Kleiner Rückblick – Gilgamesch Epos

Fortsetzung Teil 23

Mein Büro

Der Büroalltag war die einzige Normalität, die mir geblieben war. Seit 1986 hatte sich für mich viel geändert. Von der Schreibmaschine zum PC – spannendes Neuland. Die Betriebsleiter wechselten, alters- und krankheitsbedingt.

Zwei Wochen bevor mein erster Chef, der schon lange pensioniert war, im Jahr 2009 starb, schickte er mir ein Traumbild: Er stand winkend vor mir, in einem schwarzen Anzug und lächelte. Später teilte mir seine Ehefrau mit, dass er gestorben sei. Seitdem durfte ich im Büro nichts mehr von meinen luziden Träumen erzählen, weil man Angst hatte, darin vorzukommen.

Allen Vorurteilen zum Trotz kam ich gut mit ihm aus. Nach und nach nahm ich ihm die Betriebsabrechnung ab, die er bis dato selbst gemacht hatte. Von Frauen hielt er nicht viel. Ich erinnere mich daran, wie er durch’s Werk lief und schrie: „Frauen im Betrieb sind der Anfang vom Ende!“ Doch habe ich viel von ihm gelernt, wenn es anfangs auch nicht immer ‚gemütlich‘ mit ihm war.

Seitdem ich im Heiligenlexikon gelesen hatte, dass „Jakobus der Ältere“ der Schutzpatron der Alchemie und Pharmazie ist, grübelte ich anfangs über meine berufliche Bestimmung in der Chemie nach. Da das Heiligenlexikon von Menschen gemacht worden ist, halte ich den Zusammenhang mittlerweile für willkürlich.

Hier war mein Platz, und obwohl ich hier das gleiche Getrennt- und Anderssein spürte, wie überall, war das Büro ein zweites Zuhause für mich geworden. Es war mein Vorteil, dass ich das Büro zu Fuß erreichen konnte, denn meine Werkswohnung lag unweit entfernt davon.

Bereits Ende 2005 hatte es Neuerungen gegeben. Gewisse Arbeitsbereiche verlangten nach einer Optimierung. Für etliche Abrechnungsdateien, die ich selbst entwickelt hatte und mit denen ich täglich umging, war eine Automatisierung vorgesehen. Makros mussten geschrieben werden. Ein Kollege aus einem anderen Werksbereich sollte das zusammen mit mir tun. Ich kannte K. nur ganz flüchtig. Er ist Ingenieur für technische Chemie und war mir vor Jahren kurz einmal vorgestellt worden.

K. ist ein bedächtiger, ruhiger Mensch, der, wenn er im Raum ist, nicht weiter auffällt. Bescheiden wie er war, versuchte er sich möglichst unsichtbar zu machen. Geduldig richtete er mir die neuen Dateien ein und erklärte mir das, was er tat, ganz ausführlich.

Er wusste nichts von mir und ich umgekehrt nicht viel von ihm. Nur, dass er verheiratet war und zwei kleine Kinder hatte, war mir bekannt.

Während dieser Zeit kaufte ich mir privat einen Laptop, und ich bat K. darum, bei mir zu Hause nach dem Internetanschluss zu schauen, weil der nicht funktionierte. Als er abends kam, versuchte er, zusammen mit meinem Sohn, die Netzwerkverbindung einzurichten, aber es funktionierte nicht. Er blieb bis kurz vor 22 Uhr, was mich sehr wunderte, und ich schickte ihn mit den Worten nach Hause: „Jetzt gehen Sie aber besser, sonst bekommen sie noch Ärger mit ihrer Frau!“ Daraufhin lächelte er verschmitzt, so, als wäre er erwischt worden und ging.

