Kleiner Rückblick – Chaos

Fortsetzung Teil 18

Patrick

Mein jüngster Sohn wohnte mit seinen damals 23 Jahren noch bei mir. Er hatte mehr schlecht als recht sein Fachabitur absolviert und versuchte nun ein Studium der Wirtschaftswissenschaften, wobei er nie zu den Vorlesungen ging und auch sonst nichts tat, was ihn weiterbrachte. Er behauptete zwar, er hätte früher mal ein Buch gelesen, doch ich weiß vom Gegenteil. Es gab kein Thema, das ihn interessierte, und ich glaubte, dass er den Inhalt einer Buchseite überhaupt nicht verstanden hätte, wenn er sie las. Doch er liebte Rap-Musik, schrieb Texte und hatte Auftritte im kleinen Kreis und bei der Schulentlassung.

Wie seinen Vater, unterstützte ich auch ihn finanziell. Sein Vater hatte in all den Jahren keinen Unterhalt gezahlt.

Jeder normal denkende Mensch wird nun zu Recht meinen, dass mein Sohn ja wohl alt genug gewesen sei, um mir zu helfen. Weit gefehlt! Von ihm durfte ich keine Hilfe erwarten. Mein Sohn hasste Gartenarbeit, Arbeit im Allgemeinen und im Besonderen, und ich hasste seine Einstellung. Wenn er den Rasen mähte, tat er das mit Todesverachtung und dermaßen schlecht, dass ich es beim nächsten Mal lieber selbst machte. Außerdem war ich die Bittgesuche bei ihm leid, die ich tagelang vorher stellen musste. Ich konnte die Uhr danach stellen: Er hatte Zeit, wenn es draußen regnete.

Unser Verhältnis war angespannt. Sein Tagesablauf bestand darin, nachmittags nicht vor 15 Uhr aufzustehen, sich sein Essen, wie selbstverständlich, aus der Küche zu holen und sich dann vor den PC zu setzen, um bis spät in die Nacht irgendwelche schrecklichen Ballerspiele zu spielen. Er hatte seine besten Jahre verkifft, zusätzlich seinen Ordnungssinn und jeden inneren Antrieb, aus dieser Misere heraus zu wollen. Irgendwie schien ihm das Chaos im Zimmer eine Art von Geborgenheit zu geben. Und das musste ich mir tagtäglich ansehen.

Das war wie eine Folter, und ich gab mir insgeheim die Schuld, weil ich ihn zur Welt gebracht und allein erzogen hatte. Seinen Vater aus Curacao kannte mein Sohn nur vom Foto. Das trug er stets bei sich wie ein Heiligtum.

Er suchte nach seinen Wurzeln, fand sie aber nicht. Irgendwie hing er zwischen zwei Welten. Hatte er nun eine schwarze, rote oder weiße Seele oder war sie gemischt wie seine Hautfarbe? Im Grunde war Patrick ein ergebener Junge, der sehr an mir hing und ich an ihm, und das Fatale war, wir hatten nur uns alleine. Doch sein Sternzeichen „Skorpion mit Aszendent Skorpion“ verhinderte die Harmonie zwischen uns. Was er nicht wollte, tat er auch nicht! Dagegen kam der „Widder mit Aszendent Stier“ nicht an.

Ich bildete mir ein, versagt zu haben und begann aus meinem Unvermögen heraus, meinen Frust darüber an meinem Sohn auszulassen. Das äußerte sich in recht heftigen und lauten verbalen Äußerungen, wenn ich beispielsweise sein Zimmer nicht mehr betreten konnte, weil dort der Müll, mein gutes Geschirr mit verschimmelten Essensresten und seine schmutzige Wäsche den Raum füllten. Immer dann kamen mir die warnenden Worte seines Erzeugers in den Sinn: „Ein Farbiger in Deutschland – das geht nicht gut!“ oder „Deutsche Frauen haben schmutzige Wohnungen!“
Es war schlimm für mich, mit ansehen zu müssen, dass Erick möglicherweise Recht behalten sollte.

Seit dem Wechsel ins zweite Millennium hatte mein Sohn die Entwicklung mit D. natürlich mitbekommen und geriet immer häufiger zwischen die Fronten. Er mochte D. nicht, hielt sich aber weitgehend aus allem heraus. Als D. mich verließ, freute sich mein Sohn.

Mit meiner Panik über Alleinsein und Geldmangel, kam der psychische Absturz. Noch heute habe ich die Abschiedsworte von D. in Erinnerung: „Du wirst nie mehr einen Mann finden! Wer Dich anspricht, muss sich vorher Mut antrinken.“
Heute klingen sie wie ein Fluch. War ich wirklich solch eine Anti-Frau? Wieder einmal mehr im Leben hatte ich anscheinend alles falsch gemacht.

„Männer mögen keine starken Frauen!“, hatte meine Freundin gesagt. „Sie wollen das unschuldige, hilflose Weibchen, das abends den Mund hält, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen.“

Ich war eine starke, resolute Frau…stark auch dann, wenn ich schwach war. Das Leben hatte mich zu dem gemacht, was ich bin. War ich denn schlechter als andere? Ich wünschte mir einen liebevollen, intelligenten Mann, mit dem ich über alles reden konnte, …eine starke Schulter zum Anlehnen und vor allen Dingen Liebe, Ehrlichkeit und Harmonie. Das hatte ich doch noch nie bekommen. Stattdessen Gleichgültigkeit, Lügen, Brutalität, Oberflächlichkeit und Langeweile.

Meine Nerven lagen blank. Wo ich ging und stand, weinte ich hemmungslos. Mein Arzt injizierte „Imap“ zum Ruhigstellen.
Meine Psyche reagierte mit panischer Höhenangst, die ich vorher nicht gekannt hatte. Sie hinderte mich daran, Rolltreppen zu benutzen oder eine Leiter zu besteigen. Sobald es draußen dunkel wurde, bekam ich Angst, nicht mehr nach Hause zu finden und Gefühle des Verlassenseins und der Einsamkeit machten sich breit, die mich tief depressiv werden ließen. Das äußerte sich wieder in Herzrasen und erhöhtem Puls. Da wusste ich, dass ich professionelle Hilfe brauchte und ließ mich von meinem Hausarzt in die psychosomatische Klinik einweisen.

Burghof-Klinik, Rinteln

Anfang Dezember 2002 wurde ich dort entlassen. Rückblickend muss ich sagen, dass mir der Aufenthalt dort gutgetan hat. Ich gewann Abstand, bekam eine andere Sicht der Dinge und lernte neue Menschen kennen. Dann folgte ein Rückfall.

D. war nach zwei Wochen in der Klinik aufgetaucht, um sich in Erinnerung zu bringen und seinen Marktwert zu testen. Ich stieß die Warnungen der Ärzte in den Wind und glaubte seinen Versprechungen, dass er noch vor Weihnachten wieder bei mir wäre. Es war ein Trugbild von Zuneigung, die gar keine war. Jetzt hatte D. Macht über mich: Er kam nicht! Seine Schwester erklärte mir am Telefon, er sei in Begleitung einer blonden Frau bei ihr im Laden gewesen.

Weihnachten fiel in diesem Jahr ins Wasser, Silvester ebenfalls. Ich kannte das ja schon. Trotzdem war ich wie immer todunglücklich.

Ende Januar 2003 traf ich D. wieder, ganz zufällig, auf dem Weg zum Trödelmarkt. Er grinste mich an, als sei niemals etwas geschehen, und zwei Wochen später war er wieder in meiner Wohnung, mit all seinen Siebensachen. In einem Anfall von Wahnsinn wurde ein neuer Versuch gestartet. Ich war froh, nicht mehr allein zu sein. Mein Sohn verstand die Welt nicht mehr, hielt sich aber raus.

Heute bin ich davon überzeugt, dass D. zurückkommen musste, nicht nur um etwas an mir gut zu machen, sondern, damit ich abschließen konnte. Ich sollte ihn mir noch einmal genau anschauen. Und das tat ich auch.

D. baute die gesamte Wohnung nach meinen Wünschen um. Mein Sohn bezog unsere ehemaligen Schlafräume in der oberen Etage und hatte fortan eine noch größere Ablagefläche für seinen Unrat, der mir nun aber aus den Augen war; die untere Wohnung wurde auf einer Ebene von 100 qm zusammengefasst, wodurch sich mein Wohnzimmer in einen sonnendurchfluteten, positiven Raum verwandelte. Das machte mich froh. Allein hätte ich das niemals geschafft.

Im April 2003 war D. fertig, auch mit dem Garten. Dann, im Mai, folgten die ersten Wochenenden, an denen er mit recht fragwürdigen Ausflüchten wegblieb. Da wusste ich, dass es endgültig aus war. Ich hatte genug von seinen Eskapaden und ließ mir die Kündigung für die gemeinsame Wohnung unterschreiben, um jederzeit ausziehen zu können.

Ich packte ihm seine Siebensachen in große Umzugskartons und stellte sie in die Garage, wo er sie nach und nach abholte. Vorher wechselte ich den Zylinder des Schlosses zur Wohnung. Hier sollte er nicht mehr reinkommen. Das Thema D. war durch – ich konnte es abschließen und begraben.

Kleiner Rückblick – Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst

Fortsetzung Teil 17

1999
2000

Eine relativ kurze Beziehung von zwei Jahren, in der mein Lebensabschnittsgefährte D. im Jahre 2002 von heut auf morgen ohne ein Wort verschwunden war, hatte mich im ersten Schockzustand für einen Monat in eine psychosomatische Klinik nach Rinteln befördert. Im alten Domizil des Barons von Münchhausen zog ich mich, nach dessen Vorbild, selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf.

Zu therapeutischen Zwecken hatte dort fast jeder Klinikinsasse das Buch „Ich lieb dich nicht, wenn du mich liebst!“ lesen müssen. Distanz und Nähe in Beziehungen – dessen Logik von Ursache und Wirkung verstand ich zwar, konnte es aber nicht umsetzen. Denn für mich ist Liebe nichts, was man künstlich dosieren kann, indem man das Gefühl auf „klein“ dreht und den Verstand auf „groß“ wie an einem Gasherd. Wenn mein Herz entflammt ist, lässt es sich nicht mehr regulieren. Die emotionale Flamme ist bei mir stets größer, als irgendwelche logisch erscheinenden Überlegungen. Entweder brenne ich lichterloh, oder die Flamme erlischt nach einiger Zeit ganz von selbst wieder.

Für D. hatte es nie eine wirkliche Flamme gegeben, nur eine Glut, die sich an Äußerlichkeiten entzündete. 2002 war es also nicht die verlorene Liebe gewesen, die mich nervlich und emotional runtergezogen hatte. Eher war das Kindheitstraumata des Verlassenseins der Auslöser gewesen, denn Liebe hatte es in der Beziehung mit D. überhaupt nicht gegeben. Aus einem sexuellen Abenteuer, das für mich ziemlich emotionsfrei begonnen hatte, war plötzlich ein Zusammenleben geworden, weil D. keine eigene Wohnung hatte. Bis dahin hatte er bei seiner Ex gelebt, die manisch-depressiv fast ständig im Krankenhaus untergebracht war.
Beim Tanzen hatte ich D. kennen gelernt. Nachdem sich mein Bauchgefühl mit einem lauten „Nein“ geäußert hatte, hatte meine weibliche Begleitung dies mit einem sehr eindringlichen „Ja“ übertönt.
„Er ist der bestaussehende Mann im Lokal!“, hatte sie mir immer wieder einzureden versucht. Für mich war er ein Prolet wie aus der Coca-Cola-Werbung. Eine Kollegin, die ihn zum ersten Mal bei mir zu Hause gesehen hatte, hatte ganz verzückt gemeint: „Wo hast du ihn denn her? So einer läuft noch frei herum?“

Alle sahen nur D. schöne Fassade, aber bei einem Blick dahinter klaffte mir seine „Hohlraumversiegelung“ derart entgegen, dass seine Zweckbestimmung für mich von Anfang an feststand. Obwohl ich kleiner war, als er, schaute ich auf ihn herunter. Ich kann einen Mann nur auf gleicher Augenhöhe lieben.

Der Mann, den ich mir da in mein Bett geholt hatte, beziehungsweise, der sich fast unmerklich in meiner Wohnung einnistete, war überhaupt kein Kandidat gewesen, den ich hätte lieben können. Seine Anwesenheit belastete mich, weil ich mit ihm nichts anzufangen wusste, und er passte auch nicht in meine liebevoll eingerichtete Frauenwohnung. Trotzdem war ich froh, nicht mehr allein zu sein, was durchaus ein Widerspruch war, für den ich später sehr tief in die Tasche greifen musste. Aber das war wohl mein Los.

Eine Freundin erinnerte mich an die Schattenseiten des Zusammenlebens mit einem Mann.
„Warte ab, wenn du zum ersten Mal seine schmutzigen Socken waschen musst, und er erwartet, dass sein Essen pünktlich auf dem Tisch zu stehen hat!“, hatte sie gesagt.

Socken und Essen waren nur ein kleines Problem; Modellautos hingegen ein großes! Als D. diese wie selbstverständlich auf ein Regal ins Wohnzimmer stellte, sträubten sich meine Nackenhaare.

Er besaß nichts, außer Schulden, hatte ein einfaches Gemüt und großes handwerkliches Geschick. Er aß den ganzen Tag und stopfte Unmengen in sich hinein. Unterwegs war keine Fressbude vor ihm sicher und wenigstens einmal wöchentlich ging es in ein Restaurant.
„Große Männer essen viel!“, hatte meine Freundin beiläufig erklärt. Das Beiläufige wurde vor meinen Augen jeden Tag größer und größer. Ich fand das ekelhaft!

Gegen Ende des Jahres 2000 besuchte ich zusammen mit D. eine Kartenlegerin, die mitunter recht hellsichtige Anwandlungen hatte. D. war erst kürzlich mit seinem Laden in die Pleite gegangen und suchte nach einer neuen Anstellung. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, bei seiner Schwester, die eine IKEA-Filiale leitete, eine Stelle als Geschäftsführer zu bekommen. Sie hatte es ihm versprochen.
Eva, die Wahrsagerin sah unsere Zukunft rosarot:
„Ihr werdet zusammenarbeiten“, prophezeite sie, „und in einem Haus am Wasser wohnen.“
Tagelang zerbrachen wir uns den Kopf darüber, wie eine Zusammenarbeit denn überhaupt möglich sein könnte. Meinen Job aufgeben, wollte ich auf gar keinen Fall. Ich sah mich bereits in Schweden an einem einsamen Fjord bei IKEA sitzen, doch es kam ganz anders.

Das schwedische Möbelhaus schickte eine klare Absage, weil die Voraussetzungen nicht erfüllt waren. D. besaß die nötige Vorbildung nicht. Auch seine Schwester konnte daran nichts ändern. Er war enttäuscht und wütend, doch das brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Vor seiner Selbstständigkeit hatte er als Maschinist gearbeitet. Bei meinem Arbeitgeber bot sich zwar nicht die Möglichkeit einer solchen Tätigkeit, aber eine dort ansässige Firma stellte D. schließlich als Kran- und Schaufelladerfahrer ein.

