wo hast du ihn denn her? So einer läuft noch frei herum?“

Alle sahen nur D. schöne Fassade, aber bei einem Blick dahinter klaffte mir seine „Hohlraumversiegelung“ derart entgegen, dass seine Zweckbestimmung für mich von Anfang an feststand. Obwohl ich kleiner war, als er, schaute ich auf ihn herunter. Ich kann einen Mann nur auf gleicher Augenhöhe lieben.

Der Mann, den ich mir da in mein Bett geholt hatte, beziehungsweise, der sich fast unmerklich in meiner Wohnung einnistete, war überhaupt kein Kandidat gewesen, den ich hätte lieben können. Seine Anwesenheit belastete mich, weil ich mit ihm nichts anzufangen wusste, und er passte auch nicht in meine liebevoll eingerichtete Frauenwohnung. Trotzdem war ich froh, nicht mehr allein zu sein, was durchaus ein Widerspruch war, für den ich später sehr tief in die Tasche greifen musste. Aber das war wohl mein Los.

Eine Freundin erinnerte mich an die Schattenseiten des Zusammenlebens mit einem Mann.
„Warte ab, wenn du zum ersten Mal seine schmutzigen Socken waschen musst, und er erwartet, dass sein Essen pünktlich auf dem Tisch zu stehen hat!“, hatte sie gesagt.

Socken und Essen waren nur ein kleines Problem; Modellautos hingegen ein großes! Als D. diese wie selbstverständlich auf ein Regal ins Wohnzimmer stellte, sträubten sich meine Nackenhaare.

Er besaß nichts, außer Schulden, hatte ein einfaches Gemüt und großes handwerkliches Geschick. Er aß den ganzen Tag und stopfte Unmengen in sich hinein. Unterwegs war keine Fressbude vor ihm sicher und wenigstens einmal wöchentlich ging es in ein Restaurant.
„Große Männer essen viel!“, hatte meine Freundin beiläufig erklärt. Das Beiläufige wurde vor meinen Augen jeden Tag größer und größer. Ich fand das ekelhaft!

Gegen Ende des Jahres 2000 besuchte ich zusammen mit D. eine Kartenlegerin, die mitunter recht hellsichtige Anwandlungen hatte. D. war erst kürzlich mit seinem Laden in die Pleite gegangen und suchte nach einer neuen Anstellung. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, bei seiner Schwester, die eine IKEA-Filiale leitete, eine Stelle als Geschäftsführer zu bekommen. Sie hatte es ihm versprochen.
Eva, die Wahrsagerin sah unsere Zukunft rosarot:
„Ihr werdet zusammenarbeiten“, prophezeite sie, „und in einem Haus am Wasser wohnen.“
Tagelang zerbrachen wir uns den Kopf darüber, wie eine Zusammenarbeit denn überhaupt möglich sein könnte. Meinen Job aufgeben, wollte ich auf gar keinen Fall. Ich sah mich bereits in Schweden an einem einsamen Fjord bei IKEA sitzen, doch es kam ganz anders.

Das schwedische Möbelhaus schickte eine klare Absage, weil die Voraussetzungen nicht erfüllt waren. D. besaß die nötige Vorbildung nicht. Auch seine Schwester konnte daran nichts ändern. Er war enttäuscht und wütend, doch das brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Vor seiner Selbstständigkeit hatte er als Maschinist gearbeitet. Bei meinem Arbeitgeber bot sich zwar nicht die Möglichkeit einer solchen Tätigkeit, aber eine dort ansässige Firma stellte D. schließlich als Kran- und Schaufelladerfahrer ein.

Nun waren wir sicher, dass auch die zweite Vorhersage von Eva eintreffen würde. Wir bewarben uns intern um eine Werkswohnung und mussten feststellen, dass für die heiß begehrte 150 Quadratmeter-Wohnung noch weitere 35 Interessenten Schlange standen. Mit zwei Kindern und zwei Erwachsenen kamen wir in die engere Sozialauswahl, die vom Betriebsrat genehmigt worden war. D. hatte seine Tochter angegeben, die nur alle zwei Wochen bei ihm war, aber es funktionierte. Als ehemaliges Geschäftsführerdomizil war die Wohnung nicht nur besonders hochwertig ausgestattet, mit hohen Decken, neuen Fenstern und Rheinblick, sondern verfügte auch über einen riesigen Garten, der in Gemeinschaftsfläche und Mieter-Nutzfläche aufgeteilt war.

