Von guten Mächten

von Dietrich Bonhoeffer

Winter in den Niederlanden – Frederik Marinus Kruseman (1816-1882)
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet, wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Am 9. April 1945 wurde der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg bei Regensburg hingerichtet.

Kalte Gedanken

Julius Sergius von Klever (1850-1924)
Es wird bald Nacht sein, Gott,
gib für die letzte Fahrt mir Licht.
Kalt bläst der Wind von Nord
und rötet mein Gesicht.

Es wird noch lang nicht tauen -
der Reif hängt an den Zweigen
und aus dem flachen Land
seh’ ich die Nebel steigen.

Zeig mir den Weg nach Haus,
halt an die Weltenuhren,
deck zu mit Sternenglanz
und Mondlicht meine Spuren.

Lass Kirchenglocken schlagen,
hör’ sie durch Eis und Schnee;
so Gott will, werd‘ ich’s tragen,
das Schwere, wenn ich geh.

Wird sein kein Steingebilde,
geschmücktes Grab und Trauer,
wer Wahrheit führt im Schilde,
der ist allein – auf Dauer.

So blind bin ich, vertraue,
tappe durch Finsternisse;
wie die Lebendigen glauben -
und nur die Toten wissen.

Aus deinen hohen Stämmen
wob Nacht nun graue Fäden,
der Schneeluft gilt kein Dämmen,
wenn lichte Flocken weben.

Gespenst der Nacht, jetzt weiche!
Unholde Wesen kriechen
um Schnee verwehte Eiche,
aus Wald und Mauernischen.

Muss dunkle Pfade gehen -
tritt mir auch Angst entgegen,
werd‘ starken Mutes sehen:
auch dort liegt Gottes Segen.

Geistesfreiheit

Vladimir Kush
Die Welt verwandelt sich durch Taten,
durch die Gedanken, die du in dir trägst.
Säe die Liebe im Bewusstseinsgarten,
damit du Hass und Zweifel untergräbst.

Wo Liebe blüht, da schreibt das Herz Geschichte.
Ein neuer Himmel wird sich dir erschließen;
dann kann ein Strahl von Seinem Lichte
auf die noch dunklen Völker fließen.

Fülle mit Farben die Tristesse der Zeit,
damit sie aufgehellt im Licht erstrahlt;
unter den Körpern blitzt ein geistig’ Kleid,
das unvergänglich dir die Freiheit malt.

Als Kind des Himmels ist sie dir gewiss!
Geknechtet trägt die Welt die Dornenkrone,
doch anders, als die Menschheit es umriss:
Bewusstsein wird im Leiden erst zum Lohne.

Schicksalsschleier

Caspar David Friedrich 1774-1840
Wirst du erwartungsvoll nach einer Antwort suchen
und fragend deinen Blick zum Himmel lenken,
in Träumen einen unbekannten Namen rufen,
und auch am Tage oft an dies' Geheimnis denken?

Versperrt ist noch der freie Zukunftsblick,
wart’ nur, das Schicksal wird dir Zeichen senden,
und eines Tages mit noch unbekanntem Glück,
dein Leben und dein Los zum Guten wenden.

Das Namenlose, das du suchst, du wirst es finden,
das Unbekannte, es bekommt Gesicht.
Kannst du es lieben? Du wirst selbst ergründen,
ob du Erfüllung wähltest oder nicht.

Suche den rechten Weg, folg deinem Herzen;
lass alles, was dich traurig macht, zurück.
Die Engel leuchten dir mit Wunderkerzen,
Gott leitet dich auf deinem Weg ins Glück.

Fühlst du, der Himmel stellt des Lebens Weichen
für viele neue Wege, die wir gehen.
Eine Vision wird plötzlich dir die Hände reichen,
wo du es nicht erwartest, werden Engel stehen.

Sie dienen dir in Menschen und dein Sehen
entfaltet sich bewusst in neuem Licht.
Was bisher um dich unbemerkt geschehen,
gibt dir nun hoffnungsvolle Zuversicht.

Neue Erde

In der sternenklaren Stille
tummeln sich die ew’gen Geister;
unsichtbar und nach dem Willen
ihres Schöpfers, Herrn und Meister.

Aus dem früh erwachten Hauche,
jung und frisch aus Wasserfluten,
eine neue Erde tauche!
Alte Götzen stehn in Gluten.

Untergang den Falschen drohe –
Gott aus Holz, in Gold und Stein,
sind in ungeheurer Lohe
fortgenommen aus den Reihen.

Sanftmut lebt, der still gestaltet,
bleibt für immer hier auf Erden,
und von Weisheit, fromm verwaltet,
wird die Liebe wiederkehren.

Kommt der große Tag der Sühne?
Zeit und Stunde kennt nur Einer!
Doch der „Jüngste Tag“ wird kommen;
wenn ich heute geh’, ist’s meiner.

