I am – Ich bin

von John Clare

John Clare (1793-1864)

Ich bin! doch was ich bin, wer kümmert sich darum, oder weiß es?
Meine Freunde lassen mich im Stich, wie eine verlorene Erinnerung.
Ich bin der Selbstverzehrer meines Leids.
Sie steigen auf und verschwinden, eine vergessene Schar,
Schatten des Lebens, deren Seele verloren ist.
Und doch bin ich – ich lebe – obwohl ich hin und her geworfen werde.

In das Nichts der Verachtung und des Lärms,
in das lebendige Meer des wachen Traums,
wo es weder Sinn des Lebens noch Freuden gibt,
sondern der große Schiffbruch der eigenen Wertschätzung
und alles, was mir lieb ist. Selbst die, die ich am meisten liebte
sind mir fremd – ja, sie sind mir noch fremder als die andern.

Ich sehne mich nach Szenen, die der Mensch nie betreten hat,
wo die Frau noch nie lächelte oder weinte –
um dort bei meinem Schöpfer, Gott, zu verweilen,
und zu schlafen, wie ich in der Kindheit süß schlief,
voller hoher Gedanken, ungeboren. So lasst mich liegen,
auf dem Gras, über mir der gewölbte Himmel.

Wieder ein Fall von Dichtung und Wahnsinn wie bei Hölderlin. Auch ihm war die radikale Freiheit zur Selbstbestimmung nicht nur eine Chance, sondern auch eine Last geworden. s. dazu Wikipedia: John Clare

Ich glaube daran, dass der menschliche Geist auf einer anderen Ebene existiert und auf Abruf in diese Welt hineingeboren wird, entweder um zu lernen oder anderen Menschen zu helfen. Wir müssen uns nach der Geburt entwickeln und selbst entscheiden, wer wir sein wollen und welchen Sinn wir unserem Leben geben. Das ist ein langer Prozess.

Zu dem Gedicht „I am“. Es ist schwer englische Ur-Fassungen in deutsche Verse zu übersetzen. Hier ist es zwar gelungen, doch in reimfreier Lyrik gefällt mir das Gedicht besser. Es klingt sanfter, und dann wird es meinem ähnlich im Klang. Den Sinn des Textes kann ich sehr gut nachempfinden.

In John Clare verbarg sich ein gewisses Dunkelsein, wie auch in Rilke. Damit vergleichen mag ich mich nicht. Ich kann nur sagen, dass meine Lyrik teilweise aus genau diesem Zustand entsteht. Die dunklen Erfahrungen der Vergangenheit führen hinaus aus der Oberflächlichkeit in die Freiheit der Worte.

Originaltext:

I am

I am! yet what I am who cares, or knows?
My friends forsake me, like a memory lost.
I am the self-consumer of my woes,
They rise and vanish, an oblivious host,
Shadows of life, whose very soul is lost.
And yet I am — I live — though I am toss’d.

Into the nothingness of scorn and noise,
Into the living sea of waking dream,
Where there is neither sense of life, nor joys,
But the huge shipwreck of my own esteem
And all that’s dear. Even those I loved the best
Are strange — nay, they are stranger than the rest.

I long for scenes where man has never trod —
For scenes where woman never smiled or wept —
There to abide with my Creator, God,
And sleep as I in childhood sweetly slept,
Full of high thoughts, unborn. So let me lie,
The grass below; above, the vaulted sky.

Gereimt ins Deutsche übersetzt: (Prof. Manfred Pfister)

Ich bin

Ich bin! Doch was ich bin - mag's keiner wissen?
Im Stich gelassen und gefallen aus der Zeit,
verzehr ich mich in meinen Kümmernissen,
die nah'n und geh'n in Selbstverlorenheit,
Schatten des Daseins, einem seelenlosen,
und doch bin ich und leb', wenngleich verstoßen

ins Nichts aus Lärm und Hohn und Bitterkeit
ins aufgewühlte Meer des wachen Traums,
wo kein Gefühl mehr ist und keine Freud,
nur noch das Wrack des alten Selbstvertrau'ns
und allem, was mir lieb. Selbst die, die mir am nächsten standen,
sind fremd mir - ja - sind fremder als die andern.

