Freundschaften, die gar keine sind, entlarvt man in Krisenzeiten. Plötzliche Klarheit! Man ist nicht mehr blind, wenn sie uns nicht mehr begleiten.
Was sich verband mit dem täglichen Tun war wie ein ‚Gebrauchsgegenstand‘. Jetzt, wo nicht mehr blieb, als lästiges Ruhen, hat man sich still abgewandt.
Das Telefon klingelt längst nicht mehr, die vertrauten Stimmen – verstummt. Meine Anrufliste gelöscht und leer; da ist auch kein Handy, das summt.
So einsam kann überhaupt niemand sein, denkt man und gibt sich die Schuld. Es geht sicher schlimmer, bin nur allein; mich drückt inn’re Ungeduld.
Das Sprechen verlernt man in ‚Einzelhaft‘, man IST nur noch über Gedanken. Erinnerungen, in denen keiner lacht; mein Leben geriet ins Wanken.
Da ist keine Hand, die mich sicher hält. Sie sind schon alle gegangen! Wo sind die Freunde in meiner Welt? Unlösbar mein Unterfangen.
Verlassen hat man schon lange den Bund, hat bessere Freunde gefunden. Mein blinder Fleck auf dem Erdenrund?! Freundschaft für Jahre, für Stunden?
„Freundschaften wachsen, wenn man sie pflegt.“ Hab ich ‚zu wenig gegossen‘? Traurig ‚Verbundenheit‘ abgelegt, das Schicksal hat’s so beschlossen.
Friedrich von Schiller: „Das Universum ist ein Gedanke Gottes. … Möglich, daß das ganze Gerüste meiner Schlüsse ein bestandloses Traumbild gewesen. Aber eine Wahrheit ist es, die gleich einer festen Achse, durch alle Religionen und alle Systeme geht! – Nähert Euch dem Gott, den ihr meinet!“
Hin und wieder geißl‘ ich mich und geh‘ hart mit mir ins Gericht und befrag‘ mich hochnotpeinlich, ob ich glaube oder nicht. Nur ein bißchen Folter und schon erpress‘ ich mir den Beweis, dass ich erstens gar nichts glaube und zweitens gar nichts weiß.
Ich glaub‘ nur, dass, wenn es ihn tatsächlich geben sollte, Er, was hier in seinem Namen abgeht, gar nicht wollte. Erstmal glaub‘ ich, dass die Weihwasserbeckenfrösche ihn stören und die viel zu großen Häuser, die angeblich ihm gehören. Glaubt ihr denn, er ist auf Lakaien und Grundbesitz erpicht? Ja-Sager und Immobilien? Ich glaube nicht!
Ich glaub‘ nicht, wenn es ihn wirklich gibt, dass er’s überaus liebt, dass sich jemand hartnäckig als sein Stellvertreter ausgibt und sich für unfehlbar hält. Ich glaub nicht, dass es ihm gefällt, dass man ihm krause Ansichten als ’sein Wille‘ unterstellt.
Ich verwette mein Gesäß: Brimborium und Geplänkel Mummenschanz und Rumgeprotze gehn ihm auf den Senkel. Dieses Ringeküssen, diese selbstgefäll’gen Frömmigkeiten, dies in seinem Namen Eselei’n und Torheiten verbreiten. Glaubt ihr, dass er will, dass irgendwer an seiner Stelle spricht? Irgend so ein kleines Licht? Ich glaube nicht!
Ich glaub‘ nicht, dass er in seiner Weisheit, seinem ew’gen Rat sowas Abartiges ausgeheckt hat, wie den Zöllibat. Denn sonst hätt‘ er sich zum Arterhalt was andres ausgedacht und uns nicht so fabelhafte Vorrichtungen angebracht. Welch ein Frevel, daran rumzupfuschen, zu beschneiden, zu verstümmeln! Statt sich dran zu erfreu’n, dran zu leiden.
Und wenn Pillermann und Muschi nicht in den Masterplan passen, glaubt ihr nicht, er hätt‘ sie schlicht und einfach weggelassen? Glaubst du Mensch, armsel’ger Stümper, du überheblicher Wicht, dass du daran rumschnippeln darfst? Ich glaube nicht!