Die viele Arbeit, die andere eher abschreckte, scheuten wir nicht. Zusammen – da waren wir sicher – könnten wir aus dem völlig heruntergekommenen Gartenanteil ein kleines Paradies machen. Außerdem hatte ich mich in die flämische Eichenküche verliebt, die der Vormieter zum Verkauf anbot. Gespannt hofften wir weiter.

Nachdem der Februar 2001 vorüber war, gab ich die Hoffnung auf. Dabei standen wir nur noch mit einem anderen Bewerber auf der Liste. Doch dieser eine war vorrangig, denn seine Familie hatte die größere Personenanzahl. Und das Wunder geschah: Zu guter Letzt sprang der Kandidat ab, weil der Ehefrau, die viele Arbeit doch zu gewaltig erschienen war.

Wir bekamen das „Haus am Wasser“ mit hochwertiger Küche. Anfang April zogen wir ein. D. machte den Umzug nahezu allein und transportierte selbst die großen Möbelstücke auf dem Dach seines alten Ford Fiesta.

Arbeiten konnte er! Das muss ich ihm lassen. Ihm wurde nie etwas zu viel.
Die fehlende Bildung versteckte D. hinter einem guten, gepflegten Aussehen, und dadurch wirkte er auf Frauen sehr anziehend. Seine Ex hatte ihn kürzlich erst frisch eingekleidet, als er mit mir anbandelte. Junker und Lodenmantel standen ihm gut – er war groß und konnte das tragen, Aber ich konnte nicht zu ihm aufschauen.

So sehr er sich auch mühte, intelligent daherzureden, es gelang ihm nicht. Noch nie in seinem Leben hatte er ein Buch gelesen. Abends saß er vor dem Fernseher und glotzte RTL2. Dann hasste ich ihn…und er mich, weil er sich ertappt und beobachtet fühlte, wenn ich wie „Kermit der Frosch“ mit verkniffenem Mund neben ihm saß. Er verstand nicht, dass ich nicht schadenfroh über die vielen Hinfall-Pannen-Videos anderer Leute lachen konnte. Da streikte selbst mein inneres Kind und schaute weg.

In punkto Sexualität und Frauen kannte D. sich aus. Das war sein Fachgebiet. Darüber konnte er stundenlang reden; besonders wie gut er doch sei, im Gegensatz zu anderen. Die Überzeugung: „Man(n) muss doch immer erst an die Befriedigung der Frau denken!“, hatte er sich auf seine Fahnen geschrieben. Naja, es gab jedenfalls keine Nähe zwischen uns, außer an einer bestimmten Körperstelle. Aber auch sein „Zipfel zum Glück“ beeindruckte mich nicht wirklich.

Als ich ihn irgendwann nach seinem „Sinn des Lebens“ fragte, hat mich die Antwort beinahe umgehauen: „Wohnmobil fahren“. Etwas Dümmeres hätte er nicht sagen können. DAS ging gar nicht!

Das alles war keine Grundlage für eine Partnerschaft – im Gegenteil. Für mich der absolute Horror! Wohnmobil fahren sowieso.

Die Gespräche waren belangloses Alltags-Blah-Blah, ohne Tiefgang und sein platter Humor, der sich darin äußerte, dass er mir ständig Witze erzählte, über die ich nicht lachen konnte, ekelte mich an, wie die ganze Situation und zuletzt der ganze Kerl.
Obwohl er vom Aussehen wirkte wie Rock Hudson, konnte mich das nicht täuschen. Wenn er mich anlächelte, sah ich, welch Geistes Kind er war. Er wirkte stupide…nein, er war es. Dafür konnte er nichts…ich aber auch nicht.

