Durch neue Ghettos treiben schwarze Schatten, nur Mollakkorde spielt die Zeit, ein übler Pesthauch weht durch alle Straßen, ein Jeder ist zum letzten Kampf bereit.
Bedeckt von Dachgebälk und kalten Steinen, die hingeworfen aus der Bombenglut den Fall des Niedergangs in sich vereinen - in großem Abgesang steht Hab und Gut.
Leuchtende Freiheit, wer hat dich gestohlen? Wer gab dich hin für ein verborgenes Glück, das für Vernichtung steht am Morgen und das am Abend nimmt ein Seelenstück?
Führt nicht ins Freie, die umgrenzte Furt, die eingeschnürt in ein Gebiet der Schande den Atem nimmt, - ein viel zu enger Gurt, nur zur Vernichtung dient er hier im Lande.
Zur Schweigsamkeit verdammt und zuzusehen, wie sich ein Mörder an den Mördern rächt, das ist ein böser Trieb im Weltgeschehen; die Welt, sie schweigt. Der Mensch ist schlecht!
Nimmt anderen das Haus und die vier Wände, die ausgebombt nur noch aus Schutt bestehen. Leer ist ihr Blick, leer sind auch ihre Hände, verhungern lässt man sie und untergehen.
Die ihre toten Kinder tragen durch den Staub, wehklagend in der Hoffnungslosigkeit, sehen kein Leben, nur den Tod, der’s ihnen raubt. Tote sind glücklicher! Begraben ist ihr Leid.
All die, die von der Heimaterde scheiden, weil wie ein wildes Tier der Schächer kam, weil er mit Lust an Menschenleiden nur ein Verbrecher ist, der Leben nahm.
All die Verlorenen und Schwachen, bedrängt vom Trutz und Hohn der Macht, mag Moses kommen und es möglich machen, dass sich das Meer zur Flucht ihm teilt bei Nacht.
Dahingesagtes gleich wieder vergessen - sind staubaufwirbelnde Worte gewesen, die matt bedeckten, was glänzend war, verletzende Pfeile stellte es dar.
Im Gedächtnis verloren – für andere nie. Ausgemerzt durch beißende Ironie; warmschlagende Herzen, die in Freude beglückt, mit erstickenden Worten zu Asche erstickt.
Feuer gelöscht, zur Kränkung allzeit bereit, ohne Liebe mit gehässiger Gleichgültigkeit. Was ein geliebter Mund einst eisig gesprochen, hat so manchem Sensiblen das Herz gebrochen.
Denn jede Enttäuschung, die sie erfahren, schlägt eine Wunde mit bleibenden Narben. Die einst Verletzten leiden daran, weil die Narbe aufs Neue aufbrechen kann.
Ein Engel streifte nachts mein Haar, streute mir Traumgesichte in den Sinn. Betört und friedvoll lag ich anfangs da und folgte meines Traumes Anbeginn:
Ich sah entlang des Stadttors dunkle Mauern und an dem schwarzen Turme Fackelfeuer. Mich trieb die tiefe Welle des Bedauerns, als ich vernahm, das klagende Gemäuer.
Es schien, als drängten Tränen durch die Ritzen, sie liefen auf den dunklen Grund hernieder und bildeten in salzig, kleinen Pfützen die Münder, weinend, mir als Bilder wieder.
War all der vielen Unsichtbaren Trauer, die man gequält, entmenschlicht, umgebracht. Die hinter heren, alten Kirchenmauern erlagen Folterungen dunkler Macht.
Ich hörte Schreie von den längst Verbrannten, sah Höllenfeuer unter ihren Füßen. Be-Geisterung bei ihren Art-Verwandten, die Gaffer, die noch Lebenszeit verbüßten.
Brutale Folter und Tötung von Frauen durch den Klerus bis ins 18. Jahrhundert
Vernahm das dumme Volk in dichten Schleiern, ein schwarzer Vorhang deckte ihr Gesicht. Sah sie im Hier und Jetzt und damals feiern – Vergangenheit entband im neuen Licht.
Noch immer gibt es üble ‚Weltenlenker‘, die Staatsgewalt als gottgegeben präsentieren. Die sich durch Religion bigotter Denker zu teuflischen Armeen formieren.
Der Engel ist längst fortgegangen. Mit ihm verging mein Traum; ich bin erwacht. Die Welt ist alt und neu das menschliche Verlangen, doch hat es Unbewusstes klar gemacht?