Nun waren wir sicher, dass auch die zweite Vorhersage von Eva eintreffen würde. Wir bewarben uns intern um eine Werkswohnung und mussten feststellen, dass für die heiß begehrte 150 Quadratmeter-Wohnung noch weitere 35 Interessenten Schlange standen. Mit zwei Kindern und zwei Erwachsenen kamen wir in die engere Sozialauswahl, die vom Betriebsrat genehmigt worden war. D. hatte seine Tochter angegeben, die nur alle zwei Wochen bei ihm war, aber es funktionierte. Als ehemaliges Geschäftsführerdomizil war die Wohnung nicht nur besonders hochwertig ausgestattet, mit hohen Decken, neuen Fenstern und Rheinblick, sondern verfügte auch über einen riesigen Garten, der in Gemeinschaftsfläche und Mieter-Nutzfläche aufgeteilt war.

Die viele Arbeit, die andere eher abschreckte, scheuten wir nicht. Zusammen – da waren wir sicher – könnten wir aus dem völlig heruntergekommenen Gartenanteil ein kleines Paradies machen. Außerdem hatte ich mich in die flämische Eichenküche verliebt, die der Vormieter zum Verkauf anbot. Gespannt hofften wir weiter.

Nachdem der Februar 2001 vorüber war, gab ich die Hoffnung auf. Dabei standen wir nur noch mit einem anderen Bewerber auf der Liste. Doch dieser eine war vorrangig, denn seine Familie hatte die größere Personenanzahl. Und das Wunder geschah: Zu guter Letzt sprang der Kandidat ab, weil der Ehefrau, die viele Arbeit doch zu gewaltig erschienen war.

Wir bekamen das „Haus am Wasser“ mit hochwertiger Küche. Anfang April zogen wir ein. D. machte den Umzug nahezu allein und transportierte selbst die großen Möbelstücke auf dem Dach seines alten Ford Fiesta.

Arbeiten konnte er! Das muss ich ihm lassen. Ihm wurde nie etwas zu viel.
Die fehlende Bildung versteckte D. hinter einem guten, gepflegten Aussehen, und dadurch wirkte er auf Frauen sehr anziehend. Seine Ex hatte ihn kürzlich erst frisch eingekleidet, als er mit mir anbandelte. Junker und Lodenmantel standen ihm gut – er war groß und konnte das tragen, Aber ich konnte nicht zu ihm aufschauen.

So sehr er sich auch mühte, intelligent daherzureden, es gelang ihm nicht. Noch nie in seinem Leben hatte er ein Buch gelesen. Abends saß er vor dem Fernseher und glotzte RTL2. Dann hasste ich ihn…und er mich, weil er sich ertappt und beobachtet fühlte, wenn ich wie „Kermit der Frosch“ mit verkniffenem Mund neben ihm saß. Er verstand nicht, dass ich nicht schadenfroh über die vielen Hinfall-Pannen-Videos anderer Leute lachen konnte. Da streikte selbst mein inneres Kind und schaute weg.

In punkto Sexualität und Frauen kannte D. sich aus. Das war sein Fachgebiet. Darüber konnte er stundenlang reden; besonders wie gut er doch sei, im Gegensatz zu anderen. Die Überzeugung: „Man(n) muss doch immer erst an die Befriedigung der Frau denken!“, hatte er sich auf seine Fahnen geschrieben. Naja, es gab jedenfalls keine Nähe zwischen uns, außer an einer bestimmten Körperstelle. Aber auch sein „Zipfel zum Glück“ beeindruckte mich nicht wirklich.

Als ich ihn irgendwann nach seinem „Sinn des Lebens“ fragte, hat mich die Antwort beinahe umgehauen: „Wohnmobil fahren“. Etwas Dümmeres hätte er nicht sagen können. DAS ging gar nicht!

Das alles war keine Grundlage für eine Partnerschaft – im Gegenteil. Für mich der absolute Horror! Wohnmobil fahren sowieso.

Die Gespräche waren belangloses Alltags-Blah-Blah, ohne Tiefgang und sein platter Humor, der sich darin äußerte, dass er mir ständig Witze erzählte, über die ich nicht lachen konnte, ekelte mich an, wie die ganze Situation und zuletzt der ganze Kerl.
Obwohl er vom Aussehen wirkte wie Rock Hudson, konnte mich das nicht täuschen. Wenn er mich anlächelte, sah ich, welch Geistes Kind er war. Er wirkte stupide…nein, er war es. Dafür konnte er nichts…ich aber auch nicht.

D. war eifersüchtig. Er verbot mir den Umgang mit alten Bekannten und scheute sich nicht, es denjenigen direkt telefonisch mitzuteilen. Ich stand wütend daneben und traute meinen Ohren nicht. Gesprächen mit Freundinnen lauschte er interessiert. Dabei bekamen seine Ohren die Größe von Rhabarberblättern.

D. trug gerne kleinkarierte Hemden. Die passten zu ihm. Etwas tiefer ausgeschnittene Blusen oder Oberteile durfte ich nicht anziehen. Kam ich mit einem solchen Teil nachmittags aus dem Büro nach Hause, gab es Stress.

Nach einem Jahr des Zusammenlebens fand ich D. nur noch widerlich und ertrug ihn immer weniger in meiner Nähe. Wenn er meiner Aura zu nah kam, glich das einer Verletzung. Der Abstand zwischen seiner und meiner Bettseite war irgendwann nicht mehr groß genug. Seine Gegenwart schnitt mir in die Seele wie ein Elektroschocker. Das musste ich abstellen! Folglich verwies ich ihn aus dem Schlafzimmer.

Er wusste gar nicht wie ihm geschah. Ich brauchte diese Bannmeile. Wenn er sie überschritt, läuteten bei mir die Alarmglocken. Manchmal merkte ich, dass er hinter mir stand und mich beim Ankleiden beobachtete. Ich sah, wie er zitterte und welche Macht ich über ihn hatte. Das gefiel mir irgendwie, obwohl ich wusste, dass solche Anwandlungen nicht richtig sein können. Ich ließ ihn zappeln und wies ihn gnadenlos zurück. Dann gab es nur noch Streit und Handgreiflichkeiten vom Allergemeinsten. Er „rückte“ meine Wohnung zurecht, wenn ihm danach war. Und ihm war oft danach, weil er sich verbal nicht gegen mich wehren konnte.
Als in dieser Situation noch seine manisch-depressive Ex anrief und mir mit teuflischer Freude erzählte, dass er mit ihr fremdgegangen sei, brachte das das Fass zum Überlaufen.

D. machte eine Zeit lang gute Miene zum bösen Spiel, um seine desolaten Finanzen durch mich noch ein wenig aufzubessern und seinen ‚Abflug‘ vorzubereiten, von dem ich nichts ahnte. Dann überredete er mich zu einer Reise nach Berchtesgaden, die natürlich ich bezahlen ‚durfte‘. Er wollte König Ludwig spielen in Junker und Lodenmantel und badete in den Blicken der bayrischen Frauenwelt. Ich ließ ihn gewähren. Dann fuhren wir nach Hause zurück. Zwei Tage später war er verschwunden.

Er hatte mich mit der gemeinsam gemieteten Wohnung und natürlich auch mit den Kosten und der ganzen Arbeit alleine gelassen. Den riesigen Garten musste ich nun selbst pflegen. Alle Lasten und Kosten hatte ich von Stund an am Hals und kein Geld für einen weiteren Umzug.

Zum ersten Schock des Verlassenseins gesellte sich die Panik, es womöglich finanziell und kräftemäßig nicht alleine schaffen zu können. Ich hatte für den letzten Wohnungswechsel Schulden gemacht, die ich abzahlen musste. D. schuldete mir Geld, das ich nie wiedersehen würde, denn ich hatte nicht nur seine Rechnungen bezahlt, sondern auch die Unterhaltszahlungen für seine Tochter monatelang übernommen. Unbezahlte Rechnungen und Mahnbescheide von D. flatterten haufenweise ins Haus. Ich schickte sie alle zurück.

D. war unerreichbar für mich. Er hatte sein Handy abgestellt. Erst als ich ihm mit dem Einschalten der Polizei drohte, meldete er sich. Ich ging zum Neurologen. Er verschrieb mir Beruhigungsmittel.

Blick auf den Garten 2001
Blick am Abend aus dem Küchenfenster

Kleiner Rückblick – Umzüge

Fortsetzung Teil 16

Mit „Manni“ und Patrick vor dem Jasmin-Busch meiner Eltern

Als ich 1987 M., meinen zweiten Ehemann, einen Musiker, kennen lernte, hatte mir meine ehemalige Kollegin in einem Lokal für Live-Musik in Krefeld dringlich ins Gewissen geredet: „Manni sucht eine Frau. Mit zwei Kindern musst du froh sein, wenn dich überhaupt noch einer nimmt!“

„Manni“ nahm mich und hatte seinen besten Freund T., zehn Jahre jünger als ich und angehender Fachpfleger für Intensivmedizin, gleich mit in die Ehe gebracht. Als ich damals heiratete und mit Manni zusammen ein Reihenhaus kaufte, das unsere Väter mit viel Arbeit und Geld renovierten, tat ich das aus Torschlusspanik und nicht aus Liebe. Manni war Heizungstechniker, nur mein Herz konnte er nicht erwärmen. Ich wollte irgendwo ankommen und meinen Söhnen ein sicheres Heim bieten.

Manni war überhaupt nicht mein Typ, er war überall dunkel behaart, auch auf dem Rücken. Eigentlich hatten wir uns nicht viel zu sagen. Im Alltag war er langweilig, und er hatte keinen Geschmack, was Kleidung oder Einrichtung betraf. Seine Wohnung bestand aus Ikea-Bretterregalen, die ich mir nur in den Keller gestellt hätte. Bei ihm standen sie im Wohnzimmer. Ich fand alles schrecklich! Aber er hatte den Blues und konnte singen wie Jimi Hendrix. Selbst zur Weihnachtsmusik wurde ein Blues-Element geklimpert. Für seine Gitarrensolos war er bekannt. Wie die meisten Musiker hatte er ein massives Alkoholproblem. Wenn bereits nachmittags die Flasche Schnaps und das Bier auf dem Tisch standen, und ich ihn im Unterhemd und Trainingsanzug vor dem Fernseher sitzen sah, sah ich „rot“. An den Wochenenden hatte Manni Auftritte mit seiner Band. Dann floss der Sambuca in Strömen, und es gruselte mich davor, wenn er nach Hause kam.

Helene Nicolay, geb. Buskies – Foto Reisepass

Im April 1988, kurz bevor wir heirateten, verstarb meine Oma. Sie hatte ein halbes Jahr vorher, nach einer schweren Magen-Darminfektion – vermutlich durch eine Lebensmittelvergiftung – jegliche Lebensenergie verloren. Bis zu ihrem 93. Lebensjahr hatte sie völlig selbstständig gelebt. 26 Jahre lang war sie nach Opas Tod allein gewesen. Mit einem Mal wollte sie nicht mehr und verweigerte jegliche Nahrung. Bis auf ein paar Löffelchen Wasser lehnte sie alles ab. Der herbeigerufene Notarzt meinte, wir sollen sie in Frieden sterben lassen. Ein paar Tage vor ihrem Tod umarmte sie mich ein letztes Mal und wurde nicht wieder wach. Das war das erste Mal, dass mich ein Familienmitglied umarmt hatte, und ich wusste zunächst gar nicht was es bedeutete: Abschied für immer.

Weil meine Mutter nicht mehr in der Lage war, Omas langes Haar zu kämmen, sollte ich es abschneiden. Ich ging widerwillig diesem Wunsch nach und tat wie mir aufgetragen war. Hierauf reagierte Oma mit heftiger Gegenwehr. Sprechen konnte sie nicht mehr. Sie hatte ihr langes Haar mit ins Grab nehmen wollen. Oft habe ich daran denken müssen und mich jedes Mal schlecht gefühlt. Ich hoffe, dass sie mir vergeben hat.

Nach Omas Tod weinte ich hemmungslos. Meine Mutter zeigte keine Gemütsregung – im Gegenteil: Sie machte sich bei meinem Vater über mich lustig, weil ich nicht aufhörte zu weinen. „Die hat einen Weinkrampf gekriegt“, berichtete sie ihm kichernd. Heute denke ich, es waren bereits die Anfänge ihrer Alzheimer Erkrankung gewesen.

Mein damals 16-jähriger Sohn G. war mitten in der Pubertät und kam weder mit sich selbst noch mit mir, noch mit meinem zweiten Ehemann zurecht. Weil Manni ihn nicht mochte, behandelte er ihn immer wieder ungerecht.

Eine solche Ungerechtigkeit brachte das Fass zum Überlaufen. Es folgte eine üble Auseinandersetzung, bei der G. meinem Mann beinahe die Augen ins Gehirn gedrückt hatte. Es ging so weit, dass ich meine Eltern anrief, die jedoch davon nichts hören wollten. Schließlich bewog es sie, meinen Sohn wieder mit Sack und Pack bei sich aufzunehmen. Er hatte bereits zwischen dem dritten und zwölften Lebensjahr bei ihnen gelebt.

Mein Vater hatte den Anbau des Hauses für G. ausgebaut und verwöhnte ihn wie einen Sohn, weil er seinen eigenen einst für tot erklärt hatte.
Gerald, mein Bruder, war mit 16 Jahren heroinsüchtig in die Landesklinik gekommen und durchlief danach eine Therapie nach der anderen, ohne Aussicht auf Erfolg. Als mein Bruder zu allem Elend noch auf die kriminelle Schiene geriet und meiner Oma die Rente stahl, durfte er nicht mehr nach Hause zurückkehren. Für meinen Vater war eine Welt zusammengebrochen, denn er hatte alle Hoffnungen in seinen Sohn gesetzt, den er mir von klein auf vorgezogen hatte. Als er fort war, projizierte er diese Hoffnungen später auf meinen Sohn.

Da meine schwere Erkrankung nichts anderes mehr zuließ, blieb G. ganz bei meinen Eltern. In der Zeit, als ich damals bewegungsunfähig auf der Couch meiner Eltern lag, hörte ich seine Stimme, als er zur Oma in die Küche lief: „Oma, Oma, komm schnell, die Mama weint!“ Diese Situation bleibt immer in meinen Gedanken.

Die Zeit entfremdete uns mehr und mehr. Meine Mutter trug ihren Teil dazu bei, als sie mich mit G. zusammen auslachte, wenn ich beispielsweise ein Geburtstagsgeschenk zu ihm brachte. Später sah ich mich nur noch als eine „Auf-die-Welt-Bringerin“, nicht mehr als Mutter, weil ich jeglichen Zugang zum Kind verloren hatte.

Mit zwölf Jahren setzten meine Eltern meinen „verlorenen“ Sohn kurzerhand vor die Türe und gaben ihn mir mit den Worten: „Jetzt bist du wieder dran.“, zurück. Das konnte nicht gut gehen, zumal die neue Situation einen weiteren Umzug verlangte.