D. war eifersüchtig. Er verbot mir den Umgang mit alten Bekannten und scheute sich nicht, es denjenigen direkt telefonisch mitzuteilen. Ich stand wütend daneben und traute meinen Ohren nicht. Gesprächen mit Freundinnen lauschte er interessiert. Dabei bekamen seine Ohren die Größe von Rhabarberblättern.

D. trug gerne kleinkarierte Hemden. Die passten zu ihm. Etwas tiefer ausgeschnittene Blusen oder Oberteile durfte ich nicht anziehen. Kam ich mit einem solchen Teil nachmittags aus dem Büro nach Hause, gab es Stress.

Nach einem Jahr des Zusammenlebens fand ich D. nur noch widerlich und ertrug ihn immer weniger in meiner Nähe. Wenn er meiner Aura zu nah kam, glich das einer Verletzung. Der Abstand zwischen seiner und meiner Bettseite war irgendwann nicht mehr groß genug. Seine Gegenwart schnitt mir in die Seele wie ein Elektroschocker. Das musste ich abstellen! Folglich verwies ich ihn aus dem Schlafzimmer.

Er wusste gar nicht wie ihm geschah. Ich brauchte diese Bannmeile. Wenn er sie überschritt, läuteten bei mir die Alarmglocken. Manchmal merkte ich, dass er hinter mir stand und mich beim Ankleiden beobachtete. Ich sah, wie er zitterte und welche Macht ich über ihn hatte. Das gefiel mir irgendwie, obwohl ich wusste, dass solche Anwandlungen nicht richtig sein können. Ich ließ ihn zappeln und wies ihn gnadenlos zurück. Dann gab es nur noch Streit und Handgreiflichkeiten vom Allergemeinsten. Er „rückte“ meine Wohnung zurecht, wenn ihm danach war. Und ihm war oft danach, weil er sich verbal nicht gegen mich wehren konnte.
Als in dieser Situation noch seine manisch-depressive Ex anrief und mir mit teuflischer Freude erzählte, dass er mit ihr fremdgegangen sei, brachte das das Fass zum Überlaufen.

D. machte eine Zeit lang gute Miene zum bösen Spiel, um seine desolaten Finanzen durch mich noch ein wenig aufzubessern und seinen ‚Abflug‘ vorzubereiten, von dem ich nichts ahnte. Dann überredete er mich zu einer Reise nach Berchtesgaden, die natürlich ich bezahlen ‚durfte‘. Er wollte König Ludwig spielen in Junker und Lodenmantel und badete in den Blicken der bayrischen Frauenwelt. Ich ließ ihn gewähren. Dann fuhren wir nach Hause zurück. Zwei Tage später war er verschwunden.

Er hatte mich mit der gemeinsam gemieteten Wohnung und natürlich auch mit den Kosten und der ganzen Arbeit alleine gelassen. Den riesigen Garten musste ich nun selbst pflegen. Alle Lasten und Kosten hatte ich von Stund an am Hals und kein Geld für einen weiteren Umzug.

Zum ersten Schock des Verlassenseins gesellte sich die Panik, es womöglich finanziell und kräftemäßig nicht alleine schaffen zu können. Ich hatte für den letzten Wohnungswechsel Schulden gemacht, die ich abzahlen musste. D. schuldete mir Geld, das ich nie wiedersehen würde, denn ich hatte nicht nur seine Rechnungen bezahlt, sondern auch die Unterhaltszahlungen für seine Tochter monatelang übernommen. Unbezahlte Rechnungen und Mahnbescheide von D. flatterten haufenweise ins Haus. Ich schickte sie alle zurück.

D. war unerreichbar für mich. Er hatte sein Handy abgestellt. Erst als ich ihm mit dem Einschalten der Polizei drohte, meldete er sich. Ich ging zum Neurologen. Er verschrieb mir Beruhigungsmittel.

Blick auf den Garten 2001
Blick am Abend aus dem Küchenfenster

Herbst

Hans Andersen Brendekilde (1857 – 1942)

Man schmeckt den Herbst,
er schmeckt nach Haselnüssen,
nach Pflaumenkuchen und nach Apfelküssen,
nach Butterbirnen und Erinnerungen,
den – selbst im Alter unzerstörbar jungen.

