Recht

Jean-Léon Gérôme 1824-1904 – The last judgement
Daniel 5,27 »Tekel« bedeutet: Du bist mit einer Waage gewogen und zu leicht empfunden worden!

Es sühnen die Gerichte schlechte Taten,
doch ist gerecht noch lang kein Richterspruch,
ihr seid mit Sinn nach Rache schlecht beraten,
wenn ihr für Schuld gerechte Strafen sucht.
 
Wer andre in den Tod schickt ist nicht besser,
als jener, der zuvor den Mord verübt,
wäscht man Justitias Hand mit klaren Wässern,
ist nach dem Reinigen das Wasser unschulds-trüb.
 
Wir fordern Ethik und Moral mit Geistesgröße,
doch nur zu leicht zerfließen hier die Grenzen,
wir machen aus „nicht gut“, „ein bisschen böse“,
verdrehtes Recht schafft eigne Konsequenzen.
 

Blumenstrauß

Ferdinand Georg Waldmüller (1793-1865)

Du Blütenpracht, die du gen Himmel strebst,
wächst weit hinaus aus deiner Vasen-Gruft,
obwohl du wurzellos in stillem Wasser stehst,
ringst du mit letztem Drang nach Lebensluft.

Noch ist dein Grün so frisch und deine Blüten prahlen,
nur ein paar Tage schmückst du diesen Raum,
doch dann zerfällt dein lebensfrohes Strahlen,
und schnell vergeht der erste Frühlingstraum.

Das Licht, das hell sich dünkt

Paul Lacroix- Papst Clemens V. auf dem Konzil von Vienne

Das Licht, das hell sich dünkt
und – ohne es zu sein –
des Lichtes Maske nimmt
und borgt sich seinen Schein
und prunkt damit:

Das ist der Herr der Welt,
der Hochmut, der euch reizt
zu tun, was ihm gefällt,
und der mit Lob nicht geizt
und nicht mit Schmeichelworten.

Streckt gierig ihr die Hand
nach eitler Macht nur aus,
um es ihm gleich zu tun,
dann baut ihr nur sein Haus
und könnt darin nicht ruhn.

Der hetzt euch ohne Ruh,
und ihr tragt ihm herzu
der falschen Werte Flittergold,
und wie ihr Lügen sucht,
ist euer Sold
die Lüge nur!
Die lebt so lang davon, dass sie zerstört,
bis sie mit dem Zerstörten untergeht.

Die Wahrheit aber schreitet durch die Lande,
sie ist so schön, dass sie des Schmuckes nicht bedarf
und nicht des Faltenwurfs im Lichtgewande.
Nicht Lob, nicht Tadel spendet sie.
Sie schweigt.

Doch wenn ihr Blick dich trifft,
dann sinkst du in die Knie…
und ohne Worte wird dir Wissen kund,
wenn stumm dich grüßt ihr ernster Mund.

<Ephides>

Eine kleine Frühlingsweise

Eine kleine Frühlingsweise nimmt mein Herz mit auf die Reise
in die schöne weite Welt hinaus!
Dort, wo bunte Blumen blühen, dort wo weiße Wolken ziehen,
steht am Waldesrand ein Haus.

Still, ohne Sorgen, friedlich geborgen
liegt dort die Welt im Sonnenschein.
Unter uralten Bäumen lässt es sich träumen,
in den goldenen Frühlingstag hinein.

Alle Bienen summen leise meine kleine Frühlingsweise,
bunte Falter flattern hin und her.
Die Natur auf allen Wegen streut den schönsten Blütensegen,
und die Rosen duften süß und schwer.

Doch wie bald ist all diese Pracht entschwunden,
die ein schöner Tag uns im Mai gebracht,
denn ein kalter Reif hat in nebelgrauen Stunden,
alles Grün vernichtet in einer Nacht!