Ich glaub‘ nicht, dass ihm der Höllenlärm etwas bedeutet, wenn man in die göttliche Ruhe hinein die Glocken läutet. Ich bin sicher, dass er es als schlimme Lästerung betrachtet, wenn man, um ihn zu bestechen, kleine Lämmerchen abschlachtet. Und er muss sich sofort übergeben, denkt er nur ans Schächten, oder an die schleim’gen Heuchler, an diese gottlosen Schlechten, die scheinheilig die Kinderlein zu sich kommen lassen und ihnen in die Hose fassen.
Ich glaub‘ nicht, dass er in euren pompösen Palästen thront. Ich glaub‘ eher, dass er beim geringsten meiner Brüder wohnt. Eher bei den Junkies, bei den Trebern im Park als in Rom, eher in den Slums, den Schlachthöfen, den Ghettos als im Dom. Im Parterre bei Oma Krause, in der Aldi-Filiale, eher auf dem Straßenstrich als in der Kathedrale, Wo Schiefköpfige, Händeknetende Schuldgefühle schüren, Eitel, selbstgerecht, als würden sie ihn an der Leine führen. Eher als in eurer düstren, modrig-lustfeindlichen Gruft, Sitzt er unter freiem Himmel in der lauen, klaren Luft, neben mir auf der Bank vor der Gartenlaube, bei einer Flasche Deidesheimer Herrgottsacker. Ja, ich glaube! Ja, ich glaube!
Des Gottes Bilderbuch ist aufgeblättert, es schlägt die Zeit für uns die Seiten um. Wer sagt, Gott bleibt auf unser Fragen stumm? Wer, der sein volles Lebensglas zerschmettert, eh er zu Ende trank, gibt Gott die Schuld? Wir strafen uns mit eigner Ungeduld. Wir lernen nichts als zählen und benennen, wir wollen wissen, aber nicht erkennen. Die Kraft der Deutung fehlt uns, weil wir blind und lieblos gegen uns und andre sind. Und Gottes Bilderbuch liegt aufgeschlagen vor aller Augen! Doch wir fragen – fragen!
Ich erinnere mich: Als ich 13 Jahre alt war, gab es in der Tageszeitung meiner Eltern samstags eine Rubrik, die nannte sich „Pfiffikus“. Ob es sie heute noch gibt, weiß ich nicht. Damals konnte man eine Schriftanalyse anfertigen lassen, durch die festgestellt wurde, welcher Beruf in Frage käme. Die Antwort auf meine Anfrage lautete: Bauer.
Mit dieser Aussage konnte ich mich identifizieren. Nichts war mir lieber, als die Erinnerungen an die Kindheitstage in der Rhön. Dorthin fuhr ich relativ häufig, erst mit meiner Mutter, später dann mit beiden Elternteilen.
Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen
Das Bauerndorf heißt „Habel“. Es war klein, hatte nur wenige Einwohner. Habel wurde damals Grenzort und lag nur 2 km von der Grenze entfernt. Meine Mutter musste aus dem Arbeitsdienst dorthin flüchten, als vor Kriegsende ‚der Feind‘ immer näher kam. In Habel wurde meine Mutter aufgenommen und bei einem Bauern untergebracht.
Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen
Als ich klein war, lebten dort Kinder im gleichen Alter. Ich durfte später bei dieser Familie wohnen. Mit den Mädchen bin ich an die Zonengrenze gegangen und verstand damals das warnende Stoppschild nicht. Es war uns verboten, dorthin zu gehen.
Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen
Am liebsten verbrachte ich den Tag in den Ställen. Jeder Bauer hatte Schweine, Kühe und Hühner. Es machte mir nichts aus, früh aufzustehen, um die Kühe auf die Weide zu treiben. Das war um fünf Uhr. Auch heute bin ich Frühaufsteher. Danach halfen wir auf dem Feld oder in der Küche. Einmal im Monat wurde im Dorf-Backhaus Brot gebacken, das herrlich schmeckte: große runde Laibe mit Sauerteig und Gewürzen. Darauf leckere Marmelade aus Himbeeren. Das ist ein Geschmack aus der Kindheit, den ich in meinen Gedanken eingefangen habe. Hier in NRW gibt es solch ein Brot nicht. Aber hin und wieder bestelle ich es mir online.