Man riecht den Herbst,
er riecht nach letzten Rosen,
nach bunten Astern und nach Herbstzeitlosen,
nach Rauch und Feuer auf Kartoffelfeldern,
nach Pilzen, selbst gesucht in Heimatwäldern.

Man sieht den Herbst,
er prangt in allen Tönen
und will mit Früchten Mensch und Tier verwöhnen,
man hört sein Lied und spürt die festen Bande,
die man als Kind geknüpft zum Heimatlande.

Otto Daschowski

Leider ist mir über den Autor nur bekannt, dass
er in den 80er Jahren einige Jugendschriften
in Österreich veröffentlicht hat.

Wiedergeburt

Hin zu den klaren Quellen,
mit Weisheit gesegnet.
 
Alte Seelen,
nichts wissend, nur ahnend,
unter tausend Schichten verborgen.
 
Zur Erhöhung
dem Leben verpflichtet.
 
Gesichter der Erde im Spiegel.
Geist des Himmels im Herzen.
 
Voran, weiter, höher!
Es gibt kein Zurück.

Kleiner Rückblick – Umzüge

Fortsetzung Teil 16

Mit „Manni“ und Patrick vor dem Jasmin-Busch meiner Eltern

Als ich 1987 M., meinen zweiten Ehemann, einen Musiker, kennen lernte, hatte mir meine ehemalige Kollegin in einem Lokal für Live-Musik in Krefeld dringlich ins Gewissen geredet: „Manni sucht eine Frau. Mit zwei Kindern musst du froh sein, wenn dich überhaupt noch einer nimmt!“

„Manni“ nahm mich und hatte seinen besten Freund T., zehn Jahre jünger als ich und angehender Fachpfleger für Intensivmedizin, gleich mit in die Ehe gebracht. Als ich damals heiratete und mit Manni zusammen ein Reihenhaus kaufte, das unsere Väter mit viel Arbeit und Geld renovierten, tat ich das aus Torschlusspanik und nicht aus Liebe. Manni war Heizungstechniker, nur mein Herz konnte er nicht erwärmen. Ich wollte irgendwo ankommen und meinen Söhnen ein sicheres Heim bieten.

Manni war überhaupt nicht mein Typ, er war überall dunkel behaart, auch auf dem Rücken. Eigentlich hatten wir uns nicht viel zu sagen. Im Alltag war er langweilig, und er hatte keinen Geschmack, was Kleidung oder Einrichtung betraf. Seine Wohnung bestand aus Ikea-Bretterregalen, die ich mir nur in den Keller gestellt hätte. Bei ihm standen sie im Wohnzimmer. Ich fand alles schrecklich! Aber er hatte den Blues und konnte singen wie Jimi Hendrix. Selbst zur Weihnachtsmusik wurde ein Blues-Element geklimpert. Für seine Gitarrensolos war er bekannt. Wie die meisten Musiker hatte er ein massives Alkoholproblem. Wenn bereits nachmittags die Flasche Schnaps und das Bier auf dem Tisch standen, und ich ihn im Unterhemd und Trainingsanzug vor dem Fernseher sitzen sah, sah ich „rot“. An den Wochenenden hatte Manni Auftritte mit seiner Band. Dann floss der Sambuca in Strömen, und es gruselte mich davor, wenn er nach Hause kam.

Helene Nicolay, geb. Buskies – Foto Reisepass

Im April 1988, kurz bevor wir heirateten, verstarb meine Oma. Sie hatte ein halbes Jahr vorher, nach einer schweren Magen-Darminfektion – vermutlich durch eine Lebensmittelvergiftung – jegliche Lebensenergie verloren. Bis zu ihrem 93. Lebensjahr hatte sie völlig selbstständig gelebt. 26 Jahre lang war sie nach Opas Tod allein gewesen. Mit einem Mal wollte sie nicht mehr und verweigerte jegliche Nahrung. Bis auf ein paar Löffelchen Wasser lehnte sie alles ab. Der herbeigerufene Notarzt meinte, wir sollen sie in Frieden sterben lassen. Ein paar Tage vor ihrem Tod umarmte sie mich ein letztes Mal und wurde nicht wieder wach. Das war das erste Mal, dass mich ein Familienmitglied umarmt hatte, und ich wusste zunächst gar nicht was es bedeutete: Abschied für immer.