Ist Böses nicht schon immer bös gewesen? „Du sollst nicht töten“, unsere größte Pflicht? Die Welt wird nicht am Leid genesen, egal ob Priester oder Führer spricht!
Mit versteinerter Miene stand der Henker breitbeinig und wie eingepflanzt auf der Mitte des dörflichen Marktplatzes. Das Volk strömte herbei und versammelte sich laut grölend um den Platz direkt hinter der Kirche. Es beschimpfte die Angeklagte mit Hurenweib und Teufelin, die den Strick nicht wert sei, um vom Leben zum Tod gebracht zu werden. Brennen sollte sie! Brennen!
Eva Maria wurde von ihren Peinigern an den hölzernen Pfahl gebunden. Auf einem Karren war sie im grobleinenen Büßergewand zum Richtplatz gefahren worden. Das Haupt hatte man ihr zuvor kahl geschoren. Mit leeren, umschatteten Augen starrte sie zum Himmel hinauf, als würde sie auf ein Wunder warten. Kein Schluchzen, kein Klagen kam über ihre Lippen. Ihr Tränenfluss war längst versiegt. Sie schwieg. Nur das Kind, das sie unter ihrem Herzen trug, konnte die Todesangst spüren, die mehr und mehr von ihr Besitz ergriff. Der Scheiter war längst entzündet, und der harzige Duft von schwelenden Tannenscheiten kroch in ihre Nase und gemahnte an den qualvollen Tod, den sie gleich erleiden sollte. Im Stillen bat sie Gott darum, der Henker möge sich ihrer erbarmen und aus dem langsamen Sterben durch einen Dolchstoß ein kurzes machen.
Unter der langen, grausamen Folter hatte sie schließlich mit gebrochenen Gliedern den Beischlaf mit Satan gestanden und zugegeben, dass er sich ihr mit phosphorischem Leuchten und nach Schwefel riechend genähert habe. Alsdann hätte sie sich mit ihm vereinigt und verbündet. Nun trug sie ein Kind der Hölle von ihm. Der Abt hatte den Stab über sie gebrochen und das Urteil gesprochen: Sie musste brennen, wie auch der teuflische Bastard in ihr brennen musste!
Kein Jammern, keine Reue, keine Erklärung hatte ihr helfen können. Der Teufel ging um in den mittelalterlichen Gemäuern, Kirchen und Dörfern. Allerorts warnte man vor ihm. Selbst in der Kirche, auf den Märkten und Gassen, in den armseligen Küchen und Kammern, bei Tag und in der Nacht versuchte er die Seelen der Menschen. Er fing sie wortgewandt und listig mit seinen teuflischen Netzen und brachte Unheil über Ernte, Vieh und Dorfgemeinschaft.
Ich bin! Wer kümmert sich darum und will wissen, wer ich bin? Meine Freunde lassen mich im Stich, wie eine verlorene Erinnerung. Ich bin der Selbstverzehrer meines Leids. Sie steigen auf und verschwinden, eine vergessene Schar, Schatten des Lebens, deren Seele verloren ist. Und doch bin ich – ich lebe –, obwohl ich hin und her geworfen werde.
In das Nichts der Verachtung und des Lärms, in das lebendige Meer des wachen Traums, wo es weder Sinn des Lebens noch Freuden gibt, sondern der große Schiffbruch der eigenen Wertschätzung und alles, was mir lieb ist. Selbst die, die ich am meisten liebte sind mir fremd – ja, sie sind mir noch fremder als die andern.
Ich sehne mich nach Szenen, die der Mensch nie betreten hat, wo die Frau noch nie lächelte oder weinte, um dort bei meinem Schöpfer, Gott, zu verweilen, und zu schlafen, wie ich in der Kindheit süß schlief, voller hoher Gedanken, ungeboren. So lasst mich liegen, auf dem Gras, über mir der gewölbte Himmel.
Wieder ein Fall von Dichtung und Wahnsinn wie bei Hölderlin. Auch ihm war die radikale Freiheit zur Selbstbestimmung nicht nur eine Chance, sondern auch eine Last geworden. s. dazu Wikipedia: John Clare
Ich glaube daran, dass der menschliche Geist auf einer anderen Ebene existiert und auf Abruf in diese Welt hineingeboren wird, entweder um zu lernen oder anderen Menschen zu helfen. Wir müssen uns nach der Geburt entwickeln und selbst entscheiden, wer wir sein wollen und welchen Sinn wir unserem Leben geben. Das ist ein langer Prozess.
