Nach Hause

Ich wandre durch die Welten,
fremd, kenn nicht den Weg.
Mit vielen Steinen ist er dicht belegt,
es freut und schmerzt zugleich,
ihn zu durchschreiten.
Niemand geht leichten Fußes,
ohne Leiden.

Nur eine Ahnung wacht,
ist tief in mir – der Glaube…
wird mit altem Wissen
meinen Weg mir weisen.

So gehn die Bibel-Geister mit auf Reisen,
die IN mir sind durch alle Zeitenflüsse,
wie Moses Volk einst auszog
aus dem Land der Pharaonen,
durch Sturmesfluten und durch
Wüstenschwere,
trägt nun auch mich
die Gott erfüllte Lehre.

Gefahren trotzend geht mein
Blick nach oben,
wo ich,
von himmelblauer Sonnenhand erhoben,
bestaun den Bogen,
bunt, wie ein Kristall.

Joseph Anton Koch 1768-1839 – Heroische Landschaft mit Regenbogen

Wann immer ich ihn sehe,
ist er Zeichen,
ist Kompass mir.
Mein Ziel will ich erreichen…
im Dort und Hier.

Im Paradies dort oben,
wo sich die guten Seelen finden,
jenseitig,
fern der Zeitenflüsse,
wo Gut und Böse sich
zur Harmonie verbinden,
ist mein Zuhause.
Will es wiederfinden!

Verhängnisvolle Worte

William Adolphe Bouguereau 1825-1905 – Frühlingsmelodie

Ersonnen sind der Worte viele,
besinnliche Gedankenspiele,
 
die ganze Blätter-Wälder füllen,
erdacht, geschrieben, ganz im Stillen;
 
Anziehungskraft des fremden Flairs,
Unendlichkeit des Schriftenmeeres,
 
lässt uns in ferne Welten tauchen,
kann Märchen Wirklichkeit einhauchen;
 
das, was sonst niemand anders schafft,
vollbringt des Wortes Zauberkraft.
 
Schenkt uns ein Wort der Liebe Glück,
so nimmt ein andres dies zurück;
 
mit ein paar hingesagten Sätzen,
kann man die Seele tief verletzen
 
und oft noch leidet man alsdann
darunter gar ein Leben lang.
 
Wählt eure Worte mit Bedacht
und sprecht nicht aus, was Leiden schafft,
 
kann man in wunden Augen lesen,
dass Schweigen besser wär’ gewesen.

Der alte Baum

Foto: Mariamne, Pixelio.de

Ein alter Baum, der sich gen Himmel streckt,
zu dessen Krone Zweig an Zweig sich binde,
der unter dunkel, harter Borkenrinde
die Ringe seiner Jahre wohl versteckt.
 
In hundert Jahren wird er noch hier stehen,
wenn sich die Zeit schon lang gedreht
und neuer Geist durch Land und Köpfe weht,
hat er so manchen Sturm gesehen.
 
Sein Laub singt uns im Wind die alte Weisen,
von Liebesglück und Leid, das er geschaut,
und nur ein winzig Herz, geritzt in seine Haut,
wird mit ihm in die ferne Zukunft reisen.
 

Einsamkeit

Caspar David Friedrich 1774-1840 – Frau am Fenster

Keine Stimme, die ruft,
kein Herz, dem ich fehle,
nur Einsamkeit, Stille,
durch die ich mich quäle –
aus der Ferne, der Klang der Motoren
und manchmal will sich die Ruhe
in meine Seele bohren.
 
Suche Beschäftigung,
die diesen Bann durchbricht,
doch wirklich finde ich sie nicht.
Kann mich nicht fügen,
nicht konzentrieren,
möcht‘ manchmal den Verstand verlieren.
 
Ich schau die Wände an –
es sind dieselben, die ich vor einer Stunde sah;
verwandeln möchte ich die gelben
in bunte, mit Punkten,
die ich dann zählen könnte,
um mich abzulenken,
vom Denken.

Saat und Ernte

Der Sämann – Vincent van Gogh – 1853-1890

Einst streute ich Samen auf Himmelswiesen.
Gar prachtvoll und bunt war das Blühen,
und zwischen den wachsenden Paradiesen,
sah ich Engel Freude versprühen.
 
Auch streute ich tote Saat auf die Fluren.
Der Wind trug sie in dunkle Welten.
Verloren das Leben in all ihren Spuren;
nichts konnte zum Keimen verhelfen.
 
Ich säte Samen der Liebe auf Äcker,
die karg und verdorben mir schienen.
Doch seht nur, die Saat war ihr sanfter Erwecker,
denn die Liebe ging auf in ihnen.
 
Dem Hass und der Wut war das Feld bereitet
durch mich; fegte fort das mit Liebe Gesäte.
Wie Unkraut wuchert das Übel, verbreitet
sich tückisch, verdarb Saaten und Beete.
 
