Sogar die Träume werden mehr und voller, die Füllung ist speziell voll dunkler Zeichen. Der Schlaf, wenn man ihn ruft, dann grollt er, nach Mitternacht vertieft will er nicht weichen.
Im Hirn da spinnen all die Taggedanken ein feines Netz aus Dunkelheit und Licht, und wie ein Efeu tasten dessen Ranken ins tiefe REM hinein bis Tag anbricht.
Mary Henrietta Dering Curtois (1854-1929)
In einem Krankenhaus, alt und verfallen, da steht mein Bett, um mich sind Helfer, viele, ein Strauß aus Kunststoffblumen ziert die Halle in der ich jung und krank im Siechtum liege.
Die Zeichen an der Wand – ich will sie fassen, hör‘ wie es flüstert, wie’s mein Innen ballt, als würd‘ ein Faustschlag mich gewinnen lassen, die Angst verlieren, die mein Herz umkrallt.
Gedanken kämpfen, doch die Ängste siegen. Ein stiller Engel steht an meinem Bett, nimmt den Verstand mir, gibt dem Innern Frieden. Unsichtbar singen Stimmen im Duett
sirenenhafte Warnsignale an die Welt! Malte man gar den Teufel an die Wand, die tief im Traume auseinanderfällt? – Mein Bett ist leer, der Raum, in dem es stand.
Der Strauß aus Kunststoffblumen strahlt in Rot, ein Friedhof voller Blumen ziert die Nacht. Gekränzte Halle, menschenleer, wie tot - betrübt bin ich nach schwerem Traum erwacht.
Rosenzeit – Ferdinand Georg Waldmüller (1793 -1865)
Des Sommerzaubers Üppigkeit vergeht;
noch treibt er Knospen, doch mit Langsamkeit.
Die letzten Rosen zeichnen ihren Weg
und ihre Blütenblätter deuten Endlichkeit.
Des späten Frühlings Wunderblumenband
ist nun zerrissen, durch den Wind der Nacht.
In Wald und Tal hat sich ein Netz gespannt
und der Altweibersommer weint und lacht.
Morbide übt die Welt den Abgesang;
die Sonne lächelt sanfter durch die Zweige.
Bis zum September ist’s ein kurzer Gang.
In Lüften schwebt ein Faden feiner Seide.
Die Farbenpracht des Herbstes ist bereit
sich auf das helle Sommerkleid zu legen.
Er taucht in Gelb und Braun das Blätterkleid
und kühlt die ausgebrannte Welt mit Regen.
Ich mag die beiden gern am Dahlienbeet, in ihrem Garten, im herbstlichen Nachmittagslicht die Blumen hegen seh’n. Wie sie bedächtig arbeitend die Dämmerung erwarten, die Schürze überm Arm, wenn’s kühl wird, in die Stube geh’n. Bald dringt ein Lichtschein durch die Zweige, die im Herbstwind schwanken, so friedlich, wie ein Erntefeuer, in der Nacht hinaus. Ich ahn‘ sie beieinander sitzen, seh‘ sie in Gedanken, die beiden alten Leute in dem stillen Haus.
Die Jahreszeiten eines Lebens haben die zwei vorübergehen seh’n, die Zeit zu säen, die Zeit zu ernten, ohne die Zeit, sich auch nur einmal umzudreh’n.
Die Zeit hat ihre Schritte nun langsamer werden lassen, und ihre Gesten zögernd, beinah‘ unsicher und schwach. Wenn sie einander stützen und sich helfend unterfassen; ihr Gang mag müd‘ geworden sein, ihr Blick ist doch hellwach und immer voller Zärtlichkeit für einander geblieben, und mehr denn je ein Weg, einander wortlos zu versteh’n. Ich glaub‘, die Zeit lässt Menschen, die einander so lang‘ lieben, so ähnlich fühlen, dass sie sich einander ähnlich seh’n.
Die Jahreszeiten eines Lebens haben die beiden zusammen erlebt; so haben sich längst die Schicksalsfäden der beiden zu einem einzigen Band verwebt.
Es sind die Sorgen und die Freuden vergangener Jahre. Geschichten, die man in ihren Gesichtern lesen kann. Manch‘ Kummer und manch‘ Ärger sorgten für die weißen Haare, und ganz gewiss hatten wir Kinder unsren Teil daran. Die Kinder sind nun auch schon lange aus dem Haus gegangen, haben mit ihren Kindern alle Hände voll zu tun. Die beiden steh’n allein, so hat es einmal angefangen. Hier hat ihr Leben sich erfüllt, hier schließt der Kreis sich nun.
Die Jahreszeiten eines Lebens sah’n manchen Wunsch in Erfüllung geh’n Nun bleibt der sehnlichste von allen: Die Zeit des Rauhreifs miteinander noch zu seh’n.
