Vincent Willem van Gogh (1853-1890) – Krähen über Weizenfelder
Das Zwitschern in den Zweigen ist verstummt, die Krähen kreisen schreiend übers Feld, als in der Frühe unkenntlich vermummt, der Herbst gekrochen in die Sommerwelt.
Vorboten stehn schon lange stumm bereit; bald fahren Schnitter übers weite Land, sammeln die reifen Ähren dieser Zeit, lösen der Sonne heißes Zeitenband.
Kurz scheint der Sommer, regennass und kühl, die Leichtigkeit des Seins, sie geht dahin. Herbstliches Licht nimmt manches Hochgefühl, bald wird aus Sommerende Herbstbeginn.
Gemäldeausschnitt: Maria Knotenlöserin Johann Georg Melchior Schmidtner (1625-1705)
Gefühlte Freiheit ist des Menschen Flucht aus Alltag, Dasein fristend in den Räumen. Im Außen er nach Licht und Sonne sucht, sein Geist sucht Wirklichkeit in seinen Träumen.
Sind’s oft verwirrte Fäden, unlösbar, die Menschen um ihr Schicksal banden, so mancher Sommertraum macht klar, das, was verband, kam irgendwann abhanden.
So ist der Faden unsres Lebensbandes mit vielen Knoten oft versehen. Ein jeder muss sie selber lösen, die eigene Schuld daran, verstehn.
Die alte Welt, die unzerstörbar schien, zerbricht am technisierten Leben; das Neue kommt, die alten Werte fliehen, Bequemlichkeit, die nehmen will, nicht geben.
Der Spaß der Zeit tanzt in den Alltagsköpfen, singt mit den Weltenbummlern im Duett, versucht mit allen Mitteln auszuschöpfen, was nichts Althergebrachtes auf dem Etikett.
Die Menschen beuten aus und unterdrücken, wollen stets größer, schneller sein und weiter. Erfindungen sind keine Himmelsbrücken, die andre Seite der Medaille ist nicht heiter!
Die Welt scheint ankerlos, von Gier gehetzt, mit Toten im Gepäck, viel an der Zahl. So brüchig wirkt sie, schwer verletzt, findet an vielen Orten Leid und Qual.
Sie blutet still, aus tausend Wunden, der „Herr der Fliegen“ tobt sich auf ihr aus. Bald scheint der Mensch auf ihr verschwunden, vergeht wie Staub, im Geisterhaus.
Auf dieser Welt sieht jeder nur Gewinn. Was geben wir zurück, wenn’s doch gestohlen? Bald treibt die Welt als Geisterschiff dahin. Ist an der Zeit, die Segel einzuholen!
Die Trauer kommt und geht ganz ohne Grund. Und man ist angefüllt mit nichts als Leere. Man ist nicht krank. Und ist auch nicht gesund. Es ist, also ob die Seele unwohl wäre.
Vielleicht hat man sich das Gemüt verrenkt? Die Sterne ähneln plötzlich Sommersprossen. Man ist nicht krank. Man fühlt sich nur gekränkt. Und hält, was es auch sei, für ausgeschlossen.
Man weiß, die Trauer ist sehr bald behoben. Sie schwand noch jedes Mal, so oft sie kam. Mal ist man unten, und mal ist man oben. Die Seelen werden immer wieder zahm.
Sie waren jung und sehr verliebt, hatten nur Augen für sich, in ihnen erwachte ein lockender Trieb; ihr Treiben kam bald ans Licht.
Nicht ohne Folgen blieb ihr Tun, die Gesellschaft regte sich auf, die Anklagen Dritter wollten nicht ruhen, das Schicksal nahm seinen Lauf.
Der Liebe folgte alsdann das Bereuen, sie waren arm und naiv. Nie konnten sie sich ihren Leichtsinn verzeihen, weil ihr Leben nun ernsthafter lief.
Die Verwandtschaft drängte folglich zur Ehe, SIE zeigte stolz ihren Bauch. Es gab keine Jobs in ihrer Nähe, er ging noch zur Lehre, sie auch.
Sie feierten schließlich Hochzeit in Eile, erwarteten Hilfe vom Amt. Er lernte noch eine lange Weile, ihre Ausbildung ‚fuhr gegen die Wand‘.
Als Geselle wurde er stolzer Vater, dann folgte Kind Nummer Zwei. Von vorne begann das Kinder-Theater. Man(n) wünschte sich Ruhe herbei.
Sie war für Kinder und Haushalt da, er hielt es nicht so mit der Treue. Sie wurde im Alter wie unsichtbar, nebenher nahm er sich eine Neue.
Es trieb ihn zu seinen Zech-Kumpanen, dort betrank er sich über Gebühr. Handgreiflich und wirr kannte er kein Erbarmen, sie setzte ihn vor die Tür.
Gewalttätig blieb er, ist meistens betrunken, ist frustriert von Frau und von Kind. Ihr Leben bleibt so, in Schulden versunken, …wenn sie nicht gestorben sind.
Als Kind trugen mir Bücherzeilen Geschichten in mein Herz hinein, begleiteten mich in stillen Räumen, bei Regen, Schnee und Sonnenschein.
Was ich auf Schiefertafeln schrieb, war wie ein Tanz des Alphabetes; Buchstabenreigen, wirbelnd und tief, schien ein von Geheimnis Umwebtes.
Griffel quietschten, ich lernte beherzt, wollte schreiben und verstehen, um zu erkennen, was Drama und Scherz, wie es die Erwachsenen sehen.
Ich besaß einen kleinen Koffer im Haus, darin schaute ich Bilder, stundenlang, denn der Inhalt waren Hefte von Mickey Mouse, sie zogen mich in ihren Bann.
Ich las jedes Blatt, jedes Heftchen hier; als ich mit fünf Jahren zur Schule ging, war ich in den Klassen ein Pionier, dem man gern an den Lippen hing.
War ‚nur‘ ein Mädchen, mit wachem Verstand, aber ‚nur‘ ein Arbeiterkind. Oft wurde ich drohend mit „Fräulein“ benannt. Für ein Mädchen war Vater blind,
und schlauer als er durfte niemand sein. Nur die Volksschule gab es für mich. „Oberschüler bleiben lieber allein. Ein Kind, wie dich, das wollen die nicht!“
Einschulung 1958
Ich fügte mich, galt als „unnützes Ding“, war zu schwach für die Männerwelt. Nahm die Prügel meiner Eltern hin, ich taugte nichts, kostete Geld.
Ich lernte leidgeprüft, was Drama ist, hüllte ängstlich mein Dasein in Schweigen. fühlte in mir, was man nie vergisst, lebe lieber in Bücherzeilen.
Caspar David Friedrich (1774 – 1840) – Engel in Anbetung
Wenn eine Sehnsucht weint, ein Haus im Schatten steht, geht dort mit mildem Licht, ein Geist, der Sorgen trägt.
Und jedes müde Herz, von diesem Geist erhellt, versteht mit einem Mal die Spaltung dieser Welt .
Geduldig schweigt er, trägt sein Leid auf Erden bis in den Abend, ohne Aufbegehren.
Der Himmelsfrieden fließt herab von fern, versinkt in Träumen, wie ein Hoffnungsstern.
Sein zarter Glanz, ein Hauch nur, nur ein Schein, will leiderfüllten Menschen Liebe sein und Hoffnung über alle Trübnis breiten.
Geister der Nacht mit Engelsflügeln gleiten.
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