Wie ich das damals finanziell gestemmt habe, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich an eine gebrauchte Küche und ein separates Kinderzimmer für beide Kinder. Doch das ging nicht lange gut, wegen der G.s Eifersucht. Ein Mal schaute sich Patrick einen Film im TV an und kam mit einer Szene nicht klar, die ihm Angst machte. Ich war an diesem Nachmittag nur kurz zu einem Geburtstag gegangen und wollte danach wieder zu Hause sein. Als ich kam, fand ich die Polizei vor und meine Nachbarn, die durch Patricks Weinen aufmerksam geworden waren. Erst als ich den Beamten zeigte, dass er gar nicht alleine war, sondern sein Bruder unbeteiligt im Kinderzimmer saß, fuhren sie fort. G. hatte wohl Spaß daran gehabt, als es seinem Bruder schlecht erging.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als erneut umzuziehen, in eine Wohnung mit zwei Kinderzimmern. Ich tat mein Bestes, doch das Mutter-/Sohn-Verhältnis blieb gestört. Der arme Junge wusste gar nicht wie ihm geschah. Er konnte doch mit mir genauso wenig anfangen, wie ich mit ihm und war noch dazu sehr eifersüchtig auf seinen Bruder.

G. war verzogen, unehrlich und brutal. Einmal glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, als er seine lebendige Wüstenrennmaus im Klo herunterspülte. Eine zweite erweckte das Interesse meines Katers „Paulchen“, weil sie tot im Papierkorb lag.

Kurz danach heiratete ich und kaufte mit Manni zusammen ein Reihenhaus.

G. hatte an jedem und an allem etwas auszusetzen und war genauso rechthaberisch wie sein Vater. An jedem Essen mäkelte er herum. Ich konnte ihm nichts recht machen. Bei Tisch eskalierte es immer wieder. Obwohl ich nur wenig Geld hatte, musste ich seinetwegen teures Fleisch kaufen. Eines Tages stocherte er wieder mal an seinem Steak herum und fand natürlich Fett, wo gar keins war. Da habe ich getobt und so fest auf den Tisch geschlagen, dass ich mir die Hand gebrochen hatte. Ich wollte nicht mehr mit ihm umgehen… nein, ich konnte es nicht!

Das war eine schlimme Zeit für uns alle. Als es dann mit seinem Stiefvater eskalierte, nahmen ihn meine Eltern wieder bei sich auf, und ich war froh, dass G. sein eigentliches Zuhause wieder hatte.

T., Manni’s Freund und Bandkollege, kam oft zu uns und begleitete uns auch bei aushäusigen Unternehmungen. Er war hellblond, unscheinbar und unbehaart. Irgendwann, als ich mit Manni ein halbes Jahr lang verheiratet war, machte es „klick“. Ich verliebte mich in T. und er sich in mich. Wir sträubten uns zunächst beide dagegen, doch es half nichts.

Ich wollte wie immer klare Verhältnisse haben, obwohl mir mehr als Chaos bevorstand. Die Ehe wurde geschieden, das Haus verkauft, die Musikerfreundschaft zerbrach, und die Band suchte sich einen neuen Schlagzeuger.

Als das Reihenhaus nach nur drei Monaten verkauft worden war, zog ich mit T. zusammen in eine Mietwohnung. Kurz darauf wurde ich schwanger, verlor aber das Kind gleich zu Beginn mit großen Schmerzen auf dem Büro-Parkplatz. Zum Glück! T. mochte keine Kinder. Mit meinem jüngsten Sohn konnte er nichts anfangen.

Der Kontakt zu meinen Eltern war seit der Scheidung von Manni nahezu abgerissen. Mein Vater hatte nach meiner Heirat das Haus renoviert und sein Vorzeigebad war verkauft worden. Darüber war er sauer. Meine Scheidung war ihm egal.

Mit T. war es von Anfang an eine Verbindung ohne Leidenschaft gewesen. Anfangs war ich verliebt und sah darüber hinweg. Er war ein ruhiger Zeitgenosse mit jungenhaftem Aussehen – kein Mensch, mit dem man Streit bekommen konnte. Er war ehrlich, arbeitsam und ordentlich und in seiner Freizeit ein nicht ganz alkoholfreier Schlagzeuger. Abends brauchte er seine vier Flaschen Bier. Zwei Mal wöchentlich reagierte er sich im Proberaum ab.
Ein weiterer Makel war, dass er von sich aus nie mit mir schlafen wollte. Das tat er nur, wenn ich den Anfang machte, und nur selten dachte ich: „Und er bewegt sich doch!“. Nach zwei Jahren begann ich an meiner Weiblichkeit zu zweifeln und nach weiteren zwei Jahren machte ich mir Gedanken darüber, ob er vielleicht schwul sei.

Obwohl es im Krankenhaus Frauen genug gab, vermutete ich niemals, dass es eine andere geben könnte. Er hatte ganz einfach keine Lust auf Sex. Orale Befriedigung fand er widerlich. Bei sich selbst nicht. Wenn ich die Initiative ergriff, ließ er es geschehen. Aber das war auch alles. Nach sechs Jahren hatte ich dazu keine Lust mehr. Nach acht Jahren dachte ich: „Das kann doch nicht alles gewesen sein!“ und machte „Butter beim Fisch“. Ich beendete die Beziehung, weil wir seit Jahren nur noch wie Bruder und Schwester zusammengelebt hatten. Als Partner und Mensch blieb T. mir fremd. Es gab keine innere und keine äußere Nähe, nur tristes Alltagseinerlei.

Unsere Habe wurde geteilt, das gemeinsam angeschaffte, neue Auto verkauft. Jeder half jedem beim Umzug, und wir gingen in Freundschaft auseinander.
1998 hatte ich mir schließlich eine kleine 75 qm-Wohnung und meine Freiheit erkämpft und lebte nach neunjähriger Lebensgemeinschaft wieder mit meinem jüngsten Sohn allein.

Nach meiner Trennung von T. war ich voller Zuversicht, irgendwann doch noch die Liebe zu finden, nach der ich mich schon ein Leben lang sehnte. Nach zwei missglückten Kurzversuchen mit vermeintlichen Kandidaten, waren die Stroh-feuer schnell wieder erloschen… auch meine Hoffnung. Ich war enttäuscht und frustriert und befürchtete, für lange Zeit allein sein zu müssen, wenn nicht für immer. Mit fast 50 ist eine Frau für die Männerwelt nahezu unsichtbar. Ich sah zwar jünger aus, passte aber längst nicht mehr in das gängige Beuteschema und ältere Männer nicht in meines.

Damals setzte ich Zeichen für den Beginn eines neuen Lebensabschnittes: Zunächst verlor ich bei „Weight Watchers“ 13 Kilogramm Gewicht; dann wurde ich nach 30 Jahren intensivem Glimmstengelkonsum Nichtraucherin. Das, was ich nie für möglich gehalten hatte, gelang mir mit eisernem Willen in kürzester Zeit. Ich fühlte mich befreit und runderneuert.
Doch die innere Leere konnte ich mit äußeren Aktionen nicht füllen.

Kleiner Rückblick – Lehrgeld

Fortsetzung Teil 15

Nach der Entbindung blieb ich ein Jahr lang zu Hause. Aus den wenigen Mitteln, die mir zur Verfügung standen, „bastelte“ ich meinem Sohn ein eigenes Kinderzimmer und lackierte mein Schlafzimmer schwarz/orange. Ich selbst schlief im Wohnzimmer, in einem alten Bett, das ich mir bei Emmaus besorgt hatte.

Zu meinen Eltern hatte ich nach wie vor keinen Kontakt, wohl aber zu meiner Oma, die ich hin und wieder besuchte. Sie konnte für das „Niggerkind“ keine Sympathien entwickeln, was mir sehr weh tat.

Ein Mal in dieser Zeit traf ich meine Mutter beim Bäcker. Mein Söhnchen lag im Kinderwagen. Meine Mutter hatte nicht EINEN Blick für ihn und grüßte auch nicht. Das war wie ein Stich ins Herz! Es war so schlimm für mich, dass die Verkäuferin die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

1983 arbeitete ich wieder halbtags im Großhandel für Dachdeckerbedarf, verbotenerweise, weil ich eigentlich Sozialhilfe bezog. Aber ich wollte unbedingt meine Schulden abbauen. Mit Sozialhilfe allein wäre das unmöglich gewesen. Mein jüngster Sohn wurde während meiner Arbeitszeit von einer Tagesmutter betreut, die ich mir durch das Jugendamt hatte vermitteln lassen. Alles war soweit geregelt, doch ich fühlte mich einsam und allein gelassen.

Heimlich verehrte ich meinen Juniorchef und stellte ihn mir als vorbildlichen Ehemann vor. Er war immer freundlich und charmant und sah noch dazu gut aus. So einen Mann wünschte ich mir.

Es war am Anfang des Jahres 1983, als S.’s Oma heimlich für ihre Enkelin in der Zeitschrift ‚Heim und Welt‘ eine Heiratsannonce aufgegeben hatte. Meine Freundin fiel aus allen Wolken, als ihr über dreißig Briefe ins Haus flatterten, die sie selbst gar nicht haben wollte. Weil ich allein war, bot S. mir die Briefe an.

Schon damals legte ich großen Wert auf gute Rechtschreibung, obwohl ich selbst nicht fehlerfrei bin. Das war ein Kriterium, nach dem ich die Interessenten auswählte. Schließlich fiel die Wahl auf einen Mann in Freiburg, der sich als Geschäftsführer des Pharmakonzerns „Hoffmann La Roche“ in Basel ausgab. Was und wie er schrieb, sprach mich gleichermaßen an, und ich begann einen Briefwechsel mit ihm. Die Briefe waren allesamt handgeschrieben und meistens seitenlang. Fast täglich kam Post, und wenn der Briefkasten leer blieb, war ich enttäuscht. Es waren schöne Briefe, und ich war beeindruckt von der Wortwahl des Absenders. Schon hing ich am Haken.

Ganz zu Beginn der Korrespondenz teilte dieser Mensch mir mit, dass er in Freiburg wegen eines Verkehrsdelikts für ein halbes Jahr im Gefängnis säße und im Herbst entlassen würde. Das war zunächst ein Schock für mich, doch ich dachte, dass jeder andere auch in solch eine Lage kommen könnte und bewunderte ihn für seine Offenheit.

Eine meiner Freundinnen las mit mir gemeinsam die Briefe, und auch sie konnte nichts Negatives entdecken. Ich versuchte bei ‚Hoffmann La Roche‘ in Basel herauszubekommen, ob die Angaben meines Brieffreundes stimmten. Doch ich konnte nichts in Erfahrung bringen. Selbst der Gefängnispfarrer gewährte mir keine Auskunft. Mein Bauchgefühl saß voller Skepsis, mein Herz sagte zaghaft „Ja“ und mein Verstand riet ganz und gar ab.

Wir schrieben uns ein halbes Jahr lang, und als der Herbst nahte, war ich fest entschlossen, meinen inhaftierten Schreiberling in Freiburg zu besuchen. Vor seiner Entlassung stand eine Operation an der Harnröhre bei ihm an, und ich besuchte ihn im Krankenhaus.

Er war sehr freundlich und machte einen guten Eindruck auf mich. Etwas Jungenhaftes hatte er an sich und das gefiel mir gut. Als ich Freiburg verließ und nach Hause zurückfuhr, war ich fest entschlossen, mich auf eine Beziehung mit dem mysteriösen „Herrn Meier“ einzulassen. Er schrieb, dass er Ende Herbst aus der Haft entlassen würde, und er fragte mich allen Ernstes, ob ich mit ihm nach Paris gehen würde. Dort habe man ihm seitens der Firma, in der er arbeitete, einen leitenden Posten angeboten. Ich wusste gar nicht wie mir geschah. Ich freute mich darüber, doch es blieb ein gewisses Risiko für mich, denn er verlangte, dass ich meinen Job aufgeben sollte.

In der Firma, in der ich arbeitete, machten sich die Männer lustig über mich.
„Irgendwann wirst du in Paris in einem Schaufenster sitzen!“, witzelten sie. Ich überhörte ihre Mahnungen und kündigte.

Dann stand mein Brieffreund vor meiner Türe, und ich ging zum Sozialamt und meldete mich ab. Etwas vorschnell, wie sich bald darauf herausstellte.
Drei Tage vergingen, bis es früh morgens an der Türe sehr energisch schellte. Zwei Kripo-Beamte in Zivil standen davor. Sie fahndeten nach meinem Bekannten. Er wäre aus der Haft geflohen, sagten sie und müsste noch sieben Jahre wegen schweren Raubes absitzen. Ich war fassungslos und konnte nicht glauben, was da geschah. Alle Träume waren mit einem Mal geplatzt wie eine Seifenblase.

Ich hatte keinen Job mehr, ja selbst das Geld vom Sozialamt konnte ich nun nicht mehr in Anspruch nehmen. Nachdem ich alle Briefe vernichtet hatte, fuhr ich zur Justizanstalt in die Innenstadt und machte Schluss mit diesem Menschen. Doch der hatte nichts Besseres zu tun, als einen Erpressungsversuch zu starten.
„Wenn du Schluss machst, verpfeife ich dich beim Sozialamt!“, hatte er mir angedroht. Nun saß ich endgültig in der Klemme. Den Triumph wollte ich ihm nicht gönnen.

Zunächst musste ich für mich und meinen Sohn Geld zum Leben auftreiben, und zwar sofort. Ich schaute durch die Anzeigen des Wochenblattes, und mir fiel eine Annonce ins Auge, die sofortiges Geld versprach. In einem Edel-Saunaclub wurden ‚Damen‘ gesucht. Ich meldete mich noch am gleichen Tag, und obwohl ich so etwas noch nie gemacht hatte, war ich fest entschlossen, dort wenigstens zur Überbrückung arbeiten zu dürfen, bis sich etwas anderes fand. Augen zu und durch!

Aber ich hatte es mir leichter vorgestellt. Die Mädchen, die dort arbeiteten, waren allesamt nett. Die meisten machten den Job gerne und freiwillig. Unvorstellbar! Am ersten Abend wurde ich in alles eingewiesen und saß zunächst knapp bekleidet an der Theke. Als die Türglocke ging, war ich sehr aufgeregt. Ich wusste nicht, was mich erwartete, doch dass es so schlimm werden würde, hatte ich nicht gedacht.

Mein ehemaliger Juniorchef kam zur Türe herein und sah mich genauso erstaunt an, wie ich ihn. Er war seit Jahren Stammgast in diesem Club, wie auch sein Vater und einige seiner Geschäftsfreunde, die ich dort später wieder traf. Ich war wie erstarrt, und wäre gerne ich im Erdboden versunken. Der untreue Ehemann ging mit Pamela, einer farbigen New-Yorkerin nach oben aufs Zimmer. Zum Glück nicht mit mir.

Später traf ich noch andere alte Bekannte wieder, wie beispielsweise F., den ehemaligen Schwarm meiner Mutter, der bereitwillig für eine Stunde Sex mit mir bezahlte. Es war eine neue Welt für mich…aber es war nicht meine.