Während er die Arbeit im Büro fertigstellte, bot ich ihm eines Tages aus Sympathie, zu seinem Erstaunen, das „Du“ an. Danach sahen wir uns wochenlang nicht mehr und telefonierten auch nicht. Erst an meinem Geburtstag sah ich ihn wieder. Er kam mit einer Flasche Rotwein in mein Büro und schenkte mir das „Gilgamesch-Epos“ mit den Worten: „Ich denke, das passt zu Dir!“

Quelle: Wikipedia – Gilgamesch-Epos

Ich gebe zu, er verblüffte mich damit, denn in all den Jahren hatte mir noch kein anderer Kollege etwas geschenkt. Das war auch nicht üblich und machte mich nachdenklich, denn das Epos war mir wie ein Zeichen, das plötzlich aus mesopotamischer Zeit zu mir herüberschwappte. Ich las die Verse aus den Urzeiten der Menschheit und die Geschichte der Priesterin im Tempel des Himmelsgottes Anu. Warum schenkte K. mir ausgerechnet diese alte Geschichte? Ich konnte es mir nicht erklären. Hatten R. M. und P. nicht gesagt, ich sei Hohepriesterin in einem Tempel gewesen!?

Wochen vergingen. Im Mai 2006 fuhr ich zu einer Lesung nach Leipzig-Gohlis. Der Leiter des Schiller-Museums hatte mir einen Lesetermin in seinem Hause eingeräumt; danach kehrte ich nach anstrengenden Tagen zurück nach Hause.

Schiller-Haus in Leipzig-Gohlis, Foto: Gisela Seidel

In meinem E-Mail-Postfach fand ich einen Brief von K. Er fragte nach, wie die Lesung verlaufen sei und schickte mir einen Link zu einer Internetseite mit keltischem Schmuck.

Seinen Geburtstag, Ende Mai, bedachte ich mit einer elektronischen Geburtstagskarte. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mit einem Geschenk in sein Büro zu gehen. Er war ein Kollege wie jeder andere auch. Ich sah keine Veranlassung darin, ihm ein Geschenk zu machen.

Anfang Juni kam er zu Nachbesserungen in mein Büro und als wir nebeneinandersaßen, sah ich zum ersten Mal bewusst sein Profil. Er hatte eine „Schillernase“. Das gefiel mir! Ansonsten wirkte er, trotz der graumelierten Haare, auf mich sehr jung – schätzungsweise unter 40. Ich war erstaunt, als er mir sagte, er sei 46 geworden.

Wir sprachen u. a. auch über die Lesung in Gohlis und meinen Besuch in Weimar. Ich hatte dazu das Gedicht „Sommerspaziergang“ geschrieben, das ich ausdruckte und ihm zum Lesen überreichte. Dass dies Auslöser für unsere Liebe werden sollte, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

Bereits im Mai hatte ich eine Tarot-Kartenlegerin angerufen und nach meiner Zukunft befragt, weil ich doch noch immer auf die mir prophezeite Liebe wartete. Sie sah „Liebesbriefe wie von Schiller“ für mich, die mir ein junger Mann schicken würde. Dass so etwas eintreffen könnte, hatte ich nicht für möglich gehalten, doch es erfüllte sich.

Mehr als 8.000 E-Mails folgten dem ersten Brief von K., schöne und weniger schöne, liebevolle, traurige, aber auch lustige waren darunter. Wir legten unsere beiden Seelen in die Zeilen, und nach den ersten Tagen und Wochen öffnete sich mit einem gewaltigen Ruck mein bisher fest verschlossenes Herz wie eine Blüte.

Anfangs sträubte sich mein Innerstes gegen das neue Gefühl, und mein Verstand verbot es mir, an etwas anderes, als an Freundschaft zu denken.
Wir schrieben uns über Goethe und Schiller, über Charlotte von Kalb und deren „zweites Gesicht“, aber auch über seinen Lieblingsdichter Lermontov, der ihm ähnlich sah und über dessen Lebensgeschichte er Seiten füllen konnte.

