Seele im Garten Eden

Durch Zweifel kommen wir zur Wahrheit
Tarotkarte „Der Eremit“

Das Ego ist der Herrscher deiner Seele,
der Glaube an das Ich, dein Selbstvertrauen,
Bewusstsein, deines Lebens Öllaterne,
Erleuchtung zündend am Erkenntnisbaum.

Aus hoher, hehrer Sphäre der Gedanken,
füllst du die Früchte deiner Wahl ins Füllhorn ein,
dort wächst beseelter Same an den Ranken
und lässt das Fühlen dir erquickend sein.

Du bildest deinen eignen Garten Eden,
hervorgebrachte Pracht und Harmonie,
dort, so von Gott erfüllt, auf allen Wegen,
beherrscht die Demut dich und Fantasie.

Das letzte Kapitel

Am zwölften Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
dass ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
dass der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen lässt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck,
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck,
man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen,
keiner entging dem Tod und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall, es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang, und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andere hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten mit tausend toten Piloten,
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte
völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.

Erich Kästner (1899-1974)

Gedanken

Foto: Gisela Seidel

Den nahen Sommer freudevoll erwarten,
wo jede Seele ist des Denkens Garten,
man zwingt es nicht, es muss von selbst erblüh‘n,
ein stetes Werden, Kommen und Vergeh’n.

Gedankenfreiheit grenzenlos!
Du darfst die Blumen deiner Seele pflanzen,
setz‘ sie nach göttlichen Gesetzen, erdentief,
und pflück‘, dem Guten dienend, sie im Ganzen.

Der alte Baum

Foto: Mariamne, Pixelio.de

Ein alter Baum, der sich gen Himmel streckt,
zu dessen Krone Zweig an Zweig sich binde,
der unter dunkel, harter Borkenrinde
die Ringe seiner Jahre wohl versteckt.

In hundert Jahren wird er noch hier stehen,
wenn sich die Zeit schon lang gedreht
und neuer Geist durch Land und Köpfe weht,
hat er so manchen Sturm gesehen.

Sein Laub singt uns im Wind die alte Weisen,
von Liebesglück und Leid, das er geschaut,
und nur ein winzig Herz, geritzt in seine Haut,
wird mit ihm in die ferne Zukunft reisen.

Untragbar

Dein Blick war mir das hellste
Licht auf dieser Welt,
du nahmst es fort,
ich trieb allein im dunklen Raum,
und meine Liebe zu dir,
die mich unlösbar in Fessel stellte,
war stark, wollt‘ Früchte tragen
wie ein Baum.

Doch du beschneidest ihn,
lässt ihn nicht blühen.
Er fragt das Jahr: „Wann wird es Frühling sein?“
Die trüben Himmel sind stets über ihm,
es bleibt die Kälte, und er steht allein.

Auch, als ich meine Hände nach dir streckte,
so wie der Baum zum Himmel sein Geäst,
so bleibst du fern, bist unerreichbar fort,
bist wie ein Schatten, der kein Leuchten lässt.

Nicht lange hielt das Liebesband
uns sanft umschlungen,
unlösbar schien es – trennend war die Zeit.

Ich lebte zwischen Sehnsuchtsleid
im Taumel, hoffend, wartend,
und täglich sind es die Erinnerungen
an jene Stunden,
als wir weltvergessen, voller Liebe,
einander in die Herzen lauschten
und Liebe dort,
so wie ein sanftes, frisches Windesrauschen,
ein Frühlingsweben in die Seelen schrieb:
Ich hab dich lieb!

Am Niederrhein

Foto: Pieter Delicaat – Wikipedia

An der Niers am frühen Morgen,
schwebt ein Nebel, sanft bewegt,
und der Mond hält das Gebilde
fest am Boden, bis er geht.

An den Ufern strecken Bäume,
das Geäst zum Himmelszelt,
spinnen veilchenblaue Träume;
Schlaf entweicht der Vogelwelt.

Der Jasmin beginnt zu blühen,
glänzt im feuchten Morgentau.
Duft’ges Weiß liegt auf dem Grünen,
kontrastiert zum Himmelblau.

Weiden mit bizarren Ästen
winken heimatlich gesinnt,
bieten farbenfrohen Gästen,
Lebensraum und Neubeginn.

Nimmermüde Dotterblumen,
träumen schwefelgelben Traum,
lauschen selig den Gesängen,
aus dem hohen Lindenbaum.

Foto: Gisela Seidel

Grün erneuert sich das Leben,
Farbenrausch am Niederrhein,
Butterblumen an den Wegen,
Jedermann will draußen sein.

Senfsaat hat in manche Ecke
gelbe Blüten ausgestreut,
überdeckt die Erdendecke.
Seht nur, wie ihr Anblick freut!

Dunkles Erdreich atmet Schwere,
Schollen sind zur Saat bereit,
damit im Frühjahr wiederkehre,
was im Herbst zur Ernte reift.

Musikunterricht

Georgios Iakovidis (1853-1932)

Jungs aus meiner Klasse
haben ihn nicht ernst genommen – Mädchen schon;
trafen doch die meisten Flegel absichtlich den falschen Ton,

und der gute, alte Lehrer schien entgeistert von dem Sang,
nur wir Mädchen sangen leidlich, mit Klavier-Blockflötenklang.

Und ich pfiff in allen Tönen, selbst erlernt, mit Klammergriff.
Eltern mussten sich gewöhnen, manchmal ‚pfiff‘ mein Vater mit.

Simon Glücklich (1863-1943)

Festlich war die Weihnachtsfeier, laut war unser Flötenchor,
und der gute, alte Lehrer stand mit Taktstock stolz davor.

An mein graues Liederbuch denke ich so manche Stunde,
seh‘, wie die Kultur vergeht, mit ihr auch die alte Kunde.

Wenn die vielen Worte sterben, die einst unser Volk geprägt,
dann verblasst der Ahnen Erbe, das sie uns ans Herz gelegt,

denn die Verse dieser Lieder spiegeln einfühlsam die Zeit,
öffnen das Erinnern wieder, was in Herz und Köpfen bleibt.

Der Geist dieses Ortes

Genius loci in Weimar

aus Werthers Leiden von Johann Wolfgang von Goethe,
Zeichnung von Friedrich Bold

Es gibt einen Ort dessen Schwingung
erstrahlt mir so rein wie Kristall.
In seinen Facetten, da spiegelt
sich dein Geist noch ein letztes Mal.

Spür’ noch deinen Arm, deine Blicke,
die heller erstrahlten als Licht.
Warst mir der Schönste zum Glücke,
erhaben, dein Geist, dein Gesicht.

Als leise im Frühlingserwachen
dein Mund mich zärtlich berührt,
da hab ich auf heißen Wangen
den Hauch deiner Liebe gespürt.

In unseren Herzen lag Frieden,
Glückseligkeit gab uns Geleit,
doch blühten die Herbstzeitlosen
uns lange schon vor der Zeit.

Das Schicksal, es streute uns Rosen,
doch der Geist unsrer Liebe trieb fort.
Vorbei ist das Streicheln und Kosen,
die Blüten, zertreten, verdorrt.

Das Leben hat alles genommen;
dein Geist ist so fern mir, so weit.
Nun ist der Winter gekommen –
du hast dich von mir befreit!