Frühlingseinzug

Hans Andersen Brendekilde 1857-1942

Die Luft ist lau, die Winde lind.
Die Vögel ziehen Kreise.

Die Sonne steigt schon früh;
geschwind weckt sie die Welt, ganz leise.

Der Baum wiegt langsam hin und her
im stillen Morgentanze.

Deckt seine Kahlheit mit dem Kleid
aus Sonnenstrahlenglanze.

Die Vogelwelt stimmt an ihr Lied –
noch zaghaft hat’s geklungen.

Dann kam der Frühling über Nacht,
hat kräftig mitgesungen.

Er streute frisches Grün aufs Land,
lässt alles blüh‘n und sprießen.

Nun kann sich Lebenslust und Sinn
in Winterherzen gießen.

Schmerz

Es schmerzt so sehr:
Ich lese deinen Namen!
Er streut mir Salz
in meine offnen Herzenswunden.
Aus meinem Leben längst
verschwunden, bist du…
und immer noch kein „Amen“.
 
Weiß nicht was wird.
Hab’ keine Ziele mehr und kein Warum!
Ich sah im Traum dich gehen…
abgewandt und stumm,
und neben mich trat ein
Kapuzenmann in schwarzem Lein’.
Seitdem du gingst, steh’ ich mit ihm allein.
Der Tod ist gnädig, trotzdem fürcht’ ich ihn.
Er ist so kalt und fordert tausend Tränen.
Die Einsamkeit quält mich mit wehem Sehnen,
und Finsternis liegt mir auf Leib und Sinn.
 
Weiß nicht was wird.
Hab’ keine Träume mehr und kein Wofür.
Nicht ein Mal schautest du dich um nach mir,
nicht ein Gedanke mehr für mich…kein Wort!
 
Weiß nicht warum…
Du gingst ganz einfach fort.

Still sein soll mein Herz

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Still sein soll mein Herz –
 kann im tiefen Schmerz
 keine schwere Last mehr tragen,
 will verzagen an der Welt,
 an den vielen bangen Fragen,
 die uns unsre Liebe stellt.
 Oft trifft die Erkenntnis bitter
 in den weichen Seelenkern,
 und der letzte Hoffnungsstern
 glänzt mir trübe durch die Gitter.
 „Einzelhaft – ein Leben lang!“,
 hör ich meine Seele klagen.
 Werde niemals mehr befreit,
 will und kann es nicht ertragen!
 Wenn der Kerkertüre Schluss,
 sich vollzieht durch deine Hände,
 fällt des Schattenbildes Guss
 hier an die Gefängniswände,
 und dein Bildnis schwebt im Raum,
 um schnell wieder zu verblassen.
 „Irgendwann muss ich dich lassen!“,
 flüstert es mir leis‘ im Traum.
 Kann das Schicksal nicht verstehen –
 es erscheint mir wie ein Hohn!
 Bleibt mein Wunschbild – Illusion?
 Und beim traurigen Erwachen,
 höre ich das Schicksal lachen:
 Es trägt Deiner Stimme Ton!
 

Abstand

Johann Heinrich Vogeler 1872-1942

Wie ein Dolchstoß traf mich dieses Wort,
wie ein Pfeil durchdrang es Mark und Bein.
Aus, vorbei! – Ein kurzer Schlussakkord,
klang mir warnend tief ins Herz hinein.
 
Wo vor nicht allzu langer Zeit
Nähe und Verbundenheit bestand,
löst nun dieses messerscharfe Wort
für ewig unser ‚untrennbares‘ Band.
 
Nichts blieb mir, nur Leere, Illusion.
Abstand halten, wird zur Zukunftspflicht.
Trifft mich doch dein harter Liebeslohn
wie ein Faustschlag mitten ins Gesicht.
 
 Deiner Liebe hab‘ ich blind vertraut,
doch sie war ein langes Trauerspiel.
Wo normal sie Zukunftsschlösser baut,
hattest du nicht einen Stein, – kein Ziel.
 
 Alles nahmst du mir, nichts bleibt zurück.
Scherben kann man kleben, Herzen nie!
Kreuzt sich dennoch unser Weg ein Stück,
werd‘ ich Abstand halten…irgendwie.

Gewissheit

Es wird noch lang so bleiben,
und ich fürchte mich:
Nur eisiges Schweigen
zwischen den Wänden –
und ich!
 
Da ist kein ‚Wir’,
das sich im ‚Uns’
verschließt – kein ‚Du’.
Kein Vogel singt
ein Lied für
‚unsren’ Tag!
 