Mikhail Yuryevich Lermontovs 1814-1841

Am 18. Juni 2006 bekam ich von K. diesen Brief:
„Du bist für mich ein Mensch, der sehr in seiner Mitte lebt, sich seiner selbst sehr sicher und trotzdem sehr empfindsam für die Gedanken und Gefühle anderer ist, und genau das finde ich sehr schwierig! Meistens gibt es ein entweder/oder: Entweder ist man sehr empfindsam ODER sehr selbstsicher. Beides zusammen ist sehr selten, und ich denke, Du bist auf Deinem Weg sehr weit vorangekommen. Ich freue mich sehr, dass Dir unser Briefwechsel Freude macht. Mir geht es ganz genauso. Ich bin zwar etwas „eingerostet“, was das Schreiben betrifft. Manchmal fehlen mir auch ganz einfach die Worte, um meine Gedanken und Gefühle gut auszudrücken, aber egal: Es macht mir Freude, meine Gedanken mit Dir zu teilen! Du bist ein ganz besonderer Mensch, und ich bin sehr froh, dass wir uns auf unserem Weg begegnet sind! – K.“

„Empfindsam und selbstsicher“, hatte er geschrieben. Natürlich sah er nur die Fassade, nicht mein Innerstes. Er konnte nicht ahnen, dass ich mir eigentlich nur sicher war, dass mein Selbst auf andere Menschen nicht immer positiv wirken konnte, weil ihnen mein Naturell fremd erscheinen musste. Er konnte auch nicht wissen, dass ich meine Selbstsicherheit nur als Schutz um meine löchrige, wunde Seele herum aufgebaut hatte.

K. fragte mich nach meinem Tagesablauf, nahm gedanklich Anteil an meinem Leben, und ich empfand ihn als ebenso „besonders“, wie er mich wohl empfunden haben musste.

Ich hatte nie zuvor meine Gedanken, Träume und Wünsche mit einem Mann teilen können. Mit K. konnte ich das, weil er wirkliches Interesse an mir zu haben schien, und weil er eine ganz eigene Art von Spiritualität in sich trug. Er hatte genau meine „Wellenlänge“.

Trotzdem scheute ich mich davor, unbeabsichtigt eine gewisse Grenze zwischen uns zu überschreiten. Es gab so viele Dinge, die ich über ihn wissen wollte. Wie viel „Nähe“ war bei einem Mann erlaubt, der verheiratet ist und zwei kleine Kinder hat? Ich dachte sehr oft darüber nach und umging deshalb gewisse Fragen.

Ich schrieb ihm: „…Du vermittelst mir eine gewisse Nähe, eine Vertrautheit, die ich lange nicht kannte. Da die Zeitqualität im Moment nur Offenheit zulässt, die manchmal völlig undiplomatisch „losgehen“ kann, darf ich Dich nur fragen, was Du bei unserem Briefwechsel empfindest!?“

Er antwortete: „…Jetzt habe ich Deine Briefe bekommen. Besondere Briefe, wie immer! Ich möchte mehr von Dir erfahren, erzähl mir bitte von Deinen Träumen! Sei ruhig so offen und so ‚undiplomatisch’, wie Du es möchtest! Unsere Briefe sind für mich ein Band zwischen uns. Sie sind eine ganz eigene Welt, die nur für uns beide und unsere Gedanken da ist. Ich hätte nie gedacht, einen derart sensiblen Menschen wie Dich ganz in meiner Nähe finden zu können.“

Ich war mir sicher, dass das Band zwischen uns nicht erst seit Beginn unseres Briefwechsels bestand. Vielleicht hatte das Epos damit zu tun?
K. war in allen Dingen des Alltags anders. Er machte auch auf andere Frauen den Eindruck des „Frauenverstehers“. Aus dem Saarland stammend hatte er nichts mit dem Orient zu tun. Trotzdem gab es dorthin eine Verbindung. Er hörte zu Hause fast ausschließlich orientalische Musik und träumte davon, einmal in den Libanon reisen zu können. Er liebte die Wüste und hasste weiße Spinnen.