Längst schon sind verstummt alle Vöglein auf den Zweigen,
und die Falter tanzen nicht mehr ihren Reigen,
selbst die alten Bäume hüllen frierend sich in Schweigen
und den Blümlein klein ist so traurig zu Mut!

Ach wie geht der Frühling doch so schnell vorbei!
Da ertönt ganz leise, leise meine kleine Frühlingsweise,
bis die gold’ne Sonne strahlend lacht,
und die Blumen blühen wieder, auch die Wolken ziehen wieder
und vergessen ist die kalte Nacht!

Freut euch der Jugend, nutzt jede Stunde,
wenn euch die Sonne strahlt im Mai.
Sucht die Schönheit im Leben, steht nicht daneben,
denn der Frühling geht ja doch so schnell vorbei.

Des Glaubens Hüter

Betende Hände – Albrecht Dürer (1471-1528)

Gott, Du bist die Ewigkeit,
die endlos seit dem Anfang uns umschließt.
Der in seiner Herrlichkeit,
die Gnade „Leben“ in uns gießt.

Wenn unsrer Hoffnung Sicht zerbricht,
geb‘ unsrem Geiste Kraft und Licht.
Lass unsern Glauben Hüter sein,
beschütze unsrer Liebe Schein,
die von dem großen Himmelslicht
ein Abglanz ist. – Herr uns gebricht
die Kraft, der Mut –
mit Dir im Herzen sind wir gut,
doch gehen wir ein Stück allein,
herrscht Dunkel dort.
Denn unser Sein, es ist Dein Wort,

als dessen Klang Gestalt gewonnen,
wohl unter hohen, lichten Sonnen
in biblischer Vergangenheit,
die uns allein erscheint so weit.

Bist nur gedankenweit entfernt,
den Ton zu finden, den wir einst gelernt,
der die Verbindung spürt, die Gegenwart.
Zeitlos bist Du, der immer bei uns harrt.

Dein Wort, das einst durchs All geklungen,
es ist ein Ruf, der längst zu uns gedrungen.
Es ist ein langer Weg in reinem Sein,
ein Widerhall zurück zu Dir allein.

Der die Zeiten wandelt und sie lässt verwehen,
lass uns alle Deine Wunder sehen.
Öffne uns zu Hause Deine Tür,
dieses Wissen gib uns tröstlich hier.

Du klingst in uns, so lass uns für Dich klingen,
auf dem Nach-Hause-Weg will ich Dir singen!

Sommerahnung

Sweet Summer – John William Waterhouse (1849-1917)

Der Himmel malt ein lichtes Funkeln,
leuchtend und glänzend, wie ein Stern,
was vormals farblos und im Dunkeln,
strahlt nun mit buntem Seelenkern.
 
In Seidenglanz gehüllter Morgen,
ersetzt die schlafengeh’nde Nacht,
mit Sonnenschein, der große Sorgen
jetzt kleiner und erträglich macht.

Was lange Zeit im Erdeninnern,
zeigt nun die volle Blütenpracht;
Flora und Fauna, sie erinnern,
was uns erschuf die Schöpferkraft.
 
Genießen wir die warmen Stunden,
gestreute Vielfalt, buntes Land,
legen mit hellen Glückssekunden
das Leben uns in leichte Hand.
 
Vorbei das Frieren und das Warten
auf eine lang ersehnte Zeit,
das Leben ist ein großer Garten,
die Welt erscheint im Sonntagskleid.

Durchlebte Zeit

„Träumerei“ Gemälde von Franz Guillery (1863-1933)


Wie schnell die Zeit läuft,
wenn du bei mir bist,
wie sie zu stehen scheint,
wenn du mich küsst.

Wenn deine Lippen sanft auf meine Hände gleiten,
dann ist es so,
als würden die Sekunden schleppend schreiten
und sich nur zögernd mit den Strömen der Vergänglichkeit verbinden,
als müssten unsre Seelen sich in ihren Tiefen wieder finden.
Nur unsre Liebe hilft uns aus dem irdischen Geschehen,
hinüber in die zeitenlose Dimension zu gehen.
Wenn unsre Geister sich im Über-All verbinden,
dann werden wir uns in den fernen Himmeln wieder finden,
die wir verlassen mussten schon vor Ewigkeit;
nun fanden wir uns auf der Erde wieder,
hier und heut.