Weil meine Mutter nicht mehr in der Lage war, Omas langes Haar zu kämmen, sollte ich es abschneiden. Ich ging widerwillig diesem Wunsch nach und tat wie mir aufgetragen war. Hierauf reagierte Oma mit heftiger Gegenwehr. Sprechen konnte sie nicht mehr. Sie hatte ihr langes Haar mit ins Grab nehmen wollen. Oft habe ich daran denken müssen und mich jedes Mal schlecht gefühlt. Ich hoffe, dass sie mir vergeben hat.

Nach Omas Tod weinte ich hemmungslos. Meine Mutter zeigte keine Gemütsregung – im Gegenteil: Sie machte sich bei meinem Vater über mich lustig, weil ich nicht aufhörte zu weinen. „Die hat einen Weinkrampf gekriegt“, berichtete sie ihm kichernd. Heute denke ich, es waren bereits die Anfänge ihrer Alzheimer Erkrankung gewesen.

Mein damals 16-jähriger Sohn G. war mitten in der Pubertät und kam weder mit sich selbst noch mit mir, noch mit meinem zweiten Ehemann zurecht. Weil Manni ihn nicht mochte, behandelte er ihn immer wieder ungerecht.

Eine solche Ungerechtigkeit brachte das Fass zum Überlaufen. Es folgte eine üble Auseinandersetzung, bei der G. meinem Mann beinahe die Augen ins Gehirn gedrückt hatte. Es ging so weit, dass ich meine Eltern anrief, die jedoch davon nichts hören wollten. Schließlich bewog es sie, meinen Sohn wieder mit Sack und Pack bei sich aufzunehmen. Er hatte bereits zwischen dem dritten und zwölften Lebensjahr bei ihnen gelebt.

Mein Vater hatte den Anbau des Hauses für G. ausgebaut und verwöhnte ihn wie einen Sohn, weil er seinen eigenen einst für tot erklärt hatte.
Gerald, mein Bruder, war mit 16 Jahren heroinsüchtig in die Landesklinik gekommen und durchlief danach eine Therapie nach der anderen, ohne Aussicht auf Erfolg. Als mein Bruder zu allem Elend noch auf die kriminelle Schiene geriet und meiner Oma die Rente stahl, durfte er nicht mehr nach Hause zurückkehren. Für meinen Vater war eine Welt zusammengebrochen, denn er hatte alle Hoffnungen in seinen Sohn gesetzt, den er mir von klein auf vorgezogen hatte. Als er fort war, projizierte er diese Hoffnungen später auf meinen Sohn.

Da meine schwere Erkrankung nichts anderes mehr zuließ, blieb G. ganz bei meinen Eltern. In der Zeit, als ich damals bewegungsunfähig auf der Couch meiner Eltern lag, hörte ich seine Stimme, als er zur Oma in die Küche lief: „Oma, Oma, komm schnell, die Mama weint!“ Diese Situation bleibt immer in meinen Gedanken.

Die Zeit entfremdete uns mehr und mehr. Meine Mutter trug ihren Teil dazu bei, als sie mich mit G. zusammen auslachte, wenn ich beispielsweise ein Geburtstagsgeschenk zu ihm brachte. Später sah ich mich nur noch als eine „Auf-die-Welt-Bringerin“, nicht mehr als Mutter, weil ich jeglichen Zugang zum Kind verloren hatte.

Mit zwölf Jahren setzten meine Eltern meinen „verlorenen“ Sohn kurzerhand vor die Türe und gaben ihn mir mit den Worten: „Jetzt bist du wieder dran.“, zurück. Das konnte nicht gut gehen, zumal die neue Situation einen weiteren Umzug verlangte.

