Totengräber

Schlosstor – Ferdinand Knab (1837-1902)
Als würd zur Ruh getragen,
verblichene, tote Last,
liegt Welt in Tageskühle,
von Dunkelheit umfasst.

Vorüber ziehn die Träger
im Wind und Staub dahin,
fast unsichtbar die Schritte
und langsam zu Beginn.

Herbst wirbelt durch die Reihen
am Ort gekreuzter Hände,
Laub raschelt welk und leise -
einsam das Grabgelände.

Die greisen Blätter sinken,
es wehen kalte Tropfen,
die, so wie Tränen weinen,
mit monotonem Klopfen.

Gesichtslos die Gestalten,
die weißen, marmorbleichen,
die fern am Horizont,
wie wartend, Geistern gleichen.

Die Schnee und Kälte bringen
und Winters Sterben breiten;
sie warten auf den Herbst -
des Totengräbers Zeiten.

Drahtseilakt

Seiltanz – Karl Wilhelm Diefenbach (1851-1913)
Ihr, die ihr noch im Geiste um mich seid,
so nah und doch so fern, nur in Gedanken,
als stumme Zeugen der Vergangenheit,
ihr seid wie Wurzeln unlösbarer Ranken.

Gabt körperlich bedingten Sinn im Sein,
um mich Gefahr in einem Hauch von Zeit,
doch ohne euch da schwebte ich als Schein,
so wie ein Stäubchen, welches ziellos treibt.

Ihr ward gewordenes Ziel, von Gott bestimmt,
und ich vom Geist des Lebens wachgeküsst;
der Heimat fortgerissen, war ich Kind,
platziert im Körper eines menschlichen Gerüsts.

Im Lebensauftrag inkarniert und ohne Sinn,
tanzte ich schwebend meinen Drahtseilakt,
unter mir, freier Fall mit stetem Wind,
der an mir zerrte und vertrieb die Kraft.

So balancierte ich, verlor das Gleichgewicht,
wohl aufgefangen, ging ich durch ein Tor,
dahinter trat der Wahrheit helles Licht,
wie eine Botschaft und Mission hervor.

Berufung ist des Daseins Sinn und Ziel,
dem Geist zu dienen, der uns schuf,
als Hilfe da zu sein, für den der fiel,
die Seele öffnen, wenn Er in uns ruft.

Herbst

von Rainer Maria Rilke

Hans Andersen Brendekilde 1857-1942

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Aus: Das Buch der Bilder 1906, Axel Junker Verlag

Rainer Maria Rilke 1875-1926

Freiheit, die ich meine

Wandskulptur von Matteo Pugliese *1969

Max von Schenkendorf (1783–1817) hinterließ uns seine Dichtung „Freiheit, die ich meine“, die nach der Vertonung mit Melodie von Karl August Groos zu einem der bekanntesten Volkslieder hierzulande gehört.

Das zur Zeit des Biedermeier entstandene Lied wurde zunächst vor allem idealistisch-innerlich verstanden und später den „Vaterlands-, Helden-, Kriegs- und Siegesliedern“ zugeordnet.

1. Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt, komm’ mit deinem Scheine,
süßes Engelbild.  

2. Magst du nie dich zeigen der bedrängten Welt? Führest deinen Reigen nur am Sternenzelt?  

3. Auch bei grünen Bäumen in dem lust’gen Wald, unter Blüthenträumen, ist dein Aufenthalt.  

4. Ach! das ist ein Leben, wenn es weht und klingt, wenn dein stilles Weben wonnig uns durchdringt.  

5. Wenn die Blätter rauschen süßen Freundesgruß, wenn wir Blicke tauschen, Liebeswort und Kuß.
6. Aber immer weiter nimmt das Herz den Lauf, auf der Himmelsleiter steigt die Sehnsucht auf.  

7. Aus den stillen Kreisen kommt mein Hirtenkind, will der Welt beweisen, was es denkt und minnt.  

8. Blüht ihm doch ein Garten, reift ihm doch ein Feld auch in jener harten Stein erbauten Welt.  

9. Wo sich Gottes Flamme in ein Herz gesenkt, das am alten Stamme treu und liebend hängt;  

10. Wo sich Männer finden, die für Ehr und Recht muthig sich verbinden, weilt ein frei Geschlecht.
11. Hinter dunkeln Wällen, hinter ehrnem Thor, kann das Herz noch schwellen zu dem Licht empor.  

12. Für die Kirchenhallen, für der Väter Gruft, für die Liebsten fallen, wenn die Freiheit ruft.  

13. Das ist rechtes Glühen frisch und rosenroth: Heldenwangen blühen schöner auf im Tod.  

14. Wollest auf uns lenken Gottes Lieb und Lust. Wollest gern dich senken in die deutsche Brust.  

15. Freiheit, holdes Wesen, gläubig, kühn und zart, hast ja lang erlesen dir die deutsche Art.
Stahlstich – Max von Schenkendorf (1783-1817)

Freiheitliches Denken und Handeln umfasst nicht nur die eigene Freiheit, sondern auch die der anderen. Das sollten wir nie außer Acht lassen! Wir sollten immer dazu bereit sein, sie gegenseitig zu verteidigen und zu schützen.

Tiefe erkennen

Quelle: Pinterest
Leben erhalten, nicht morden in Kriegen,
den Anderen achtend, im Höheren siegen.