Mit Sonnenhänden
hast du mich berührt,
und Hoffnung in den
Garten meiner Seligkeit
gepflanzt.
 
Doch ewig bist du fern,
und wo die andern Pärchen
liebend beieinander sitzen,
da ist kein Platz für uns.
 
Du sitzt mit andern –
nicht mit mir!
 
Dort, wo die Hoffnung
in mir wuchs,
blüht einzig wehes Bangen,
denn deine Sonnenhand,
sie brannte mir
Entsagen in das Herz.
 
Die Tage ohne dich
sind dunkel mir und kalt,
und alle Wege, die ich jemals
ging mit dir,
sie liegen traurig, tot im
Schatten unsrer Liebe.
 
Bitte, komm bald!

Der Raum

Der Raum riecht noch nach dir
und wenn ich meine Augen schließe, bist du hier.
Ich fühle deinen Atem noch an meiner Wange,
und deine starke Hand hält mich noch lange,
auch wenn es nicht in Wirklichkeit geschieht.
du bist noch hier, doch deine Schwingung flieht,
und schon nach kurzer Zeit geht sie dahin,
doch bleibst du tief in Seele mir und Sinn.
Das Schicksal hat uns für die Ewigkeit verwoben,
es scheint, als hätten Engel uns ins Licht gehoben.
Ein Teil von mir bist du, das ich nicht missen will,
an deinem Herzen werd ich ruhig und still.
So gern würd‘ ich die Zukunft für dich sein,
denn nur ein Tag mit dir fängt mir die Sonne ein.
 

Meinem Sohn

Zu Gott-Engel mit Kind – W. von Kaulbach 1805-1874

Wie gerne würd’ ich dich beschützen,
dich weiter tragen durch dein Leben,
doch würde es dir wirklich nützen,
könnt’ ich dir ständig Hilfe geben?

Du drehtest aufstieglos im Kreise,
weil du nicht wächst und nicht veränderst,
und deine wohl bequemen Gleise
nicht in die richt’ge Richtung wendest.

Kein Ehrgeiz drängt dich, keine Kraft,
die dir die Stärke gibt zum Handeln;
doch nur dein eigner Wille schafft
den Aufstieg, wird dein Schicksal wandeln.

Ich wünsch’ dir Glück und Gottes Segen,
für alle Schritte, die du gehst.
Fang’ endlich an zu überlegen,
wie du dein eig’nes Leben lebst!

Schatten der Vergangenheit

Ich fühle die Gestalten
im Dämmerschatten stehen,
sind unsichtbar verknüpft
mit meinem Zeitgeschehen,
wollen hilflos mich umklammern,
flehend und unerkannt,
herüber kommt ihr Jammern
aus fernem Anderland.
Möcht’ ich mich auch entziehen,
in wilder, langer Flucht,
so kann ich nicht entfliehen,
wenn man mich bittend sucht.
Schau mutig ich hinüber,
mit ungetrübtem Blick,
bringt dieses Schau’n doch wieder
Erinnerung zurück.
Sind’s dunkle Lebensflecken,
die dort im Nebel stehen,
die mir aus finster’n Ecken
tief ins Bewusstsein gehen?
Die vielen off’nen Wunden –
sie heilen wird die Zeit –
sind noch nicht ganz verwunden,
obwohl Vergangenheit.
 

Trübsinn und Zweifel

Baron Frederic Leigthon 1830-1896 – Solitude

Wann wird es sich ändern,
das unstete Treiben,
das Sitzen und Warten –
so kann es nicht bleiben;
nur Trübsinn und Sehnen
nach besseren Zeiten,
wie lästige Fliegen,
die mich begleiten;
wohin ich mich wende,
nur kreisende Stille,
ein Vakuum,
luftleeres Zeugnis
der Fülle;
es ist wie es ist,
nichts bringt es zum Ende;
es gähnt mir entgegen
die Kahlheit der Wände
und treibt mir das Grausen
in meine Gedanken:
Die Taten so gräulich,
wer bringt mich zum Wanken?
Wer trübt mir im Innern
mein blankes Vertrauen?
Auf welchen Menschen
kann ich noch bauen?
Wo blieb meine Zuversicht
und meine Stärke?
Welch‘ Dramaturg spinnt hier finstere Werke?
Oh Gott,
füll’ mich mit christlichem Licht
und nehm‘ mir die Kälte aus
Geist und Gesicht,
möcht‘ wieder fühlen die Wärme und Kraft,
erleuchte mit Liebe mein Dunkel der Nacht.