Der Herbst

Hans Andersen Brendekilde (1857-1942)

Jetzt ist es Herbst,
Die Welt ward weit,
Die Berge öffnen ihre Arme
Und reichen dir Unendlichkeit.
Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub,
Die Bäume sehen in den Staub,
Sie lauschen auf den Schritt der Zeit.

Jetzt ist es Herbst,
das Herz ward weit.
Das Herz, das viel gewandert ist,
Das sich verjüngt mit Lust und List,
Das Herz muss gleich den Bäumen lauschen
Und Blicke mit dem Staube tauschen.
Es hat geküsst, ahnt seine Frist,
Das Laub fällt hin, das Herz vergisst.

Max Dauthendey
(1867 – 1918)

David gegen Goliath

Maximilian Pirner (1854-1924) – Der Tod

So stark fühlt sich doch mancher Held,
dem Schicksal überlegen.
Er raubt den ander‘n Gut und Geld,
stemmt seine Macht dagegen.

Er meuchelt Mensch, schlachtet das Tier;
hat Blut an seinen Händen.
Er bläht sich auf, lügt dort und hier,
die Ich-Sucht will nicht enden.

Doch ist der Gegner winzig klein,
und schwerlich auszumachen,
bekämpft die Wissenschaft allein
die unsichtbaren Sachen.

Die sind viel stärker als gedacht,
schlagen die Weltverbände.
Die Weltbeherrscher, die gelacht,
sind ahnungslos am Ende.

Es beugt sich Mensch, im Demutsgang,
so sonderbar verbunden;
Reichtum und Macht sind hier vertan,
gelähmt die Wirtschaftsstunden.

Der Untergang der Welt scheint nah;
die Lügner stehn und schreien.
Die Gräber sind schon offenbar –
wer kann sich das verzeihen?!

Es stirbt doch nur das alte Volk,
seht nur, der Tod, er wartet.
Er fordert Leben, seinen Sold
und pflügt den Wohlstandsgarten.

Niemand kann fliehen, dem entgehen,
keiner ist auserkoren.
Wen hat das Schicksal vorgesehen?
Der Held hat längst verloren!

Kleine Stadt am Sonntagmorgen

Bild von Peggy Choucair auf Pixabay

Das Wetter ist recht gut geraten.
Der Kirchturm träumt vom lieben Gott.
Die Stadt riecht ganz und gar nach Braten
und auch ein bisschen nach Kompott.

Am Sonntag darf man lange schlafen.
Die Gassen sind so gut wie leer.
Zwei alte Tanten, die sich trafen,
bestreiten rüstig den Verkehr.

Sie führen wieder mal die alten
Gespräche, denn das hält gesund.
Die Fenster gähnen sanft und halten
sich die Gardinen vor den Mund.

Der neue Herr Provisor lauert
auf sein gestärktes Oberhemd.
Er flucht, weil es so lange dauert.
Man merkt daran: Er ist hier fremd.

Er will den Gottesdienst besuchen,
denn das erheischt die Tradition.
Die Stadt ist klein. Man soll nicht fluchen,
Pauline bringt das Hemd ja schon!

Die Stunden machen kleine Schritte
und heben ihre Füße kaum.
Die Langeweile macht Visite.
Die Tanten flüstern über Dritte.
Und drüben, auf des Marktes Mitte,
schnarcht leise der Kastanienbaum.

Erich Kästner (1899-1974)

Trugschluss

John William Waterhouse  1849-1917

Manche Träume, die träumt man allein,
des Abends bei flackernden Kerzen,
manch eine Treue ist leider nur Schein,
die Wahrheit erkennt man mit Schmerzen.
 
Manch einen Wandel durchlebet die Zeit,
was gestern geglänzt, steht durchrostet.
Schnell friert die Liebe im eisigen Kleid,
Wärme von einst ist durchfrostet.
 
Vermeintliches Gold wird zum wertlosen Tand,
blättert ab von brillanter Attrappe.
Nimmt dem Edlen das Feine, die entblößende Hand,
wird das Hartgold zur biegsamen Pappe!
 
Manch eine Liebe ist Alltag und Pflicht,
manch eine bringt Wachstum und Segen.
Gefühl und Vertrauen, wenn beides bricht,
sinkt die Sonne im Schatten des Regens.

Stille

Dort, wo die Stille durch die Bäume sinkt
und friedvoll mit dem Dunst zu Boden schwebt,
dort, wo des Vogels Lied so traurig klingt,
dort sende ich dir Grüße im Gebet.
 
Dort, wo auf Gräbern, die vergessen liegen,
Unkräuter blühen, statt der Blumen Zier,
dort, wo die Zweige, die im Wind sich wiegen,
ganz leise flüstern zu den Mauern hier.
 
Dort, wo die Marmorsteine kraftvoll glänzen,
neben den namenlosen, alt und unerkannt,
wo Todesengel wachend bei den Kränzen
irrende Seelen führen in das Anderland.
 
Dort, wo der Tränen Fluss die Erde nährt
und auch der Himmel Trauertränen weint,
dort wird die Seele, die gen Himmel fährt,
still mit der Gottes-Ewigkeit vereint.
 

Der Dom

(1831)

Caspar David Friedrich (1774-1840) – Der Träumer

Ich lieb dich nicht,
der frühe Traum zerrann
durch Qual und Leidenschaft.
Doch ist dein Bild im Seelenraum lebendig noch,
doch ohne Kraft.

Längst andern Träumen folg’ ich schon.
Vergessen dich, hab’s nicht vermocht. –
Ein Dom verlassen – bleibt ein Dom,
ein Götze, der gestürzt, bleibt Gott.

andere Übersetzung aus dem Russischen von Hans Baumann:

Wir trennten uns. Dein Bild blieb klar
und unversehrt in mir zurück.
Umglänzt von dem, was einmal war,
erhellt es mir das Herz und Glück.

Viel reißt der Leidenschaften Strom
dahin. Dein Bild hat er verschont.
Der Dom, verlassen, ist noch Dom,
Der Gott noch Gott, wenn auch entthront.

Maler unbekannt

Michail Jurjewitsch Lermontow (1814-1841)

Kerzen

Kerzen, sie streuen
mit flackerndem Scheine
nächtliche Schatten im Tanze,
breiten es aus, ihr Licht, das reine,
himmliche Aura im Kranze.

Feuer strahlt milde,
ein rotgold’nes Glühen,
umzüngelt begierig den Docht,
entrinnt wie ein festliches Feuersprühen,
dem Herzen aus Wachs, das nicht pocht.

Jean Baptiste Santerre (1651-1717)

Der schöne Sommer

Otto Pippel (1868-1960)

Der schöne Sommer ging von hinnen,
der Herbst, der reiche, zog ins Land.
Nun weben all die guten Spinnen
so manches feine Festgewand.

Sie weben zu des Tages Feier
mit kunstgeübtem Hinterbein
ganz allerliebste Elfenschleier
als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.

Ja, tausend Silberfäden geben
dem Winde sie zum leichten Spiel,
die ziehen sanft dahin und schweben
ans unbewusst bestimmte Ziel.

Wilhelm Busch (1832-1908)