Manch bittere Saat konnte Wurzeln schlagen,
war in meinem Lebensacker das Amen.
Nun leb’ ich auf ihm, ernte all seine Plagen
und weiß, ich selbst legte den Samen.
 
Mit dem, was ich säte in vergangenen Zeiten,
bin ich in dies Leben gegangen.
Meinen Lohn für Saat und Ackerarbeiten
werde ich einst zur Ernte empfangen.

Die Vögel

Foto: Viktor Stolarski – Pixelio.de

Bemerken wir sie manchmal kaum,
weil sie doch immer da?
Dort oben singt es aus dem Baum –
ein kleines Vogelpaar.
 
Besingen Welt und Sonnenschein,
so wunderbar zufrieden;
möchte ich doch – so insgeheim –
leicht, wie die Vöglein fliegen.
 
Brauchte nicht schaffen, ohne Sinn,
könnt’ nur den Tag besingen,
egal, wo ich auch steh’ und bin,
würd’ Gott mir Nahrung bringen.
 
Die Seele flög zum Himmelszelt,
bis an die weißen Wolken,
beschau von oben hoch die Welt,
würd’ weit dem Winde folgen.
 
Könnt’ bau’n mein Nest auf jeden Ast,
den Gott zum Platz mir böte;
ich lebte freudig, ohne Hast,
ganz ohne Lebensnöte.

Felix Meier starb

Caspar David Friedrich 1774-1840 – Der Friedhof

Felix Meier starb,
da weinten sieben Frauen,
die dem Toten einmal viel zu viel gewesen.
Sieben Frauen scheuten keine Spesen,
um sein Grab mit Blümlein zu bebauen.
Sieben Frauen schlichen stumm
um Herrn Meiers Katafalk herum.

Felix Meier bat,
dass Ruhe werd‘,
diese Sieben wegzubringen von der Erd‘.
Und der Tod ging wie befohlen,
um alle diese Sieben fortzuholen.
Sieben Seelen hetzen seit der Zeit
eine achte Seele durch die Ewigkeit.

Der Geist dieses Ortes

aus: Werthers Leiden von Johann Wolfgang von Goethe,
Zeichnung von Friedrich Bold

Genius huius loci – in Weimar

Es gibt einen Ort, dessen Schwingung,
erstrahlt mir so rein wie Kristall.
In seinen Facetten, da spiegelt
sich dein Geist noch ein letztes Mal.

Spür’ noch deinen Arm, deine Blicke,
die heller erstrahlten als Licht.
Warst mir der Schönste zum Glücke,
erhaben, dein Geist, dein Gesicht.

Als leise im Frühlingserwachen
dein Mund mich zärtlich berührt,
da hab ich auf heißen Wangen
den Hauch deiner Liebe gespürt.

In unseren Herzen lag Frieden,
Glückseligkeit gab uns Geleit,
doch blühten die Herbstzeitlosen
schon lange uns vor der Zeit.

Das Schicksal, es streute uns Rosen,
doch der Geist unsrer Liebe trieb fort.
Vorbei ist das Streicheln und Kosen,
die Blüten, zertreten, verdorrt.

Das Leben hat alles genommen;
dein Geist ist so fern mir, so weit.
Nun ist der Winter gekommen –
du hast dich von mir befreit!

Unschuld

William-Adolphe Bouguereau  1825-1905

Unschuldige Augen, leerer Blick,
Spiel mit dem Tod wirft Seelenschatten.
Zerstörung ist ihrer Väter Geschick,
kennen nur die Geborgenheit durch Waffen.
 
Wunde Seelen und zerbrochene Herzen,
schrei’n nach Vergeltung und Sühne;
Zeit heilt Wunden, doch nie die Seelenschmerzen
bei den Kindern der irdischen Bühne.
 
Seh’n eine Welt voll Zerstörung und Hass,
fühlen Verzweiflung und Angst.
Befolgen gehorsam der Alten Erlass,
ihre Kindheit vergessen sie ganz.
 
Eine Seele, die niemals die Leichtigkeit sah,
nur den Krieg und das Spiel mit Patronen,
die nimmt ihr Sein nur als Werkzeug wahr,
wird Kanonenfutter für die Nationen.

Himmlische Berührung

Sulamith Wülfing 1901-1989

Und sanft berühr’ ich dich in Träumereien,
verspür’ die Nähe deiner sich’ren Führung,
darf mich an der Unendlichkeit der Liebe freuen,
genieße die Sekunden himmlischer Berührung.

In meinen Taggedanken bist du mein Begleiter,
verbunden stets durch deiner Worte Kraft,
bist mir im Hintergrund mein stiller Leiter,
der meines Daseins Fülle Sinn verschafft.

So wie das Liebesglück gepaart mit Tränen,
folgt der Enttäuschung bange Hoffnung dann;
und der Erfüllung folgt alsdann das Sehnen,
so bindet uns ein flüchtig’ Leben ewig lang.