
Wo sich die Zukunft mit der Gegenwart verbindet,
entsteht Vergangenheit,
wo man das längst Vergang’ne wiederfindet,
da steht die Zeit.

Gedichte und Poesie von Gisela Seidel über Gott und die Welt

Wo sich die Zukunft mit der Gegenwart verbindet,
entsteht Vergangenheit,
wo man das längst Vergang’ne wiederfindet,
da steht die Zeit.


Unter den Wolken möchte ich gleiten,
so wie ein Adler, mit offenen Schwingen.
Möchte das Strahlen der Sonne durchschweifen,
als Luftherr die hohen Nebel durchdringen.
Möchte die Freiheit der Himmel erleben,
treiben, vorüber an Felsen und Wänden.
Will mich von unten nach oben erheben,
spähend, auf breiten, windigen Händen.
Schwebend und hoheitsvoll grüßt’ ich den Tag,
hätte Freyja und Pan als Gefährten,
würde dankbar mit jedem Flügelschlag,
überfliegen Wiesen und Gärten.

Wenn die Sonne kraftlos in das Meer versinkt
und mit letztem Glanze Abendstimmung bringt,
deckt die Welt sich zu, mit Sehnsuchtsschleiern,
und der junge Abend ringt in stillen Feiern
mit des Tages letztem Atemzug;
abgestreifte Hektik dieser Zeit –
tiefe Ruhe, Frieden, Einsamkeit.
Nur noch Schweigen ringsumher,
und die Schatten huschen durch das Meer
letzter Taggedanken.

Der wortgewandten Redner gibt es viele,
doch sind’s oft leere Blasen,
die aus ihren Mündern strömen,
und die zerplatzen dort mit lauten Tönen.
Doch gibt es jene Worte,
die die Welt verändern,
weil sie selbst in den fernsten Ländern
und in den taubsten Ohren
wie ein Ave Maria klingen,
denn sie zerplatzen nicht,
sie singen.

Das Ego ist der Herrscher deiner Seele,
der Glaube an das Ich, dein Selbstvertrauen,
Bewusstsein, deines Lebens Öllaterne,
Erleuchtung zündend am Erkenntnisbaum.
Aus hoher, hehrer Sphäre der Gedanken,
füllst du die Früchte deiner Wahl ins Füllhorn ein,
dort wächst beseelter Same an den Ranken
und lässt das Fühlen dir erquickend sein.
Du bildest deinen eignen Garten Eden,
hervorgebrachte Pracht und Harmonie,
dort, so von Gott erfüllt, auf allen Wegen,
beherrscht die Demut dich und Fantasie.
Am zwölften Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
dass ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.
Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
dass der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen lässt,
als alle Beteiligten zu vergiften.
Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck,
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck,
man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.
Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.
Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.
Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen,
keiner entging dem Tod und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall, es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang, und es schwamm übers Meer.
Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andere hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.
Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.
Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte
völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.


Ein alter Baum, der sich gen Himmel streckt,
zu dessen Krone Zweig an Zweig sich binde,
der unter dunkel, harter Borkenrinde
die Ringe seiner Jahre wohl versteckt.
In hundert Jahren wird er noch hier stehen,
wenn sich die Zeit schon lang gedreht
und neuer Geist durch Land und Köpfe weht,
hat er so manchen Sturm gesehen.
Sein Laub singt uns im Wind die alte Weisen,
von Liebesglück und Leid, das er geschaut,
und nur ein winzig Herz, geritzt in seine Haut,
wird mit ihm in die ferne Zukunft reisen.

Dein Blick war mir das hellste
Licht auf dieser Welt,
du nahmst es fort,
ich trieb allein im dunklen Raum,
und meine Liebe zu dir,
die mich unlösbar in Fessel stellte,
war stark, wollt‘ Früchte tragen
wie ein Baum.
Doch du beschneidest ihn,
lässt ihn nicht blühen.
Er fragt das Jahr: „Wann wird es Frühling sein?“
Die trüben Himmel sind stets über ihm,
es bleibt die Kälte, und er steht allein.
Auch, als ich meine Hände nach dir streckte,
so wie der Baum zum Himmel sein Geäst,
so bleibst du fern, bist unerreichbar fort,
bist wie ein Schatten, der kein Leuchten lässt.
Nicht lange hielt das Liebesband
uns sanft umschlungen,
unlösbar schien es – trennend war die Zeit.
Ich lebte zwischen Sehnsuchtsleid
im Taumel, hoffend, wartend,
und täglich sind es die Erinnerungen
an jene Stunden,
als wir weltvergessen, voller Liebe,
einander in die Herzen lauschten
und Liebe dort,
so wie ein sanftes, frisches Windesrauschen,
ein Frühlingsweben in die Seelen schrieb:
Ich hab dich lieb!