In John Clare verbarg sich ein gewisses Dunkelsein, wie auch in Rilke. Damit vergleichen mag ich mich nicht. Ich kann nur sagen, dass meine Lyrik teilweise aus genau diesem Zustand entsteht. Die dunklen Erfahrungen der Vergangenheit führen hinaus aus der Oberflächlichkeit in die Freiheit der Worte.
Originaltext:
I am
I am! yet what I am who cares, or knows? My friends forsake me, like a memory lost. I am the self-consumer of my woes, They rise and vanish, an oblivious host, Shadows of life, whose very soul is lost. And yet I am — I live — though I am toss’d.
Into the nothingness of scorn and noise, Into the living sea of waking dream, Where there is neither sense of life, nor joys, But the huge shipwreck of my own esteem And all that’s dear. Even those I loved the best Are strange — nay, they are stranger than the rest.
I long for scenes where man has never trod — For scenes where woman never smiled or wept — There to abide with my Creator, God, And sleep as I in childhood sweetly slept, Full of high thoughts, unborn. So let me lie, The grass below; above, the vaulted sky.
Gereimt ins Deutsche übersetzt von Georg von der Vring (1889–1968)
Ich bin
Ich bin - doch was, weiß niemand, kümmert keinen. Die Freunde lassen mich, wie man Erinnertes verliert. Ich bin der Selbstverzehrer meiner Leiden. Sie heben sich und gehn, wohin Vergessen führt — Wie Schatten in der Liebe Fieberkreisen. Und doch: Ich bin und leb — wie Dunst versprüht.
Ins bare Nichts von Holm und lautem Wind, in die bewegte See von Wachtraumwogen, wo weder Lebensgrund noch Freuden sind, nur Schiffbruch meines Lebens, seines Werts betrogen. Den Liebsten selbst, die mir am innigsten gefallen, bin fremd ich – ja, viel fremder noch als allen.
Wo ist der Ort, den noch kein Mann betreten, wo keine Frau geweint, gelächelt hat? Dort sehn ich mich, mit meinem Gott zu leben und süß zu schlafen, meinen Kindheitsschlaf; nicht störend und selbst ungestört zu liegen, mich zwischen Gras und Himmelsgrund zu schmiegen.
Wie der Wind sein, der Starres lebendig macht, der den Geist des Lebens atmend über die Erde streift, sie in Ruhe wiegt, wenn er sanft darüberfährt, Wurzelloses entfernt und alles Haltlose mit sich trägt in seiner Wildheit, wirbelnd wie im Tanze, aufbäumend zu einem Strudel beseelender Erneuerung.
Wie das Wasser sein, das durch Felsen bricht, aus Höhen gefallen in die Tiefe stürzt vor steiniger Wand, das auswäscht die Verkrustungen der Welt, ungestüm rüttelt an Blockaden, die vor rechten Wegen stehn, zielbringend Leichtigkeit trägt wie schweres Holz, über die Untiefen des Lebens.
Wie die Sonne sein, die gleich gültig auf alles scheint, gleißend den Himmel malt beim Auf- und Untergang, die die Erde streichelt mit Sonnenhänden, sie verbrennt, um umzuschaffen, zu erneuern, im Sinne des Großen Geistes, der in allem ist.
Das, was vergeht, wird auferstehn, das ist des Lebens Sinn.
Wo Nebelgeister schweben und vergehen, im Reich der Sehnsuchtslosen, wo sie im Grau der Städte untergehen, als würden sie in Gischt und Wellen tosen.
Im Dunkel jener Zeiten suchen, finden, die doch den Blick im Rausch nicht heben; wo ihre Geister sich an Bilder binden, die nicht nach Liebe und Erfüllung streben.
Dann lieber angesichts der Sterne sterben, mit sehnsuchtsvollem Blick nach oben; als Wegbereiter hoffnungsvoll vererben den Fingerzeig des Lichts von droben.
Alltagsgetrieben wirbeln die Worte des Hingesagten wie Staub so schwer; sie sind wie Blei in Ohren zu orten, bis sie ermatten, ausgemerzt und leer.
Stückweise haften sie eine Weile, wie Verbranntes, als Asche in Glut, bis sie erlischt in ruhigem Ereilen der neuen Worte, abkühlend und gut.
Jede Enttäuschung trägt unsere Seele und jedes Wort, das Versprechen brach; es schnürt noch lange uns die Kehle, wenn einst ein geliebter Mund es sprach.
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