Ich sehn' nach Orten mich, wo nie ein Mensch je ging,
wo niemals eine Frau geweint, gelacht,
um dort zu sein bei Gott, dem Schöpfer aller Ding,
zu schlafen wie als Kind ich schlief in sichrer Nacht,
voll guten Sinns, in Mutters Schoß. Lasst mir die Ruh,
das Gras - mein Bett, der Himmel deckt mich zu.



Erneuerung

Fraktale: Karin M.

Wie der Wind sein, der Starres lebendig macht,
der den Geist des Lebens atmend über die Erde streift,
sie in Ruhe wiegt, wenn er sanft darüberfährt,
Wurzelloses entfernt und alles Haltlose mit sich trägt in seiner Wildheit,
wirbelnd wie im Tanze,
aufbäumend zu einem Strudel beseelender Erneuerung.

Wie das Wasser sein, das durch Felsen bricht,
aus Höhen gefallen in die Tiefe stürzt vor steiniger Wand,
das auswäscht die Verkrustungen der Welt,
ungestüm rüttelt
an Blockaden, die vor rechten Wegen stehn,
zielbringend Leichtigkeit trägt wie schweres Holz,
über die Untiefen des Lebens.

Wie die Sonne sein, die gleich gültig auf alles scheint,
gleißend den Himmel malt beim Auf- und Untergang,
die die Erde streichelt mit Sonnenhänden,
sie verbrennt,
um umzuschaffen, zu erneuern,
im Sinne des Großen Geistes,
der in allem ist.

Das, was vergeht, wird auferstehn,
das ist des Lebens Sinn.

Durch Raum und Zeit

Wo Nebelgeister schweben und vergehen,
im Reich der Sehnsuchtslosen,
wo sie im Grau der Städte untergehen,
als würden sie in Gischt und Wellen tosen.

Im Dunkel jener Zeiten suchen, finden,
die doch den Blick im Rausch nicht heben;
wo ihre Geister sich an Bilder binden,
die nicht nach Liebe und Erfüllung streben.

Dann lieber angesichts der Sterne sterben,
mit sehnsuchtsvollem Blick nach oben;
als Wegbereiter hoffnungsvoll vererben
den Fingerzeig des Lichts von droben.

Tanz im Mai

William Adolphe Bouguereau (1825-1905)
Ein einsames Wölkchen am Himmel
löst sich im endlosen Blau,
sieht aus, als zöge ein Schimmel
wie Watte vorbei, weiß und grau.

So angenehm zeigt sich der Mai:
Die Sonne schickt milden Glanz,
die Natur singt ein Lullaby,
Fantasie schwebt empor und tanzt.
Quelle: Pinterest

Alltagsgetrieben

Quelle: Pinterest
Alltagsgetrieben wirbeln die Worte
des Hingesagten wie Staub so schwer;
sie sind wie Blei in Ohren zu orten,
bis sie ermatten, ausgemerzt und leer.

Stückweise haften sie eine Weile,
wie Verbranntes, als Asche in Glut,
bis sie erlischt in ruhigem Ereilen
der neuen Worte, abkühlend und gut.

Jede Enttäuschung trägt unsere Seele
und jedes Wort, das Versprechen brach;
es schnürt noch lange uns die Kehle,
wenn einst ein geliebter Mund es sprach.

Blumen am Wege

Jugend vergeht,
die Schönheit, die, wie frischer Tau, gekrönt auf Blüten ruht,
ist nur ein Augenblick des Lebens
in der Morgenglut.

Die Zeit verweht –
mit Zeichen von Vergänglichkeit und Tod
senkt sich die Hülle sanft ins Abendrot,
hat Jugend, Schönheit, tief in sich vergraben
und ihre Blüten fielen,
als sie starben.

Hochzeit

Ludwig Richter (1803-1884)
Erwacht der Tag im kühlen Hauch des morgens,
so irrt er schläfrig noch durch Träume letzter Nacht;
sendet das Licht, das scheinbar war verborgen,
mit einem Glanz, der bunt und sichtbar macht.

Entfesselt breitet sich Natur und Schönheit
im heimatlichen Raum zum Blütenteppich aus.
Der Mai tanzt leicht beschwingt im weißen Kleid
mit einem Kranz aus Liebe in die Welt hinaus.

Lehrgeld

Dorfschule – Wilhelm Ludwig Heinrich Claudius (1854–1942)
Wir bitten um das Heil der Welt
und schaffen anderen Qualen.
Die Erde ist ein Schulungsort -
wir müssen Lehrgeld zahlen!

