Kleiner Rückblick – nette Nachbarn

Fortsetzung Teil 26

Mein Leben glich einem Drahtseilakt, denn ich musste ständig zwischen Wolke 7 und dem Tagesbewusstsein hin und her balancieren. Ich erinnerte mich mit einem Mal an Samuel, meinen geistigen Führer, den mir R. M. vorgestellt hatte. Wenn es ihn wirklich gab, hatte er sicher schon verzweifelt die Hände über den Kopf zusammengeschlagen oder war geflüchtet.

Ich war allein. Draußen war nach wie vor der riesige Garten und der wenig freundliche Nachbar, der nur zu gerne wie ein Regisseur mein Rasenmähen beobachtete, indem er sich mit einem Stuhl direkt an die Kante des Rasens setzte. Sehr wahrscheinlich belustigte es ihn, wenn ich dort mit hochrotem Kopf den schweren Mäher schob. Danach war ich wirklich völlig fertig und schleppte mich im Anschluss schwer atmend zur Wohnung hinauf.

In dieser Zeit kam ich irgendwann aus dem Büro nach Hause und wollte den Schlauch zum Gießen an den Wasserhahn im Garten anschließen, wie ich es immer tat. Ich ahnte nichts Böses, aber das war leider ganz nah. Mein ‚lieber‘ Hausgenosse hatte auf mein Erscheinen gewartet und kam entrüstet aus dem Haus gelaufen.
„Das ist nun mein Wasseranschluss!“, rief er. Hinter meinem Rücken hatte er die Leitung als seinen Anschluss verlegen lassen. Ich dachte, das darf nicht wahr sein, legte ihm 2 Euro hin und goss meine Blumen, ohne auf sein Geschrei zu reagieren. Als ich wieder alleine war, bin ich in Tränen ausgebrochen.

Am nächsten Tag machte ich meinem Ärger ihm Büro Luft. Sofort wurde in der Werkswohnung eine zusätzliche Leitung für mich gelegt, und mein Nachbar würdigte mich keines Blickes. Seit dessen Krebserkrankung soll er sich in seinem Rentnerdasein wohl negativ verändert haben, sagte mein Chef, der vorher dort gewohnt hatte.

Bis heute weiß ich nicht, wie ich die viele Arbeit alleine geschafft habe. Der Garten lag direkt neben einem Spielplatz, an dem überall Platanen standen. Im Herbst füllte ich rund 60 Säcke voll Laub. Im Winter folgte die Straßenkehrung, denn sie wurde nicht vom Schnee geräumt.

Das alles blieb für mich, dazu die große 150 qm Wohnung, die ich in den oberen Räumen neu streichen musste, nachdem ich alle Hinterlassenschaften von Patrick von der Müllabfuhr aus der Wohnung hatte tragen lassen.

Daneben der Vollzeitjob, meine Katzen, die übrigen Hausarbeiten und meine schriftstellerische Tätigkeit.

Der Stress konnte noch so groß sein, wenn K. auf Wolke 7 ‚herbeischwebte‘, legte das ungeahnte Kräfte in mir frei.

Am liebsten hätte ich K. den ganzen Tag lang immer nur angesehen. Sein wohlgeformtes Gesicht mit dem Schönheitsfleck auf der Wange, den wachen, lebendigen dunkelbraunen Augen und den dichten schwarzen Augenbrauen hatten es mir angetan. Seine Lippen, mit dem kleinen Bärtchen darüber, waren Sinnlichkeit pur.
Amor hatte gut gezielt und mir mitten ins Herz getroffen. Endlich!

Mit Gedanken an ihn begann ich meine Tage und abends ging ich mit ihnen zu Bett. Manchmal erwachte ich des nachts durch ein heißes, wehes Gefühl in der Herzgegend. Da wusste ich, er denkt an mich oder träumt von mir. „Wir sind verbundene Seelen!“, meinte er.

Man sagt, das, was man am meisten fürchtet, wird auch eintreffen. Ich hatte Angst ihn wieder zu verlieren,…und ich hatte Angst vor dem ‚ersten Mal‘. Ausgerechnet davor bangte mir. Es war mir doch sonst immer gleichgültig gewesen.

Mit diesem Mann war alles anders. Ich versuchte mir einzureden, dass es im Bett nicht klappen würde. Das tat ich, um mich selbst zu beruhigen, denn wenn ich hier auch noch Befriedigung finden würde, wäre es ganz um mich geschehen. Ich hatte Bedenken und die teilte ich ihm mit. Er antwortete wie immer sehr einfühlsam:

„…Du hast geschrieben, dass Du Bedenken hast, ob wir sexuell zusammen passen könnten. Mach Dir keine Sorgen! Wenn wir in der realen Alltagswelt nicht zusammen sein können (oder doch?), ganz sicher können wir es in unseren Briefen, in UNSERER Welt, die nur für uns beide da ist. Sie gehört UNS und nur UNS. Deine Zeilen sind auch für mich sehr…erregend! Auch beim Schreiben an Dich habe ich gewisse…Gefühle, es ist eine Energie, ein Ansporn, ein…ich weiß nicht was…vielleicht spürst Du sie später dann beim Lesen? Und wegen Deiner Bedenken…welche besonderen Wünsche hast Du denn, dass Du so besorgt bist? Ich bin mit Dir verbunden, und ich möchte ALLES von Dir wissen. Es darf KEINE Geheimnisse geben! Ich werde alles mit Dir teilen!“

Was las ich da: Er wollte alles mit mir teilen!? Sollten unsere Herzen tatsächlich im Gleichklang schlagen? Aber da stand auch: „Wenn wir in der realen Alltagswelt nicht zusammen sein können…“, ja, wäre ich dann mit dieser Scheinwelt zufrieden, die sich ständig vor der Öffentlichkeit verbergen musste? Unsere Zeilen erregten ihn, und zu Hause mit seiner Frau lebte er das aus!? Was sollte DAS für eine Liebe sein, die keine Nähe sucht, sondern „nur“ mit Worten zufrieden ist? Ich fühlte eine Sehnsucht in mir, die niemals gestillt werden sollte.