Jetzt ist es Herbst, Die Welt ward weit, Die Berge öffnen ihre Arme Und reichen dir Unendlichkeit. Kein Wunsch, kein Wuchs ist mehr im Laub, Die Bäume sehen in den Staub, Sie lauschen auf den Schritt der Zeit.
Jetzt ist es Herbst, das Herz ward weit. Das Herz, das viel gewandert ist, Das sich verjüngt mit Lust und List, Das Herz muss gleich den Bäumen lauschen Und Blicke mit dem Staube tauschen. Es hat geküsst, ahnt seine Frist, Das Laub fällt hin, das Herz vergisst.
Es liegt ein silbergraues Gleiten, ein altes Fließen trüber Kraft, über den flussbegrenzten Weiten, der Ozeane Lebenskraft; als wollt’ er hundert Meere füllen, wälzt er durch tiefes Bett die Fluten. Wird die Natur die Kräfte stillen, wird sie sich Weg zu neuen Ufern suchen?
Das Wetter ist recht gut geraten. Der Kirchturm träumt vom lieben Gott. Die Stadt riecht ganz und gar nach Braten und auch ein bisschen nach Kompott.
Am Sonntag darf man lange schlafen. Die Gassen sind so gut wie leer. Zwei alte Tanten, die sich trafen, bestreiten rüstig den Verkehr.
Sie führen wieder mal die alten Gespräche, denn das hält gesund. Die Fenster gähnen sanft und halten sich die Gardinen vor den Mund.
Der neue Herr Provisor lauert auf sein gestärktes Oberhemd. Er flucht, weil es so lange dauert. Man merkt daran: Er ist hier fremd.
Er will den Gottesdienst besuchen, denn das erheischt die Tradition. Die Stadt ist klein. Man soll nicht fluchen, Pauline bringt das Hemd ja schon!
Die Stunden machen kleine Schritte und heben ihre Füße kaum. Die Langeweile macht Visite. Die Tanten flüstern über Dritte. Und drüben, auf des Marktes Mitte, schnarcht leise der Kastanienbaum.
Manche Träume, die träumt man allein, des Abends bei flackernden Kerzen, manch eine Treue ist leider nur Schein, die Wahrheit erkennt man mit Schmerzen.
Manch einen Wandel durchlebet die Zeit, was gestern geglänzt, steht durchrostet. Schnell friert die Liebe im eisigen Kleid, Wärme von einst ist durchfrostet.
Vermeintliches Gold wird zum wertlosen Tand, blättert ab von brillanter Attrappe. Nimmt dem Edlen das Feine, die entblößende Hand, wird das Hartgold zur biegsamen Pappe!
Manch eine Liebe ist Alltag und Pflicht, manch eine bringt Wachstum und Segen. Gefühl und Vertrauen, wenn beides bricht, sinkt die Sonne im Schatten des Regens.
Dort, wo die Stille durch die Bäume sinkt und friedvoll mit dem Dunst zu Boden schwebt, dort, wo des Vogels Lied so traurig klingt, dort sende ich dir Grüße im Gebet.
Dort, wo auf Gräbern, die vergessen liegen, Unkräuter blühen, statt der Blumen Zier, dort, wo die Zweige, die im Wind sich wiegen, ganz leise flüstern zu den Mauern hier.
Dort, wo die Marmorsteine kraftvoll glänzen, neben den namenlosen, alt und unerkannt, wo Todesengel wachend bei den Kränzen irrende Seelen führen in das Anderland.
Dort, wo der Tränen Fluss die Erde nährt und auch der Himmel Trauertränen weint, dort wird die Seele, die gen Himmel fährt, still mit der Gottes-Ewigkeit vereint.
Ich lieb dich nicht, der frühe Traum zerrann durch Qual und Leidenschaft. Doch ist dein Bild im Seelenraum lebendig noch, doch ohne Kraft.
Längst andern Träumen folg’ ich schon. Vergessen dich, hab’s nicht vermocht. – Ein Dom verlassen – bleibt ein Dom, ein Götze, der gestürzt, bleibt Gott.
andere Übersetzung aus dem Russischen von Hans Baumann:
Wir trennten uns. Dein Bild blieb klar und unversehrt in mir zurück. Umglänzt von dem, was einmal war, erhellt es mir das Herz und Glück.
Viel reißt der Leidenschaften Strom dahin. Dein Bild hat er verschont. Der Dom, verlassen, ist noch Dom, Der Gott noch Gott, wenn auch entthront.
Kerzen, sie streuen mit flackerndem Scheine nächtliche Schatten im Tanze, breiten es aus, ihr Licht, das reine, himmliche Aura im Kranze.
Feuer strahlt milde, ein rotgold’nes Glühen, umzüngelt begierig den Docht, entrinnt wie ein festliches Feuersprühen, dem Herzen aus Wachs, das nicht pocht.
Der schöne Sommer ging von hinnen, der Herbst, der reiche, zog ins Land. Nun weben all die guten Spinnen so manches feine Festgewand.
Sie weben zu des Tages Feier mit kunstgeübtem Hinterbein ganz allerliebste Elfenschleier als Schmuck für Wiese, Flur und Hain.
Ja, tausend Silberfäden geben dem Winde sie zum leichten Spiel, die ziehen sanft dahin und schweben ans unbewusst bestimmte Ziel.
Wilhelm Busch (1832-1908)
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