Weihnachtstage

Jakub Schikaneder (1855-1924)
Wirf ab, Herz, was dich kränket
und was dein Sein beschwert.
Wenn sich der Tag versenket,
sei hell, ein warmer Herd.

Lass alle Sorgen fahren,
denn deiner Seele Flehen
soll in die Weihnachtstage
mit frommer Hoffnung gehen.

Nimm Finsternis und Mächten
ihr tiefes Dunkelsein,
und lad in heiligen Nächten
den Schöpfer selbst dir ein.

Dann hört man leis die Engel
durch unsere Fülle gehen,
bis sie im Stern-Gepränge
am lichten Himmel stehen.

Andachtsvolle Weihnachten

Vincenzo Irolli (1860-1949)
Weihnachtsfest, Zeit der Erinnerungen.
Früh lernten wir als Kinder diese Klänge,
wie schon die Alten hatten einst gesungen;
die Kirche war gefüllt bis in die ob’ren Ränge.

Das Orgelspiel klang feierlich und trug
den Ton der Flöten durch die Reihen.
Wir sangen Christ entgegen, frohgemut;
der Saal war ganz erfüllt von Glanz und Freuden.

Vor dem Altar sah ich die Englein schweben,
ich malte mir den Heiland, neu geboren.
Der Tag war mir ein himmlisches Erleben,
ich wurde aus dem Alltag fortgehoben.

Hell strahlend fiel herab der lichte Traum,
nahm mir die Sorgen fort und Nöte,
es streifte mich des Lichtgewandes Saum,
als wenn’s der ganzen Welt Erlösung böte.

Weihnachtsstern

Quelle: Pinterest
Du schwebst im Dunkel, bald wirst du erstrahlen.
Oh, Weihnachtsstern, so flüchtig fern dein Bild,
zeig deinen Glanz, so wie vor vielen Jahren,
wo Mensch erinnerungsträchtig die Erneuerung fühlt.

Ein Kindlein einst als Unschuldsfrucht erblühte,
ein unbeschriebenes Blatt im Weltgeschehen,
um das sich Magier ferner Länder mühten,
ihm Zeichen schenkten, seine Zukunft sehen.

Gold schenkten sie, sodass der Hass versiegt
und Böses dieser Welt nur Gutes bringt;
Weihrauch, dass einst sein Geist den Tod besiegt,
der, auferstanden ins Bewusstsein dringt.

Die Bitterkeit des Leidens und des Todes,
als Zeichen wurde Myrrhe ihm geschenkt;
entkam dem Plan des mordenden Herodes,
den Weg zunächst nach Bethlehem gelenkt.

Geboren unter'm Weihnachtsstern in Liebe,
Du, Herr des Lichts, im Geist auch dieses Jahr,
der Ziel und Ursprung ist im Weltgetriebe,
Dein inneres Leuchten wird uns offenbar.
Quelle: Pinterest

Gott verleiht Flügel

KI Bild erstellt von Google gemini
Mit Mühen bin ich emporgestiegen,
hab oft in stachlige Disteln gegriffen,
musste die inneren Dränge besiegen,
Kummer hat meine Seele geschliffen.

Auf spitzen Steinen bin ich gegangen,
über Wege, wo nur Ängste begleiten;
als ich Auswege suchte, blieb ich gefangen,
im Moloch gewohnter Gebundenheiten.

Glauben hab ich aus dem Blick verloren
und die Demut, die sich gern unterjocht;
hab verdrängt, irdische Götter erkoren,
fühlte, wie mein Herz ‚schreiend‘ pocht.

Erlöst von den Übeln, die mich beschwerten,
hat mich das Schicksal zur rechten Zeit.
Nicht Wissenschaft war es, die mich belehrte,
nur Gott in mir, der mir Flügel verleiht.

Wintergedanken

Ernst Ferdinand Oehme (1797-1855)
Quellen müssen die Gedanken
gerad‘ in langen Winternächten,
wo sie Wort um Wort begannen
einsam Reim an Reim zu flechten.

Für die Vielen nicht, für manche;
nur für diesen oder jenen,
der abseits der großen Menge
lauscht den bald vergessenen Tönen.

Wie mit Schritten zur Kapelle,
auf verschneitem Weg zu kommen,
ganz abseits des Pilgerzuges,
doch im Feuerschein der Frommen.

Demütig, gebückten Hauptes,
durchs verschneite Pförtlein treten,
um vor weihnachtlicher Krippe
und dem Kindlein selbst zu beten.

Denn die Zeit ist schwer geworden,
macht den Heiligen Geist zur Fabel,
und aus neuen Wohlstandstrümmern
baut der Wahn ein neues Babel.

Oftmals möcht‘ ich schier verzagen:
Geld und Macht sind höchste Götter.
Unbedeutend werden sterben,
all die Heuchler und die Spötter.

Helf’ uns Gott den Weg nach Hause
aus dem Erdenelend finden,
lass aus Glaube, Liebe, Hoffnung
uns den Kranz „Erlösung“ binden!