Tiefe erkennen

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Leben erhalten, nicht morden in Kriegen,
den Anderen achtend, im Höheren siegen.

Das gütige Innen im Äußeren tragen,
nicht an bitteren Worten andrer verzagen.

Hass und Gewalt, die selbstmordend binden,
um rückstrahlend stets sich selber zu finden,

begegnen, mit Abwehr aus friedlicher Mitte;
das Gute erstreiten, trotz schmerzender Schritte.

Pazifist sein - auch in blutigen Zeiten,
selbst Kämpfen Ausdruck von Frieden bereiten.

Trotz Opfer gerecht sein, das Böse wandeln,
in dunkelsten Stunden mit Liebe handeln.

Taten begehen, oft grausam und schlecht,
Menschen, getrieben von dämonischem Recht.

Für dreißig Silberlinge verraten,
wurde Jesus damals im biblischen Garten.

Des Verratenen Tod, war der Welt ein Gewinn -
das Kreuz seines Schicksals geplant zu Beginn?

War Judas Verrat geplant höheres Ziel,
oder band ihn nur ein dämonisches Spiel?

Aussichtslos scheint manches Handeln und Sinn -
was das Ende des Einen, ist des Neuen Beginn;

wenn der Brandung des Kampfes Welle bricht,
hört man’s rauschen, die Tiefe erkennt man nicht.

Herbstlich gestimmt

von Otto Daschowski

Hans Andersen Brendekilde (1857–1942)

Man schmeckt den Herbst,
er schmeckt nach Haselnüssen,
nach Pflaumenkuchen und nach Apfelküssen,
nach Butterbirnen und Erinnerungen,
den – selbst im Alter unzerstörbar jungen.

Man riecht den Herbst,
er riecht nach letzten Rosen,
nach bunten Astern und nach Herbstzeitlosen,
nach Rauch und Feuer auf Kartoffelfeldern,
nach Pilzen, selbst gesucht in Heimatwäldern.

Man sieht den Herbst,
er prangt in allen Tönen
und will mit Früchten Mensch und Tier verwöhnen,
man hört sein Lied und spürt die festen Bande,
die man als Kind geknüpft zum Heimatlande.

Leider konnte ich nichts über Otto Daschowski, dem Dichter dieser schönen herbstlichen Verse erfahren. Ich veröffentliche sie hier ein weiteres Mal, und ich hoffe, dass niemand Einwände dagegen hat.

Schwebend

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Des Nachts ging ich spazieren,
vorbei an Feld und Flur;
im geistigen Flanieren
verliert sich meine Spur.

Hob ab vom harten Boden,
schwebte die Straßen lang,
bis körperschwere Sorgen
entschwanden meinem Gang.

Wie trunken war mein Wandeln,
ganz ohne Schmerz und frei,
so, dass mein Trieb und Handeln
der Weg zur Wahrheit sei.

Unendlich schien mein Sehen,
im schrankenlosen Viel;
so klar war das Verstehen,
als ob‘s vom Himmel fiel.

Ganz leer, doch voller Habe,
die körperlos mein Eigen,
trug meine Geistesgabe
mich hin, im ew’gen Reigen.

Die Endlichkeit des Schwebens
als Lebenstraum begrüßen,
durch tausend neue Leben
das Ziel erkennen müssen.

Entrückt

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Wenn ich genieße der Erinnerung kleines Glück,
in einem Leben, das ich heut‘ nicht wiederfinde,
leb ich im Traum, der Gegenwart entrückt,
so dass der Weg zurück sich nur im Müssen gründet.

Werd‘ immer in die Zeit zurückgezogen,
so wie am Gummiband gerissen, hin und her,
und bin ich erst der Schattenwelt entflogen,
zieht’s mich zurück – bald ohne Wiederkehr.

Dann BIN ICH, nur im großen Schweigen,
um mich herum, nur Sonne, Wind und Regen;
das ALL um mich, wo alle Sterne steigen
und paradiesisch blüht ein neues Leben.

Blick nach Ostpreußen

Flucht aus Ostpreußen 1914 – Gemälde von Claus Bergen (1885-1964)

Der Süden hat mich nie gelockt,
wo Leichtes schwebt in sonnigen Gefilden,
blieb Sinn und Denken mir verstockt;
Verbundenheit ließ sich nicht bilden.

Der Osten trägt Melancholie,
umhüllt die längst verklärte Fährte.
Die ferne Zeit zeigt irgendwie
Natur, die so ersehnenswerte.

Die schwere Schlichtheit dieses Lebens,
so Gott gegeben, urvertraut,
ein fein Gespinst wie Leingewebe,
das kratzt und schmerzt auf bloßer Haut.

Blutig die Knie, die Hände rau,
erschuf man sich sein täglich Brot.
Brachte den Bauersleuten auch
die schwere Arbeit frühen Tod.