Wie ich das damals finanziell gestemmt habe, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich an eine gebrauchte Küche und ein separates Kinderzimmer für beide Kinder. Doch das ging nicht lange gut, wegen der G.s Eifersucht. Ein Mal schaute sich Patrick einen Film im TV an und kam mit einer Szene nicht klar, die ihm Angst machte. Ich war an diesem Nachmittag nur kurz zu einem Geburtstag gegangen und wollte danach wieder zu Hause sein. Als ich kam, fand ich die Polizei vor und meine Nachbarn, die durch Patricks Weinen aufmerksam geworden waren. Erst als ich den Beamten zeigte, dass er gar nicht alleine war, sondern sein Bruder unbeteiligt im Kinderzimmer saß, fuhren sie fort. G. hatte wohl Spaß daran gehabt, als es seinem Bruder schlecht erging.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als erneut umzuziehen, in eine Wohnung mit zwei Kinderzimmern. Ich tat mein Bestes, doch das Mutter-/Sohn-Verhältnis blieb gestört. Der arme Junge wusste gar nicht wie ihm geschah. Er konnte doch mit mir genauso wenig anfangen, wie ich mit ihm und war noch dazu sehr eifersüchtig auf seinen Bruder.

G. war verzogen, unehrlich und brutal. Einmal glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, als er seine lebendige Wüstenrennmaus im Klo herunterspülte. Eine zweite erweckte das Interesse meines Katers „Paulchen“, weil sie tot im Papierkorb lag.

Kurz danach heiratete ich und kaufte mit Manni zusammen ein Reihenhaus.

G. hatte an jedem und an allem etwas auszusetzen und war genauso rechthaberisch wie sein Vater. An jedem Essen mäkelte er herum. Ich konnte ihm nichts recht machen. Bei Tisch eskalierte es immer wieder. Obwohl ich nur wenig Geld hatte, musste ich seinetwegen teures Fleisch kaufen. Eines Tages stocherte er wieder mal an seinem Steak herum und fand natürlich Fett, wo gar keins war. Da habe ich getobt und so fest auf den Tisch geschlagen, dass ich mir die Hand gebrochen hatte. Ich wollte nicht mehr mit ihm umgehen… nein, ich konnte es nicht!

Das war eine schlimme Zeit für uns alle. Als es dann mit seinem Stiefvater eskalierte, nahmen ihn meine Eltern wieder bei sich auf, und ich war froh, dass G. sein eigentliches Zuhause wieder hatte.

T., Manni’s Freund und Bandkollege, kam oft zu uns und begleitete uns auch bei aushäusigen Unternehmungen. Er war hellblond, unscheinbar und unbehaart. Irgendwann, als ich mit Manni ein halbes Jahr lang verheiratet war, machte es „klick“. Ich verliebte mich in T. und er sich in mich. Wir sträubten uns zunächst beide dagegen, doch es half nichts.

Ich wollte wie immer klare Verhältnisse haben, obwohl mir mehr als Chaos bevorstand. Die Ehe wurde geschieden, das Haus verkauft, die Musikerfreundschaft zerbrach, und die Band suchte sich einen neuen Schlagzeuger.

Als das Reihenhaus nach nur drei Monaten verkauft worden war, zog ich mit T. zusammen in eine Mietwohnung. Kurz darauf wurde ich schwanger, verlor aber das Kind gleich zu Beginn mit großen Schmerzen auf dem Büro-Parkplatz. Zum Glück! T. mochte keine Kinder. Mit meinem jüngsten Sohn konnte er nichts anfangen.

Der Kontakt zu meinen Eltern war seit der Scheidung von Manni nahezu abgerissen. Mein Vater hatte nach meiner Heirat das Haus renoviert und sein Vorzeigebad war verkauft worden. Darüber war er sauer. Meine Scheidung war ihm egal.