Ich erspare mir die Einzelheiten des Rückblicks, denn sie waren alles andere als schön. Zwar wusste ich, dass es Triebgesteuerte gab, doch dass sie hier teilweise ihre Perversionen auslebten, hätte ich nicht gedacht.

Aber ich bekam bereits am zweiten Tag Geld zum Überleben. Abends und des Nachts war ich im Club, morgens brachte ich meinen Sohn in den Kindergarten. Zwischendurch kaufte ich ein und brachte den Haushalt in Ordnung, so gut ich konnte. Ab und zu versorgte mich meine Nachbarin, oder sie passte auf meinen Sohn auf, damit ich schlafen konnte. Es war schrecklich!

Jede Woche ging es zum Arzt zur Untersuchung. Das war eine peinliche Pflicht. Nach einem Monat fühlte ich mich tot und wurde immer dünner. Meine Psyche und mein Darm rebellierten. Jedes Mal, wenn es im Club an der Türe schellte, ging es zur Toilette, weil ich mich übergeben musste. Ich war bis auf 55 kg abgemagert und krank. Diese „Arbeit“ hatte mich hässlich gemacht, und die Gäste sahen mich auch so. Ich konnte und wollte nicht mehr. Es gruselte mich vor den geilen, teilweise ungewaschenen Typen, den Möchtegern-Prominenten verschiedener Fußballclubs und dem stets betrunkenen Fabrikbesitzer, der nächtelang sadistische Spielchen mit den Frauen liebte. Sie kamen allein, zu zweit oder zu dritt und wollten dementsprechend bedient werden. Das Schicksal befahl mir dort aufzuhören.

Da ich keinen Menschen hatte, wo ich meinen Sohn hätte hingeben können, erklärte sich eine liebe Ex-Kollegin bereit, ihn zu versorgen, als ich ins Krankenhaus kam. Das tat sie, obwohl ihr Mann aus Eifersucht strikt dagegen war. Ich muss ihr heute noch dankbar dafür sein.

Nachdem ich den ungeliebten Job aufgegeben hatte, ging ich erst zum Sozialamt und dann in die Klinik. Einen ganzen Monat lang blieb ich dort, bis sich mein Zustand, der mit Herzrasen und Durchfällen einherging, wieder einigermaßen normalisiert hatte.

Mit der Sachbearbeiterin vom Amt redete ich Klartext und gestand ihr auch meinen Nebenverdienst im Büro, mit Arbeitszeit von fast einem Jahr. Ich wollte frei sein von jeglichem Druck, doch jetzt erdrückte mich die Situation.

Die Selbstanzeige brachte mir 1.200 DM Strafe ein und die Rückzahlung der seinerzeit gezahlten Unterstützung. Es war ein hoher Preis für meine Dummheit, und ich traute zunächst keinem Menschen mehr.

Die nette Frau vom Sozialamt versuchte mir zu helfen. Da sie wusste, dass ich gerne arbeiten würde, bot sie mir in einer Emmaus-Gemeinschaft eine ABM-Stelle an, die gut bezahlt wurde. Ich willigte sofort ein und trat im Folgemonat die Stelle an.

Das Büro war in einem ehemaligen Zechensiedlungshaus untergebracht. Die Gemeinschaft lebte nach den Grundsätzen von Rudolf Steiner, was mir damals überhaupt nichts sagte.

Ein Jahr lang blieb ich dort und machte neben den üblichen Büroarbeiten auch die Buchführung. Im Haus herrschten Büro unübliche Zustände, denn morgens musste ich selbst den Kohleofen anzünden, um es bei schlechtem Wetter warm zu haben. Die Tätigkeit schloss nicht nur die Büroarbeit ein. Ich fuhr in die Brotfabrik, um altes Brot zu kaufen und auf die Wochenmärkte, wo ich nicht mehr verkäufliches Gemüse und Obst umsonst erhielt. Davon und von selbst erwirtschafteten Gütern ernährte sich die Gemeinschaft. Alle vierzehn Tage musste ich kochen.

Später wurde ich nach Mülheim-Saarn versetzt, wo die Ratten durch das Büro liefen. Dort war die Gemeinschaft auf einem ehemaligen Fabrikgelände untergebracht. Man wohnte in Bauwagen, sammelte Lumpen und Kleider, die man verkaufte und führte einen gut besuchten Trödelmarkt. In einer riesigen Fabrikhalle waren Säcke bis an die Decke gestapelt, die aus Wohnungsauflösungen und Sammlungen stammten. Dort verbargen sich unschätzbare Werte, wie beispielsweise Brüsseler Spitze und wertvolles Porzellan, alte Gemälde und Kleider. Aber niemand kümmerte sich darum, bis irgendwann die ganze Fabrik einem Feuer zum Opfer fiel.

Damals war ich dankbar für den Job. Ich lernte andere Menschen kennen, die für ihre Ideale lebten und sich ganz selbstlos verhielten. Für mich war es ein Einblick in eine andere Welt.

Nach einem Jahr Emmaus-Arbeit informierte mich mein Vater über eine interne Stellenausschreibung des Chemiewerkes in dem er arbeitete, worauf ich mich bewarb. Mein Vater dachte gar nicht daran, sich für mich einzusetzen. Im Gegenteil, er riet mir ab. Der Chef dort sei ein Despot, der bereits zig Frauen im Büro rausgeekelt hätte. Irgendwie kam mir das bekannt vor. Wie war doch gleich mein Vater…?

Ich erinnerte mich an die Fahrten zur Oma, die dort wohnte. Anstelle der weiten Rheinaue von einst war dort eine Schwefelsäurefabrik entstanden. Als ich noch Kind war, warnte mich mein Vater immer davor, alleine in die Wiesen zu laufen: „Da wohnt der Bullemann!“, mahnte er damals.
Nun stellte ich mich dort bei ebensolchem vor.

Zuvor hatte ich von einem Haufen kleiner Ferkel geträumt, die mitten auf der Straße lagen. Dieser Traum ist mir immer ein Glückszeichen geblieben. Zwei Mal träumte ich ihn und wartete bisher vergeblich auf ein drittes Mal.

Foto: Image Source

Ich bekam die Stelle 1986 und blieb 31. Jahre dort, bis zu meiner Rente.

Kleiner Rückblick – Schwangerschaft

Fortsetzung Teil 14

Patrick 3 Jahre alt

Ich versuchte, die Schulden in 50 DM-Raten abzustottern, was aber bei zig verschiedenen Gläubigern nicht gelingen konnte, da mir nichts zum Leben übrig blieb. Die Mutter von F. half mir, das Gröbste zu bereinigen. Es war ein Tropfen auf den heißen Stein. Zum Essen blieb da nicht viel. Der Gerichtsvollzieher ging bei mir ein und aus und wollte am Ende sogar meine Perserkatze pfänden.

Manchmal kam meine Bekannte und steckte mir einen 20 DM-Schein zu. Das half mir dann über die nächsten Tage hinweg. Da ich starke Raucherin war, sammelte ich Kippen und drehte mir aus dem restlichen Tabak neue Zigaretten. Ich wusste damals, dass es so nicht weitergehen konnte. Ich hungerte und war froh darüber, wenn ich ab und zu von meiner Nachbarin einen Teller Suppe bekam. Sie meinte, es sei ein Wunder, dass ich mich nicht schon längst aufgehängt hätte.

Ich weiß nicht, woher ich die Kraft genommen habe, aber ich gab nicht auf. Nach kurzem Suchen bekam ich einen Bürojob in einem Großhandel für Dachdeckerbedarf und sah Licht am Horizont. Wie immer war jedoch eine Wolke in der Nähe, die schnell wieder alles verdunkelte.

Nachdem ich diesen Job zwei Wochen lang ausgeführt hatte, stellte mein Arzt eine Schwangerschaft fest, da mir ständig übel war. Wieder war eine Prophezeiung eingetroffen!

Das Schicksal hatte noch eins drauf gesetzt. Nun war ich restlos erledigt und trug mich zunächst mit dem Gedanken, abzutreiben. Doch ich konnte es nicht tun. Irgendetwas hielt mich zurück. Da war die einseitige Liebe zu Erick und die Überzeugung , dass niemand das Recht hat, Leben zu töten.

Ich sehe immer noch das erstaunte Gesicht meines neuen Chefs vor mir, der sofort dachte, ich hätte von der Schwangerschaft gewusst und daraufhin den Arbeitsvertrag mit ihm geschlossen. Aber das war nicht der Fall.

Zu meinem Geburtstag ließ ich mir aus reinem Interesse von meinen verwunderten Kollegen das Neue Testament schenken und begann darin zu lesen. Allerdings öffnete sich ‚das Wort‘ nur scheibchenweise, und bei „du sollst nicht schwören“ blieb ich verständnislos hängen, wo doch die christliche Welt auf die Bibel schwören lässt. Das war das erste Mal seit meiner Kindheit, dass ich mich mit ‚Gottes Wort‘ beschäftigte. Aber erst als ich 50 Jahre alt war, fielen mir die teuflischen Details dieses Buches auf.

Obwohl Erick nur noch selten nach Deutschland kam, stellte er mir ein Ultimatum: „Entweder ich oder das Kind!“, und: „Du erschwerst mein Leben!“ Ich entschied mich für das Kind und wusste, dass ich damit die Beziehung mit Erick, die eigentlich nie eine war, beendete.

Da ich kein Geld für eine Baby-Erstausstattung hatte, besorgte ich mir diese auf unlauteren Wegen durch eine Bestellung in einem Versandhaus und ließ es an eine fingierte Adresse im Hochhaus liefern. Mir stand das Wasser bis zum Hals, und ich tat niemandem damit weh.

Meine Bekannte kaufte mir kurz vor der Entbindung einen gebrauchten Kinderwagen und ein Bettchen. Sie fand einen Käufer für mein Auto, wovon ich mich schweren Herzens trennen musste. Trotz meiner armseligen Verhältnisse wollte ich das Kind unbedingt austragen. Es gab mir einen Grund, weiter zu leben. Über das Warum machte ich mir damals keine Gedanken.

Meine Eltern mieden mich seit Monaten. Besonders als sie von meiner Schwangerschaft erfuhren, war ich für sie nicht mehr existent. Sie taten einfach so, als würde es mich nicht geben. Von ihnen war keine Hilfe zu erwarten. Ich habe mein Lebtag keinen Pfennig von ihnen erfragt oder erhalten.

Schwarze Menschen waren Untermenschen für sie, genauso wie Juden. So hatten es ihnen der ‚große Führer‘ und die Pseudo-Wissenschaftler und Theologen der damaligen Zeit beigebracht. Ein farbiges Kind war für sie das Letzte. Sogar meine Oma schimpfte über das ‚Niggerkind‘, als sie es verächtlich beim Wickeln betrachtete. Oder ihr „Das machen doch nur Juden!“, wenn ich mit rot lackierten Fingernägeln bei ihr erschien. Wie hätten sie damals anders denken können? Weiß sein und noch dazu deutsch, das war für sie etwas Besonderes, ein Privileg. Sie gehörten zur militärisch gedrillten ‚Herrenrasse‘. Was sollte ein dummer Sklave in der Familie? Dafür schämten sie sich.

Aber sie waren nicht die einzigen Menschen, die Vorurteile hatten. Auch Erick hatte sie. Hauptsächlich gegen Weiße, weil sie sowohl die indigenen Völker, als auch die Schwarz-Afrikaner auf dem Gewissen hatten, von denen seine Familie abstammt. Obwohl ein Teil seiner frühen Vorfahren Afrikaner waren, meinte er: „Lass uns Monkeys gucken.“, wenn wir ein afrikanisches Lokal besuchen wollten.

Mir war das Gerede egal. Ich kannte einen dunkelhäutigen Tänzer aus Paris, der mit mir nicht über die Straße gehen wollte, weil sich das für eine weiße Frau nicht gehört.
So engstirnig und arrogant wollte ich nicht mit Leuten umgehen. Die brachten mir auch kein Essen vorbei, wenn ich Hunger hatte. Was hatte ich mit denen zu tun, außer sie bis zu einem gewissen Grad dulden zu müssen? Aber ich suchte immer eine Entschuldigung für ihr Verhalten, weil ich mich selbst so anders denkend wahrnahm.

Nach einer normalen Schwangerschaft kam mein Sohn zur Welt, und ich war froh, dass er trotz der vielen negativen Umstände gesund war. Meine Freundin S., die damals zwei Hochhäuser von mir entfernt wohnte, hatte mich zur Entbindung ins Krankenhaus gefahren. Ich musste mit Wehen zur Telefonzelle laufen, um sie darum zu bitten, weil ich kein Telefon besaß. Heute muss ich gestehen: Ich habe bis zur letzten Minute geraucht.

Einer der wenigen Menschen, die mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden hatte, war mein Lebensretter von einst gewesen.

Ich hatte Dr. Al-Faily zufällig wieder getroffen, als er mit dem Fahrrad des Weges kam. Zu der Zeit war ich bereits hochschwanger. Er wusste noch, wer ich war und freute sich, mich lebend wieder zu sehen. Ihm ging es zu der Zeit nicht gut, denn er hatte alles verloren: seine Freundin, sein Haus, seine Arbeit im Krankenhaus. Man hatte ihn nach 16 Jahren Deutschlandaufenthalt nach Bagdad zurückschicken wollen, doch er war Kurde und seine Familie war bereits nach Persien verschleppt worden. Also hatte er notgedrungen Asyl beantragt und durfte nicht mehr arbeiten. Das machte ihm zu schaffen. Er kam mich oft besuchen, auch nach der Entbindung in der Klinik, und wir waren froh, jemanden zum Reden zu haben. Später heiratete er eine Deutsche, und eröffnete eine Praxis am nördlichen Ende der Stadt.

Jahrzehnte später machte mich die geistige Welt darauf aufmerksam, dass mein Arzt von damals gar nicht mehr lebte. Ich wurde von meiner Hausärztin an einen bestimmten Internisten in Homberg überwiesen und ging versehentlich zu einem anderen. Dort erfuhr ich, dass er Arzt in der Klinik gewesen war, in der einst auch Dr. Al-Faily als Internist gearbeitet hatte. Er erinnerte sich sogar an „eine Patientin, die schwerstkrank und völlig abgemagert“ dort behandelt worden war. Als ich ihm sagte, dass ich diese Frau war, erzählte er mir, dass Dr. Al-Faily vor Jahren an Krebs gestorben sei. Das hat mich sehr betroffen gemacht, und ich wusste sofort, dass diese Botschaft mich hatte finden sollen.

Weder meine Eltern noch der Vater meines Kindes ließen sich blicken. Mein Söhnchen war ein goldiger, hübscher Junge, kaffeebraun und mit großen, schwarzen Locken. Als er drei Monate alt war, stand plötzlich sein Vater vor der Hochhaus Türe.
„Der ist ja fast weiß!“, war dessen entsetzter Ausruf gewesen, nachdem er seinen Sohn zum ersten und letzten Mal gesehen hatte. Ich kämpfte mit den Tränen. Erick ging und kehrte niemals wieder. Kurz vor meiner zweiten Eheschließung meldete er sich noch ein einziges Mal telefonisch bei mir.
„Gisela, verzeih mir, ich war ein Schwein!“, sagte er. Das war der letzte Kontakt.