Entbehrung hieß die Einfachheit,
gesegnet war des Tages Lauf.
Die Sehnsucht kannte keine Zeit,
man sah getrost zum Himmel auf.

Morbides trieb die Politik,
nahm Mensch und Sprache mit sich fort.
So flüchtig war der Traum von Glück,
vergessen altes Land und Ort.

Was blieb ist die Melancholie,
die Traurigkeit der Ahnen.
Selbst wenn ich lache, spür ich es,
ihr gegenwärt’ges Mahnen.

Herbstwinde

Ich stehe am Fenster und schau in die Ferne,
seh’ durch die beschlagenen Scheiben hinaus.
Betrachte das herbstliche Treiben so gerne;
der Wind fegt mit heftigem Brausen ums Haus.
 
Bald werden sie kahl sein, die noch vollen Zweige.
Die Wiese, sie füllt sich allmählich mit Laub.
Es kommen die Stürme – das Jahr geht zur Neige.
Der Herbst bringt die Kälte und Dunkelheit auch.
 
Die Ernte liegt sicher in Scheunen und Hallen,
der Dank wird gesprochen, der Segen erteilt.
Wenn erst die schweren Frühnebel wallen,
dann macht sich das Jahr zum Sterben bereit.
 
Ich lausche dem Wind, er pfeift durch die Schächte,
treibt Regen und Blattwerk, streut bunt seine Spur.
Nicht enden wollen die unruhigen Nächte,
die Wärme der Sonne verlässt die Natur.

Rattenfänger

Rattenfänger von Hameln – Quelle: Pinterest
Altes Volk, in Harm und Sorge,
kraftlos auf die Knie gesunken,
bist du, trotz der Schar der Hüter
dieses Ortes, fast ertrunken.

Doch das laute Weh verklang
in der Dämmrung Horizont;
Heimat – auf dem Boden trat
man vor dem, der oben thront.

Keine Antwort, nur ein Schweigen
rieselt durch die Wolkenbälle;
sieht die Armen, wie sie wandern,
folgen der Gedanken Welle,

und die zieht, wie ein Gewinde,
näher hin zu den Gefahren.
Laut und schneller wird der Drall,
hält die Pilgerschaft zum Narren.

Wieder steht so manche Größe,
tut sich auf mit Siegerworten,
doch nur leer wie Seifenblasen
platzen die an allen Orten.

Lasst sie doch ihr Werk vollbringen,
das sie johlend propagieren.
Heils-Botschaften, die misslingen,
wird das Volk zur Wahrheit führen!

Östlich stehen sie und schreien -
aus den Mündern schlagen Flammen.
Fackelt ab die Nebelkerzen,
die die wahre Sicht verschlangen!

Gerechtigkeit

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Gerechtigkeit, dein Maß, wo ist‘s geblieben,
was hat dich fortgetrieben?
Bist du des Lebens Preis?
Konnt‘ dich nicht immer halten,
dein waagerechtes Walten,
es glitt mir aus dem Gleis.

Die Schalen deiner Waage in Harmonie zu bringen,
sie halten, soll gelingen. –
Kein menschliches Geschick!
Denn dein Gewand der Wahrheit,
in leidvoll süßer Klarheit,
nimmt den globalen Blick.

Kurzsichtig ist das Leben, sieht nicht die finstre Brücke;
besorgt sein Haus zum Glücke,
noch in der Tageszeit.
Hört nicht des Todes Lachen,
wenn er mit seinem Nachen
am Abend steht bereit.

Baum im Herbst

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Lebensbaum – die Blätter fallen,
frühjahrsblühend sein Gewand,
was berauschend war gediehen -
duftumzogen war sein Stand -

trieb nur Blüten. Frucht zu werden
war des Wachstums hehres Ziel;
doch nun fallen seine Blätter,
fruchtlos seine Zeit verfiel.

Kühler Geist, du bist gekommen!
Fröstelnd steht der Baum des Lebens.
Blätter taumeln, wie die Jahre,
fallen, durch des Windes Schweben.

Webt der Herbst nun graue Schleier,
lässt er die Natur genesen;
neue Kraft fließt, Frucht zu werden,
zur Vollendung aller Wesen.

Zeit der Raben

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September geht. – Hör schon die Raben!
Seh, wie sie kreisen und nach Futter darben.

Mit Schläue überschweben sie die Menge
an toten Steinen, über Stadtgedränge;

sie streifen grünlich breitende Kulturen,
wie Rasen und die letzten Sommerspuren.

Sie krächzen über nebelhaftem Schleier,
der tausend Tode deckt, in alter Leier.

Des Jahres würdevoller Atemhauch,
vernehmbar,
Blatt für Blatt an Baum und Strauch.