Mit T. war es von Anfang an eine Verbindung ohne Leidenschaft gewesen. Anfangs war ich verliebt und sah darüber hinweg. Er war ein ruhiger Zeitgenosse mit jungenhaftem Aussehen – kein Mensch, mit dem man Streit bekommen konnte. Er war ehrlich, arbeitsam und ordentlich und in seiner Freizeit ein nicht ganz alkoholfreier Schlagzeuger. Abends brauchte er seine vier Flaschen Bier. Zwei Mal wöchentlich reagierte er sich im Proberaum ab.
Ein weiterer Makel war, dass er von sich aus nie mit mir schlafen wollte. Das tat er nur, wenn ich den Anfang machte, und nur selten dachte ich: „Und er bewegt sich doch!“. Nach zwei Jahren begann ich an meiner Weiblichkeit zu zweifeln und nach weiteren zwei Jahren machte ich mir Gedanken darüber, ob er vielleicht schwul sei.

Obwohl es im Krankenhaus Frauen genug gab, vermutete ich niemals, dass es eine andere geben könnte. Er hatte ganz einfach keine Lust auf Sex. Orale Befriedigung fand er widerlich. Bei sich selbst nicht. Wenn ich die Initiative ergriff, ließ er es geschehen. Aber das war auch alles. Nach sechs Jahren hatte ich dazu keine Lust mehr. Nach acht Jahren dachte ich: „Das kann doch nicht alles gewesen sein!“ und machte „Butter beim Fisch“. Ich beendete die Beziehung, weil wir seit Jahren nur noch wie Bruder und Schwester zusammengelebt hatten. Als Partner und Mensch blieb T. mir fremd. Es gab keine innere und keine äußere Nähe, nur tristes Alltagseinerlei.

Unsere Habe wurde geteilt, das gemeinsam angeschaffte, neue Auto verkauft. Jeder half jedem beim Umzug, und wir gingen in Freundschaft auseinander.
1998 hatte ich mir schließlich eine kleine 75 qm-Wohnung und meine Freiheit erkämpft und lebte nach neunjähriger Lebensgemeinschaft wieder mit meinem jüngsten Sohn allein.

Nach meiner Trennung von T. war ich voller Zuversicht, irgendwann doch noch die Liebe zu finden, nach der ich mich schon ein Leben lang sehnte. Nach zwei missglückten Kurzversuchen mit vermeintlichen Kandidaten, waren die Stroh-feuer schnell wieder erloschen… auch meine Hoffnung. Ich war enttäuscht und frustriert und befürchtete, für lange Zeit allein sein zu müssen, wenn nicht für immer. Mit fast 50 ist eine Frau für die Männerwelt nahezu unsichtbar. Ich sah zwar jünger aus, passte aber längst nicht mehr in das gängige Beuteschema und ältere Männer nicht in meines.

Damals setzte ich Zeichen für den Beginn eines neuen Lebensabschnittes: Zunächst verlor ich bei „Weight Watchers“ 13 Kilogramm Gewicht; dann wurde ich nach 30 Jahren intensivem Glimmstengelkonsum Nichtraucherin. Das, was ich nie für möglich gehalten hatte, gelang mir mit eisernem Willen in kürzester Zeit. Ich fühlte mich befreit und runderneuert.
Doch die innere Leere konnte ich mit äußeren Aktionen nicht füllen.

Dunkle Jahre

Edmund Blair Leighton 1853-1922 – The Unknown Land

Der Tränen hab’ ich viel vergossen,
in stetem Leid ertrank mein Herz
und war’n die Augen fest geschlossen,
empfand ich tiefen Seelenschmerz.
 
Ich irrte lange durch die Zeiten,
fand keinen Menschen, der mich trug,
ließ mich von Traurigkeit begleiten,
nur Ablehnung fand ich genug.
 
So gingen hin die alten Tage,
mir folgte nur die Einsamkeit,
nichts änderte die Lebenslage,
die Liebe blieb so fern, so weit.
 
Mein Herz, das suchte stets den Wandel,
doch Menschen brachten nicht das Glück
und durch das oftmals falsche Handeln,
blieb nur die Bitterkeit zurück.
 
Nach langen dunkeltrüben Jahren
sind’s neue Wege die ich gehe,
ich darf mit Dankbarkeit erfahren,
die liebevolle Gottesnähe.