The Mirrow – Sir Frank Francis Bernard Dicksee (1853-1928)
Oh, du Ergraute, wie fremd wird mir dein Bild, das Altvertraute, und wie erscheint es mir so unbekannt?
Wo gestern noch der späte Sommer wob mein Lebensband, dort spüre ich den Herbst nun leise schleichen und meinem unbeschwerten Ausseh’n mussten Falten weichen.
Noch gestern blickte ich in junge Augen, doch heute schau’n sie müde, voller Sorgen, spür’ ich die Zeit an meinen Lebenskräften saugen, frag’ ich dich Spiegel, was zeigst du mir morgen?
Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll, Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus. Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.
Und wie der Menschenstrom mich fortgespült, Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr: „Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.
Ich schrak empor, und beim Laternenschein Sah ich ein bleiches Kinderangesicht; Wes Alters und Geschlechts es mochte sein, Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.
Quelle: Andersen Märchen – Das Mädchen mit den Schwefelhölzern
Nur von dem Treppenstein, darauf es saß, Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien: „Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn Unterlaß; Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.
Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham, Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind? Eh meine Hand zu meiner Börse kam, Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.
Quelle: Andersen Märchen
Doch als ich endlich war mit mir allein, Erfaßte mich die Angst im Herzen so, Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.
Am liebsten ist mir, wenn der Tag beginnt; dann ist noch alles offen. Wie ein Kind, das morgenfrisch, dem Dasein treu…, als schaut ein trauter Freund vorbei.
Wenn draußen die Geräusche leise, dann gehn Gedanken auf die Reise. Ich mag die stille, blaue Stunde, bevor die Sonn‘ erhellt die Runde.
Auch, wenn sie abends untergeht, ist’s Dämmerlicht, wie ein Gebet, bis Dunkelheit die Welt bedeckt, bis hin zum neuen Tag… ganz unbefleckt.
Hör auf die leise Stimme in der Tiefe, sie spricht zu dir bei Tag und in der Nacht. Und ob sie dich oft auch vergeblich riefe, sie ruft und ruft bis endlich du erwacht:
Es rauscht ein Strom in dir, gespeist aus Quellen, die ferner sind, als du erahnen magst. Es trägt der Strom dein Herz auf seinen Wellen, du aber weißt es nicht und bangst und fragst.
Woher die Kraft, die dich durchs Dasein führet, woher der Mut, noch immer fest zu stehen, wenn alles um dich wankt? Bis du gespüret: Dich trägt der Strom, du kannst nicht untergehen.
Es trägt der Strom dich hin durch viele Leben und zeigt dir Bilder, die vorübergehen, nur was du sehen sollst, wird dir gegeben, sieh an die Bilder, doch bleib niemals stehen.
Hängst du an Ufern, wirst du bald zerschellen, vertrau dem Strom dein Leben und Geschick. Er trägt dich sicher hin auf seinen Wellen, er trägt dich einst ins Vaterhaus zurück.
Du stehst im Dunkeln – unerkannt, verborgen dein Gesicht. Nie wird dein Name mir genannt, und wie ein Schatten tauchst du aus dem Licht.
Wer bist du, unbekanntes Wesen, nach dem mein Herz so sehnend dürstet? Wartest du schlummernd, bis die Zeit gereift? Siehst du nicht, wie sie gnadenlos ergreift mein klagend Leben? So wird sich bange Sehnsucht in die Stunden weben und mich verzweifeln lassen an der Seeleneinsamkeit.
Ich bitte dich, oh Zeit, nimm mir die finst’ren Qualen und zeig im Licht, was du mir vorgesponnen!
Wird neue Liebe mir den Ausgleich zahlen, für das Vertrauen, das sie einst genommen?
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