Erick wurde mit Fahndung von der Staatsanwaltschaft gesucht, aber nicht gefunden. Unterhalt bekam ich keinen Pfennig, wohl aber eine kleine Beihilfe vom Amt für die ersten Jahre. Ich kämpfte täglich ums Überleben. Irgendwann wollte ich Ericks Bedenken widerlegen und beweisen, dass auch ein Farbiger in Deutschland etwas werden konnte…

Kleiner Rückblick – Voodoo

Fortsetzung Teil 13

von links: Ich – Marcel – Gabi – Erick

Erick kam in unregelmäßigen Abständen alle vier Wochen nach Duisburg.
Nach meinem letzten Krankenhausaufenthalt hatte ich keinen Kontakt zu meinen Eltern. Sie hätten keinerlei Verständnis für meine Beziehung mit einem Ausländer gehabt, schon gar nicht hätten sie einen schwarzen Mann akzeptieren können.

Meine Familie war nationalsozialistisch geprägt. Ausländer waren das Vorletzte und ‚Neger‘ das Allerletzte. Damals war man der Ansicht, ‚die‘ seien nur gut fürs Bett und noch dazu dumm. Solche Ansichten konnte ich nicht verstehen.
Selbst viele Jahre später, als Obama Präsident wurde, meinte mein Vater verwundert: „Der hat doch nicht mehr Grips als ich!“

Nur ist es schlecht, wenn man seinen Verstand für kriminelle Zwecke einsetzt.
Das ist unabhängig von Herkunft und Hautfarbe. Für mich sind in erster Linie alle Menschen gleich. Es gibt gute und weniger gute in jedem Kulturkreis.

Als ich wieder mal auf Erick wartete, war als Intermezzo eine kurze Reise nach Roermond geplant, wo die Familie eines ebenfalls in Curacao geborenen Bekannten lebte. Der bestand darauf, dass ich mit meinem eigenen Auto fuhr, erzählte mir aber sonst keine Einzelheiten.

Es handelte sich um ein Familientreffen. Alle waren dort und unterhielten sich in der Landessprache Papiamento, die ich nicht verstand. Anwesend waren ungefähr 20 Personen. Ich hatte mich in die hinterste Ecke verkrochen, weil die Situation sehr angespannt war. Die Frauen gestikulierten wild und legten eine aufgeschlagene Bibel auf den Küchentisch, vor eine mittel-alte Frau, die irgendwie geistig von Sinnen zu sein schien.

Wie sich später herausstellte, war es die Schwägerin. Man sagte ihr nach, dass sie mit Hilfe eines Voodoo-Priesters aus Tahiti die Familie umbringen wollte. Sie hatte mehrfach Lebensmittel ins Haus gebracht, die angeblich ‚besprochen‘ worden waren. Dadurch verunglückten mehrere Personen. Die Mutter hatte zwei Autounfälle mit Knochenbrüchen knapp überlebt.

Die dunkelhäutige Schwägerin stritt alles ab, schimpfte und tobte, so arg, dass sie wütend aufsprang und mit den Fäusten gegen die Wand schlug. Erst als sie sich vor das aufgeschlagene Buch setzen musste, wurde sie zunehmend ruhiger. Sie erinnerte mich an den Film „Exorzist“.

Es gab eine junge Familie dort, in der ein schwarzer Mann mit einer weißen Frau verheiratet war. Aus dieser Verbindung war ein Kind hervorgegangen. Diese Familie war besonders belastet und schon mehrfach umgezogen. Sie berichteten von schwarzen und weißen Katzen, die abends vor dem Haus übelste Kämpfe aufführten, wie ein Kampf zwischen gut und böse. Eines Tages hing das noch kleine Kind am Treppengeländer im oberen Stock, und eine unsichtbare Kraft drückte den Vater zurück, als er die Treppe hochlaufen wollte. Heraus kam, dass die Schwägerin aus Hass auf Weiße die Familie zerstören wollte.

1980

Das war nicht das erste Mal, dass mein Bekannter aus demselben Grund nach Roermond fahren musste. Er verschwieg mir, dass jedes Mal sein Auto kaputt ging, wenn er dorthin gefahren war. Diesmal fuhr ich mit meinem Golf und plötzlich riss auf der Überholspur der Autobahn der Gaszug auf der Rückfahrt. Mit Mühe gelang es mir bei voller Autobahn auf die rechte Spur zu wechseln, und wir landeten erleichtert auf dem Standstreifen.

Es vergingen danach einige Wochen, bis ich erfuhr, dass die Freundin meines Bekannten in der Sauna an ihrem Erbrochenen erstickt ist. Welch mächtige, dunkle Kräfte in der Angelegenheit aktiv gewesen sein müssen, wurde mir dann erst bewusst.

Anfang September 1980 wurde meine Gaststätte eröffnet. Für mich war das absolutes Neuland, da ich so gut wie keinen Alkohol trank und noch nie hinter einem Tresen gestanden hatte. Dieser war alt und die Kühlung taugte nichts mehr. Alle paar Tage waren die Flaschen eingefroren. Außerdem litt auch das Mobiliar unter Altersschwäche. Die Pächterin hatte einige Spielautomaten aufgestellt, doch wenn man an den Flipper fasste und gegenüber die Jukebox berührte, bekam man einen leichten Stromschlag. Die Bierfässer standen im Keller und mussten nach Bedarf neu angestochen werden.

Am Eröffnungstag begleitete mich meine Pächterin und machte mich mit allem vertraut. Das Lokal war voll und jeder erwartete ein Gratis-Bier. In Duisburg hatten etliche Kneipen schließen müssen, weil dort die Rockerbanden von den Lokalen Besitz ergriffen hatten. Dann blieben die anderen Gäste aus. Inmitten des größten Ansturmes im Lokal öffnete sich die Türe und ca. zehn Rocker in Kluft standen vor meiner Theke. Meine Pächterin gab mir zu verstehen, ich soll sie nicht bedienen.
Ich hatte das Gefühl, wenn ich das täte, schlagen die mir den Laden kurz und klein. Also bediente ich sie. Sie tranken nicht mal aus und verschwanden…um am Folgetag wiederzukommen.

Da wurde es richtig brenzlig, denn ich war alleine, ohne Schutz. Die Rocker hatten alle zusammen 100 Jahre Knast auf dem Buckel. So bedrohlich standen sie also in Reih und Glied vor meiner Theke und bestellten Bier, was sie auch bekamen. Aber zwei tranken es nicht, sondern schütteten es auf den Boden. Zunächst war ich schockiert, habe dann aber allen Mut zusammen genommen und bin wütend auf die Übeltäter zugesteuert. Sie bekamen von mir Lokalverbot. Dem Chef der Bande sagte ich, sie dürften in die Kneipe kommen aber ohne Montur, und wenn sie sich anständig benehmen, dürften sie gerne wiederkommen. Mir war damals so, als hätte ich sie verblüfft, denn sie kamen einige Tage später ohne ihre Banden-Kluft zurück. Ich hatte niemals mehr Handgreiflichkeiten, auch nicht zwischen den übrigen Gästen, weil mir die „Hells-Angels“ immer geholfen haben, wenn es nötig war. Mit ihnen fuhr ich ins Vereinsheim oder zum Eishockey. Später nahmen einige am Schachspiel mit Erick teil.

Erick dachte nicht im Geringsten daran, sich an der Arbeit zu beteiligen. Er benutzte lieber mein neues, auf Raten gekauftes Auto und mein Geld, während ich oft mehr als zwölf Stunden am Tag hinter dem Tresen stand und schuftete. Die Arbeit brachte keinen Gewinn…im Gegenteil. Ich hatte liebe Stammgäste, die mir halfen, wenn Not am Mann war. Kurz vor Karneval packte ich mein Bierlager voll und erhoffte mir einen großen Umsatz, weil der Zug direkt an meiner Kneipe vorbeiführte. Weit gefehlt!
Eines Morgens saß ein neuer Wirt an meinem Tresen und behauptete, er sei der neue Pächter. Die ‚Dame‘, die mir die Gaststätte verpachtet hatte, hatte mich über den Tisch gezogen. Sie hatte die Kneipe verkauft, ohne mir ein Wort zu sagen. Die 1.200 DM Konventionalstrafe taten ihr nicht weh – mir aber sehr. Für die Vorräte und das Inventar hatte ich Schulden gemacht, und es gab unzählige Rechnungen, die bezahlt werden mussten. Zusammen mit dem Auto waren es fast 35.000 DM, die offen standen.

Alle Arbeit, jede Hoffnung auf eine angenehmere Zukunft waren umsonst gewesen. Nun hatte ich nichts mehr außer Schulden. Als ich das Auto wieder abgeben musste, blieb Erick in Holland. Bei mir war nichts mehr zu holen.

Wird fortgesetzt…








Kleiner Rückblick – schwarz, rot, (gold)

Fortsetzung Teil 12

Meine Arbeitskollegin ist leider bereits mit 40 Jahren verstorben. Foto 1977

Auch nach meiner schweren Darm-Operation im Jahre 1979 fuhr ich oft zum Tanzen in eine Diskothek nach Essen oder verbrachte Abende mit Ursel, frühere Arbeitskollegin aus der Schifffahrt, die sich später mit einer Boutique selbstständig gemacht hatte.

Außerdem war zwischenzeitlich meine Freundin S. aus Günzburg nach Duisburg zurückgekehrt, weil ihr Vater verstorben war. Sie wollte sich hier eine neue Wohnung und Arbeit suchen. Ich gewährte ihr kostenlos Unterkunft. Während ich tagsüber arbeiten musste, hütete sie das Haus und machte keinen Handschlag.

Schon nach kurzer Zeit merkte ich, dass das Zusammenleben mit S. nicht so recht klappte. Manchmal wusch sie sich nicht und lief den ganzen Tag im Bademantel umher. Wenn ich nach Hause kam, war die laute Musik von Bob Marley nicht zu überhören. Die Vorliebe für schwarze Musik gab sie an mich weiter.

Auf einer Tour nach Essen lernte ich im dortigen Bekanntenkreis Erick aus Curacao auf einer Party kennen. Er war ein stiller Typ und wirkte zurückhaltend, war aber ‚mit allen Wassern gewaschen‘. Damals sah ich trotz der schweren Erkrankung und meiner Gewichtsabnahme recht gut aus. Da ich meine Haare größtenteils durch die Kortisonbehandlung verloren hatte, wurden die spärlich nachgewachsenen neuen Haare abgeschnitten und unter einer Perücke versteckt. Das wusste aber fast niemand. Ich war in Ericks Augen eine gewinnbringende ‚Sache‘, die er für seine Zwecke nutzen konnte.

Seine dunkle Hautfarbe hatte einen rötlichen Schimmer und auch seine Augen verrieten indianische, südamerikanische Vorfahren. Er hatte in Curacao ein Stipendium erhalten und wollte in den Niederlanden studieren. Doch dort verfiel er mehr und mehr der Spielsucht und verzockte das ganze Geld in einem Kasino in Den Haag.

Schachspielen war seine größte Leidenschaft. Dafür stand er mitten in der Nacht auf und spielte stundenlang gegen sich selber. Er war Mitglied eines Schachclubs in Den Helder. Gegen einen Großmeister hatte er in Amsterdam Remis gespielt. Trotz seiner hohen Intelligenz hatte ihn die Rassendiskriminierung zu der Lebenseinstellung gebracht, niemals für Weiße arbeiten zu wollen und jeder weißen Frau ein farbiges Kind zu machen. Er glaubte auch nicht an einen weißen Jesus, sondern an einen schwarzen. Ich konnte ihm das nicht verdenken.

Wenn wir zusammen ausgingen, dauerte es keine fünf Minuten bis andere Frauen versuchten, ihn anzumachen. Er war nicht groß, hatte feine Gesichtszüge und wache Augen. Ihm entging nichts!

Foto ist leider beschädigt

Er machte kein Hehl daraus, dass er auch mit anderen Frauen ins Bett ging. Manchmal ließ er sich dort von mir mit dem Auto abholen. Solche Exkursionen waren für ihn normal und alle weißen Frauen gleich schlecht.

Alle sechs Wochen reiste er von Den Helder nach Duisburg. Dort gab es eine Ex „Yolanda“, die hochschwanger von ihm war. Erick war sehr sprachbegabt und lernte die deutsche Sprache innerhalb eines halben Jahres.

Ich hatte damals nur wenig Geld, versuchte aber, genug zu essen im Haus zu haben, wenn er zu mir kam. Er stellte Ansprüche und ließ mich bezahlen. Zu jedem Essen musste Apfelmus auf dem Tisch stehen, und wenn ich es vergessen hatte, wurde ich mit Schweigen ‚bestraft‘.

Er hatte die Ausstrahlung eines kleinen, unschuldigen Jungen, wenn er völlig nackt, mit Toilettenpapier unter der Vorhaut, in sein Schachspiel vertieft, im Wohnzimmer saß. Es kümmerte ihn nicht, wenn meine Freundinnen zu Besuch kamen. Er blieb ungeniert sitzen, als wäre dies das Selbstverständlichste auf der Welt.

Doch, wenn ihm etwas nicht passte, konnte er sich in einen Satan verwandeln. Dann benutzte er mich wie in seinem Spiel und schaute, wie ich reagieren würde, wenn er gewisse Dinge tat, die mich verletzten. Er sprach dann beispielsweise kein einziges Wort mehr mit mir …tagelang oder tat so, als sei er plötzlich impotent geworden, nur weil ich ‚böse‘ zu ihm war. Er opferte ‚die Dame‘ und spielte mit meinen Gefühlen, und ich litt Höllenqualen.

Mit M., ebenfalls aus Curacao, dem Freund von S., die mittlerweile geschieden war, wollte er einmal nach Moers ins „Tic Tac“ fahren. Das war eine Diskothek, in der wir häufig verkehrten. Es war ihm völlig egal, dass ich einen Notarzt rufen musste, weil meine Bauchkrämpfe so stark geworden waren. Der Arzt gab mir ein Opiat, und ich lag zuerst weinend, dann blöd grinsend auf der Couch, als Erick ging.

Nachdem er wieder in Holland war, stand irgendwann ein asiatisch aussehender Bekannter von ihm vor meiner Türe und erklärte, dass Erick ihm erlaubt hätte, für eine Weile bei mir zu wohnen. Ich traute meinen Ohren nicht! Dieser Mensch hatte eine Anstellung als Kellner in einem hiesigen Lokal angenommen und suchte eine Unterkunft. Mir war nicht wohl zumute, aber ich ließ ihn in meine Wohnung. (Ich war so blöd damals) Zwei Wochen lang biss ich die Zähne zusammen. Fast täglich gab es Streit, weil er anscheinend gar nicht daran dachte, sich eine andere Bleibe zu suchen. Als mein Frust am Größten war, setzte ich ihn kurzerhand vor die Türe.