Das gütige Innen im Äußeren tragen,
nicht an bitteren Worten andrer verzagen.

Hass und Gewalt, die selbstmordend binden,
um rückstrahlend stets sich selber zu finden,

begegnen, mit Abwehr aus friedlicher Mitte;
das Gute erstreiten, trotz schmerzender Schritte.

Pazifist sein - auch in blutigen Zeiten,
selbst Kämpfen Ausdruck von Frieden bereiten.

Trotz Opfer gerecht sein, das Böse wandeln,
in dunkelsten Stunden mit Liebe handeln.

Taten begehen, oft grausam und schlecht,
Menschen, getrieben von dämonischem Recht.

Für dreißig Silberlinge verraten,
wurde Jesus damals im biblischen Garten.

Des Verratenen Tod, war der Welt ein Gewinn -
das Kreuz seines Schicksals geplant zu Beginn?

War Judas Verrat geplant höheres Ziel,
oder band ihn nur ein dämonisches Spiel?

Aussichtslos scheint manches Handeln und Sinn -
was das Ende des Einen, ist des Neuen Beginn;

wenn der Brandung des Kampfes Welle bricht,
hört man’s rauschen, die Tiefe erkennt man nicht.

Herbstlich gestimmt

von Otto Daschowski

Hans Andersen Brendekilde (1857–1942)

Man schmeckt den Herbst,
er schmeckt nach Haselnüssen,
nach Pflaumenkuchen und nach Apfelküssen,
nach Butterbirnen und Erinnerungen,
den – selbst im Alter unzerstörbar jungen.

Man riecht den Herbst,
er riecht nach letzten Rosen,
nach bunten Astern und nach Herbstzeitlosen,
nach Rauch und Feuer auf Kartoffelfeldern,
nach Pilzen, selbst gesucht in Heimatwäldern.

Man sieht den Herbst,
er prangt in allen Tönen
und will mit Früchten Mensch und Tier verwöhnen,
man hört sein Lied und spürt die festen Bande,
die man als Kind geknüpft zum Heimatlande.

Leider konnte ich nichts über Otto Daschowski, dem Dichter dieser schönen herbstlichen Verse erfahren. Ich veröffentliche sie hier ein weiteres Mal, und ich hoffe, dass niemand Einwände dagegen hat.

Schwebend

Quelle: Pinterest
Des Nachts ging ich spazieren,
vorbei an Feld und Flur;
im geistigen Flanieren
verliert sich meine Spur.

Hob ab vom harten Boden,
schwebte die Straßen lang,
bis körperschwere Sorgen
entschwanden meinem Gang.

Wie trunken war mein Wandeln,
ganz ohne Schmerz und frei,
so, dass mein Trieb und Handeln
der Weg zur Wahrheit sei.

Unendlich schien mein Sehen,
im schrankenlosen Viel;
so klar war das Verstehen,
als ob‘s vom Himmel fiel.

Ganz leer, doch voller Habe,
die körperlos mein Eigen,
trug meine Geistesgabe
mich hin, im ew’gen Reigen.

Die Endlichkeit des Schwebens
als Lebenstraum begrüßen,
durch tausend neue Leben
das Ziel erkennen müssen.

Entrückt

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Wenn ich genieße der Erinnerung kleines Glück,
in einem Leben, das ich heut‘ nicht wiederfinde,
leb ich im Traum, der Gegenwart entrückt,
so dass der Weg zurück sich nur im Müssen gründet.

Werd‘ immer in die Zeit zurückgezogen,
so wie am Gummiband gerissen, hin und her,
und bin ich erst der Schattenwelt entflogen,
zieht’s mich zurück – bald ohne Wiederkehr.

Dann BIN ICH, nur im großen Schweigen,
um mich herum, nur Sonne, Wind und Regen;
das ALL um mich, wo alle Sterne steigen
und paradiesisch blüht ein neues Leben.

Blick nach Ostpreußen

Flucht aus Ostpreußen 1914 – Gemälde von Claus Bergen (1885-1964)

Der Süden hat mich nie gelockt,
wo Leichtes schwebt in sonnigen Gefilden,
blieb Sinn und Denken mir verstockt;
Verbundenheit ließ sich nicht bilden.

Der Osten trägt Melancholie,
umhüllt die längst verklärte Fährte.
Die ferne Zeit zeigt irgendwie
Natur, die so ersehnenswerte.

Die schwere Schlichtheit dieses Lebens,
so Gott gegeben, urvertraut,
ein fein Gespinst wie Leingewebe,
das kratzt und schmerzt auf bloßer Haut.

Blutig die Knie, die Hände rau,
erschuf man sich sein täglich Brot.
Brachte den Bauersleuten auch
die schwere Arbeit frühen Tod.

Entbehrung hieß die Einfachheit,
gesegnet war des Tages Lauf.
Die Sehnsucht kannte keine Zeit,
man sah getrost zum Himmel auf.

Morbides trieb die Politik,
nahm Mensch und Sprache mit sich fort.
So flüchtig war der Traum von Glück,
vergessen altes Land und Ort.

Was blieb ist die Melancholie,
die Traurigkeit der Ahnen.
Selbst wenn ich lache, spür ich es,
ihr gegenwärt’ges Mahnen.