Foto: Friedrich Köhler – Aus Familienbeständen
In den letzten Tagen fand ich im Internet einen Persönlichkeitstest, der angeblich anzeigte, welchem Beruf man in einem längst vergangenen Leben nachgegangen sein soll. Wieder war das Resultat: Bauer im 30jährigen Krieg.
Schon seltsam, wie mich das verfolgt. Vielleicht im nächsten Leben?
Foto: Almuth Köhler, Mein Vater backte die leckersten Torten
Familie, in die hineingeboren, ich mich wie ausgeliefert sah. Als Baby, neu und unverdorben, nahm ich den Vater ‚böse‘ wahr.
Sein Schreien, aggressiv im Tone, sein Schlagen, wenn ein Wort nicht passte, bis ich dem Männerbild zum Hohne ein Vater-Abziehbild verpasste.
Ich musste ‚Bitte, Bitte‘ machen, wenn Vater was gewähren sollte. Ins Wohnzimmer geschlichen bin ich, damit der Vater mir nicht grollte.
Foto: Almuth Köhler – Aus Familienbeständen
Und meine Mutter stand ganz stumm, wenn voller Furcht die Tränen rannen. Was Vater tat, schien ihr nicht dumm, ich sollte Folgsamkeit erlangen.
Und jede Träne war sein Ziel, er hasste meine jungen Schwächen. Für ihn war es ein ‚schwarzes‘ Spiel, mich bei Missfallen zu verdreschen.
Foto: Almuth Köhler – Aus Familienbeständen
Ich liebte ihn, trotz alledem. Er war mein ‚böser Friederich‘*. Erst spät im Alter konnt‘ ich sehn, weshalb am Leben man zerbricht.
So lieblos, wie man ihn erzog, gab er‘s cholerisch mir zurück. Dass man mit falschen Werten wog, ist der Gewissheit schweres Stück.
*aus dem „Struwwelpeter“
Anmerkung: Mein Vater wurde mit 15 Jahren zum Militär einberufen. Sämtliche Kameraden sind damals in Stalingrad gefallen. Er war zwei Jahre in französischer Kriegsgefangenschaft. Solch eine Erfahrung bleibt nicht ohne Folgen.
Es ist der Glaube keine Blüte, die dir ein andrer reichen kann.
Und wär sie lauter wie des Spenders Güte und rein und unberührt, auch dann wird sie bei dir das kurze Dasein fristen, das eine Blume lebt im Wasserglas.
Der Glaube ist ein Baum, in dem die Vögel nisten, und mächtig liegt sein Schatten auf dem schwanken Gras.
Greif‘ nicht nach fremder Bäume Blüten, den eignen zarten Glaubenskeim nimm wahr und zieh ihn auf und such zu hüten ihn vor des Zweifels Frostgefahr.
Dass einst der Baum hoch in die Lüfte trage sein Haupt und dir’s mit Blüten lohne, und dass sein Stamm, den Stürmen trotzend, rage und seine Arme schirmend breite in der Krone.
Über die Schultern der Natur schmiegen sich seidige Lüfte. Blüten entlang der Frühlingsspur beherrschen die lockenden Düfte.
Tulpenspitzen, verborgen im Grün, wachsen und warten auf Sonne. Öffnen die Krokusse in der Früh, hinwendungsvoll, voller Wonne.
Rotkehlchen hinter Heckengesträuch zwitschern die ersten Weisen. In jedem Baum ein reges Geräusch, es singen die Lauten und Leisen.
Die Meisen fliegen in Scharen umher, erfreun sich am Nestbau im Grünen. Manch‘ Zweiglein und vieles mehr muss bald den Brütenden dienen.
Neue Brut schlüpft und wächst heran; die Raben wollen sie holen. Bei deren Suche wird sicher dann, mancher Nestling gestohlen.
Wie bei Bäumen die Blüten verwehen, zu tausenden fruchtlos verderben, wird manches frühe Leben vergehn und zum Nutzen anderer sterben.
Erwachtes Leben hilft uns verstehen, das ständige Aufwärtsstreben. Ein Werden, Blühen und Vergehen, wie des Frühlings ewiges Geben.
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