Als ich mit 50 Jahren zu schreiben begann, habe ich dieses Gedicht von meiner geistigen Begleitung empfangen, die immer bei mir ist, wenn ich sie brauche. Ich denke gerne an die Anfänge meines Schreibens zurück. Die Verse habe ich damals ohne nachzudenken notiert. Jedes Wort war ein Geschenk, das ich hier noch einmal veröffentliche.
Sir Edward Burne-Jones (1833-1898), Phyllis and Demophoön
Ich möcht‘ aus deiner Seele lesen, erfühl’n die Göttlichkeit in ihr,
möchte als unerkanntes Wesen die Rose sein, vor deiner Tür.
Möchte dich in Gedanken halten, zum Tanze nah dich wiegend schwingen
und dir die Blume für dein Haar aus dem verbot’nen Garten bringen;
möchte im Mondschein dich bezaubern, mit Sternen, die am Himmel tanzen,
dir nur die schönsten aller Rosen in deine Herzenslaube pflanzen;
möchte dein Narr sein und dein Held, der treu und schützend dich umgibt,
der dich aus unsichtbarer Welt bereits seit Ewigkeiten liebt.
Will sanft dich sicher halten, wenn du zu fallen drohst,
Man sieht ihn kämpfen, und wie er verliert, wenn gesetzte Pläne zerstört, wie er scharfe Worte, wie Pfeile gebiert - Ziel verfehlend und ungehört.
Wie er zweifelnd im Kreise sich dreht, nach einem Ausweg sucht; wenn Hoffnung vom Winde verweht, er seine Gegner verflucht.
Geht auf in Stein gemeißelten Stufen, brüchig und ausgetreten; gleitet aus, hört in sich „Hilfe“ rufen, wie eindringliches Beten.
Das Stafelholz ist freudig übernommen, es weitertragen, scheint zu schwer; denn, der die Höhe suchte, ist benommen - den Fall vor Augen, umso mehr.
Er suchte Größe, fühlte sich erwählt! Ein Damenopfer, um zu siegen? Er scheint schon kraftlos, ausgezählt, muss sich in Kompromissen wiegen.
Für alle Menschen strömt der gleiche Segen. Demokratie ist das, was zählt! Erkämpfte Mangelhaftigkeit auf allen Wegen. Verirrtes Volk, wen hast du dir erwählt?
Du suchst dein wahres Ich ein Leben lang und fragst dich oft nach einem Sinn. Dein Geld treibt dich auf falschem Weg voran, denkst trotz des hohen Alters an Gewinn.
Mit über achtzig Jahren noch ein Haus, das neu gebaut wird - viel zu groß für dich?! Bald gehst du auf die Neunzig und mir grausts: Ein sehr viel kleineres ist längst in Sicht.
Kurzlebig nur noch, treibt dich dein Besitz. Niemand der hilft, für alles musst du zahlen. Des nachts, wenn Tod auf deiner Bettstatt sitzt, treibst du im Traum die Handwerker in Qualen.
Denkst du denn wirklich, du wirst ewig leben? Dein letztes Hemd hat keine Taschen! Gibt es in dir ein spirituelles Streben? Du hast noch viel zu tun, es reinzuwaschen.
Bald wirst du in den neuen Morgen gehn und orientierungslos, wie kleine Kinder sind, geistigen Auges Wirklichkeiten sehen, für die bisher dein Lebensinhalt blind.
Luftschlösser, die du einst erbautest, mit Geld, an dem mental du hingst, und der Besitz, dem du vertrautest, war nicht mehr als ein Truggespinst.
Abgehärtet durch das schwere Tragen mancher Krisen, die hier Wunden schlugen, war des Bauern Hand in alten Tagen, als sie sich durch Dornenfelder gruben.
Gegen Stein und Disteln mussten kämpfen, all die Arbeitsamen, die die Äcker bauten; Schwielen, die die Schmerzempfindung dämpften, wenn sie ihre Hände in die Dornen tauchten.
Spürten nicht einmal die tiefen Stacheln und die Nesseln, wie sie ätzend bissen; nahmen nicht so schwer des Krieges Krachen, wenn die Bomben große Krater rissen.
Sensibler Mensch – auch heute trägst du Sorgen, verletzlich kannst du Leben kaum ertragen; geistig gereift sind deine Hände weich geworden, leicht bluten sie an dornenreichen Tagen.
Seelengeformtes Schicksal deiner Stunden, trage mit Leichtigkeit des Daseins Los; lege Gelassenheit auf deine Wunden, lass sie die Schwiele sein, die Schmerz verschloss.
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