Empfang der Salzburger Emigranten von König Friedrich Wilhelm I. – Gemälde von Prof. Otto Heichert (1868-1946)
Der Osten ist ein umgepflügtes Feld, mal ist der Mutterboden unten und mal oben, durch viele Herrschaftszeiten bunt verwoben, wo er die Fruchtbarkeit des Ursprungs hält.
Vertrieben wurden die, die anders glaubten, mit Einsicht, Päpsten abgewandt. Die Habsburger, die ihre Heimat raubten, schoben sie ab ins ferne Preußenland.
Die ‚falschen Denker‘ wurden ausgewiesen, die sich der Herrscherin des Landes widersetzten. Der Klerus wurde von ihr hochgepriesen; Katholizismus war es, der das Volk verletzte.
Ungeistlich sei das Wesen der Bekenntnis, das sich im lutherischen Glauben präsentierte; Emigration zeigt hier des Staates Unverständnis, den Bruch des Reichsrechts, was ins Abseits führte.
Fürsterzbistum Salzburg - Salzburger Land, aus dem wohl 15.000 Menschen emigrierten, die einst des Großen Kurfürst Gnade und Verstand zur Siedlung und zum Leben in die neue Heimat führte.
Aus Österreich rann still das Blut der Vielen, die sich von ihrem Ursprung weinend trennten, weil die katholisch Definierten selbst Gott spielten, als Herrscher, die sich religiös „von Gott Bestimmte“, nennen.
Was ist geblieben von den einst Vertriebenen? - Nachfahren sind im Krieg geflohen, schicksalhaft. In Osten ist kein Stein auf dem andern geblieben, die Preußen wurden dem Erdboden gleich gemacht.
Kunst ist es nicht nur jenen zu gefallen, die tiefen Sinn hinter der Hülle sehen; betrachtend steht manch 'Weiser‘ in den Hallen und deutet, was selbst Künstler nicht verstehen.
Kopfschüttelnd runzelt mancher seine Stirne - „Ein Kunstbanause!“, kritisieren die Experten, und viel zu Reiche zahlen, was die Künstler-Hirne durch Anderssein und Kritzeleien verzerrten.
Ein Künstler ists, wenn sich des Kunstwerks Hülle in wundersamer Schönheit selbst erklärt, wenn sich sein Werk in bloßer Herzensstille mit einem Seelenblick durch Liebe nährt.
Das Schöne in der Welt, es trägt ein Lachen mit Stimmen froher Kinder, hell und rein, legt Farbenvielfalt über graue Sachen - ein kleines Lächeln lässt sie bunter sein.
Zu wachsen in dem Garten unserer Seele und darin neue Triebe zeugen zum Gedeih, wie Blüten prangen und aus heller Kehle das Glück besingen, das uns blüht, dabei.
Den tiefen Sinn des Lebens zu erfassen, der nur gezeigt wird in der Einsamkeit; die stillen Stunden in sich wirken lassen und jeden kühlen Schatten Dankbarkeit.
Zeit zwischen Morgenrot und Abend, den Zauber fühlen, wie des Windes Hauch; getanes Werk wie Diamanten tragen, wie Gold, was gut im Leben auch.
In alten Fotos kramen und Geschichten die Schönheit zeigen und Vergänglichkeit; die Liebe fühlen, die durch alle Schichten Erinnerung trägt durch alle Zeit.
Der Duft von frisch gebackenem Brot und Stimmen, die uns vertraut von alters her, wenn Feuer in den alten Öfen glimmen, taut längst Erkaltetes im Flammenmeer.
Es gibt so vieles, das dem Blick entgleitet, wenn man‘s im Alltagsdrängen übersieht. Ein Augenblick kann sein, der Glück bereitet; die gute Tat, die Zukunft weist, geschieht.
Das Schöne in der Welt ist leis und hofft, dass du’s in deiner Gegenwart entdeckst. Schon immer ists bei dir und wie so oft hat es in kleinen Dingen sich versteckt.
Ich wünsche dir die Auferstehung aus Ruinen, durch Hände, die dir selbst getreu und stark. Gemartert ist dein Volk! Von denen, die sich rücksichtslos bedienen, den Tod nur bringen, alles nehmen bis aufs Mark.
Ich wünsche dir mit überzeugter Seele, mit einem Herzen, das für Frieden schlägt, dass sich kein Mensch mehr ringend quäle, und dass nur Liebe eure Reihen prägt.
Ich wünsche dir in kühnsten Träumen, auf jedem minenreich ‚bepflanzten‘ Feld möge nur gute Saat sich breiten in den Räumen und Wurzeln schlagen für die neue Welt.
Voll Hass die Peiniger, schweigend die Feigen, die ganze Welt schaut deinem Ringen zu. Du gehst den Weg nach Golgatha im Leiden, als Überwinder winkt ein neuer Tag dir zu.
Ich wünsch dir weiter Mut und Gottvertrauen, in stolzer Demut wirst du deine Stirne heben. Das auferstandene Land wird Frieden schauen, die Sterne wieder leuchten auf den Wegen.
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