Zwei Mal versuchte Erick, mich zur Einnahme von Kokain zu bewegen, aber ich lehnte ab. Ich ahnte, dass er in Holland damit Geschäfte machte, wusste aber nichts Genaues. Wollte ich auch gar nicht wissen.

Ich liebte das exotische, niedliche „Tierchen“ in ihm, doch seine böse, menschliche Seite schockierte mich zutiefst. Als wir gemeinsam bei meiner Bekannten in Essen übernachten wollten, fing er mit ihr hinter meinem Rücken ein Liebesspiel an, obwohl ich daneben lag. Damals war ich erbost und bin im Schockzustand nach Hause gefahren. Tagelang habe ich geweint. Ich verstand nicht, wie er so etwas tun konnte. Er meinte nur: „Deutsche Frauen lieben das doch so!“

Dass diese Frau keine Skrupel kannte, hatten S. und ich bereits am eigenen Leib erfahren. Manchmal war Gabi sehr impulsiv. Einmal war S. mit mir in Essen gewesen, und wir fuhren mit dieser „Freundin“ abends durch die Stadt. Sie besaß einen Sportwagen und uns war langweilig. Irgendwann steuerten wir eine Tankstelle in der Innenstadt an und sahen, wie auch zwei junge Polizisten mit ihrem Streifenwagen dort Halt machten. Wir wollten Spaß haben und dachten uns ein Spielchen aus.

Kurzerhand wurde eine Rallye durch Essen geplant, worin wir natürlich die nichts ahnenden Polizisten mit einbeziehen wollten. Unsere Bekannte gab Gas und jagte mit 100 km/ h durch die Stadt. Die Polizisten mit Blaulicht und Martinshorn hinterher. Mit 140 km/h ging es schließlich am Baldeneysee vorbei. Dann ließ sie sich zu guter Letzt überholen und hielt an. Die gar nicht mehr so „netten Jungs“ befahlen ihr mit ernster Miene auszusteigen und kontrollierten Fahrzeug und Papiere.

S. und ich vermuteten, dass Gabi ihren Führerschein nun los sei, doch weit gefehlt. Hinten am Auto wurde plötzlich gelacht und gescherzt. Man verabschiedete die Fahrerin mit den mahnenden Worten, sie solle nun vernünftiger fahren, und sie verließen den ‚Tatort‘ in Richtung Innenstadt. Wir fuhren anschließend in derselben Richtung weiter. Nach etwa einem Kilometer fanden wir den Streifenwagen vor, der mit offener Motorhaube rechts am Straßenrand stand. Unsere Bekannte stoppte und bot sich an, die Polizisten bis zur Wache abzuschleppen, was sie dann auch tat. Kurz bevor sie dort ankam, stellte sich jedoch heraus, dass der Wagen vollkommen in Ordnung war. Man hatte sie mit dem angeblichen Motorschaden auf den Arm genommen.
Zusammen mit der ‚Dame‘ aus Essen fuhren Erick und ich eines Tages nach Holland. Es war abgesprochen, dass wir nach Den Helder in ein Motel fahren würden, um dort den Abend zu verbringen. Doch es kam ganz anders: Erick fuhr nach Amsterdam und setzte mich dort bei einem seiner Freunde ab, der ein Bordell unterhielt. Dort saß ich zunächst ahnungslos an der Theke, denn ich bemerkte erst später, was dort abging.

Ich erwartete Erick zurück, doch er kam nicht, weil er die Nacht allein mit der Bekannten verbringen wollte. Erst am darauffolgenden Tag holte er mich ab. Ich war schockiert und mit der Situation mal wieder völlig überfordert.

Dann bekam ich 1979 kurz vor Weihnachten bei derselben ‚Dame‘ einen Darmverschluss und erbrach Unmengen von Stuhl, so dass sie mich ins Krankenhaus nach Moers bringen musste. Ich war froh, dass mir dort geholfen wurde. Trotzdem wurden das die schlimmsten Weihnachtstage meines Lebens, und ich hatte schon – weiß Gott – genug davon hinter mir.

Man legte mir eine Magensonde, weil mir das ständige Erbrechen meine Kraft nahm und gab mir Rizinusöl zum Abführen. Die Krämpfe, die ich daraufhin hatte, waren grausam. Stundenlang krümmte ich mich unter Koliken und bekam kein Schmerzmittel. Als ich die unfreundliche Stationsschwester nach einem Medikament fragte, bekam ich zur Antwort, ich soll mich nicht so anstellen.

Einen Tag vor dem Heiligen Abend kam Erick und die Essenerin zu mir ins Krankenhaus. Sie blieben nur kurz und erzählten mir ganz beiläufig, dass sie zusammen nach Holland fahren würden, um dort Weihnachten zu feiern. Es verletzte mich zutiefst, und genau das war auch beabsichtigt. Ich blieb allein zurück und war todtraurig.
An den Weihnachtstagen bekamen alle Zimmergenossen Besuch und Geschenke. Zu mir kam niemand. Essen durfte ich auch nichts. Ich saß abends einsam mit meinem Tropf auf dem Flur und weinte. Es ist bitter, zu wissen, dass einem keine Menschenseele mehr nahesteht.

Meine Eltern hatten sich bereits bei meiner Einlieferung beleidigt von mir zurückgezogen. Sie waren pikiert darüber gewesen, dass ich meiner Bekannten den Wohnungsschlüssel gegeben hatte und nicht ihnen.

Als ich durch die inneren Vernarbungen den Darmverschluss bekam, hatte ich nicht darüber nachgedacht, wem ich den Schlüssel zu meiner Wohnung geben sollte… was mir später zum Verhängnis wurde. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus musste ich nämlich feststellen, dass nicht nur die besten Kleidungsstücke in meinem Schrank fehlten, sondern dass auch eine Telefonrechnung von 1.400 DM für Auslandsgespräche nach Curacao auf mich wartete.

Mit S. hatte es zwischenzeitlich Streit gegeben, weil sie dreimal hintereinander den Abwasserschlauch meiner Waschmaschine nicht in die Badewanne gelegt hatte. Jedes Mal war das Badezimmer voller Spülwasser gewesen und beim 3. Mal habe ich sie kurzerhand rausgeworfen. Sie ging und wir hatten längere Zeit keinen Kontakt.

Finanziell und körperlich erholte ich mich damals nur langsam. Erick tat so, als wäre nichts geschehen. Er hatte kein Gewissen und mir fehlte die Selbstliebe. Er zog mir nicht nur den letzten Pfennig aus der Tasche, sondern auch all meine Lebensfreude.
Es war im Februar 1980, als ich in bitterster Eiseskälte nach Den Helder fuhr, um ihn zu sehen. Gegen Abend kam ich am Bahnhof an. Er ließ mich stundenlang warten, solange, bis das Bahnhofscafé geschlossen wurde. Zitternd stand ich draußen auf der Straße. Schließlich kam er doch noch, aber nur um mir zu sagen, dass er nach Rotterdam fahren müsste. Ich könnte nicht mitkommen. Dann ließ er mich völlig fassungslos auf der Straße stehen.

Ich war außer mir und nahm weinend den nächsten Zug über Amsterdam zurück nach Hause. Die Fahrt hatte mich mein letztes Geld gekostet. Nach Mitternacht kam ich in Duisburg an und ging direkt in eine Diskothek am Bahnhof, wo ich den schwulen DJ kannte. Ich erzählte ihm mein Unglück, und er fragte, ob ich nicht Lust hätte, auf einem Kümo mit nach England zu fahren. Der Kapitän des Schiffes sei im Lokal und hätte bestimmt nichts dagegen einzuwenden.

Mir war in dem Moment alles egal gewesen. Ich hätte tot umfallen können. Erick hatte alles in mir abgetötet. Ich überlegte nicht lange und sprach mit dem Schiffsführer. Er war einverstanden und meinte, wenn ich kochen könnte, wäre ich an Bord herzlich willkommen.

Ich musste mich von meinem Schmerz ablenken. Alles war mir recht. Ohne einen Pfennig Geld in der Tasche, ohne Angst und mit einer riesigen Portion Gleichgültigkeit ging ich gegen Morgen mit an Bord. Das Schiff hatte Holz geladen und fuhr wild schaukelnd über den Kanal nach London. Ich wurde so fürchterlich seekrank, dass ich sterben wollte. An Kochen war gar nicht zu denken. Mein Darm spielte verrückt. Oben und unten kam es gleichzeitig, und ich war nicht in der Lage aus dem Bett aufzustehen. Ich entleerte mich in Plastiktüten, die ich in einem Spind verstaute. Die Bullaugen konnten auf See nicht geöffnet werden, sonst hätte ich sie hinausgeworfen. Als wir in London anlegten, waren die Tüten verschwunden. Ich schämte mich sehr und schwieg.

In London gingen wir an Land und abends spielten wir gemeinsam Karten mit dem Kapitän und dessen schottischer Freundin. Sie stand schon morgens unter Alkohol.
Ein dunkelhäutiger Matrose von den kapverdischen Inseln half mir so gut er konnte. Die Verständigung war schlecht, wie mein Englisch, trotzdem landeten wir irgendwann im Bett. Das war meine stille Rache an Erick, obwohl dem das eigentlich egal war. Ich empfand wie immer nichts. Nach sechs Wochen kehrten wir nach Deutschland zurück.

S. hatte mich gesucht. Sie hatte gedacht, dass Erick mich in Holland umgebracht hätte und bei der Kripo in Amsterdam angerufen. Dort war eine Leiche ohne Kopf gefunden worden. Sie war heilfroh, als ich wieder zu Hause war.

So lang ich denken kann, leben Katzen bei mir. Sie sind die ehrlichsten, treusten Geschöpfe unter dem Himmel und waren mir in meiner Einsamkeit stets ein Trost. Damals hatte ich einen Kater, an dem ich sehr hing. Erick war allergisch gegen vieles… behauptete er. Er mochte es nicht, wenn Tiere in der Wohnung waren und tyrannisierte mich so lange, bis ich das arme Tier bei Nacht und Nebel aus dem Hochhaus brachte.

Ich war verzweifelt, weinte und schrie. Meine Freundin S. war zum Glück bei mir und hielt mich in letzter Minute davon ab, im 20. Stock aus dem Fenster zu springen. Ich war am Ende meiner Kräfte. Fast ein ganzes Jahr später saß das ausgesetzte Tierchen wohlgenährt wieder unten im Flur des Hochhauses. Das war ein kleines Wunder.
Bis heute weiß ich nicht, weshalb ich Erick so hörig gewesen bin, der NUR schlecht an mir handelte und der mich nur für seine Zwecke benutzte.

Ich denke, es lag daran, dass ich in ihm meinen Vater gesehen habe, dem ich als Kind aus Angst alles recht machen musste, und von dem ich nur Tadel und Prügel, aber niemals Liebe erhalten hatte.

Sexuell war mir seit meiner ersten Vergewaltigung jegliches Gefühl verschlossen. Ich ließ den Akt über mich ergehen, ohne jemals einen Höhepunkt zu erleben. Es war wie ein Händeschütteln, mehr nicht. Doch ich wollte nicht allein sein. Es gehörte dazu, und ich brauchte die männliche Energie. Mein Körperbewusstsein und meine sexuellen Empfindungen änderten sich erst irgendwann nach der Geburt meines zweiten Sohnes.

Ende 1979 hatte ich zum ersten Mal zusammen mit S. eine Kartenlegerin besucht. Ich kannte das von zu Hause. Meine Mutter legte hin und wieder die Skatkarten. Legte sie drei Siebener, starb jemand. Es war verblüffend, aber die Nachricht bestätigte sich umgehend.

Noch heute weiß ich ganz genau, was die Wahrsagerin damals sah. Diese Frau ist leider schon lange tot. Alles, was sie sagte, traf ein:
„Mit 50 Jahren werden Sie endlich das machen, was Sie schon immer machen wollten.“ Ich verstand damals den Sinn dieses Satzes nicht.

Sie legte Lenormandkarten und sagte mir, dass mein Herzensmann in einem Blumenland am Wasser wohnte, und dass ich in zwei Jahren schwanger sei.
Sie war entsetzt über mein negatives Kartenbild gewesen, und ihre erste Prophezeiung bewahrheitete sich 1980. Um Erick die Möglichkeit zu schaffen, hier in Deutschland zu arbeiten, unterschrieb ich einen Pachtvertrag für eine Kneipe in Bahnhofsnähe. Damit hatte ich endgültig meinen finanziellen Untergang besiegelt.

Fortsetzung folgt…

Kleiner Rückblick – Krankheit

Fortsetzung Teil 11

Ende 1979 in der psychosomatischen Klinik im Schwarzwald zur Reha

Die psychische Belastung der vergangenen Jahre forderte ihren Tribut. Von einem Tag auf den anderen bekam ich massive, blutige Durchfälle, die mit Krämpfen einhergingen. Irgendwann konnte ich wegen der Schmerzen nicht mehr arbeiten. Über ein Jahr lang war ich krank geschrieben und erhielt schließlich die Kündigung.

Monatelang war ich 1977/78 von einem Arzt zum anderen gelaufen und hatte mir schließlich auf Verdacht die Gallenblase wegen eines Steines entfernen lassen. Keiner erkannte die Ursache meiner plötzlichen Durchfälle und der immer wiederkehrenden Darmkoliken, und als ich in meiner Not kurz vor Weihnachten schließlich zum Gynäkologen ging, wies der mich notfallmäßig ins Homberger Krankenhaus ein.

Es war „kurz vor Zwölf“ gewesen. Zwanzig Kilogramm hatte ich bereits abgenommen. Ich wurde mit 50 kg auf die Intensivstation gelegt und sechs Wochen lang künstlich ernährt. Bei einer Bauchspiegelung konnte man einen großen Entzündungsherd im Darmbereich ausmachen und riet zur baldigen Operation.

Was man alles in mich hinein spritzte, weiß ich nicht mehr. Nach über einem Monat waren alle meine Venen durch die Infusionsnadeln kaputt. Selbst die hart gesottene Ordensschwester Hermana litt mit mir, wenn sie mir morgens einen neuen Tropf anlegen musste. Irgendwann ging nichts mehr. Die Ärzte legten mir in zweieinhalbstündiger Prozedur einen Subclavia Katheder und punktierten mich, da man zusätzlich eine perniziöse Anämie vermutete. Dann bekam ich vom ‚Novalgin‘ einen anaphylaktischen Schock. Das wurde angenommen, möglicherweise waren aber Keime des Katheders schuld.

Der kurdische Arzt Dr. Al-Faily hatte mein Bett geschnappt und es in Windeseile zur Intensivstation geschoben, nachdem er mich zufällig kollabierend im Zimmer vorgefunden hatte. Mein Puls betrug nur noch 35 und ich bekam keine Luft mehr. In meiner Todesangst schrie ich panisch: „Ich will nicht sterben…ich will nicht sterben!“ Dann wurde ich ohnmächtig und erwachte auf der Intensivstation. Der Himmel erfüllte meine Bitte: Ich überlebte!

Aufgrund meiner negativen Erfahrungen wollte ich mich in der Homberger Klinik nicht operieren lassen und ging auf eigenen Wunsch nach Hause.