Wenn mir dein Augen-Blick wie ein Versprechen scheint,
das uns nicht erst in der Unendlichkeit vereint,
dann werden mir die Tage lang und endlos scheinen,
und in der Zeit des Wartens werd‘ ich bittre Tränen weinen.

Du gabst mir nichts,
nur deine Liebe gabst du, deinen lieben Blick,
doch brachtest du mir das Elysium in diese graue Welt zurück.
Gib mir die Hand für eine lebenslange Reise durch die Zeit,
sag niemals, unsre Liebe sei Vergangenheit.

Selbst befreit

Károly Brocky (1807-1855)- Schlafender Bacchant

So, wie ein Hauch
im Fluss der Zeit verdunstet,
gelöst, gelöscht die Spur,
die tränenreich verschwamm.
 
So trieb der Rauch,
der lichtlos sich verdunkelt,
aus meiner Hölle hoch empor,
als Glut noch glomm.
 
Was bleibt zum Schluss?
Ein Nicht-Verstehen,
Vertrauensbruch und Schmerz,
der tief begraben in der Grube ruht.
 
Doch weckt man ihn,
zerreißt es mir das Herz,
und aus dem Rauch
und aus der Asche steigt die Wut.
 
Es gab kein Wort,
kein Abschied…letzte Blicke.
Erklärung suchend
deute ich den Schluss.
 
So wende ich mich ab,
ertrag die Tritte,
von dem, der „rein“ zu sein schien,
mit Verdruss.
 
Benutzt, gedemütigt, verworfen,
verletzt, verstoßen – längst bereut.
Verbrannt im großen Höllenofen
der Fehler…schließlich selbst befreit.
 

Blüten

Hieronymus Galle der Ältere (1625-1679)

So, wie ein Blumenstrauß, so ist das Leben,
der prachtvoll zeigt sich in den schönsten Farben.

Er hat den Sinnen reiches Glück gegeben
und niemand sieht der Blüten stilles Darben.

Schon abgeschnitten von der Lichtflut ist die Hülle,
bis sie tagtäglich sich zu Tode blüht,

die Stiele streckend, hingelenkt zur Fülle,
dem Himmel zugewandt, wenn sie vergeht.

Erst ist das Leben wie ein zarter Trieb,
doch Blüten unsres Lebensbaumes fallen.

Welch‘ Antwort, die das Leben schuldig blieb?
Wir blüh’n für andre. Geben heißt: für alle!

Abgrundtief

Auftakt meines Buches „Jenseits des Schleiers“

Caspar David Friedrich (1774-1840)

Und wieder hat der Abgrund sich geöffnet.
Ich stehe noch am Rand und schau hinab.
Dort unten lockt der Tod mit schwarzen Schatten
und seine Rufe dringen lauter in mein Hirn.
Sie mahnen mich, zu springen, hinzugleiten in sein Reich,
den freien Fall erdulden, vor dem wehen Aufprall,
mild, in seine Hände.

Die Erde klafft tief unter mir und öffnet weit die Tore zur Unterwelt,
die gierig danach ist, mich aufzunehmen in den Todesreigen.

Ich hab gesucht, nach Liebe und Vertrauen.
Doch diese Welt ist leer von alledem und so verschlossen,
wie das Tor zur Hölle.

Allein, was ich gefunden, hier und jetzt,
sind Zeichen für das unbeschmutzte Reine,
das in den völlig heimatlosen Sehnsuchtsherzen
sich selber sucht, und manchmal, unter Schutt und
Schmutz bedeckten Weltenhügeln, sich wieder findet,
unter Leid und Schmerz.