Wie zarte Fäden,
die die Raupe spinnt,
ist webend um uns,
was allmählich bindet.
Webt den Kokon,
hüllt uns in Träume ein,
bis irgendwann
sie uns als Schmetterling
entschwindet.

Meine Oma hatte Begegnungen mit Geistwesen. In ihrer Familie in Ostpreußen war das mehrfach passiert. Einer ihrer Brüder hatte Selbstmord begangen, weil er die Toten, die er gerufen hatte, nicht mehr losgeworden ist. Er brach die sieben Siegel des sogenannten „alten Hausschatzes“, des sechsten und siebten Buch Moses, welche in der Bibel nicht vorhanden sind. Solange ich denken kann, warnte Oma mich davor. Niemals sollte ich darin lesen. Das tat ich auch nicht, denn ich war gewarnt. Außerdem existieren diese Schriften heutzutage nur als Fälschung.
Vor Geistererscheinungen hatte Oma keine Angst. Sie nahm sie als Warnung. Wohl aber erzeugte ein schwarzer Hund in ihren Wachträumen Todesangst in ihr. Ein weißer Hund symbolisiert etwas Reines, ein schwarzer dagegen etwas teuflisch Materielles. Als ihre Schwester starb, sah sie den schwarzen Hund, und als sie schließlich mit 93 Jahren verstarb, wollte sie nicht mehr im Schlafzimmer liegen, weil der schwarze Hund dort neben ihr lag: Der Hüter der Schwelle.
Dieses Verlassen aller Geschehnisse, die als stilles Wasser die Erinnerungen des Menschen darstellen, ist ein Zurückziehen des Geistes, um die endgültige Abrechnung des materiellen Lebens zu vollbringen. Der Mensch in dieser Situation muss alles Irdische nicht nur innerlich verlassen, um in die rein geistige Welt hinüberzugehen. Dann übertritt er die Begrenzung zwischen Auferstehung und Leben – die Schwelle des Todes.
Der Mensch zieht sich zurück in die Stille, in die innerste Tiefe seines Wesens. Dort verarbeitet er seine Erinnerungen, die Geschehnisse, die ihn geformt haben, alles was in seinem Leben geschehen ist. Alles wird aufgeklärt, nichts bleibt im Verborgenen. Plötzlich nimmt er Teil am Augenblick seiner Geburt und weiß, wo er im Zeitpunkt seines Todes sein wird. Nichts hatte er mitgebracht auf diese Welt und kann nichts mitnehmen, wenn er geht. Als er kam, war er einfach da, kannte seine Familie nicht und hatte keine Freunde, war besitzlos. Diesen Zustand wird der Mensch zum Schluss haben. Er wird frei sein von allem.
Doch um wirklich frei zu sein, muss er die Hüter der Schwelle passieren und hoffen, dass sie ihn hindurchgehen lassen.
Warum lässt ihn der weiße Hund nicht hindurch? Er ist doch das Symbol für seelische Reinheit und Schönheit. Ja, eben deshalb!
Den Arterhaltungstrieb des schwarzen Hundes braucht er im Tod nicht mehr und auch die Instinkte wird er auf Erden zurücklassen. Die Todesangst wird keine Macht mehr über den Menschen haben, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.
Ein Eingeweihter weiß, dass es keinen Tod gibt, sondern nur ewiges Leben. Deshalb will er unbedingt die Schwelle überschreiten. Der schwarze Hund lässt ihn ziehen, doch der weiße Hund wird versuchen, ihn durch eine ‚Reifeprüfung‘ zurückzuhalten. Er zeigt ihm ein Trugbild, einen geliebten Menschen, um ihn zu stoppen. Ein Eingeweihter weiß, dass er diesen niemals verlieren kann, sondern in der geistigen Welt wieder näher zu ihm kommen wird. Er geht über die Schwelle, ist mit Gott vollkommen vereint und folgt dem Weg der Unsterblichkeit in die Ewigkeit hinein.
Nichts konnte ihn aufhalten, keine weltliche Verlockung, keine weltliche Liebe. Er geht in seinem Bewusstsein durch die Pforte des Todes, um auf der anderen Seite die langersehnte Erlösung zu finden: das Ende aller Inkarnationen.