Wenige Tage später konnte ich das rechte Bein nicht mehr strecken und bekam wieder heftigste Schmerzen im rechten Bauchbereich.

Daraufhin erklärten sich meine Eltern zu meiner Verwunderung bereit, mich aufzunehmen, bis ich wieder gesund sei. Fortan lag ich dort im Wohnzimmer auf der schwarzen Ledercouch, unfähig zu laufen, weil ich auf dem rechten Bein nicht mehr stehen konnte. Jedes Mal, wenn ich zur Toilette musste, konnte ich nur auf allen Vieren oder gestützt dorthin gelangen.

Meine Eltern schliefen nebenan im Schlafzimmer, und ich musste meine Mutter rufen, wenn ich nachts raus musste. Einmal dann wurde mein Rufen von ihr nicht gehört, und ich machte mein großes Geschäft auf der Couch, was mir sehr unangenehm war. Am nächsten Morgen hat meine Mutter getobt und mich angeschrien. Später hat sie in Rage meiner Oma gesagt, dass ich nie mehr ins Haus käme, wenn ich erst wieder gesund sei. Beide standen im Wohnzimmer, wo ich alles genau mitbekam.
„Du bist immer schon ein Dreckschwein gewesen!“, hatte meine Mutter gesagt.
Es tat weh, doch ich konnte mich nicht wehren. Diese Worte schmerzten damals mehr, als mein Bauch. Und Oma stand daneben und schwieg.

Schließlich bot Oma mir an, einen Heilpraktiker zu bezahlen, der täglich kam, um mir Spritzen im Sinne der Neuraltherapie zu geben. Er spritzte mir in den Darm, ins Hüftgelenk und in die Wirbelsäule und diagnostizierte, weil er keine Ahnung hatte, eine Muskelentzündung. Irgendwann konnte ich nicht mehr aufstehen, sitzen, schreiben und sprechen. Ich weinte den ganzen Tag vor Schmerzen und bemerkte schließlich eine dicke, schmerzende Beule an der rechten Gesäßhälfte.

Als 1979 im April mein Geburtstag kam, wurde es meinem Vater mulmig zumute. Er alarmierte die Rettung. Ich konnte wegen der Schmerzen nur sitzend transportiert werden und wurde in ein anderes Krankenhaus nach Moers gebracht. Die Nachbarin vom Haus gegenüber stand bei meinem Abtransport fassungslos an der Türe und weinte. Meine Eltern waren erleichtert. Endlich verließ ich das Haus. Ob tot oder lebendig: Ich war erstmal weg.

In der Klinik standen alle Oberärzte und Professoren ratlos an meinem Bett. Sie vermuteten einen Spritzenabzess, aber es war eine Darmfistel, die nach zwei Wochen aufgeschnitten wurde. Eiter hatte den Bauchraum erfüllt und das rechte Hüftgelenk war dadurch aus der Gelenkschale gesprungen. Ich glaubte, das sei mein Todesurteil und war nur noch eine Masse aus Schmerz und Verzweiflung.

Man verlegte mich auf die septische Station, in ein Fünf-Bett-Zimmer, und versuchte, mich durch Bluttransfusionen und Infusionen wieder aufzupäppeln.
Die Wunde am Gesäß wurde täglich aufgestochen, damit der Eiter abfließen konnte. Eines morgens floss Stuhl mit Eiter heraus. Ich glaubte, das sei mein Ende und weinte stundenlang.

Neben unserem Zimmer lag eine junge Frau im Sterben. Sie hatte Krebs und muss wohl fürchterlich gelitten haben, denn sie schrie Tag und Nacht nach ihrer Mutter. Ihr „Mama, Mama!“, werde ich nie mehr vergessen können! Es verhallte im Flur, denn niemand kam sie besuchen. Nach vierzehn Tagen Kampf war sie verstummt.

Ich überlebte wie durch ein Wunder und mir ging es täglich besser. Einmal gab man mir eine falsche Spritze. Ich kollabierte und erwachte auf der Intensivstation. Hätte ich allein im Zimmer gelegen, wäre ich tot gewesen. Das ist der Grund, weshalb ich niemals ein Einzelzimmer haben möchte.

Täglich bekam ich sechs große Infusionsflaschen angehängt. Dazu war ein neuer Katheder gelegt worden. Da einmal eine Schwester vergaß, die Luft aus dem Schlauch zu lassen, als sie mir die Infusion anlegen wollte, bestand ich darauf, das selber zu tun und man stellte mir die Flaschen auf die Fensterbank.

Alle starken Raucher – das waren damals fast alle – trafen sich im Raucherzimmer. Da ich anfangs das Bett nicht verlassen konnte, brachten mir die Schwestern Zigaretten und Feuerzeug in einem Infusionsständer, und ich durfte im Bett rauchen, weil die anderen Patienten nichts dagegen hatten.

Auf der Station lagen viele Brandopfern. Eine Clique von Leidensgenossen hatte sich gefunden. Wir machten uns gegenseitig Mut, spielten Karten auf dem Flur und „geisterten“ durch die Krankenhausgänge und-abteilungen. Manchmal kam eine Schwester und holte in einem Zinksarg Verstorbene aus den Zimmern, um sie in den Keller zu bringen. Die Männer ärgerten sie mit dummen Sprüchen, bis sie ihnen hinterher rief: „Wartet, euch kriege ich auch noch!“

Ich war froh, nicht mehr ganz allein zu sein, obwohl mich meine Eltern in der Zeit fast täglich besuchten und mich mit Wäsche und dem Nötigsten versorgten. Die schweren Schicksale der anderen nahmen mir meine Angst und bauten mich auf.
Nach drei Monaten operierte man mich und entfernte das kranke Stück Darm. Ein Morbus Crohn wurde diagnostiziert. Ihn würde ich ein Leben lang behalten. Erst vor kurzem stellten die Wissenschaftler fest, dass diese Krankheit oft entsteht, nachdem Blinddarm und Mandeln entfernt wurden, wie bei mir. Aber damals war die Erkrankung unerforschtes Gebiet.

Nach der Operation durfte ich wochenlang nur flüssige und breiige Nahrung zu mir nehmen. Doch ich war froh, dass ich überhaupt wieder etwas essen konnte. Vorher gab es Astronautenkost, die wie Tapetenkleister schmeckte. Es ging langsam und stetig voran.

Gegen Ende des Sommers wurde ich entlassen. Eine Kur im Schwarzwald schloss sich im Spätherbst an. Ein Jahr lang bekam ich eine kleine Rente und begann allmählich wieder zu leben.

Kleiner Rückblick – Erwachsen sein

Fortsetzung Teil 10

1977 – 24 Jahre

Der Freund meines Vaters verkaufte mir später für 50 DM seinen VW-Käfer aus dem Jahre 1959, mit Seilzugbremse und Zwischengas, doch ich war froh, endlich ein Auto zu haben.

Zwei Jahre später mietete ich mir Zweieinhalb-Zimmer und nahm einen Kredit für Möbel auf. Das war gar nicht so einfach, denn damals bekam eine geschiedene Frau nicht ohne weiteres einen Kredit. Sie könnte ja schwanger werden, dachte man.

Mit meiner Arbeit in der Reederei klappte es gut; ein Verhältnis zu Männern war jedoch nachhaltig gestört. Sex war ein Muss, bei dem ich nichts empfand. Es war für mich ein Zeichen von Macht, nicht von Liebe.

In meiner Stammdiskothek hatte ich K. kennengelernt. polnisch, adlig und verarmt. Mit ihm „latschte“ ich durch die Stadt; mit ihm verbrachte ich die Wochenenden, und ich ließ meinen ganzen Frust an ihm ab. Er war ein Stillhalter und Dulder…bis zuletzt war er dem Alkohol verfallen. Ich verprügelte ihn, wenn er mich reizte, und einmal riss ich ihm vor Wut die Haare aus. Er kam immer wieder, bis ich ihn eines Tages endgültig fortschickte.

Meine Freundin S. kannte einen Club in Duisburg, in dem hauptsächlich schwule Männer und Lesben verkehrten. Irgendwann nahm sie mich dorthin mit.
An diesem Abend schminkte ich mich nur mäßig und hatte meine ältesten Jeans und die Fransen-Lederweste meines Ex-Mannes angezogen. Ich glaubte, in dem Lokal keine Männer zu finden, denen ich gefallen könnte und eigentlich wollte ich das auch nicht. Meine Freundin und ihre Bekannte hatten sich im Gegensatz zu mir ganz besonders aufgestylt. Mir war das egal!

Ausgerechnet in diesem Lokal lernte ich einen Jura-Studenten kennen, der auf der anderen Seite der Theke mit dem Barkeeper redete. Meine Freundinnen waren essen gegangen, und ich blieb allein im Lokal zurück. Als sie wiederkamen, fanden sie mich knutschend auf der Tanzfläche. S. verstand die Welt nicht mehr.
„Du wieder, mit deinem Unschuldsblick!“, hatte sie oft vorwurfsvoll gesagt.

Mit F., meiner neuen Eroberung, blieb ich ein halbes Jahr zusammen… sehr zur Freude meiner Mutter. Er war nicht nur attraktiv, mit schwarz-graumeliertem Haar, sondern auch sehr redegewandt. Er spielte Gitarre und konnte gut singen, natürlich in einwandfreiem Englisch. Meine Eltern sahen mich bereits als angehende Gattin eines Rechtsanwaltes. Mit F.s Eltern verstand ich mich gut. Seine Mutter war Journalistin beim Bundespresseamt in Bonn und ausgesprochen dominant. Sie hatte ein Faible für meinen Sohn und für Amerika. Zwei Mal jährlich flogen sie dorthin. Mein Sohn G. blieb für sie stets „das liebe Schätzchen“, dem sie auch später noch Geschenke zukommen ließ, nachdem die Beziehung mit F. und mir in die Brüche gegangen war. Auch der Kontakt zu meinen Eltern blieb bis zu ihrem Tod 1998 bestehen. F.s Mutter hatte mir in späteren Jahren immer wieder finanziell geholfen – im Gegensatz zu meinen Eltern.

F. hatte ihre Adoptionsurkunde in alten Unterlagen gefunden. Davon ahnte sie aber nichts. Demnach war sie ein Findelkind und hatte es gewiss in den Kriegsjahren nicht leicht gehabt. Eine Sinti- oder Roma Abstammung konnte man ihr ansehen. Sie war eine sehr auffällige Frau, immer in teure Klamotten und Pelze gekleidet. Ihre schwarzen Haare hatte sie knallrot gefärbt. Ebenso auffällig eingerichtet waren ihre Wohnräume, die ich damals tapeziert habe: auf einer Seite die Skyline von Manhattan, in der Ecke, um den kleinen Gaskamin ein wenig dezentes Schottenkaro und den Rest des kleinen Raumes in einem Lila-Ton, der ganz und gar zu nichts passte. Aber ich half ihnen gerne. Das taten sie auch für mich.

Durch ihre Arbeit in Bonn durfte ich sie ein Mal zum Bundespresseball begleiten, wo ich mit ihrer Chinchilla-Stola herumflanierte. Ein anderes Mal lernte ich durch sie einen echten Lord kennen, der ein Schloss in England besaß. Ich ging mit ihnen in Duisburg in den Steigenberger Hof und schämte mich abgrundtief, weil Milady mit einem türkisfarbenen Hosenanzug bekleidet war, der wegen der vielen Urinflecke alle Blicke auf sich zog. Es war ein schon älteres Ehepaar – Milady mit Diamanten behangen – die ihre vornehme Herkunft ansonsten keineswegs verbarg.

Ein halbes Jahr vor dem Staatsexamen warf F. damals sein Studium hin. Wenn er Alkohol trank, fand ich ihn widerlich. Eigentlich geht es mir bei allen alkoholisierten Menschen so, besonders wenn man es ihnen ansieht. Ich liebte F. nicht und machte deshalb kurzerhand Schluss. Von meinem Vater hatte ich zwar seinen Jähzorn erfahren, aber er trank nur hin und wieder ein Glas Wein. Ansonsten hatte ich die Alkohol-Abstinenz von ihm geerbt. Die Ähnlichkeit zu meinem Nikotin-Dämon, so nenne ich die Abhängigkeit, erkannte ich da noch nicht.

F. hatte mir irgendwann erzählt, dass er auf asiatische, kleine Jungs stand. Von sexuellen Handlungen an Kindern wusste ich damals nichts. So etwas existierte außerhalb meiner Vorstellungen. Mir wurde erst in späteren Jahren klar, weshalb sich F. in diesem Schwulenclub aufgehalten haben muss.

Für meine verliebte Mutter brach eine Welt zusammen, als die Beziehung mit F. in die Brüche ging. Er ging wochentags weiter bei ihr frühstücken, bis mein Ex-Mann im Werk zu meinem Vater ging und meiner Mutter ein Verhältnis nachsagte.

Ein Jahr später heiratete F. die Kindergärtnerin meines Sohnes und bekam einen Managerposten in Düsseldorf. Gut reden zu können und ein fast abgeschlossenes Jura-Studium zu haben war und ist scheinbar ein Privileg.

Ich zog in den 20. Stock des Hochhauses und flüchtete in die Schwulenszene. In dem Lokal gab es am Wochenende Travestieshows. Hier konnte ich untertauchen, in eine bunte, fremde Fantasiewelt, mit Federn, schrillen Kostümen und Männern in Frauenkleidern. Es wurden Freundschaften geknüpft, die anders waren. Zusammen mit „Tunten und Tucken“ kaufte ich Abendkleider für die Shows. Wir haben viel gelacht. Das tat mir gut!

Mit einer männlichen, hellblonden „Freundin“ verbrachte ich oft die freie Zeit. Mit ihm fuhr ich tagsüber auf der Kirmes Karussell oder ging abends in feinem Abendkleid zum Ball. Wir küssten uns, so, dass seine Freunde meinten, er sei ‚normal‘ geworden. Wir mochten uns – mehr nicht.

Ich begann mich selbst zu verkleiden, trug Herrenanzüge und -hüte, Krawatten und auffälliges Make-up. Geraucht wurde mit Zigarettenspitze. Die kurzen Haare färbte ich knallrot wie David Bowie. Überall fiel ich auf… man redete über mich. Es machte mir Spaß, aufzufallen. Damals merkte ich zum ersten Mal, dass ich anders war als andere… und das wollte ich auch sein. Ich bin auch heute noch keine Frau ‚von der Stange‘!

In meiner Alltagswelt wurde das leider nicht immer positiv aufgenommen. Eine Frau, die ich nur aus dem Bus kannte, stellte sich irgendwann in der Reederei vor, weil sie in unserem Büro arbeiten wollte. Als sie mich sah, weinte sie und wollte nicht mit mir zusammen in einem Zimmer sitzen, obwohl sie mich gar nicht kannte. Das konnte ich nicht verstehen. Ich muss wohl für damalige Verhältnisse sehr „abenteuerlich“ ausgesehen haben.