Was verbarg der Schleier vor unserer fernen Seelenvergangenheit? Hatten wir gemeinsam in Mesopotamien gelebt…oder in Ägypten? Für mich lag ein Gefühl von Wahrheit in diesen Überlegungen.

Mein Brief vom 20. Juni 2006:
„…Von meinen Träumen soll ich Dir erzählen?! Im Moment träume ich oft von Raubkatzen, von Tigern, die andere Menschen zerfleischen, oder die bei meinem jüngsten Sohn im Bett sitzen. Er hält sie dann im Arm, wie einen Teddybären und hat überhaupt keine Angst davor. Aber ich habe Angst um ihn und weiß, dass ich nichts für ihn tun könnte, wenn der Tiger zubeißen würde.

Einer hat mich gestern ins Ohr gezwickt, als wollte er sagen: „Pass nur auf, was du tust, sonst beiße ich fester!“ Es war wie eine Warnung vor dem Animalischen in mir, das ich schon so lange weggeschlossen hatte, weil es mir, ohne es auszuleben, besser geht. Aber man kann das allzu Menschliche nicht auf Dauer wegschließen.

Anima und Animus: Wir sind stets auf der Suche nach Antworten auf offene Fragen, nach jemandem, der unsere längst verdrängten Seelenbereiche anspricht, damit sie sich endlich öffnen können. Hat man diese Dualseele gefunden, zeigt sie uns alles, was wir verdrängten, was uns bisher fehlte, was wir so lange schon suchten, und sie ist meist das Gegenteil von dem Partner, mit dem man Alltäglichkeiten durchlebt. Es ist spannend und faszinierend, in einer zunächst fremden Person plötzlich ein Gegenstück zu erkennen oder eine Ergänzung seiner eigenen Persönlichkeit.

Manchmal ist es aber auch erschreckend, weil man sich mit einem Mal bewusst macht, dass diese Dualseele unerreichbar fernbleiben wird, und man sich nur auf geistiger Ebene austauschen darf. Aber, ist das nicht nur ein (wenn auch schöner) Selbstbetrug, weil man im Grunde viel mehr wollte, wenn es möglich wäre!? Dann aber würde man das Besondere zum Alltäglichen machen.

Aus meiner Schiller-Biographie (nach Schiller): „..Alles, was unserer Phantasie entspringt, kommt letztendlich aus uns selbst; alle Gefühle, die wir beschreiben, sind in der Tiefe unserer Seele vorhanden. Wie durch einen Spiegel reflektiert, wird das dort Sichtbare in tausendfacher Form zurückgeworfen. So finden wir auch Gott nicht nur an einem bestimmten Ort im Universum, sondern als Reflektion seines großen, unendlichen Selbst in der Gesamtheit der Natur und Ökologie. Der höchste denkende Geist ist Gott; er stellt den reinen Begriff der Liebe dar. Jedes noch so vollkommene Wesen strebt in Liebe nach einer Verschmelzung mit einem anderen Geschöpf. – Diese wird es jedoch erst erreichen, wenn es wieder mit Gott vereint ist. So bleibt die Liebe – das große, unfehlbare Band der empfindenden Schöpfung – letztendlich auf Erden nur ein glücklicher Betrug.“

K. antwortete prompt: „…die Warnung vor dem Animalischen hilft nicht. Es ist untrennbar mit unserem Leben verbunden. Mit dem Animalischen ist es wie mit dem Atmen: man kann für eine kurze Zeit damit aufhören, mit großer Willensanstrengung auch noch etwas länger, aber irgendwann muss man atmen oder …man erstickt und lebt nicht mehr. Außerdem kann es sehr schön sein… Dein K.“

Unter dem Brief stand „DEIN K.“! Ich hatte das zunächst übersehen, aber nun sprang es mir ins Auge. „Dein K.“. Das hörte sich so gut an!

Fortsetzung folgt…