Gott richtet nicht mit Höllenglut,
um Sünder zu verbrennen,
Mensch schürt’s sich selbst
und wird’s im Leid erkennen.

Kein Bußetun hilft Mensch dabei
Schwere an Schuld zu tilgen;
wäre ein Hohn, könnte er löschend
das Leid des Dulders mildern.

Der Große Geist, Er gab gerecht
uns Ordnung und Gesetze;
im Leid fühlt Mensch was gut, was schlecht,
heilt selbst, was ihn verletzte.

Spirituell bestimmen wir,
was schicksalhaft uns bildet.
Die Welt, die unvollkommen ist,
wird uns den Zustand schildern.

Trotzt jedem Sturm in weiser Kraft,
erfahrt das geistig Wahre.
Ein Funke hat das Licht entfacht,
das Gott uns offenbarte.

Mein Bruder

Foto: privat ca. 1968
Du warst für ihn,
was ich nie werden sollte:
Sein Papa Kind.
Er blickte stolz auf dich.

Abneigung war es,
die stets in ihm grollte;
kein Fünkchen Liebe
hatte er für mich.

Wir wurden groß
im Chaos der Gefühle,
das lenkte uns
auf unbestimmte Bahn.

Wie ich noch heut
den Druck des Müssens fühle,
der mir durch Enge
meinen Atem nahm!

Du schafftest deine Lehrzeit,
was ihn freute;
ich meine nicht,
sie gab mir keinen Sinn.

Dann nahmst du Drogen,
was dich später reute,
„Good bye!“ – Abschied und aus -
der dunklen Zeit Beginn.

Verschwunden sind sie,
die vertrauten Stimmen,
der Oma, Mutter, Vater,
du, sein Kind.

In Tübingen, da lebst du -
letztes Glimmen,
vom denen, die nicht mehr
am Leben sind.

Wie gerne wärst du
damals deinem Sehnen
nach Wiedersehn gefolgt,
ein einziges Mal.

Die Drogen luden dir
den Fron mit harten Szenen,
auf Geist und Körper,
viele an der Zahl.

Bist innerlich nur noch
von Angst zerrissen;
bist nicht mehr der,
der du gewesen bist.

Mir bleibt im Hoffen
ein geheimes Wissen,
dass unser Wiedersehen
im neuen Frühling ist.

Morgenphantasie

von Friedrich von Schiller

Frisch atmet des Morgens lebendiger Hauch,
purpurisch zuckt durch düstre Tannenritzen
das junge Licht und äugelt aus dem Strauch,
in goldnen Flammen blitzen
der Berge Wolkenspitzen,
mit freudig melodisch gewirbeltem Lied
begrüßen erwachende Lerchen die Sonne,
die schon in lachender Wonne
jugendlich schön in Auroras Umarmungen glüht.

Sei, Licht, mir gesegnet!
Dein Strahlenguß regnet
erwärmend hernieder auf Anger und Au.
Wie silberfarb flittern
die Wiesen, wie zittern
tausend Sonnen im perlenden Tau!
In säuselnder Kühle
beginnen die Spiele
der jungen Natur,
die Zephire kosen
und schmeicheln um Rosen,
und Düfte beströmen die lachende Flur.

Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen,
laut wiehern und schnauben und knirschen und stampfen
die Rosse, die Farren,
die Wagen erknarren
ins ächzende Tal.
Die Waldungen leben
und Adler und Falken und Habichte schweben,
und wiegen die Flügel im blendenden Strahl.

Den Frieden zu finden,
wohin soll ich wenden
am elenden Stab?
Die lachende Erde
mit Jünglingsgebärde
für mich nur ein Grab!

Steig empor, o Morgenrot und röte
mit purpurnem Kusse Hain und Feld.
Säusle nieder, Abendrot und flöte
sanft in Schlummer die erstorbne Welt.
Morgen – ach! du rötest
eine Totenflur.
Ach! und du, o Abendrot, umflötest
meinen langen Schlummer nur.

Friedrich von Schiller (10. November 1759-09. Mai 1805)

Aus meinem autobiografischen Roman: https://www.gottes-bilderbuch.de/gedenken-an-friedrich-von-schiller-zum-todestag-am-09-mai-1805