Als ich mit dieser Kollegin und späteren Freundin in der Düsseldorfer Altstadt war und vor einer Pizzeria auf sie und ihren Freund wartete, merkte ich gar nicht, dass viele Leute vor mir stehen blieben und mich ausgiebig musterten. Sie hielten mich wohl für eine „Bordsteinschwalbe“, als ich mit roten High-Heels, schwarzen Strümpfen und rotem Lackmantel, mit aufgeklebten Wimpern an einem Laternenpfahl lehnte. Meine Freunde hatten das hinter meinem Rücken die ganze Zeit beobachtet und waren darüber sehr belustigt.

Ich hatte überall ‚meine Auftritte‘. Auch in der Schwulenszene. Es gab hübsche Frauen dort, und ich fühlte mich eine Zeit lang von ihnen sehr angezogen. Doch mehr als Schmuserei und ein paar Streicheleinheiten gab es nicht. Ich war nicht lesbisch. Es brachte mir genauso wenig Befriedigung wie der Umgang mit einem Mann, weil es meine innere Leere nicht füllen konnte. Auch in späteren Jahren erlebte ich noch oft, wie mir Frauen in ganz „normalen“ Lokalitäten und Bereichen schöne Augen machten. Ich nahm es stets als Kompliment zur Kenntnis. Trotzdem sehnte ich mich nach der Liebe eines Mannes.

Irgendwann in dieser Zeit kam es zu einer Affäre mit einem zwanzig Jahre älteren, verheirateten Kollegen. Wir trafen uns nicht oft, aber regelmäßig. D. hatte früher bei Porsche gearbeitet und selbst ein Faible für schnelle, teure Autos gehabt. Ich fuhr mit ihm zum Nürburgring, wo er Zutritt zum Fahrerlager hatte. Seine Frau finanzierte ihm sein Hobby. Sie war Geschäftsführerin in einer Süßwarenfabrik. Es dauerte nicht lange, bis nach ein paar Wochen der Anwalt der Ehefrau bei mir anrief. Die Ehe wurde geschieden. Ich war nicht die erste Affäre, die D. hatte. Schließlich ging er nach Stuttgart. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.

Ich hatte gelernt, wenn ich mich mit einem verheirateten Mann einlasse, kann mir dieser nicht allzu nah kommen. Aber es war paradox, weil ich mich trotzdem nach absoluter Nähe sehnte.

Wird fortgesetzt…



Kleiner Rückblick – Erwachsen sein

Fortsetzung Teil 9

Meine Eltern und mein Sohn G.

Der Kontakt zu meinen Eltern wurde auch danach nicht besser. Mein Mann wurde von meinem Vater immer nur „das Arschloch“ genannt. Im ersten Ehejahr hatte ich mir mit diesem eine kleine Wohnung in der Nachbarstadt gemietet. Ein französisches Bett hatten wir uns gekauft und eine weiße, kleine Anbauküche folgte. Im Wohnzimmer stand anfangs nur ein Tapeziertisch. Später leisteten wir uns dann eine dunkelbraune Couchgarnitur aus Cord. An den Wänden klebte eine silbrig schimmernde Tapete mit großen Kreisen. Das war damals modern. Meine Eltern hatten uns zur Hochzeit eine Waschmaschine geschenkt. Nicht ohne Hintergedanken. Ein Mittel, um mich ganz und gar loszuwerden.

Ein halbes Jahr später wurde ich schwanger. Als ich 1973 im siebten Monat zu ihnen kam und mein Kleid am Bauch spannte, verbot mir mein Vater das Haus.
Er sagte: „Wenn du noch einmal mit diesem Kleid hier erscheinst, schmeiße ich dich raus!“
Ich hatte kein Geld für neue Kleider. A. hielt mich kurz, obwohl ich damals mein eigenes Geld im Büro einer Kiesbaggerei verdiente. Mein Vater verletzte mich so sehr mit seiner Drohung, dass ich ausgerastet bin. Zum ersten Mal habe ich ihn angeschrien und ihm gesagt, was für ein Arschloch ER sei. Ich habe es aus dem Fenster des oberen Stockwerkes geschrien. Die ganze Nachbarschaft muss es gehört haben. Selbst die Beruhigungsversuche meiner Mutter halfen nichts. Dann bin ich wütend und verletzt gegangen und hatte monatelang keinen Kontakt mehr. Erst als G. längst auf der Welt war, und ich irgendwann meine Oma besuchte, stand plötzlich meine Mutter am Kinderwagen im Flur und schaute sich wohlwollend ihr Enkelkind an. Danach „durfte“ ich wieder zu meinen Eltern kommen.

A. war anfangs ständig mit dem Schiff unterwegs gewesen und nur selten zu Hause. Ich war meistens allein. Eines Tages hatte er einen jungen Dackelmischling mitgebracht, der mir Gesellschaft leisten sollte. Auf einem Spaziergang mit A. lief er angeblich fort. Er konnte ihn nicht wiederfinden. Das erzählte er mir, aber ich konnte ihm nicht glauben. Ich war betrübt und nahm als Ausgleich einen kleinen Kater aus dem Wurf der Nachbarkatze mit in unsere Wohnung auf. Er war fortan das einzige Wesen, das die Einsamkeit mit mir teilte. Nur wenig Kontakt hatte ich mit S., meiner Freundin, die ebenfalls verheiratet war. Sie durfte irgendwann nicht mehr zu mir kommen. Ihr Mann hatte es ihr verboten, weil A. ihr ‚eindeutige‘ Angebote gemacht hatte.
Ende Januar 1974 bin ich dann am ausgezählten Tag zur Entbindung mit dem Bus ins Krankenhaus gefahren. Obwohl ich frei von Wehen war, dachte ich, es muss so sein. Fragen konnte ich niemanden. A. war nicht zu Hause, ich hatte zu niemandem Kontakt.
„Was rein gekommen ist, muss auch wieder raus!“, hatte die Hebamme zu mir gesagt, als sie mich jammernd treppauf und treppab laufen ließ, damit die Wehen schneller kamen. Dann brachte sie mich in den Kreissaal. Ich kann mich heute noch an die große, weiße Uhr an der Wand erinnern, deren Zeiger Stunde um Stunde kreisten, bis endlich die Presswehen einsetzten. Dann, gegen Morgen, kam die Hebamme zurück. Als ich um eine Betäubung bettelte, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, kam der Arzt und setzte sich grinsend mit einem Skalpell zwischen meine Beine, um den Dammschnitt zu machen. Viel brauchte er nicht mehr zu tun, denn der Damm war längst gerissen. Fast 24 Stunden hatte ich in den Wehen gelegen. Von den Schmerzen traumatisiert, schwor ich, nie wieder ein Kind zu bekommen. Ich hasste die Situation, das Kind und mich!

Niemand besuchte mich in dieser Zeit. Mit wem sollte ich reden? Wer interessierte sich für meine Lage? Ich hatte große Sorge etwas falsch zu machen. Stillen konnte ich nicht. Wickeln, Fläschchen geben und die Körperpflege des Babys hatte mir die Hebamme gezeigt. Doch ich war unsicher. Das Kind war schließlich kein Tier, das ich nach Hause brachte, sondern ein Mensch, für den ich große Verantwortung trug. Ich hatte Angst, weil ich niemanden fragen konnte, ob es richtig war, was ich tat. Also hielt ich mich an das, was ich in Zeitschriften und Büchern gelesen hatte.

Nach dem Klinikaufenthalt fuhr ich mit dem Taxi nach Hause. Dort erwartete mich niemand, und das Kind wollte auch keiner sehen. Ich musste feststellen, dass mein Mann noch nicht mal das Kinderbettchen aufgebaut hatte. Fassungslos habe ich mit dem Säugling auf dem Arm im Schlafzimmer gestanden und geweint.
Auch in der Zeit danach war ich mit allen Sorgen, Fragen und Problemen allein. Ich war 20 Jahre alt! Meine Mutter konnte ich nicht fragen. Wir hatten keinen Kontakt. Mein Mann hatte andere Interessen.

Später bekam er eine Anstellung an Land, in dem Chemiewerk, in dem auch mein Vater arbeitete und begann fremd zu gehen, weil ich nicht mehr mit ihm schlafen wollte.
Nach unserer Scheidung zeigte er mir die Nacktfotos seiner Sex-Gespielinnen. Siebzehn waren es gewesen. Es ekelte mich an, wenn er abends ins Bett kam und neben mir atmete. Dann lag ich bewegungslos, bis ich einschlief. Er meinte, ich sei frigide. Das war ich wohl auch. Am liebsten hätte ich mich unsichtbar gemacht.

Alsdann zogen wir in ein Hochhaus in den 19. Stock, weil unsere Wohnung zu klein war, und A. begann, mich ins Schlafzimmer einzusperren und mich zu vergewaltigen. Das war der Anfang vom Ende! Ich ging zum Anwalt und reichte die Scheidung ein. A. wehrte sich dagegen und bettelte auf Knien darum, dass ich bleiben sollte. Als ich ablehnte, schlug er mich nieder. Ich lag bewusstlos im Wohnzimmer auf dem Boden. Als ich wieder erwachte, rief ich in meiner Not meine Mutter an. Sie sagte nur: „DU hast ihn dir ausgesucht! Jetzt sieh zu, wie du damit klar kommst!“

Ich hatte ihn mir ausgesucht? Wie konnte man mit einem solchen Menschen klar kommen? Alles war doch nur das Resultat von Vaters Jähzorn und Mutters Teilnahmslosigkeit , als mein Vater mich schlug und mich damit aus dem Haus trieb.

In meiner Not flüchtete ich zu einer Bekannten, die mit Bruder und Eltern in einem anderen Hochhaus wohnte. Trotz der Enge nahmen sie mich auf, und ich war im ersten Moment froh darüber, dass ich mit meinem erst einjährigen Sohn dort sein durfte. Wo sollte ich sonst hingehen? Von meiner Familie durfte ich keine Hilfe erwarten. Der Bruder meiner Bekannten konnte meinen Sohn nicht leiden. Immer, wenn die beiden allein im Raum waren, fing G. an zu schreien.
An einem Nachmittag ging ich mit meiner Bekannten zu einer Geburtstagsfeier in die Nachbarschaft. Mein Sohn blieb bei ihren Eltern. Als wir zurückkehrten, war das Baby blau und grün geschlagen. Sein ganzer Körper war mit Blutergüssen übersät und angeschwollen. Weil mein Sohn geschrien hatte, hatte ihn der Bruder, völlig in Rage, fast erschlagen.

Als ich meinen Sohn wimmernd im Kinderwagen liegen sah, bin ich wie eine Furie auf den Bruder losgegangen. Ich habe ihm den Tisch auf die Knie geknallt, meine Sachen gepackt und bin gegangen. Die Wut hatte mir fast übermenschliche Kräfte verliehen. Jedes Mal, wenn ich diesen Menschen irgendwo in der Stadt traf, machte ich einen großen Bogen um ihn. Dann verfolgte er mich und beschimpfte mich mit den übelsten Worten. Am liebsten wäre ich dann jedes Mal im Erdboden versunken. Ich hätte ihn damals anzeigen sollen, aber ich war naiv und zu gutmütig.

Nach der Attacke auf meinen Sohn hatte ich den Kinderarzt aufgesucht. Der machte den Aktenvermerk „Kindesmisshandlung“, und ich ging in meiner Not zu meinem Mann zurück ins Hochhaus, wo ich auf der Couch im Wohnzimmer schlief. Mein Mann hatte genau an dem Tag zwei weibliche Gäste im Schlafzimmer, die mich fragend musterten, als sie mich morgens sahen. Mir war das egal!

Ich hatte keine Freunde, nur einen Bekannten, mit dem ich mich hin und wieder in einer Gaststätte traf. Er wollte für mich vor Gericht aussagen, damit ich schuldlos geschieden würde. Mein Anwalt hatte das in einem Schreiben an A. erwähnt. Eines Tages kam mein Mann in das Lokal und drohte meinem Bekannten Prügel an, wenn er für mich aussagen würde. Mein Bekannter machte danach keine Anstalten mehr, mir zu helfen. Nach einer Weile wurde die Ehe nach holländischem Recht geschieden. Man gab mir die Schuld. A. hatte mich des Ehebruchs mit meinem Bekannten beschuldigt, was ich aus Angst nicht widerlegen wollte. Ich verzichtete auf alles, auch auf Unterhalt für mich, weil A. mir mit weiteren Repressalien drohte.

Danach war ich zunächst ohne eigene Einkünfte in ein möbliertes Zimmer unter dem Dach eines alten Jugendstilhauses gezogen. Eine Kollegin hatte mir den Makler besorgt. Nur ein paar Handtücher und meine persönlichen Sachen hatte ich mitgenommen. Der kleine Raum hatte kein warmes Wasser und auch kein Bad; die Toilette befand sich auf dem Flur, ein halbes Stockwerk tiefer.

Ich hatte fast kein Geld, versorgte meinen Sohn aber mit allem Notwendigen. Selbst aß ich so gut wie gar nichts mehr. Nach ein paar Monaten bekam ich Skorbut. Mein Zahnarzt traute seinen Augen nicht und verordnete mir eine Traubenkur.

Trotz abgebrochener Lehre fand ich Arbeit bei einer Reederei, und meine Eltern erklärten sich bereit, meinen Sohn zunächst während meiner Arbeitszeit bei sich aufzunehmen. Das bedeutete jedoch für mich, dass ich morgens vor Dienstbeginn und abends nach Dienstende bei Wind und Wetter mit dem Kinderwagen in einen anderen Ortsteil laufen musste. Geld für den Bus hatte ich nicht. Diese tägliche Belastung nahm mir meine Kräfte. Das war kein Leben mehr! Ich war gerade mal 21 Jahre alt und fühlte mich total überfordert.

Zu allem Elend rief meine Mutter täglich bei mir im Büro an und setzte mich so sehr unter Druck, dass es kaum auszuhalten war. Sie war nicht die liebende Großmutter, wie es nach außen aussah. Eigentlich wollte sie nicht auf das Kind aufpassen und schmierte mir das jeden Tag aufs Butterbrot.

22 Jahre alt

Glücklicherweise hatte ich bereits mit 18 Jahren einen Führerschein gemacht, konnte mir jedoch wegen meiner Geldknappheit kein eigenes Auto leisten. Ab und zu hatte mir mein Vater sein Auto geliehen. Einmal durfte ich mit seinem Wagen, ein Ford 17M, zur Arbeit fahren und wollte danach noch ins Schwimmbad gehen. Es war Hochsommer. Durch die Hitze hatte sich das Benzinkabel gelöst, und plötzlich kam während der Fahrt eine riesige Stichflamme aus der Gangschaltung emporgeschossen. Ich musste anhalten und rief die Feuerwehr. Das war genau vor dem Thyssen-Fabrikgelände, direkt gegenüber der Ruhrorter Badeanstalt. Die Feuerwehrleute mussten den Wagen mit der Axt öffnen, weil die Motorhaube klemmte. Der ganze Wagen war ausgebrannt. Ich dachte mit Schrecken daran, was mein Vater wohl sagen würde, wenn ich damit nach Hause käme. Als der den Schaden sah, grinste er nur und ließ ihn reparieren. Seine Reaktion hat mich damals sehr gewundert.

Wird fortgesetzt…